DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
1990 tritt Jugoslawien zum letzten Mal geschlossen an einer WM an und scheitert im Viertelfinal an Argentinien.
1990 tritt Jugoslawien zum letzten Mal geschlossen an einer WM an und scheitert im Viertelfinal an Argentinien.bild: imago images / Pressefoto Baumann
Unvergessen

Jugoslawiens Nati schliesst die Kroaten aus – es ist das Ende der «Brasilianer Europas»

15. August 1991: Auch der Fussball wird vom Auseinanderbrechen des jugoslawischen Vielvölkerstaates erfasst. Damit zerfällt eine erfolgreiche Nationalmannschaft - mit Dänemark als grossem Profiteur.
15.08.2020, 10:4115.08.2020, 21:29
Marcel Hauck / Keystone-SDA

Die Meldung, die am 15. August 1991 von der Schweizer Nachrichtenagentur Sportinformation verbreitet wurde, war 94 Wörter lang. Die Kernaussage: «Sportler der abtrünnigen jugoslawischen Teilrepublik Kroatien werden künftig nicht mehr in jugoslawischen Nationalteams berücksichtigt und von der Teilnahme an internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen. Dieser Beschluss des Sportministeriums in Belgrad gilt auch für die Olympischen Spiele in Albertville und Barcelona.»

Es war der Schlusspunkt einer erfolgreichen Fussballtradition - und das nur zweieinhalb Monate nach dem Höhepunkt mit dem Meistercup-Triumph von Roter Stern Belgrad.

Der grösste Erfolg des jugoslawischen Klubfussballs: Roter Stern bejubelt den Sieg im Europapokals der Landesmeister, der späteren Champions League.
Der grösste Erfolg des jugoslawischen Klubfussballs: Roter Stern bejubelt den Sieg im Europapokals der Landesmeister, der späteren Champions League.Bild: imago sportfotodienst

Jugoslawien hatte im internationalen Fussball immer eine gute Rolle gespielt. 1930 war es eines von nur vier europäischen Teams an der ersten WM in Uruguay - und dank eines 2:1-Sieges gegen Brasilien das einzige im Halbfinal. Die uruguayischen Fans waren begeistert von «Los Ichachos». Konflikte gab es aber schon damals. Wegen der Verlegung des Hauptquartiers des jugoslawischen Fussballverbands von Zagreb nach Belgrad boykottierte der kroatische Teilverband die WM.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für Jugoslawien zwei Olympia-Silbermedaillen und 1960 (gegen die Sowjetunion) und 1968 (in einem Wiederholungsspiel gegen Italien) Finalniederlagen bei der EM.

Die Highlights der Finalniederlage Jugoslawiens gegen Italien.Video: YouTube/sp1873

Für ein paar Jahrzehnte funktionierten der Vielvölkerstaat und seine Nationalmannschaft ziemlich gut. Noch 1990 standen die Jugoslawen im WM-Viertelfinal, wo sie im Penaltyschiessen gegen den späteren Finalisten Argentinien ausschieden, und für die EM 1992 qualifizierten sie sich als Gruppensieger souverän. Die dunklen Wolken waren aber schon längst nicht mehr zu übersehen.

Jugoslawische Hymne in Zagreb unerwünscht

Im Frühling 1990 begann sich der Zerfall Jugoslawiens abzuzeichnen, als in den Teilrepubliken Kroatien und Slowenien bei ersten freien Wahlen die Nationalisten klare Mehrheiten erzielten; der Wunsch nach Unabhängigkeit war klar. Schon bei der Hauptprobe für die WM 1990 gegen die Niederlande im Zagreber Maksimir-Stadion wurde die jugoslawische Nationalhymne von den heimischen Fans ausgepfiffen und demonstrativ niederländische Flaggen geschwenkt.

