Panorama

Eine Lektion des Flirtkurses: Das denken fremde Menschen, wenn sie dich zum ersten Mal sehen. Bild: watson

Das Eisbrecher-Seminar

Mit einer 78-Jährigen beim Flirtkurs: Was unsere Redaktorin bei einem Selbsttest in Sachen Aufriss alles erlebte

Eine Oma mit ihrem Chihuahua, zwei Frauen, die eigentlich keinen Flirtkurs nötig haben und vier männliche Stummfische – gemeinsam mit dieser illustren Runde habe ich mich ins Abenteuer Flirtkurs gewagt.

29.09.14, 14:18 30.09.14, 10:33

Als ich den Raum betrete, schaut mich Bijou ganz interessiert an. Bijou ist aber leider kein Mensch, den ich heute beim Flirtkurs kennenlernen werde, sondern nur die Chihuahua-Dame von Margarethe*. Sie und die anderen sechs Kursteilnehmer sitzen im Kreis im Wohnzimmer von Thomas Peter. Das ist der Mann, der uns heute das Flirten beibringen soll. Das könnte ein schwieriges Unterfangen werden: Denn bis jetzt hüllt sich die gesamte Gruppe in betretenes Schweigen.

Der erste Auflockerungsversuch – Kursleiter Peter bietet uns Orangen-Limonade der Marke «Flirt» an – zeigt wenig Wirkung. Wir beschäftigen uns lieber damit, skeptisch durch die Runde zu blicken und uns an die Situation zu gewöhnen. Mit diesen sieben Personen werde ich also den Rest des Tages verbringen: Links und rechts von mir sitzen zwei Frauen, die eine höchstens 30 Jahre alt, die andere vielleicht Ende 30. Beide sind durchaus attraktiv – ich kann mir kaum vorstellen, dass sie wirklich Probleme haben, Männer kennenzulernen. 

«Die Männer in meinem Alter sind meistens Gruftis.»

Kursteilnehmerin Margarethe

Die vierte Frau im Bund ist Margarethe. Sie ist 78 Jahre alt und auf der Suche nach einem jüngeren Mann. Denn: «Die Männer in meinem Alter sind meistens Gruftis und gefühlte 120 Jahre alt.» Die vier Herren in der Runde passen meinem Eindruck nach am besten in diesen Kurs. Sie sind zwischen 25 und 35 Jahre alt und allesamt ziemlich schüchtern. Keiner von ihnen hat ein Problem, das zuzugeben – genauso stehen sie dazu, dass sie noch nie eine Frau angesprochen haben.

Laut Kursleiter Thomas Peter gibt es vier verschiedene Flirt-Typen. Diese werden Ihnen im Laufe des Textes näher gebracht. Nummer eins ist «der Charmeur».

Flirt-Typ 1: Der Charmeur

Der Charmeur ist redegewandt, zeigt echtes Interesse, macht ehrliche Komplimente und hält den Augenkontakt. Bild: shutterstock

«Hier soll es nicht ums Abschleppen gehen»

Nun wird erst einmal klargestellt, worum es heute gehen soll: «Ich bringe euch nicht bei, wie man jemanden abschleppt. Dafür gibt es so genannte Pick-up-Kurse», erklärt uns Peter. Fürs Flirten gebe es kein Patentrezept und auswendig gelernte Sprüche würden auch nichts bringen. «Ich möchte euch zeigen, wie ihr Situationen für euch ausnutzen könnt.» Na, da bin ich mal gespannt.

Jetzt sollen wir aber erst einmal unser Hauptproblem auf eine Karte schreiben. Dabei stellt sich schnell heraus: Die Frauen in dieser Runde sind zwar auf der Suche nach einem Mann, haben aber kein ernsthaftes Flirt-Problem. Vielleicht hatten sie auch einfach nur gehofft, gleich hier im Kurs fündig zu werden. 

Anders ist das mit den Männern. Horst(ein unscheinbarer, sehr unsicherer, aber sympathischer Mittdreissiger) soll hier mal exemplarisch für seine Spezies dargestellt werden: Er weiss weder, wie man(n) eine Frau anspricht, noch worüber er mit ihr reden soll. 

