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Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. bild: watson

Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Bild: watson

Eine Geschichte, die meine Familie nie erzählte – und die mich nach Auschwitz führte

Agatha Kremplewski / watson.de



Ich muss ungefähr fünf gewesen sein, als ich meine Grosstante Halina in Polen besuchte. Sie war die älteste Schwester meiner Grossmutter väterlicherseits und lebte allein in einem Vorort.

Ich erinnere mich, dass mein Vater auf dem Weg zu Tante Halina sagte: «Du wirst eine tätowierte Nummer auf ihrem Arm sehen. Frag sie nicht danach.»

Wahrscheinlich hat mein Vater damals versucht, mir zu erklären, dass es diese bösen Orte gab, an die Menschen gebracht und tätowiert wurden – die meisten von ihnen aber nicht zurückgekommen sind. Ich weiss es nicht mehr genau. Ich weiss nur, dass ich furchtbare Angst vor dieser tätowierten Tante hatte, die so unnahbar war und die ich nicht fragen durfte, was mit ihr passiert war.

75 Jahre Auschwitz-Befreiung

Am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee die Häftlinge des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz im von Hitler-Deutschland besetzten Polen befreit. Allein dort brachten die Nationalsozialisten mehr als eine Million Menschen um. Der Holocaust kostete insgesamt rund sechs Millionen Juden das Leben.

Ich war noch ein kleines Kind, als ich das erste Mal von Auschwitz hörte

Das war das erste Mal, dass ich von Auschwitz erfuhr. Warum meine Tante dort gewesen ist, weiss ich nicht. Niemand in unserer Familie ist jüdisch, niemand war politisch aktiv, um mal die beiden wahrscheinlichsten Gründe auszuschliessen. Fragen konnte ich meine Tante nicht – ich habe sie nie mehr wiedergesehen, wir haben nie wieder über sie gesprochen. Wahrscheinlich lebt sie nicht mehr.

Einmal habe ich Fotos einer kahlgeschorenen Frau im Sträflingsanzug gefunden: meine Tante Halina.

Einmal nur, als ich schon erwachsen war, habe ich alte Fotos meines Vaters durchsucht und dazwischen die Aufnahmen einer kahlgeschorenen Frau im Sträflingsanzug gefunden. Auf der Rückseite mit blauem Kugelschreiber der Name: Halina. Meine Mutter war entsetzt, dass wir das Foto zu Hause hatten – wahrscheinlich hat sie es weggeworfen. Sie erinnert sich nicht.

In vielen Familien herrscht Schweigen über den Zweiten Weltkrieg

Schon in der Schule lernen wir über die Nazis und den Holocaust. Wir wachsen auf mit einem Wissen darüber, was die Deutschen im Zweiten Weltkrieg getan haben. Ein Wissen, das uns eine Mahnung sein soll.

Das Wissen macht allerdings oftmals Halt vor der eigenen Familie: Wir teilen ein in Opfer und Täter – und wissen nicht, ob sie Teil unserer Familien-Geschichte sind. Oder haben eine Ahnung, fragen aber nicht genauer nach. Weil es unangenehm ist. Wenn ich meine Mutter frage: «Warum haben wir nie über Tante Halina gesprochen?» Dann sagt sie: «Sie selbst hat nie etwas über Auschwitz gesagt. Man hat sich früher eben nicht damit gerühmt, an so einem Ort gewesen zu sein.»

Auch bei vielen meiner Freunde und Bekannten herrscht Schweigen in den Familien. Ein Freund erzählte zum Beispiel, dass er immer geglaubt habe, sein Opa wäre gegen die Nazis gewesen. Dass er dennoch aus den besetzten Gebieten in Polen kam und der Urgrossvater Munition hergestellt hat – das hat er sich lange Zeit nicht bewusst gemacht.

Eine andere Freundin traut sich nicht zu fragen, warum über ihren Grossvater nicht gesprochen wird – hat aber eine dunkle Vermutung. Eine weitere Freundin erzählt Geschichten über ihren Opa, eine schillernde Persönlichkeit. Der Grossvater war während des Zweiten Weltkriegs Bürgermeister. Das Wort Nazi fällt in diesen Erzählungen nicht.