1990 hütete noch der im heutigen Kroatien geborene Tomislav Ivkovic das jugoslawische Tor.
1990 hütete noch der im heutigen Kroatien geborene Tomislav Ivkovic das jugoslawische Tor.Bild: www.imago-images.de

Der Fussball brauchte allerdings eher lange, ehe sich die politischen Verwerfungen auswirkten. In der Qualifikation für die EM 1992 schossen die Jugoslawen 24 Tore, elf durch Mazedonier (10 von Darko Pancev), sechs durch Kroaten, drei durch Serben, zwei durch Montenegriner und je eines durch den Slowenen Srecko Katanec und den Bosnier Mehmed Bazdarevic.

Das Team von Roter Stern Belgrad, das 1991 den Meistercup gewann, bestand zwar überwiegend aus serbischen Spielern, doch auch der kroatische Mittelfeldstar Robert Prosinecki trug massgeblich zum Titel bei. Er wechselte im selben Sommer zu Real Madrid und kam damit der Verbannung aus Serbien und der verbleibenden jugoslawischen Vertretung zuvor.

Vereinslegende Robert Prosinecki kehrte 2010 als Trainer nach Belgrad zurück.
Vereinslegende Robert Prosinecki kehrte 2010 als Trainer nach Belgrad zurück.Bild: keystone

Als sich die Nationalmannschaft Ende Mai in einem Trainingslager in Schweden auf die EM vorbereitete, bestand sie nur noch aus Serben und Montenegrinern. Nach dem Beschluss der UNO-Sanktionen gegen Jugoslawien wurden sie jedoch zehn Tage vor dem Start der Europameisterschaft von allen sportlichen Wettkämpfen ausgeschlossen. Dänemark, das in der Qualifikation Gruppenzweiter war, kam sehr kurzfristig zum Handkuss und nützte seine Chance zum sensationellen EM-Titel.

Das dänische Fussball-Märchen gibt es nur, weil Jugoslawien nicht an der EM 1992 teilnehmen konnte.
Das dänische Fussball-Märchen gibt es nur, weil Jugoslawien nicht an der EM 1992 teilnehmen konnte.Bild: EPA

Kroatiens erstaunliche Erfolge

Die wegen ihrer Spielkunst einst bewundernd «die Brasilianer Europas» genannte jugoslawische Nationalmannschaft existierte damit auch auf dem Papier nicht mehr, die Region versank endgültig in Chaos und unsäglichem menschlichem Leid.

Die Fussballtradition ging aber nicht verloren. Vor allem Kroatien, das mit seiner Unabhängigkeitserklärung am 25. Juni 1991 wohl den letzten, unumkehrbaren Schritt zur Auflösung des Vielvölkerstaates gemacht hatte, überrascht die Fussballwelt immer wieder mit Erfolgen, die weit über die zu erwartenden Kapazitäten eines Staates mit nur vier Millionen Einwohnern hinausgehen.

1998 wurde Kroatien bei seiner ersten WM-Teilnahme als unabhängiger Staat gleich Dritter, bei der letzten WM vor zwei Jahren in Russland sogar Zweiter. Seine erste Länderspieltore hatte Davor Suker, der heutige kroatische Verbandspräsident und WM-Torschützenkönig von 1998, noch für Jugoslawien erzielt. (dab/sda)

Unvergessen
In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Wie Jugoslawien zerbrach: Vom Ende des Kommunismus bis Kosovo

1 / 24
Wie Jugoslawien zerbrach: Vom Ende des Kommunismus bis Kosovo
quelle: wikimedia
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Betrinken und Beklagen mit Quentin

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Die Welt ist entsetzt! Katar und Russland kriegen den Zuschlag für die Fussball-WM
3. Dezember 2010: Die Empörung am Tag nach der WM-Vergabe an Russland und Katar ist gross. Aus allen Rohren schiessen die Medien gegen Sepp Blatter und seine FIFA. Besonders harsch ist die Kritik in England.

Am Freitagmorgen des 3. Dezember 2010 gibt es in England nur ein Thema: die FIFA und Sepp Blatter. Selten wehte einem Schweizer auf der britischen Insel so viel Hass entgegen wie an jenem Dezembertag. Keine Zeitung, kein Pubgespräch, in dem der FIFA-Boss und seine Organisation unbescholten davonkommen.

Zur Story