«Männer sind da etwas schwer von Begriff.»

Kursleiter Thomas Peter

Auf diese Problemdarstellung folgt ein kleiner Theorie-Teil: «Meistens wird auch heute noch erwartet, dass die Männer die Frauen ansprechen. Und deswegen müsst ihr euch mehr trauen, liebe Männer!» Mit grossen Augen lauschen Horst und die drei anderen Herren, was der Flirt-Spezialist zu sagen hat. 

«Und ihr, liebe Frauen, ihr dürft die Männer auch gern ansprechen. Wichtiger ist aber, dass ihr euch stärker bemerkbar macht, wenn ihr angesprochen werden wollt.» Männer seien so schwer von Begriff. «Ein bisschen gucken und nett lächeln reicht nicht, damit wir das merken und uns dann wirklich trauen.»

Flirt-Typ 2: Der Macho

Der Macho will seinen Marktwert testen, ist selbstbewusst und sucht Bestätigung. Bild: shutterstock

Ich wirke sinnlich und kindlich – oder einfach gar nicht

Mit dem Thema Körpersprache geht's dann ans Eingemachte: Nacheinander müssen wir uns nach vorne stellen, die anderen Kursteilnehmer schreiben – natürlich anonym – auf ein Kärtchen, wie wir auf sie wirken. Horst und die anderen männlichen Teilnehmer bekommen ein ganz ähnliches Zeugnis: etwas unbeholfen, schüchtern, nervös, aber alles irgendwie liebe Kerle.

Bei den Frauen mischen sich positivere Attribute in die Liste: aufgeschlossen, lustig, liebenswert oder sehr jung geblieben (Margarethe). Mit meinem – wenn auch teilweise etwas widersprüchlichen – Zeugnis bin ich soweit ganz zufrieden. Wirklich streng ist nur eine Person mit mir. Auf sie wirke ich gar nicht – «weder positiv noch negativ».

Offen, aufgeregt, spontan, freundlich, kreativ und kindlich – so sehen mich die anderen Kursteilnehmer. Bild: watson

«Die Hübscheste von allen hat zurückgelächelt.»

Kursteilnehmer Luca

Zur allgemeinen Aufmunterung dürfen wir uns nun gegenseitig ein paar Erfolgsgeschichten unserer Flirt-Laufbahn erzählen. Luca* (35 Jahre alt, lange schwarze Locken, schwarzes ärmelloses Shirt, schwarze Jeans und schwarze Schuhe) hat am Morgen ein paar Minuten lang jede Person angelächelt, die ihm entgegen gekommen ist. Und gerade die hübscheste Frau habe zurück gelächelt. «Hast du sie dann angesprochen?», will Peter wissen. Nein, das habe er sich dann doch nicht getraut.

Margarethe ist neulich mittels eines kleinen Flirts einer saftigen Busse entkommen. Sie war mit Krücken unterwegs und konnte deshalb ihre beiden Hunde nicht an die Leine nehmen. Nach ein paar flotten Sprüchen von Margarethe drückten die Beamten beide Augen zu, wiesen sie jedoch darauf hin, dass sie beim nächsten Mal an die Leine und auch den Maulkorb denken solle. «Ob sie einen Maulkorb für mich oder für meinen Hund meinten, weiss ich nicht», erzählt sie und lacht.

Horst hat leider keine Erfolgsgeschichte auf Lager, die er hier zum Besten geben könnte.

Flirt-Typ 3: Der Stumme

Dem Stummen fehlt der Mut, den ersten Schritt zu machen. Er wartet, dass der oder die andere auf ihn zukommt. Wenn es erstmal zum Gespräch gekommen ist, kann er sich als begabter Flirter entpuppen. Bild: shutterstock

Flirt-Vertrag und Erfolgstagebuch

Kursleiter Peter ist von dem vorhandenen Input begeistert und ermuntert die Gruppe zu genau diesem Verhalten: «Schliesst einen Flirt-Vertrag mit euch selbst ab! Jeden Tag müsst ihr mit irgendeiner Person – egal ob Mann oder Frau – ein kurzes, lustiges Gespräch anzetteln.» 