Wenn wir nicht mehr mit Menschen sprechen können, müssen wir Orte sprechen lassen

Wie können wir unsere Geschichte verstehen, wenn wir sie nicht an uns heranlassen? Keine emotionale Bindung mit ihr zulassen? Schweigen? Und in vielen Fällen auch schweigen müssen: Denn die Anzahl der Menschen, die wir über ihre Taten und Schicksale im Zweiten Weltkrieg befragen könnten, wird immer geringer.

Ich kann meine Tante, meine Grossmutter, meinen Vater nicht mehr fragen – denn sie sind nicht mehr am Leben. Deswegen beschliesse ich, einen Ort sprechen zu lassen – den Ort, an dem meine Tante war: Auschwitz.

Ich dachte immer: Auschwitz ist nicht meine Geschichte.

Noch nie in meinem Leben habe ich ein Konzentrationslager besucht. Ich kann nicht genau sagen, warum. Vor Kurzem erst habe ich mit Freunden darüber gesprochen. Sie waren erstaunt: Ob wir nicht mal mit der Schule hingefahren seien? Nein, nie. Wenn ich versuche, zu begründen, warum ich nie allein hin bin, komme ich ins Straucheln. Weil meine Tante in Auschwitz war, zu nah dran. Weil ich keine Lust auf die Touris habe. Vor allem aber: Weil es ja irgendwie nicht meine Geschichte ist.

Ich merke selbst, dass meine Gründe fadenscheinig sind.

«Fahr doch einfach mal hin», sagte einer aus der Runde.

Der KZ-Besuch beginnt ähnlich wie ein typischer Touri-Ausflug

Kurz vor Antritt meiner Reise bin ich nervös – und finde mich selbst lächerlich deswegen. Es geht schliesslich nicht um mich. Ich möchte sehen, was meine Tante gesehen hat – um ihre Geschichte besser zu verstehen.

Am Wochenende vor dem 27. Januar, dem 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, schliesse ich mich einer Reisegruppe an. Am Morgen des 25. laufe ich zügig durch Krakau, es ist kalt, ein eisiger Wind weht durch die leeren Strassen der Altstadt. Nach nur 15 Minuten bin ich am Treffpunkt angelangt und warte inmitten von Italienern, Spaniern und US-Amerikanern. Deutsche sind kaum dabei.

Die Stimmung ist, wie sie vor touristischen Ausflügen meist ist: ein wenig verschlafen, aber fröhlich. Die Italiener neben mir hören laut 50 Cent und wippen mit. Bis hierhin scheint der KZ-Besuch, wie bereits befürchtet, eine typische Touri-Aktivität. Nur, dass ich das nicht so schlimm finde wie erwartet.

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An der Sicherheitskontrolle in Auschwitz I. bild: watson

Nach eineinhalb Stunden etwa kommen wir im Stammlager Auschwitz I an. Hier war das Arbeitslager. Vor dem Zaun am Eingang zum Parkplatz stapeln sich die Reisegruppen, Guides schreien auf verschiedenen Sprachen durcheinander, jeder versucht, seine Gruppe auf das Gelände zu bekommen. In der Ferne sehe ich Steinbaracken.

Das Auschwitz-Museum quillt über vor Besuchern

Das Besucherzentrum, an dem wir vorbeilaufen, ist spärlich und wirkt wie ein Kompromiss: Wir sind hier in einem ehemaligen Arbeitslager. Aber wir wollen auch Kaffee zum Aufwärmen, Toiletten und Postkarten. Während wir an der Sicherheitskontrolle anstehen, schwärmt eine Frau hinter mir im schwäbischen Dialekt, wie schnell das in der Toiletten-Schlange gegangen sei. Obwohl doch so viele Besucher da seien.

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Das Besucherzentrum im Auschwitz-Museum. bild: watson

Dann bekommt jeder einen Kopfhörer, unsere deutschsprachige Gruppenleiterin führt uns von Gebäude zu Gebäude, erzählt mit nüchterner Stimme, welche Gräueltaten sich wo abgespielt haben. Dicht aneinandergedrängt laufen wir vorbei an Bergen von menschlichen Haaren, Türmen von Schuhen. Hier ist das Geschirr, das die Insassen mitgenommen haben, weil sie geglaubt haben, in Auschwitz ein neues Leben beginnen zu können. Dort ist eine Dose Nivea-Creme, die beweist: Alles, was hier geschehen ist, ist nicht lange her.

