Da gibt es etwas, das leider viele beim Wandern vergessen
Zum Einstieg eine Frage: Kennst du die drei Voraussetzungen, die du für einen Bergwanderweg (weiss-rot-weiss markiert) mitbringen solltest?
Wandern ist und bleibt die mit Abstand beliebteste Sportart der Schweizerinnen und Schweizer. Zahlen der alle sechs Jahre vom Bundesamt für Sport (BASPO) veröffentlichten Studie «Sport Schweiz 2026» zeigten im August: Praktisch jede zweite Person in unserem Land geht regelmässig wandern. Die durchschnittliche Anzahl Wandertage pro Jahr stieg im Vergleich zu 2020 von 15 auf rund 20.
Bei so vielen Leuten kommt es auch zu Unfällen. Die jährliche Bergnotstatistik des Schweizer Alpen-Clubs SAC zeigte für das letzte Jahr (2025): Die Einsatzkräfte rückten mehr aus als in den Jahren zuvor. Es gab weniger tödliche Unfälle, aber mehr Menschen konnten unverletzt gerettet werden.
Dass mehr Leute in den Bergen unterwegs waren, dürfte ein möglicher Grund sein. Die genauen Ursachen hinter der Zunahme kennt der SAC nicht. Vermutlich spielten Handys und eine gute Netzabdeckung eine Rolle, welche schnellere Hilferufe möglich machen. Für den Alpenclub sei auch denkbar, dass mehr Personen in Not geraten, weil sie ihre Tour unterschätzten oder nicht gut planten.
Doch was muss ich beachten, damit ich das Risiko eines Unfalls verkleinern kann? Wir haben bei Susanne Baumann, Beraterin Sport und Bewegung bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU nachgefragt. Und wir klären auch die eingangs gestellte Frage nach den nötigen Voraussetzungen auf Bergwanderwegen.
Susanne Baumann, rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung wandert. Im letzten Jahr gab es mehr Einsätze für die Rettungskräfte als in den Jahren zuvor. Sind denn mehr Unerfahrene in den Bergen unterwegs?
Susanne Baumann: Davon gehen wir aus. 49 Prozent der Schweizer Bevölkerung wandert. Die Gruppe ist da zwangsläufig sehr unterschiedlich. Da wird es auch viele ohne Erfahrung in den Bergen haben.
Die Unfallzahlen sind gestiegen, aber die Bevölkerung wächst ja auch. Ist das nicht die logische Folge, weil halt mehr Leute unterwegs sind?
Die Verletzten nahmen zuletzt überproportional zur Bevölkerung zu. Wir führen das darauf zurück, dass die Leute die Risiken nicht sehen oder auch mehr Risiken in Kauf nehmen. Insbesondere die Bergwanderwege (weiss-rot-weiss) werden schnell einmal unterschätzt, das zeigen auch Befragungen, die wir durchführen.
Wie werden die Bergwanderwege denn unterschätzt?
Viele kennen die drei wichtigsten Anforderungen nicht: Trittfestigkeit, Schwindelfreiheit und körperliche Fitness. Diese muss man auch wirklich ernst nehmen. Die Wege sind so gut signalisiert, es wirkt so «sicher». Aber es kann technisch anspruchsvolle Abschnitte dabei haben und wenn du an der falschen Stelle stolperst und fällst, kann das tödlich enden.
Wie oft ist Stolpern der Grund für einen Unfall?
In 80 Prozent der Fälle ist ein Sturz der Grund für den Unfall. Warum die Leute stürzen, wissen wir zu wenig. Meist spielen verschiedene Faktoren zusammen. Einer davon ist sicherlich auch Erschöpftheit im Abstieg.
Sind denn die Bergwanderwege (weiss-rot-weiss) die Abschnitte, wo die meisten Unfälle passieren?
Das können wir so nicht sagen. Es kann überall passieren, auch auf den gelben Wanderwegen. Mit der Signalisation der Wegweiser (Bergwanderwege haben auch gelbe Wegweiser, aber mit weiss-rot-weissen Spitzen) wird der Unterschied vielleicht auch zu wenig wahrgenommen. Was wir sagen können: Die Mehrheit der tödlichen Unfälle ereignet sich auf Bergwanderwegen. Weil Stürze in steilem Gelände – und es braucht da wenige Meter – führen schnell zu gravierenden Verletzungen.
Gibt es den «typischen Unfallwanderer»?
Nein, das können wir nicht sagen. Hauptrisikogruppen beim Sport sind allgemein eher ältere Männer. Beim Wandern sieht man dies bei Unfällen mit Verletzungen aber nicht, bei tödlichen Unfällen schon. Alle Altersgruppen und Geschlechter haben ein Risiko.
