Tour dur dSchwiiz

Wie sechs Babys für einen Boom sorgen können – und warum das wichtig ist

Tschiertschen. Die meisten kennen das Dorf wohl nur, wenn sie mit dem Auto von Chur hoch nach Arosa kurven, rüber zur anderen Seite des Schanfiggs schauen, das Dörfli hoch oben am Hang entdecken und sich fragen: Was ist das für ein Ort?

10.07.15, 10:33 10.07.15, 14:44

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Sichtbar ist Tschiertschen von weitem: Kaum sind die ersten Kehren nach Chur bezwungen und Maladers erreicht, sehe ich weit oben auf der anderen Talseite einige Häuser. Noch ist mir nicht bewusst, dass dies Tschiertschen ist. Ich fahre das Tal auf der Arosa-Strasse nach hinten. Biege dann rechts ab nach Molinis und radle auf der anderen Seite wieder hoch. Bald erreiche ich erste Häuser. Ich zücke meine Kamera und fahre durch den Ort:

Fahrt durch Tschiertschen. YouTube/Reto Fehr

Am anderen Ende treffe ich Marie-Claire, Präsidentin des Vereins Pro Tschiertschen-Praden. Wichtig, der Zusatz Praden, denn die beiden Orte sind eine Gemeinde, meine 56. von 2324. Wir gehen gleich hoch zum Bazar. Ich staune erst noch, ein Bazar in den Bündner Alpen? «Das ist der Dorftreff. Jetzt im Sommer ist er jeweils von 8.30 bis 10.30 Uhr geöffnet. Wir können dort einen Znüni nehmen.»

Tatsächlich sitzen vor dem Bazar einige Frauen an der Sonne und plaudern. Die Sicht ins Schanfigg ist grossartig. Ich finde übrigens den romanischen Namen Scanvetg schöner. Und wenn wir grad dabei sind: Wusstet ihr, dass Savognin auf Deutsch Schweiningen heisst? Auch da ist die Frage überflüssig, was wohlklingender tönt.

Der Bazar in Tschiertschen. In Zürich würden wir sagen: the place to be. Bild: watson

Doch zurück zum Bazar. «Hier reden wir über alles und nichts. Natürlich wird auch mal gelästert», schmunzelt Marie-Claire, «du weisst einfach, was läuft, wenn du hier warst.» Männer sind keine da. Manchmal setzen sie sich auch dazu. Willkommen sind sie jederzeit. «Aber wenn sie nicht arbeiten würden, könnten wir nicht hier sitzen», lacht eine der Damen. Im Bazar selbst konnte man früher alles Mögliche kaufen, es war ein richtiger Tante-Emma-Laden. Wie auf einem Bazar halt. Heute gibt es Hofladen-Produkte, aber auch Sackmesser, ein Leiterli-Spiel, Heftli oder Glace. Und selbst Tschiertschen-Teetassen für Touristen.

Gleich neben der Kirche bietet sich dieser Blick ins Schanfigg Richtung Arosa. Bild: watson

Die Touristen – erstaunliche viele davon aus Holland – kommen meist seit Jahren. «Entweder du kommst einmal hierher oder immer wieder», sagt Marie-Claire. Im Winter bieten zwei Sessel- und zwei Bügellifte ein kleines, aber feines Skigebiet. Einfach, aber auch anspruchsvoll. Gerade wird das über 100-jährige Hotel Alpina für rund 18 Millionen renoviert. Der malayische Investor Teo A. Khing steckt hinter dem Projekt. Vor dem Bazar wurde das auch diskutiert. «Das ist gut für uns. Hoffentlich bringt es weitere Touristen.»

Neben Touristen braucht das 200-Seelen-Dorf auch Nachwuchs. Die Unterstufenschule gibt es noch in Tschiertschen, für die Oberstufe müssen die Kids nach Churwalden. Solange in der 1. bis 6. Klasse zwölf Schüler sind, kann die Unterstufe bestehen bleiben. In den letzten Jahren sei diese Marke immer gut erreicht worden – nicht zuletzt dank einer Familie mit fünf Kindern, die zuzog. 

Tschiertschen. Bild: watson

Aber auch für die nächsten Jahre, sieht es rosig aus: «Wir erleben hier einen Babyboom. Alleine 2015 kommen sechs Kinder auf die Welt. Vier sind schon da.» So schnell wie die Damen die Namen der Neugeborenen aufzählen, habe ich sie auch schon wieder vergessen. Aber schön, ist für Nachwuchs gesorgt. Das hilft auch dem Dorfleben. Und eben der Schule. Eine junge Mutter setzt sich in die Runde vor dem Bazar. 

Ja, selbst Prominenz wohnt hier oben. Mia Engi wurde in den 70er Jahren Weltmeisterin in der Skiakrobatik. 1982 stellte sie zusammen mit 30 Leuten einen Weltrekord auf. Engi: «Wir hielten uns alle an der Hand und sprangen gleichzeitig einen Rückwärtssalto. Der Notar liess den ersten Versuch nicht gelten, weil jemand zu früh stürzte. Beim zweiten Mal klappte es dann.» Für das Guiness-Buch hats gereicht, Bilder davon gibt es leider keine. YouTube und Co. kamen bekanntlich erst später. Schade.

Ich könnte noch länger bleiben, aber meine Etappe ist noch lang. In Tschiertschen hat es eigentlich nichts, aber doch alles. Arbeit gibt es auch. Ein Restaurant, einen Coiffeur, ein Bauunternehmen, ein Sportgeschäft und ein Dorfladen zwängen sich unter anderem an den Hang. Die Stimmung ist entspannt, hier könnte ich länger bleiben. Oder wiederkommen. Warum sollte jemand überhaupt nach Tschiertschen hoch fahren, frage ich in die Runde? «Wegen uns!», kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück. Wir lachen. Ja, irgendwie hat das was.

Tour dur d'Schwiiz, 7. Etappe: St.Antönien – Arosa (Langwies)

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