Im Gänsemarsch laufen wir durch die düstere Gefängnisbaracke. Werfen eilig einen Blick durch Gucklöcher in die Zellen. Sehen die Hungerzelle, in der Häftlinge zum Verhungern einsassen. Die Stehzelle, in der bis zu vier Insassen auf 90 mal 90 Zentimetern stehen mussten. Sprechen über Dr. Mengeles Versuche. Sehen Fotos von kastrierten Kindern. Bleiben stehen vor der Baracke, in der der Gynäkologe Carl Clauberg Frauen zwangssterilisierte. Schweigen an der Schwarzen Wand, an der Häftlinge erschossen wurden.

Der Ort wirkt fast wie eine typische Touri-Aktivität. Aber wie sollte man ihn auch anders zeigen?

Die Informationen überschlagen sich. Ich merke: Ich bin genervt. Es ist laut, es ist eng, unsere Gruppenleiterin redet nahezu ununterbrochen. Ich sehe die zahlreichen Menschen um mich herum an, die sich oft interessiert, meist aber neutral wirkend alle Details, jedes Bild, jedes Dokument anschauen.

Ich denke, der Ort wirkt nahezu wie eine typische Urlaubsaktivität. Menschenmassen, die durchgepresst werden, und Ausstellungsstücke, die schnell und emotional wirken sollen.

Und dann frage ich mich: Aber wie sollte man diesen Ort auch anders zeigen?

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Die Besucher des Auschwitz-Museums mit Audio-Guides. bild: watson

Meine Tante ist wahrscheinlich rein zufällig in Auschwitz gelandet

Nach der einzigen Gaskammer und den Öfen, die noch erhalten sind, machen wir eine kurze Pause. Ich beobachte zwei Frauen, die sich weinend in den Armen liegen. Unsere Gruppe wirkt dagegen sehr gefasst.

Während wir Richtung Ausgang laufen, um weiter nach Auschwitz-Birkenau, dem Vernichtungslager, zu fahren, spreche ich unsere Gruppenführerin auf meine Tante an. Warum sie hier gewesen sein könnte. Sie antwortet: «Es waren ja nicht nur Juden und politische Gefangene hier.»

«Das weiss ich», sage ich. «Aber ist es wirklich möglich, dass es reiner Zufall war, dass meine Tante hier gelandet ist?»

Viele Insassen sind in Auschwitz gelandet, weil sie im Zuge von Razzien mitgenommen worden sind.

Nachdem wir uns zu diesem Zeitpunkt zwei Stunden lang damit beschäftigt haben, welche Systeme das Böse aufgebaut hat, welche Logik dahintersteckte, welche Berechnung, erfahre ich nun, welche Rolle die Willkür spielte. Viele Insassen sind in Auschwitz gelandet, weil sie im Zuge von Razzien (auf Polnisch: «łapanka») mitgenommen worden sind. Wer sich zufällig auf dem Strassenabschnitt befand, auf dem die Razzia stattgefunden hat, wurde mitgenommen und im Zweifelsfall in ein KZ gebracht.

«Vermutlich wird Ihre Tante auch so nach Auschwitz gekommen sein. Hat sie denn überlebt?»

«Ja, aber ich habe keinen Kontakt mehr zu ihr.»

«Schicken Sie doch eine Anfrage ans Archiv. Vielleicht finden die mehr über sie heraus.» Ich überlege es mir.

Wegen der Feierlichkeiten zum Jahrestag sieht Auschwitz-Birkenau anders aus als sonst

Ich hole mir an der Snack-Bar noch schnell einen Tee und eile zum Bus. Es geht weiter ins drei Kilometer entfernte Birkenau – Auschwitz II, das Vernichtungslager.

Hier zeigt sich ein ganz anderes Bild als im von Besuchern überfüllten Stammlager. Ein grosses Feld. Viel, viel grösser als gedacht. Wegen der Feierlichkeiten am Montag wurden grosse Maste mit Flutlichtern aufgestellt. Das berühmte Gebäude mit der Rampe, an der die Insassen selektiert worden sind, wurde aus Sicherheitsgründen mit einem Zelt überdacht. Unsere Gruppenführerin lacht, sie sagt: «Es sieht ein bisschen anders aus als sonst.»