Jetzt kommt der Herbst. Gibt es denn eine «Unfalljahreszeit»?
Auch nicht. Unfälle passieren das ganze Jahr. Im Frühling oft noch wegen Schneeresten, im Sommer ist es die Masse an Leuten und im Herbst kann es auch schneller mal rutschig werden. Also von dem her ist «Wander-Unfallwetter» meist einfach schönes Wetter, weil dann auch viele in die Natur gehen. Bei Regen sind sowieso viel weniger Leute unterwegs.
Was ist im Herbst wichtig?
Die Tage werden kürzer. Man hat also weniger Zeit und weniger Puffer. Zudem kann es im Flachland noch fast sommerlich sein, in höheren Lagen aber kühl, es kann geschneit haben oder am Morgen noch lange gefroren sein. Das Wetter – auch in den Tagen zuvor – muss man im Griff haben.
Apropos Wetter: Die Wanderwege sind ja für die schnee- und eisfreie Zeit. Diese wird aber – vor allem in tieferen Lagen – immer kürzer.
Genau, die Wandersaison ist vielerorts länger geworden. Teilweise kann man auch im Winter auf «normalen Wanderwegen» wandern, wenn kein Schnee liegt. In der Höhe werden teilweise Brücken oder Geländer über den Winter entfernt. «Gesperrt» werden die Wege nicht. Wichtig ist immer, sich zu informieren bei den Tourismusverbänden vor Ort, auf Webseiten oder mit Anrufen bei Berghütten und Seilbahnen.
Damit sind wir bei einem wichtigen Punkt: der Vorbereitung.
Absolut. Es gibt mittlerweile viele Apps oder andere Quellen, wie die Sozialen Medien oder Tourismusseiten, auf denen eigentlich fixfertige Wanderungen beschrieben und Routen publiziert werden. Aber nur weil man die Route kennt, kann man nicht einfach loswandern. Da geht manchmal das Wichtigste vergessen.
Und das wäre?
Die eigene Verantwortung.
Was gehört da dazu?
Als Wanderwegnutzende bin ich am Ende verantwortlich, dass nichts passiert. Nicht der Weg, nicht der Wegbauer, nicht der Ideengeber, nicht die Wanderapp, sondern: ich. Ich muss mich vor der Wanderung mit den wichtigen Fragen auseinandersetzen: Kann ich das? Erfülle ich die Anforderungen? Geht es mir gut? Können das auch alle in meiner Gruppe? Stimmt das Wetter? Was machen die Verhältnisse? Hat es noch oder schon Schnee? Kann der Boden gefroren sein?
Das sind viele Fragen.
Ja, es braucht Vorbereitung. Auf Bergwanderwegen sollte ich auch immer eine Karte dabei haben, auf Papier oder digital (dann am besten offline verfügbar). Gibt es Umkehrpunkte? Habe ich die Möglichkeit, abzukürzen? Wie viele Höhenmeter sind das? 500 Höhenmeter können plötzlich viel werden in schwierigem Gelände. Die Kategorien der Wanderwege verlaufen nicht entlang einer klaren Grenze. Es gibt teilweise auch kantonale Unterschiede. Da sind wir sehr bemüht, etwas zu ändern. Aktuell läuft beispielsweise ein Projekt zur Ausgesetztheit von Wanderwegen mit einem Ampelsystem.
Welchen Fehler sollten wir insbesondere im Herbst nicht machen?
Schätze dich und deine Wanderkollegen richtig ein. Wenn du unsicher bist, dann mach lieber mal weniger. Ausrüstung und Schuhe sind wichtig. Aber am Ende musst du eine Route wählen, die zu dir passt. Wenn du die Fähigkeiten nicht hast, nützt die beste Ausrüstung nichts.
Und wenn ich schon unterwegs bin?
Bleib aufmerksam. Checke das Wetter regelmässig. Und höre auf dein Bauchgefühl. Wenn du dich nicht gut fühlst, hab auch den Mut, abzubrechen. Das ist total okay. Es klappt auch besser, wenn ich mich vorbereitet habe und bei der Planung schon weiss: An dieser oder jener Stelle könnte es heikel werden. Beim Bergsteigen sind diese Punkte klarer. Beim Wandern denken viele: Das ist etwas Gemütliches, etwas Schönes, man will nicht die negativen Gedanken haben. So soll es auch sein. Aber man muss sich bewusst sein, dass immer etwas passieren kann.
