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Der Ort, wo genau hingeschaut wird.
Der Ort, wo genau hingeschaut wird.
Bild: watson

So sieht's beim Schweizer VAR aus (der nicht im Keller sitzt)

Wenn am Freitag die neue Super-League-Saison beginnt, dann kommt erstmals im Schweizer Fussball auch der VAR zum Einsatz. Ein Besuch in den Räumlichkeiten, in denen künftig Penaltyszenen und Platzverweise ganz genau betrachtet werden.
17.07.2019, 21:3118.07.2019, 14:34

Sitzt der VAR im Keller?

Nein. Aus der Bundesliga ist der «Kölner Keller» berühmt-berüchtigt. In der Schweiz ist der VOR des VAR – der Video Operation Room des Video Assistant Referees – im 2. Stock eines Bürogebäudes in Volketswil in der Agglomeration von Zürich.

In diesem Gebäude hat sich der VAR einquartiert.
In diesem Gebäude hat sich der VAR einquartiert.
Bild: watson

«Video Operation Room» ist ein gar sperriger Ausdruck und die Abkürzung VOR zu nahe an VAR. «Volketswiler Keller» geht nicht, weil die Zentrale eben nicht unter der Erde ist. Also wird sich der Boulevard etwas einfallen lassen müssen. «Volki-Verlies» vielleicht?

Wie sieht's drinnen aus?

Nun ja, eine grosse Überraschung ist der Raum nicht. Aber treten wir doch ein:

Bild: watson

In der Video-Zentrale sind ein Arbeitsplatz für einen Supervisor und fünf jeweils identische Arbeitsplätze für den VAR, einen Assistenten und einen Techniker installiert. So sieht eine dieser Stationen aus:

Immer gleich: Links der Assistent, in der Mitte der VAR und rechts ein Techniker.
Immer gleich: Links der Assistent, in der Mitte der VAR und rechts ein Techniker.
Bild: KEYSTONE

Wie läuft es ab?

Wir sehen auf diesem Bild in der rechten Hälfte die zwei Bildschirme des VAR, links jene beide seines Assistenten:

Bild: KEYSTONE

Auf dem oberen Bildschirm schaut der VAR das Spiel, stets aus der Totalen, also aus der gleichen Kamerasicht. Bemerkt er nun einen möglichen Regelverstoss, drückt er den grünen Knopf und sagt seinem Assistenten und dem Operator, was er genau anschauen möchte, zum Beispiel «Check possible penalty».

Bild: watson

In diesem Moment schaut der VAR auf die unteren vier Bildschirme. Dort läuft das Spiel mit drei Sekunden Verzögerung und der VAR sieht in Echtzeit aus verschiedenen Perspektiven die Szene, die ihn interessiert. Mit dem Kommando «Reset» signalisiert er, dass in der Szene kein Regelverstoss vorliegt. Andernfalls drückt er den roten Knopf, um direkt mit dem Schiedsrichter im Stadion zu kommunizieren.

Wieviele Kameras stehen im Einsatz?

Spiele, die von Teleclub übertragen werden, werden mit sechs Kameras gefilmt. Die Livespiele im Schweizer Fernsehen werden von zehn Kameras erfasst. Der VAR hat Zugriff auf alle diese Signale. Die Verantwortlichen sind davon überzeugt, dass diese Anzahl Kameras ausreichend ist.

Was macht der Assistent?

Er ist primär dazu da, um das Spiel dann zu beobachten, wenn der VAR sich eine Szene genau anschaut. Sollte es in dieser Zeit eine weitere strittige Szene geben, meldet er dies. Dem VAR ist es auch erlaubt, seinen Assistenten um eine Zweitmeinung zu bitten. Vorgeschrieben ist eine Absprache aber nicht.

Bild: KEYSTONE

Was macht der Techniker?

Er ist dafür zuständig, dass alles reibungslos funktioniert und dass der VAR (und gegebenenfalls der Schiedsrichter im Stadion) jene Einstellungen sieht, die ihm nützlich sein können. Erfahrung als Schiedsrichter wäre ein Vorteil, ist aber kein Muss.

Was macht der Supervisor?

Er überwacht den VAR. Wichtig: Er ist nicht dazu da, um in die Entscheidungsfindung einzugreifen. Er ist dazu da, um sicherzustellen, dass die Abläufe korrekt sind und dass nur das abgeklärt wird, was auch abgeklärt werden darf.

Der Supervisor sitzt dem VAR-Team im Nacken.
Der Supervisor sitzt dem VAR-Team im Nacken.
Bild: watson

Was darf denn abgeklärt werden?