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Die Gleise in Auschwitz, bereits für die Festlichkeiten zum Gedenken der Befreiung des Lagers vorbereitet. bild: watson

Wir laufen an den Gleisen entlang – dorthin, wo früher die Gaskammern und Öfen waren. Wir erfahren, dass die Asche der verbrannten Leichen überall gewesen ist. Dass sie auf die Insassen herunterregnete und an der Haut und der Kleidung haften blieb. Dass sie genutzt wurde, um Unebenheiten auf den Wegen auszufüllen. Dass im Winter mit ihr gestreut wurde. Ein verbrannter Geruch liegt in der Luft, den ich lange nicht aus der Nase bekommen werde.

Auf dem Weg zurück zum Bus versuche ich, den Geruch im kalten Wind wegzuatmen. Ich überlege, was meine Tante von all dem, was ich heute gesehen habe, erlebt hatte. Ob sie auch im Winter hier war, Holzschuhe getragen, auf dem Boden geschlafen hat. Welche Arbeit sie wohl verrichtet hat. Ob auf dem Haarberg im Stammlager auch ihre Haare dabei gewesen sind.

Je länger ich hier bin, umso weniger kann ich mir vorstellen, dass jemand dieses Lager überlebt hat. Dass ein Familienmitglied überlebt hat.

Nach dem Besuch weiss ich nicht, was ich fühlen soll

Kurze Zeit später, auf der Rückfahrt nach Krakau, bin ich erschöpft von der Kälte, dem Laufen, dem Gehörten – und schlafe ein. Als ich aufwache, weiss ich nicht, was ich fühlen soll. Nun war ich an dem Ort, den ich so lange gemieden hatte – und weiss nicht, ob ich nun mehr verstehe als vorher. Ich habe Dinge gesehen, die nicht zusammenpassen.

Ein Ort, an dem täglich fast 9000 Menschen vergast werden konnten. Der heute von bis zu 9000 Touristen täglich besucht wird.

Einen Raum, in den vier Häftlinge eingesperrt wurden, in dem ich sitzend gerade einmal meine Beine ausstrecken könnte.

Ein Feld, halb so gross wie ein Flugfeld, das nur dazu da war, um Menschen zu vernichten.

Fotos, die aussahen wie die meiner Tante. Mit Menschen, die diesen Ort im Gegensatz zu ihr nicht lebendig verlassen haben.

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Fotos der Insassen in Auschwitz. Keiner von ihnen hat überlebt. bild: watson

Nach meinem Besuch habe ich Fragen, die ich meiner Familie nicht mehr stellen kann

Ich erinnere mich an das Gespräch mit unserer Tour-Führerin, zücke mein Handy und suche die Webseite des Auschwitz-Museums. Dort finde ich ein Formular, um Informationen über Insassen anzufragen. Ich trage den Namen meiner Tante ein und schicke das Formular ab. Neun Wochen wird es dauern, bis ich eine Antwort bekomme.

Ich wünschte, ich könnte sagen: Es ist gut, dass ich nach Auschwitz gefahren bin. Der Ort hat zu mir gesprochen, ich habe Antworten. Das kann ich noch nicht. Ich fühle mich, als würde ich mich gegen meine Familie stellen, weil ich in einer Vergangenheit herumstochere, die offenbar niemand wiederbeleben wollte. Ich habe Fragen.

Jedes Jahr werden es weniger Menschen, denen wir unsere Fragen stellen, denen wir zuhören können.

Am 27. Januar fahren 200 ehemalige Insassen nach Auschwitz, um des Tages der Befreiung zu gedenken. 200 Menschen, die erlebt und überlebt haben, die wissen, wie dieser Ort gewesen ist – und die reden. Jedes Jahr werden es weniger sein, denen wir unsere Fragen stellen, denen wir zuhören können.

Egal wie die Geschichte unsere Familien getroffen hat, ob wir mit Opfern, Tätern, Mitläufern, oder wie auch immer man es nennen mag, verwandt sind: Lasst uns die Gelegenheit nutzen und mit den Menschen sprechen, mit unseren Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern, bevor es nicht mehr geht. Um Antworten zu finden. Um die Geschichte besser zu verstehen. Um Orte wie Auschwitz besser zu verstehen, die wohl alle unsere Leben überdauern werden.

DANKE FÜR DIE ♥
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