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Der unermüd­li­che Fabrik­in­spek­tor Edmund Nüsperli

Kinderarbeit war zu Beginn der Industrialisierung Gang und Gäbe. Unter ihren Gegnern und Bekämpfern war Edmund Nüsperli, einer der drei ersten eidgenössischen Fabrikinspektoren. 
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Kinderarbeit war zu Beginn der Industrialisierung gang und gäbe. Unter ihren Gegnern und Bekämpfern war Edmund Nüsperli, einer der drei ersten eidgenössischen Fabrikinspektoren.Illustration: Marco Heer

Wie der unermüd­li­che Fabrik­in­spek­tor Nüsperli gegen Kinderarbeit kämpfte

Mechaniker, Revolutionär und Fabrikant Edmund Nüsperli reist ab 1878 im Auftrag des Bundesrates durch die Schweiz, um das druckfrische Fabrikgesetz umzusetzen. Er kämpft gegen Kinderarbeit, schlechte Arbeitsbedingungen und tödliche Vergiftung.
07.03.2026, 13:4507.03.2026, 13:45
Stefan Keller / Schweizerisches Nationalmuseum

Als Edmund Nüsperli im Sommer 1890 mit 52 Jahren stirbt, verfassen ihm seine Kollegen einen schönen Nachruf: «Für alle Unterdrückten und Bekümmerten hegte er herzliches Mitgefühl», heisst es im Amtsbericht der Fabrikinspektoren 1890/91. Mit Geduld habe er auch schwierigen Beschwerdeführern zugehört und versucht, ihnen zum Recht zu verhelfen. Der sozialdemokratische Grütlianer notiert, die Nachricht vom plötzlichen Tod des Herrn Nüsperli sei in Arbeiterkreisen «mit grosser Anteilnahme» vernommen worden, während die Neue Zürcher Zeitung schreibt: «Nüsperli war eine gerade und offene Natur und ein pflichtgetreuer nimmermüder Beamter».

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Neben dem Glarner Arzt Fridolin Schuler aus Mollis und dem ehemaligen Regierungsrat Wilhelm Klein aus Basel gehört Edmund Nüsperli aus La Neuveville (BE) zu den drei ersten eidgenössischen Fabrikinspektoren. Der Bundesrat wählt sie im August 1878, nachdem das eidgenössische Fabrikgesetz im Vorjahr von den Stimmbürgern mit einer sehr knappen Mehrheit von 51,5 Prozent angenommen wurde: Es verbietet die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren, beschränkt die Arbeitszeit auf 65 Stunden pro Woche – 11 Stunden werktags, 10 Stunden samstags –, untersagt Nacht- und Sonntagsarbeit von Frauen und verbietet Wöchnerinnen die Fabrikarbeit. Ausserdem enthält das Gesetz minimale Haftpflichtbestimmungen für Unternehmer bei Arbeitsunfällen.

Das Fabrikgesetz von 1877 regelt erstmals die Fabrikarbeit auf nationaler Ebene und verbietet die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren.
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Das Fabrikgesetz von 1877 regelt erstmals die Fabrikarbeit auf nationaler Ebene und verbietet die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren.Bild: Schweizerisches Bundesarchiv

Sozial geprägt

Edmund Nüsperli ist als Sohn eines Bezirkslehrers im Baselbiet aufgewachsen. Er besuchte die Kantonsschule, absolvierte eine Mechanikerlehre, arbeitete in der Maschinenfabrik Rieter in Winterthur, zieht auf Wanderschaft durch Frankreich und England. In London verkehrt er in der sozialistischen Bewegung um Karl Marx. 1864 gehört Edmund Nüsperli als einer von zwei Schweizern zu den Gründungsmitgliedern der Internationalen Arbeiter-Assoziation, die als «Erste Internationale» in die Geschichte eingeht, und auf die heute noch bei linken Anlässen das Lied «Die Internationale» gesungen wird.

1865 kehrt Nüsperli in die Schweiz zurück. 1867 gründet er zusammen mit einem Ingenieur die Maschinenfabrik Schnider & Nüsperli in La Neuveville. Sie stellt vor allem Landmaschinen her. Warum Edmund Nüsperli den Beruf des Fabrikanten nach elf Jahren aufgibt, um sich als Fabrikinspektor zu bewerben, ist nicht erforscht. Der Bundesrat wählt ihn zunächst für den Kreis II, der das französischsprachige Bern, die Westschweiz und das Tessin umfasst. Als Wilhelm Klein, zuständig für den Kreis III mit Bern, Luzern, Solothurn, Aarau, Basel, Schaffhausen sowie Teilen der Ostschweiz, 1881 in die Politik zurückkehrt, übernimmt Nüsperli dessen Gebiet.