Der VAR unterstützt den Schiedsrichter laut Regelbuch «bei einem klaren und offensichtlichen Fehler oder wenn er einen schwerwiegenden Vorfall übersehen hat.» Allerdings nicht immer, sondern nur in diesen vier Fällen:

  • Tor: Bei jedem Treffer wird gecheckt, ob kein Regelverstoss des angreifenden Teams vorlag. Ist dies der Fall, gibt der VAR dem Schiri grünes Licht, die Partie fortzusetzen.
  • Penalty: Der VAR schaltet sich nur bei klaren Fehlentscheiden des Schiedsrichters ein. Ist dessen Entscheid vertretbar – manche Situationen können in beide Richtungen beurteilt werden –, schaltet sich der VAR nicht ein.
  • Rote Karte: Jede direkte Rote Karte wird auch vom VAR beurteilt. Liegt eine Fehleinschätzung des Schiedsrichters vor, kann diese korrigiert werden. Der VAR schaltet sich aber nicht bei Gelb-Roten Karten ein, da es sich in diesem Fall ja um eine Gelbe Karte (bzw. um die zweite Gelbe) handelt.
  • Spielerverwechslung: Zeigt der Schiedsrichter dem falschen Spieler eine Gelbe oder Rote Karte, korrigiert ihn der VAR.

Wer fällt den endgültigen Entscheid?

Stets der Schiedsrichter auf dem Platz. Allerdings ist es nicht nötig, dass er sich alles selber ansieht. Bei faktischen Entscheiden muss der Schiri dem VAR vertrauen, also in Situationen, die nicht interpretiert werden müssen: War der Ball draussen? War ein Spieler offside? War ein Foul inner- oder ausserhalb des Strafraums?

Bei subjektiven Entscheiden (z.B. Penalty oder nicht? Gelbe oder Rote Karte?) hat der Schiedsrichter die Möglichkeit, sich auf den Ratschlag des VAR hin die Szene selber am Bildschirm anzuschauen, um sie aus einem anderen Blickwinkel als auf dem Feld nochmals beurteilen zu können.

Wie lange dauert die Entscheidungsfindung?

Es gibt kein Zeitlimit. «Richtigkeit ist wichtiger als Schnelligkeit», sagt VAR-Projektleiter Hellmut Krug. «Aber ich hoffe, dass es deutlich weniger Zeit benötigt, als es zuletzt teilweise an der Frauen-WM der Fall war.» Krug wirft ein: Wenn man mehrere Minuten benötigt, um einen Entscheid zu prüfen – war es dann wirklich ein klarer, offensichtlicher Fehler des Schiedsrichters? Nur diese dürfen ja überprüft werden. Die Schweizer Haltung ist, dass der VAR zurückhaltend eingesetzt werden soll: So wenig wie nötig, so nützlich wie möglich.

So wird in der Video-Zentrale kommuniziert.

Was, wenn die Technik ausfällt?

Bei den Schulungen der Unparteiischen wurden verschiedene Szenarien durchgespielt. Sollte das System komplett ausfallen, werden Teams und Zuschauer darüber informiert.

Bild: KEYSTONE

Gibt es Unterschiede zur Bundesliga oder Champions League?

Ja. In der Schweiz gibt es keine Torlinientechnologie und keine kalibrierte Abseitslinie, beides hauptsächlich aus Kostengründen. Der Abseitslinie, wie man sie aus der Bundesliga kennt, steht die Swiss Football Liga zudem kritisch gegenüber. Das «Millimeterlä» beim Offside widerspreche der generellen Haltung, nur klare Fehler des Schiedsrichters zu korrigieren.

Gibt es nun keine Fehlentscheide mehr?

Nein, damit muss – oder darf? – der Fussball weiterhin leben. Projektleiter Hellmut Krug gibt ein Beispiel: 92. Minute, es steht 0:0, der Schiedsrichter gibt einen Freistoss, 18 Meter vom Tor entfernt. Auf TV-Bildern sieht man, dass es ein klarer Fehlentscheid war. Der Ball geht rein, es ist das 1:0, das Spiel ist aus. Und das Tor zählt, obwohl der Freistosspfiff klar falsch war – weil Freistösse nicht vom VAR überprüft werden dürfen. Ganz egal, ob in der ersten oder letzten Minute.

Der VAR mache den Fussball fairer, transparenter und gerechter, so der Standpunkt der Liga, aber der VAR erreiche keine 100-prozentige Gerechtigkeit.

Dass es trotz VAR auch künftig Diskussionsstoff geben wird, bewies eine Szene des Testspiels zwischen Sion U21 und Bavois, das Medienvertreter in Volketswil mitverfolgen konnten. In einer Szene hätte es nach einem mit dem Arm abgelenkten Freistoss einen Penalty geben müssen. Obwohl das aus der Hintertorkamera deutlich zu sehen war, übersah es der VAR. Er bestätigte stattdessen den Entscheid des Schiedsrichters auf Eckball. Natürlich war es keine Absicht der Verantwortlichen, aber besser hätten sie es nicht verdeutlichen können, dass auch der VAR ein Mensch ist.

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