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Finland's Olli Palola (L) celebrates his goal against Russia with his team mates Pekka Jormakka and Leo Komarov (R) during the second period of their men's ice hockey World Championship final game at Minsk Arena in Minsk May 25, 2014.   REUTERS/Alexander Demianchuk (BELARUS  - Tags: SPORT ICE HOCKEY)

Bild: keystone

WM in Minsk

Finnland 2014 wie die Schweiz 2013 – erstaunliche und ärgerliche Parallelen

Russland besiegt im WM-Finale Finnland 5:2 und holt den 27. WM-Titel. Als Erkenntnis aus der WM 2014 bleibt: Wir hätten auch in diesem Finale stehen können.

26.05.14, 07:36 26.05.14, 09:16

Ein Rückblick auf diese WM ist eine Mischung aus Zorn und Melancholie. Wir hätten so gut wie Finnland ins Finale vorstossen und wieder eine Medaille gewinnen können.

Es gibt erstaunlich viele Parallelen. Die Finnen gewannen nicht nur das Halbfinale gegen Tschechien mit dem gleichen Resultat (3:0) wie wir vor einem Jahr gegen die USA. Sie verloren im Endspiel gegen Russland (2:5) auch mit dem fast gleichen Resultat wie wir gegen Schweden (1:5). Sie führten in diesem Finale (2:1) wie wir vor einem Jahr gegen Schweden (1:0) und am Ende des Turniers hatten sie den MVP (den wertvollsten Spieler) auch in ihren Reihen. Bei uns war es Verteidiger Roman Josi, bei den Finnen Torhüter Pekka Rinne. Und so wie vor einem Jahr Martin Gerber im Finale nicht seine beste Partie gezeigt hatte, so spielte auch Pekka Rinne mit einer Abwehrquote von 87,18 Prozent im Endspiel nicht sein bestes Hockey.

Finnland-Goalie Pekka Rinne wurde zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt. Bild: keystone

Vor allem aber kopierten die Finnen unsere Taktik. Sie hatten in der Neuzeit noch nie so viele WM-Neulinge (14) und so wenig NHL-Profis (4) wie in Minsk. Sie fanden sich erst einmal in der Aussenseiterrolle wieder und mussten ums Viertelfinale zittern. Also wählten sie das gleiche taktische Layout wie die Schweiz vor einem Jahr.

«Guardiola-Hockey»

Vor ihrem Weltklassetorhüter Pekka Rinne (Nashville) installierten sie ein sehr gut strukturiertes, mobiles Defensivsystem. «Guardiola-Hockey» haben es einige genannt. Im Eishockey ist die Dominanz in der Mittelzone der Schlüssel eines gut funktionierenden Defensiv- und Offensivsystems. Genau das predigt auch der berühmte Fussballtrainer Pep Guardiola: Wer die Mitte dominiere, dominiere das Spiel. Zumal jüngste Statistiken zeigen: Fast 90 Prozent aller Tore im Eishockey fallen spätestens fünf Sekunden nach einem Scheibenverlust. Wenn der Gegner nicht mehr genug Zeit hat, die Verteidigung zu organisieren. Diese Scheibenverluste werden vor allem in der neutralen Zone, also in der Mitte des Spiels, provoziert.

Das Defensivsystem der Finnen überzeugte, gegen die spielstarken Russen reichte es für die aufopfernden Suomi jedoch nicht. Bild: AP/AP

Finnland hat mit dieser Taktik so das Halbfinale gegen Tschechien 3:0 gewonnen. Wie wir in Stockholm gegen die Amerikaner. Auch 3:0. Aber wie für die Schweiz war auch für Finnland das Finale gegen einen taktisch gleichwertigen, aber spielerisch besseren, talentierteren Gegner Endstation. Für uns gegen Schweden, für die Finnen gestern gegen die Russen.

