USA

Dezember 2016: Colin Kaepernick (mit Afro) und Eli Harold (l.) knien während der Nationalhymne vor dem Spiel gegen die Atlanta Falcons aus Protest nieder.  Bild: AP/AP

Die fantastische Story, wie dieser Herr den Knie-Protest der Footballer erfand 

25.09.17, 20:01 26.09.17, 07:40

August 2016. Amerika geniesst den Sommer, Präsident Obama versprüht auf seiner Ehrenrunde noch einmal Zuversicht und im Fernseher wird hochfrequent die kommende Footballsaison beworben. Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. 

Nur einer vermiest den idyllischen Sommer: Colin Kaepernick, der Quarterback der San Francisco 49ers. Aus Protest gegen die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen bleibt er bei den Vorbereitungsspielen während der Nationalhymne sitzen: ein Affront sondergleichen in den USA. Es wird als Respektlosigkeit gegenüber dem Vaterland ausgelegt – insbesondere gegenüber Soldaten.

#IMWITHKAP – mittlerweile haben sich Footballer diverser Teams und Ethnien der Protestbewegung angeschlossen Bild: AP/Miami Herald

Die Aufruhr ist gross. Ausgerechnet Kaepernick! Der Sohn einer Teenage-Mutter und eines Afroamerikaners wurde nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Rick und Teresa Kaepernick nahmen den Jungen auf und Colin wurde das jüngste Mitglied der fünfköpfigen weissen all-American Kaepernick-Familie.

Colin fiel schon früh als herausragendes Sporttalent auf. Was immer der Junge im Sport anfasste, wurde zu Gold: In seinem letzten Jahr an der Highschool schaffte er die Nomination für die kalifornische Auswahl nicht nur im Football, sondern auch im Basketball – und im Baseball.

Kennen sich schon länger: Kaepernick (l.) und Stephen Curry (r.) von den Golden State Warriors im Jahre 2015 in Oakland, Kalifornien. Bild: AP/AP

Doch ausserhalb der Sportplätze musste Kaepernick hartes Brot essen. Betrat er mit seinen Geschwistern ein Hotel, wurde er von den Angestellten nicht als Familienmitglied wahrgenommen. Unter Weissen fiel er mit seiner Hautfarbe auf, unter Afroamerikanern verriet ihn seine typische weisse Mittelstandssprache. «Er ist der Zaun zwischen den beiden Welten», beschrieb ihn einmal Teamkollege John Bender.

2009 wurde er vom MLB-Team der Chicago Cubs gedraftet. Die Tür zum professionellen Baseball stand weit offen. Doch bereits hier zeigte sich Kaepernicks Charakter: Er entschied sich gegen das lukrative Angebot, um eine Football-Karriere anzustreben. Drei Jahre später warf er seinen ersten Touchdown-Pass für die San Francisco 49ers. 2013 führte er sie bis in den Superbowl.

Kaepernick ist mittlerweile Symbolfigur für eine ganze Bewegung. Bild: AP/AP

Und jetzt wagt es ausgerechnet diese Personifizierung des amerikanischen Traums, diese Drehbuchvorlage für Hollywood, aufzumurren. Undankbarkeit ist noch das Geringste, was Kaepernick in diesem Sommer vorgeworfen wird.

Zu Kaepernicks Kritikern gehört auch ein gewisser Nate Boyer. Der Kriegsveteran und ehemalige Green Beret durchlief ein nicht minder hollywoodreifes Leben: Auf der Sinnsuche hauste er in seinen 20er-Jahren in einem Honda Civic auf den Strassen von Los Angeles.

Nate Boyer (rechts neben dem knienden Kaepernick) wurde wegen seinem Einsatz für den Quarterback eine «Schande für die Green Berets» genannt. Bild: AP/AP

Dort las er über den Genozid in Darfur, packte seine wenigen Sachen und flog an die sudanesische Grenze, wo er Hilfsgüter an Flüchtlinge verteilte. Später trat er in den Militärdienst ein, wurde Green Beret und diente sechs Jahre im Irak und in Afghanistan. Und als ob das nicht reichte, gelang es Boyer, nach seiner Rückkehr zuerst College- und dann NFL-Footballspieler zu werden.

Als ehemaliger Soldat fühlte sich Boyer von Kaepernicks Geste besonders betroffen. Statt seiner Wut freien Lauf zu lassen, suchte er das Gespräch, mit einem offenen Brief und unter vier Augen: «Als Veteran verärgert mich mehr, aus dem Krieg nach Hause zu kommen und zu sehen, wie gespalten unser Land ist, als dass einer bei der Hymne nicht aufsteht. Ich muss nicht gleicher Meinung sein wie er. Aber er hat das Recht, zu protestieren. Und für dieses Recht bin ich in den Krieg gezogen.»