Porträt von Edmund Nüsperli, undatiert.
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Porträt von Edmund Nüsperli, undatiert.Bild: Zentralbibliothek Zürich

Das Fabrikgesetz ist ein früher Eingriff des Staates in die Vertragsfreiheit. Wegen der Abschaffung der Kinderarbeit verlieren Unternehmen die allerbilligsten Arbeitskräfte, andererseits beklagen viele Arbeiterfamilien den Wegfall eines Teils ihres Einkommens. Aus europäischer Sicht gilt das Gesetz als pionierhaft. Tatsächlich ist es in einigen Punkten sehr offen formuliert. Bei der Umsetzung wird der Bundesrat von den neu gewählten Fabrikinspektoren beraten, die als erstes zu dritt eine siebenmonatige Reise durch die Schweiz unternehmen, um sich ein Bild von den Verhältnissen zu schaffen und gemeinsame Standards zu entwickeln. Darüber schreiben sie einen Bericht. Anschliessend geht jeder Inspektor allein auf Reise, mit Eisenbahn, Postkutsche und zu Fuss, alle zwei Jahre publiziert der Bund ihre Erfahrungen für die Öffentlichkeit.

«Verderb­lich und sozialis­ti­sches» Fabrikgesetz

Im November 1880 ist im Tessiner Grossen Rat vom Fabrikgesetz die Rede: Ein Regierungsrat klagt, dass die kantonale Autorität «bei Seite gestellt» worden sei, indem Inspektor Nüsperli, ohne die Regierung zu informieren, alle Tessiner Fabriken besucht und drei davon wegen der Anstellung von Kindern verzeigt habe. Insbesondere in der Seidenspinnerei, sagt jemand im Rat, sei es wichtig, dass man die Kinder früh anlerne, schon vor dem zwölften Altersjahr. Das Fabrikgesetz sei verderblich und sozialistisch, sagt ein anderer. Im nahen Como ist Fabrikarbeit ab neun Jahren erlaubt. Mit regierungsrätlicher Duldung beschäftigen die Tessiner Seidenspinnereien noch bis 1897 auch zwölfjährige Mädchen.

Kinder bei der Arbeit in einer Seidenzwirnerei. Foto von Rudolf Zinggeler-Danioth, um 1890-1936.
Kinder bei der Arbeit in einer Seidenzwirnerei. Foto von Rudolf Zinggeler-Danioth, um 1890-1936.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Normalerweise stösst das neue Gesetz nicht in der Politik, sondern in den einzelnen Betrieben auf Widerstand: Von Inspektor Nüsperli sind Konflikte in Schaffhausen überliefert (wo junge Arbeiterinnen und Arbeiter vom Vorgesetzten geschlagen werden), im Appenzellischen (wo er mit Kollege Schuler ein Normreglement für streikende Sticker entwirft), am Jurasüdfuss (wo ein Uhrenfabrikant die gewerkschaftliche Organisation verbieten will), bei Tabakarbeiterinnen im Wynental (AG) oder an jenem unbekannten Ort in der Schweiz, wo ein Arbeitgeber 1888/89 die Fabrikarbeitsplätze in seinen Hühnerstall verlegt.

Bei Verstössen können die Fabrikinspektoren lediglich Anzeige erstatten, danach sind sie auf Unterstützung durch lokale und kantonale Behörden angewiesen, die sich gegenüber Unternehmern oft «als nicht sehr eifrig» erweisen. In einer Toggenburger Fabrik, klagt einer der Inspektoren, habe er «drei Jahre nach einander (…) eine ganze Anzahl von Kindern unter 14 Jahren gefunden», und als der Fall schliesslich ans Gericht überwiesen wurde, habe dieses den Patron nur zu symbolischen fünf Franken Busse verurteilt. Im Berner Oberland lässt ein Polizist, der die Kinderarbeit unterbinden sollte, seine eigenen Kinder in der Zündholzproduktion arbeiten.

Dabei betrifft das Fabrikgesetz nur einen Teil der Industrie: Die sehr verbreitete Einzelstickerei etwa, bei der die ganze Familie zu Hause im Sticklokal mitarbeitet, wird nicht kontrolliert, auch die Landwirtschaft und weitere Gewerbebetriebe fallen nicht unter das Gesetz. Noch 1904 arbeiten in der Schweiz laut einer Erhebung rund 300'000 Kinder.