Zudem solle jeder ein Erfolgstagebuch führen. Da könne man alles aufschreiben, was an dem Tag gut gelaufen ist – auch Dinge, die nichts mit dem Flirten zu tun hätten. Die täglichen kleinen Flirts und das Bewusstmachen von positiven Erlebnissen würden es uns dann immer einfacher machen, andere Menschen anzusprechen.

Wie so ein spontaner Flirt aussehen kann? Ganz einfach. Wenn Peter im Supermarkt auf der Suche nach etwas ist, fragt er die Verkäuferin nicht einfach, wo sich das Produkt befindet. Stattdessen sagt er: «Sagen Sie mal, wo haben Sie denn das Brot versteckt?» «Schon ist die Frau überrascht über die Formulierung, lacht und gerät vielleicht sogar ins Plaudern», erklärt Flirt-Meister Peter.

Flirt-Typ 4: Der Ängstliche

Die Gegenwart einer interessanten Person macht den Ängstlichen nervös. Er denkt sich, er habe eh keine Chance und rechnet mit einem Korb. Bild: shutterstock

Der Gesprächsstoff geht zu schnell aus

Doch was, wenn es über einen Test-Flirt hinaus gehen soll und wir uns länger unterhalten wollen? Was, wenn der Gesprächsstoff schon nach kurzer Zeit ausgeht? Peter empfiehlt die Papageien-Technik: «Greift einfach immer das Letzte, was euer Gegenüber gesagt hat, auf und erzählt, was euch dazu einfällt.»

Die Papageien-Technik

Er: Was hast du am Wochenende vor? 
Sie: Ich fahre ins Tessin.
Er: Oh, im Tessin war ich schon lange nicht mehr. Damals sind wir mit dem Zug gefahren. Und du?
Sie: Ich fahre mit dem Auto.
Er: Mit dem Auto. Was meinst du, wie lang du da unterwegs sein wirst?
etc.

Und dann kommen wir zu dem Teil, vor dem ich mich am meisten gefürchtet habe: Die Rollenspiele. Die können einfach nur schiefgehen und sind prädestiniert dafür, um sich zu blamieren. Das dachte ich zumindest bis heute. Hier stellt sich das als wirklich gute Übung heraus und selbst die schüchternen Herren, von denen ich bisher kaum eine Silbe gehört habe, blühen richtig auf.

«Du hast mich angerufen, vergiss das nicht, gell?»

Kursteilnehmer Horst

Bei einem simulierten Telefonat zwischen Margarethe und Horst entpuppt sich Letzterer als fast schon frech: In der gespielten Situation soll Margarethe Horst nach einem ersten Date fragen. Als die beiden sich etwas verquatschen und Margarethe ihm an den Kopf wirft, dass er ihre Hunde schon mögen müsste, damit das mit ihnen klappen könnte, gibt er freundlich, aber bestimmt zurück: «Du hast mich angerufen, vergiss das nicht, gell?!»

Nach sieben (!!!) Stunden Flirtkurs sind wir alle aufgetaut und guter Dinge. Vor allem die Herren in der Runde haben sich im Laufe des Nachmittags sichtlich verändert. Ich will jetzt nicht sagen, dass Horst vom Flirt-Typ «ängstlich» zum Flirt-Typ «Macho» mutiert ist, aber das muss ja auch nicht unbedingt sein. Ich für meinen Teil weiss jetzt jedenfalls, dass freundlich schauen und etwas lächeln nicht genügt, um einen Mann an Land zu ziehen.

* Alle Namen der Kursteilnehmer wurden geändert.

Informationen zum Flirtkurs

Alle zwei Monate bietet Flirtcoach Thomas Peter einen siebenstündigen Gruppenkurs an. Dieser kostet 110 Franken – wer zusätzlich noch sein Buch «Der Flirtkurs» erhalten möchte, zahlt 120 Franken. Ausserdem bietet Peter Einzelcoachings und auch Flirtkurse per Telefon oder E-Mail an.

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