Im Rückblick auf Minsk 2014 wird klar: Die Rolle der Finnen hätten auch wir spielen können. Wir haben in den Gruppenspielen gegen Finnland im Penaltyschiessen verloren (2:3). Im Falle eines Sieges wären wir an Stelle der Finnen ins Viertelfinale eingezogen. Oder noch anders: Wenn uns gegen die Amerikaner nicht zwei reguläre Tore aberkannt worden wären (2:3), dann wären wir ebenfalls ins Viertelfinale gekommen und dann wäre alles möglich gewesen.

Die Schiedsrichter konnten keine überzeugende Leistung abliefern. Bild: keystone

Letztlich sind es ein paar Hätte und Wäre und Könnte zu viel. Mit ein bisschen Polemik können wir bei der WM 2014 von einer «gestohlenen» Medaille reden. Die miserablen Schiedsrichterleistungen gehören auch zur WM 2014 und selbst im Finale war die Leistung der Schiedsrichter ungenügend. Und einer der beiden Linienrichter, der für die zwei gegen uns aberkannten Tore mitverantwortlich war (Chris Carlsson), kam im Viertelfinale und im Finale zum Einsatz. Wir können das auch so interpretieren: Ganz offensichtlich hat unsere Verbandsführung unter Marc Furrer auf internationalem Niveau keinen Einfluss mehr. Und wir können es nicht oft genug sagen: Diese WM hat einmal mehr gezeigt, welch gute Schiedsrichter wir in der Schweiz haben. Für das Olympische Turnier und die WM ist keiner aufgeboten worden. Auch das ist ein Zeichen für die verlorene politische Bedeutung unserer Verbandsgeneräle.

Europäisches Hockey überzeugt

Fertig polemisiert: Bei der WM 2014 zeigt sich trotz allem ein erfreulicher Trend. Die WM hat spektakuläreres, trotz aller taktischen Disziplin offeneres und damit besseres Hockey als das Olympische Turnier gebracht. Die totale spielerische und taktische Blockade von Sotschi gab es bei der WM nicht. Weil es, anders als beim olympischen Turnier, ein Leistungsgefälle zwischen dem ersten und vierten Block gibt. Und es spielt eine Rolle, dass Spieler aus dem europäischen Hockey dominieren.

Die NHL ist auf diesem Niveau längst nicht mehr die wichtigste Liga. Auch wenn in diesem Finale die NHL-Stars Owetschkin und Malkin eine wichtige Rolle übernahmen. Im Spiel um den WM-Titel waren lediglich 13 NHL-Profis im Einsatz. Aber 26 aus der KHL. Und WM-Topskorer Wiktor Tichonow, der Grossbub des legendären gleichnamigen Trainers, spielt in der KHL (St. Petersburg).

Wegen dieser Geste musste Znaroks weit oben im Stadion Platz nehmen. Bild: keystone

Die Russen mussten im Finale ohne ihren neuen Bandengeneral Oleg Znaroks auskommen. Nach der olympischen Pleite ist der ehemalige Lette mit russischem und deutschem Pass zum neuen Nationaltrainer berufen worden. Dem feuerköpfigen Znaroks waren im Halbfinale gegen die Schweden die Sicherungen durchgebrannt. Nach einem Foul (Backlund kassierte für einen Check gegen Plotinkow einen Restausschluss) deutete Znaroks dem schwedischen Assistenten Rikard Gronberg während eines erregten verbalen Duells gut sichtbar im Fernsehen an, er werde ihm die Kehle durchschneiden.

Der Disziplinarausschluss des internationalen Verbandes sperrte die beiden Hitzköpfe aufgrund der TV-Aufnahmen für die letzte Partie. Das Spiel konnten zwar beide im Stadion sehen, aber sie durften weder für die Matchvorbereitung noch in den Pausen in die Kabinen. Znaroks Assistent Harijs Witolinsch stand als Cheftrainer an der Bande. Er hat eine lange Vergangenheit als Spieler in unserem Eishockey (u.a. Chur und Rapperswil) und lebt mit seiner Familie immer noch in der Schweiz. Unser Hockey hatte also doch noch ein wenig etwas mit dem Finale zu tun.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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