Die Maschinenarbeit hat viele Aufgaben vereinfacht, sodass auch ungelernte und jüngere Angestellte sie ausführen können. Junge Menschen arbeiten an Maschinen der Seidenspinnerei Camenzind in Gersau, u ...
Die Maschinenarbeit hat viele Aufgaben vereinfacht, sodass auch ungelernte und jüngere Angestellte sie ausführen können. Junge Menschen arbeiten an Maschinen der Seidenspinnerei Camenzind in Gersau, um 1920.Bild: Staatsarchiv des Kantons Schwyz / Camenzind + Co. AG, Gersau

«System Nüsperli»

Unaufhörlich reist Edmund Nüsperli herum, inspiziert viele hundert Etablissements pro Jahr, studiert Fabrikreglemente und Pläne für Neubauten, besichtigt betriebseigene Arbeiterwohnungen und sonstige «Wohlfahrtseinrichtungen», schlägt überall Verbesserungen vor, entwirft als ehemaliger Konstrukteur zahlreiche Schutzvorrichtungen für Fabrikanlagen und gefährliche Maschinen.

Zur Landesausstellung 1883 verfasst er ein Büchlein über «Apparate und Einrichtungen zum Schutze von Fabrikarbeitern gegen Gefahren für Leben und Gesundheit», in dem vom Klappfenster zur besseren Belüftung über Atemschutzgeräte und Sicherheitsvorkehrungen für Dampfmaschinen oder Transmissionen bis zum «Normalanzug für Maschinenöler» über hundert technische Neuerungen vorgestellt werden. Manche sind mit «System Nüsperli» gezeichnet.

Edmund Nüsperli war Pionier der Arbeitssicherheit. Illustration zu Klappfenstern.
https://www.e-rara.ch/zuz/content/zoom/17672843
Edmund Nüsperli war Pionier der Arbeitssicherheit. Illustration zu Klappfenstern ...Bild: Zentralbibliothek Zürich
Edmund Nüsperli war Pionier der Arbeitssicherheit. Illustration zu einem von ihm entworfenen Fahrstuhlmodell mit Schutzvorrichtung.
https://www.e-rara.ch/zuz/content/zoom/17672866
... oder zu einem von ihm entworfenen Fahrstuhlmodell mit Schutzvorrichtung.Bild: Zentralbibliothek Zürich

Ein sehr wichtiges Anliegen der Fabrikinspektoren in jener Zeit ist die entsetzliche Krankheit, die in der Zündholzfabrikation auftritt. Der gelbe Phosphor, aus dem die Zündholzköpfe bestehen, verursacht bei Arbeiterinnen und Arbeitern die sogenannte Phosphor-Nekrose. Sie führt zur Zerstörung von Knochen, zu Missgestaltung im Gesicht und schliesslich zum Tod. Nachdem es gelingt, ein Verbot des gelben Phosphors zugunsten des weniger gefährlichen weissen Phosphors zu erreichen, schreibt Nüsperli eine Broschüre über die neuen «Sicherheitsstreichhölzer».

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Leider sind diese teuer und lassen sich weniger gut handhaben als die alten, das Volk nennt sie spöttisch «allumettes fédérales». Es ist die grösste Niederlage für die junge Fabrikinspektion, als der gelbe Phosphor 1882 vom Parlament wieder erlaubt wird und die Phosphornekrose sich erneut verbreitet. Edmund Nüsperli, 1890 von einem Herzschlag aus dem fleissigen Leben gerissen, erlebt das endgültige Verbot und den Sieg über die Nekrose 1898 nicht mehr.

Aus der Not geboren. Arbeitende Kinder
19.12.2025–20.04.2026
Landesmuseum Zürich

Bereits vor der Industrialisierung mussten Kinder im Haushalt, auf dem Hof oder in Heimarbeit einen Beitrag zur Familienökonomie leisten. Mit dem Aufkommen der Industrie wurden sie in Fabriken als billige Arbeitskräfte ausgebeutet und konnten oft nicht zur Schule. Die Ausstellung zeigt die Entwicklung der Kinderrechte und beleuchtet auch das Schicksal von Verding- und Heimkindern.
>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Der unermüd­li­che Fabrik­in­spek­tor Nüsperli» erschien am 5. März.
blog.nationalmuseum.ch/2026/03/der-unermuedliche-fabrikinspektor-nuesperli
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So viele «.swiss»-Internet-Adressen sind bislang registriert worden
In den vergangenen zehn Jahren wurden gemäss einer aktuellen Mitteilung über 33'000 Domains mit der Endung «.swiss» bezogen. Davon profitiert die Eidgenossenschaft auch finanziell.
Von den über 33'000 vergebenen Domainnamen seien rund zehn Prozent an natürliche Personen gegangen, schreibt das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) in seinem am Freitag veröffentlichten Newsletter.
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