Studie: ADHS oft mit Magen-Darm-Beschwerden verbunden
Etwas Falsches gegessen? Ein Infekt? Stress? Wer an Magen-Darm-Problemen wie Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung leidet, zieht als Ursache in der Regel die nächstliegenden Auslöser in Betracht. Mit ADHS (kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) bringt man derartige Symptome eher nicht in Verbindung. Womöglich zu Unrecht, wie eine neue Untersuchung nahelegt: Dieser zufolge haben Menschen mit ADHS deutlich häufiger Magen-Darm-Beschwerden als Personen ohne diese Störung.
Daten von mehr als 1,9 Millionen Menschen ausgewertet
Die Forschungsgruppe wollte wissen: Neigen Menschen mit ADHS zu Magen-Darm-Beschwerden? Um das herauszufinden, nahmen sie 23 bereits veröffentlichte Studien in den Blick, in denen Kinder und Erwachsene Angaben zu ihrer Gesundheit gemacht hatten. Insgesamt flossen Daten von mehr als 1,9 Millionen Personen im Alter von 2 bis 65 Jahren ein. Die Studien stammten unter anderem aus den USA, Schweden, Deutschland und Südkorea.
Die Wissenschaftler verglichen nun, wie häufig verschiedene Magen-Darm-Beschwerden bei Teilnehmern mit und ohne ADHS auftraten. Von ADHS Betroffene hatten insgesamt ein knapp 50 Prozent höheres statistisches Risiko für solche Beschwerden als Menschen ohne ADHS.
Bei einzelnen Problemen fiel der Unterschied noch grösser aus. Verstopfung kam bei Personen mit ADHS fast doppelt so häufig vor, ein Reizdarmsyndrom wurde bei ihnen 58 Prozent häufiger festgestellt. Besonders stark war der Zusammenhang bei Enkopresis, also unwillkürlichem Stuhlabgang: Dieses Problem trat bei Menschen mit ADHS mehr als viermal so häufig auf.
Was hat ADHS mit der Verdauung zu tun?
Gehirn und Darm kommunizieren über ein Netzwerk aus Nerven, Botenstoffen, Immunsystem und Darmbakterien miteinander. Fachleute sprechen von der Darm-Hirn-Achse.
Ob diese die beobachtete Verbindung zwischen ADHS und Magen-Darm-Beschwerden erklären könnte, ist jedoch unklar. Die Studie kann diese Frage nicht beantworten, sie weist lediglich auf einen Zusammenhang hin.
Eine mögliche Erklärung sehen die Forscher in typischen Verhaltensweisen und Begleiterscheinungen von ADHS. Unregelmässige Mahlzeiten oder impulsives Essen können Verstopfung, Blähungen und Bauchschmerzen begünstigen. Eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen oder Konsistenzen könnte dazu führen, dass Betroffene bestimmte Lebensmittel meiden und sich weniger abwechslungsreich oder ballaststoffarm ernähren.
Hinzu kommt, dass ADHS-Medikamente mit den bestimmten Nebenwirkungen einhergehen können, die sich auf die Verdauung auswirken können. Beispielsweise können im Rahmen der Behandlung Übelkeit oder Verstopfung auftreten, zudem kann der Appetit vermindert sein.
Denkbar wären darüber hinaus biologische Ursachen. Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich die Zusammensetzung der Darmbakterien bei Menschen mit ADHS im Durchschnitt von derjenigen anderer Menschen unterscheiden kann. Solche Veränderungen könnten das Immunsystem und Entzündungsprozesse im Darm beeinflussen. Als mögliche Verbindung zum Gehirn gilt unter anderem der Vagusnerv, eine wichtige Nervenbahn zwischen Kopf und Verdauungstrakt.
All das sind aber nur Hypothesen. Ob und inwieweit die diskutierten Faktoren wirklich eine Rolle spielen, ist ungewiss.
Was bedeutet das für Menschen mit ADHS?
Die Untersuchung lässt viele Fragen offen: Verursacht ADHS selbst die Beschwerden – oder spielen Medikamente, Ernährung und Schlaf die grössere Rolle? Welche Bedeutung haben Darmbakterien und genetische Faktoren? Und gilt der Zusammenhang für Kinder und Erwachsene gleichermassen? Ehe diese Punkte geklärt sind, ist es nicht ratsam, aus der Studie konkrete Empfehlungen für Menschen mit ADHS abzuleiten.
Stattdessen ist es ratsam, starke oder wiederkehrende Magen- und/oder Darmprobleme ärztlich abklären und gezielt behandeln zu lassen. Das gilt aber nicht nur für Menschen mit ADHS, sondern für alle, die diese Beschwerden haben.
Verwendete Quellen:
- Blake, S., et al.: "The Association Between Attention-Deficit Hyperactivity Disorder and Gastrointestinal Symptoms: A Systematic Review and Meta-Analysis". Journal of Attention Disorders, online vorab veröffentlicht am 11.9.2026
- "People with ADHD more likely to suffer from gut problems, major review finds". Pressemitteilung der Warwick University: www.eurekalert.org (Stand: 11.9.2026)
- Jakobi, B., et al.: "The gut-microbiome in adult Attention-deficit/hyperactivity disorder – A Meta-analysis". European Neuropsychopharmacology, Vol. 88, pp. 21-29 (November 2024)