Superstar Marshawn Lynch von den Oakland Raiders protestiert noch immer sitzend. Bild: AP/FR157181 AP

Kaepernick hatte zuvor erklärt, er werde seinen Protest erst einstellen, wenn er eine signifikante Verbesserung der Situation der Afroamerikaner festellen würde. Doch die Aussprache mit Boyer trug Früchte. Der Footballer bliebt fortan nicht einfach auf dem Bänkchen sitzen. Er begann damit, während der Hymne ein Knie auf den Boden zu setzen.

Dieses Zeichen hatte ihm Boyer nahegelegt, der diese Geste als Ehrung von Kriegsveteranen im Militär kennengelernt hatte. Und so verwandelte sich die kindlich wirkende Trotzaktion – Amerikas Liebe zum Pathos sei Dank – zu einer bedeutungsschwangeren Geste. «Das ist grösser als Football. Es wäre egoistisch einfach wegzuschauen», erklärte Kaepernick.

#takeaknee: Footballer protestieren gegen Trump

Dass er damit eine derartige Lawine lostreten würde, war dem Starspieler damals sicherlich nicht bewusst. Doch seit letztem Sommer hat sich einiges verändert. Präsident Obama, der Kaepernicks Protest öffentlich würdigte, ist nicht mehr im Amt. Mit ihm verschwunden ist auch der gute Ton.

Der neue Präsident distanziert sich nicht von seinen Nazi-Anhängern. Afroamerikanische Idole wie NBA-Superstar Stephen Curry verweigern deshalb den Besuch im Weissen Haus. Der Präsident reagiert damit, Footballer, welche sich solidarisch zeigen, in einer öffentlichen Ansprache «Hurensöhne» zu nennen. Er tut dies zwar indirekt – indem er einen imaginären Besitzer eines Footballteams imitiert – , der Fall ist aber klar.

Der Präsident und sein «Hurensohn»

Video: streamable

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Der amerikanische Präsident tituliert einen Footballer, der sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt, indirekt als «Hurensohn», gewalttätige Nazis hingegen bezeichnet er als «gute Leute». 

Und was macht Colin Kaepernick? Der Quarterback hat seinen Vertrag mit den 49ers aufgelöst und sucht nach einem neuen Arbeitgeber. Nicht wenige glauben, dass dem talentierten Mann seine Protesthaltung in die Quere kommt. Eine andere Theorie hat Präsident Trump: Die Teambesitzer würden die präsidialen Tweets fürchten und deshalb Kaepernick nicht unter Vertrag nehmen, prahlt er.

Die Lawine, die der Quarterback letzten Sommer auslöste, rollt indes unaufhaltsam weiter. Sie scheint Kaepernicks Karriere zu überdauern. Und sie ist wahrlich grösser als Football.

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  • bcZcity 26.09.2017 15:49
    Highlight Ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen möchte! Am liebsten direkt in das Gesicht von "Agent Orange"!
    10 1 Melden
  • banda69 26.09.2017 08:09
    Highlight Welcome to the world of Trump und anderen Rechtspopulisten.
    9 8 Melden
  • Theor 26.09.2017 06:38
    Highlight In wie fern ist diese Story fantastisch? Ein talentierter Quarterback hat sein Ansehen und seinen Job verloren, weil Amerika ein Scheisshaus voller Rassisten geworden ist. Es ist unwahrscheinlich, dass Kaepernick noch einmal gedraftet wird. Unter fantastisch stell ich mir was anderes vor.
    57 17 Melden
    • Marshawn 26.09.2017 07:54
      Highlight Es zeigt, dass man manchmal auch etwas machen muss, selbst wenn man nicht sofort selber profitiert. Ein QB mit dem Talent von Kapernick wird früher oder später wieder etwas finden - vor allem da seine Aktion immer wie mehr respektiert wird.
      14 2 Melden
    • Corto Maltese 26.09.2017 08:44
      Highlight Auch ihr Statements ist rassistisch. Amerikaner sind nicht per se rassistisch.
      12 8 Melden
    • Gretzky 26.09.2017 10:16
      Highlight Wenn's denn so wäre. Tatsache ist, dass die 49ers ihn schon lange los werden wollten, was nichts mit seinem Protest, sondern mit seiner Spielweise und seinem schwierigen Charakter zu tun hat. Kaepernick spielt seit mehreren Saisons höchst durchschnittlich. Viel zu wenig für einen Spieler mit seinem Talent. Ausserdem kommt kein Trainer mit ihm klar. Das die Teams so einem Spieler nicht hinter her rennen ist nachvollziehbar.
      Der Skandal ist, dass der gewählte Präsident der USA solche Dinge von sich gibt. Man findet gar keine Worte für diesen Vollpfosten von Trump!
      14 1 Melden
    • DaCrooked 26.09.2017 10:29
      Highlight @Zweiter Satz: geblieben* ist.

