Die Schweiz wollte den Hagel wegschiessen – und griff zu sowjetischen Raketen
Es war schwülheiss an diesem 6. August 1978. Um 18 Uhr stiegen über dem zwischen Bern und Luzern gelegenen Napfgebiet schwere Gewitterwolken in den Himmel. Lange hatten sich die Forscher auf diesen Augenblick vorbereitet: Auf einer Fläche von 1290 Quadratkilometern, fast der Grösse des Kantons Aargau, hatten sie in einem genau festgelegten Raster sogenannte «Hailpads» verteilt, auf dem Boden ausgelegte, mit Aluminiumfolie beschichtete Kunststoffplatten, auf denen aufschlagende Hagelkörner kleinere oder grössere Krater hinterlassen würden.
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Noch fehlte das wichtigste Utensil, und so wurden in Eschenbach, Neuenkirch, Wolhusen, Romoos und Trubschachen die zwei Meter langen, 34 Kilo schweren sowjetischen 125-mm-Hagelabwehrraketen vom Typ Oblako («Wolke») auf ihren Abschussvorrichtungen startklar gemacht. Die Raketenköpfe waren mit je rund fünf Kilo Silberjodid gefüllt. Um 18.40 Uhr erfolgte der erste Abschuss; im Abstand von jeweils fünf Minuten wurden weitere 16 Raketen gezündet, deren Sprengköpfe plangemäss im Inneren der nach Osten ziehenden Gewitterwolke detonierten.
«So liess der Herr Hagel fallen auf Ägyptenland, und Blitze zuckten dazwischen und der Hagel war so schwer, wie er noch nie gewesen war. Und der Hagel erschlug alles, was auf dem Felde war, Menschen und Vieh, alles Gewächs und alle Bäume.» Im zweiten Buch Mose ist Hagel eine der zehn Plagen, und schon der Römer Seneca berichtet in seinen Naturales quaestiones von fest angestellten Hagelwächtern in der bei Korinth gelegenen griechischen Stadt Kleonai, die bei aufziehenden Gewittern die Bevölkerung zu Tier- und Blutopfern drängten, um Hagel zu verhindern.
Damit sich in einer Gewitterwolke überhaupt Hagelkörner bilden können, müssen mikroskopisch kleine Kristallisationskeime vorhanden sein, Mineralstaub etwa, Russ, Pilzsporen oder Bakterien. In niedrigen Schichten der Wolke kondensiert der Wasserdampf an diesen Keimen zu Tröpfchen. Starke Aufwinde tragen diese Tröpfchen in bis zu 15 Kilometer Höhe, wo sie gefrieren und herabfallen. Unten lagert sich weiteres Wasser an, und die Eiskristalle steigen erneut hoch. Erst nach mehreren Runden sind Hagelkörner schwer genug, um auf die Erde zu fallen.
Opfer reichten nie aus, um Unwetter zu verhindern, und selbst eine quasi-militärische Mobilmachung gegen Gewitterwolken im 18. Jahrhundert blieb erfolglos, als Hagelkanoniere in Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien versuchten, durch Detonationen im Wolkeninneren Hagel zu verhindern. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das bis heute massgebliche Prinzip entdeckt: In einer Wolke verteiltes Silberiodid, Kristalle eines gelblichen, in Wasser nicht löslichen Salzes aus Silber und Jod, wirken als zusätzliche Kristallisationskeime. Das Ziel ist es, die Anzahl dieser Kerne durch eine sogenannte «Wolkenimpfung» so stark zu erhöhen, dass mehr (und dafür kleinere) Hagelkörner entstehen, die weniger Schäden anrichten oder beim Fallen sogar vollständig schmelzen.
Weil zum «Impfen» von Hagelwolken Raketen nötig sind, machte sich der Unternehmer Karl Müller (1888–1942) aus Kreuzlingen (TG) ans Werk. Als Oberstleutnant der Artillerie und Chef der gleichnamigen Pyrotechnischen Fabrik begann Müller, kleine, leistungsfähige Raketen zu bauen, die von Bäuerinnen und Bauern einfach zu zünden waren und ihre Silberjodidladung zuverlässig im Wolkeninneren verteilten. Bis heute gilt Müller als eigentlicher Erfinder der Hagelrakete, die erst Jahre nach seinem Tod durch die Pyrotechnische Fabrik Müller patentiert wurde.
Doch nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Osteuropa und der früheren Sowjetunion wurde scharf geschossen. Mit dem Abschuss von Silberjodidraketen glaubte man grosse Erfolge zu erzielen: Studien behaupteten, mit der «sowjetischen Methode» könnten 70-90 Prozent der zu erwartenden Hagelschäden vermieden werden. Das rief Forscher der ETH Zürich, aus Frankreich und Italien auf den Plan, die im Rahmen eines «Grossversuch IV» genannten, auf fünf Jahre ausgelegten Feldversuchs die Wirksamkeit der «sowjetischen Methode» ein für alle Mal klären wollten. Die letzten Oblako-Raketen stiegen im September 1981 in den Himmel. Nach insgesamt 76 Gewittertagen mit rund 150 geimpften und weiteren 150 ungeimpften Wolken war das Forschungsprojekt zu Ende. Die Ergebnisse waren ernüchternd, die «sowjetische Methode» wissenschaftlich gesehen ein Schlag ins Wasser.
Einen statistisch nachweisbaren Unterschied zwischen geimpften und ungeimpften Hagelwolken konnten die Forscher nicht nachweisen. «Wenn man versucht, mit einer Rauchpetarde ein Fussballstadion zu füllen, wissen wir alle, dass das nicht funktioniert», erklärte der Versuchsleiter, ETH-Atmosphärenphysiker Albert Waldvogel, später in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen. «Sie können einen Teil füllen, aber niemals das ganze Stadion. Das entspricht ungefähr dem, was eine Hagelrakete mit Silberjodid in einer Wolke bewirkt. Die Menge an Silberjodid wird also nie reichen.»
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Auch unter den Bäuerinnen und Bauern war die Skepsis immer grösser geworden. Für die vielen Vereine, in denen sich seit den 1950er-Jahren die Hagelschützen organisiert hatten, war das negative Fazit des «Grossversuchs» ein harter Schlag. Die Eidgenössische Kommission zum Studium der Hagelbildung und Hagelabwehr wurde aufgelöst, weder Bund noch Versicherungen finanzierten das Hagelschiessen weiter. Die Schweizerische Vereinigung für Hagelbekämpfung löste sich 2019 auf, und als letztes wurde 2024 das Projekt «Hagelflieger», eine Cessna, die im Auftrag des Versicherungskonzerns Baloise sechs Jahre lang Hagelwolken mit Silberjodid «geimpft» hatte, für gescheitert erklärt.
Einen kleinen Ertrag hatten am Ende wohl einzig jene Bewohnerinnen und Bewohner des Napfgebiets, die von den ETH-Forschern aufgerufen worden waren, die Fundstellen herabgestürzter Raketenhülsen zu melden – gegen einen Finderlohn von 50 Franken.
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