      Man vergisst immer bis wann Jim Crow laws in Kraft waren. Gar nicht so lange her, trotzdem sind viele der Meinung von "racism is over".
      5 1 Melden
  • Clayton 26.09.2017 00:09
    Highlight Jackson Five
    3 1 Melden
  • Informant 26.09.2017 00:02
    Highlight "Doch ausserhalb der Sportplätze musste Kaepernick hartes Brot essen. Betrat er mit seinen Geschwistern ein Hotel, wurde er von den Angestellten nicht als Familienmitglied wahrgenommen. Unter Weissen fiel er mit seiner Hautfarbe auf, unter Afroamerikanern verriet ihn seine typische weisse Mittelstandssprache."

    Meine Fresse, was für ein Schicksal. Da läuft es einem kalt den Rücken runter. Vor allem die Szene im Hotel. Zum Glück hat er nach dieser harten Kindheit die Kurve noch gekriegt.

    26 47 Melden
    • DeadSerious 26.09.2017 09:56
      Highlight Hast du eigentlich eine Ahnung über was genau du redest? Wurdest du schon mal mit Rassismus konfrontiert? Nein, natürlich nicht! Du redest lieber irgendwelchen Schwachsinn daher..
      18 21 Melden
    • Informant 26.09.2017 10:30
      Highlight Was willst Du genau von mir? Die Fragen können es nicht sein, die beantwortest Du ja gleich lieber selbst.
      9 13 Melden
    • DaCrooked 26.09.2017 10:40
      Highlight Wenn Weisse im rust belt sich beklagen, in ihren Ängsten nicht ernstgenommen zu werden dann ist es legitim. Wenns Schwarze sind, die gegen Rassismus protestieren wirds ins lächerliche gezogen.

      Nur schon das zeigt wie der Präsident und viele seiner Fans denken.
      16 7 Melden
    • Informant 26.09.2017 11:21
      Highlight Natürlich darf und soll man gegen Rassismus protestieren. Meine Polemik richtet sich gegen den Artikel. Was Toggweiler hier als "hartes Brot" und fantastische Story präsentiert ist einfach lächerlich. Der Junge wurde von einer weissen Familie aufgenommen, genoss eine wohlbehütete Kindheit, eine gute Ausbildung, ist gesegnet mit Talent, gutem Aussehen und 1.93 Körpergrösse. Aber der arme Kerl wurde von Schwarzen als Junge des "Weissen Mittelstandes" erkannt. Meine Güte, mir kommen gleich die Tränen. Auch weil ich schon viel zu viel Zeit investiert habe in diesen Nonsens.
      10 5 Melden
    • DeadSerious 26.09.2017 11:47
      Highlight @Informant
      Oh entschuldige. Bin ich dir zu Nahe getreten?
      Nö, eigentlich wollte ich nur von Dir wissen wie du zu deiner Meinung kommst. Auch wenn er jetzt Geld verdient, heisst das noch lange nicht das Rassismus ok ist. Mir geht einfach dieses Schwarz/weiss denken auf den Sack. Nur weil im Moment eine fragwüdige Asylpolitik betrieben wird in Europa heisst das noch lange nicht das man für Trump sein muss. Nur weil man niederkniet gegen Rassismus, heisst das noch lange nicht das man kein Patriot ist. Das zu Vergleichen mit unseren Natispielern die den Adler machen ist einfach nur lächerlich.
      4 8 Melden
  • roger.schmid 25.09.2017 23:27
    Highlight starker Kommentar dazu:

    5 4 Melden
  • banda69 25.09.2017 22:16
    Highlight "Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Der amerikanische Präsident tituliert einen Footballer, der sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt, indirekt als «Hurensohn», gewalttätige Nazis hingegen bezeichnet er als «gute Leute». "
    36 10 Melden
    • DaCrooked 26.09.2017 10:31
      Highlight
      14 3 Melden
  • Hempoli 25.09.2017 21:02
    Highlight Nachdem ich als Clubbesitzer Trumps Theorie gelesen habe die Clubbesitzer hätten Angst vor seinen Tweets, würde ich Kaepernick gleich zum Trotz einen Vertrag geben nur um diesen rothaarigen Hur...... zu ärgern.
    129 12 Melden
    • Money is everything 25.09.2017 22:37
      Highlight Ich würde diesen rothaarigen Deppen gerne mal sehen, wie er im Football so richtig schön getacklet wird...Mehrmals...ohne Protektoren...Von Vonnie Miller.
      26 6 Melden
    • Heisenberg88 26.09.2017 00:05
      Highlight Das Problem ist nur das Kap kein guten Football mehr spielt. Seit seinem SB einzug hat er nichts mehr zu stande gebracht. Kommt nicht mit den Trainern klar und soll auch sonst nicht eine einfache Persönlichkeit haben. Nichts gegen den Protest an sich den ich für gerechtfertigt halte. Finde es genial, das die anderen Teams mitsamt ownern einen solchen zusammenhalt zeigen und dem Trömpy Cat so die Stirn bieten.
      28 0 Melden

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