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Manche Begegnungen brennen sich für immer ein.  Bild:

FragFrauFreitag

Ein mir sehr wertvoller Mensch hat sich vor einigen Wochen das Leben genommen. Ich komme immer noch ganz schlecht damit klar. 



Ich bin immer noch täglich sehr traurig und denke täglich mehrere Male an ihn. Ich glaube, ich war ein wenig verliebt in ihn. Wir hatten vor 3 Monaten ein kleines einmaliges Techtelmechtel. Ich bin über Nacht geblieben, aber am Morgen, als er noch geschlafen hat, gegangen. Ich habe ihn danach noch ein paar Mal gesehen, aber wir haben nie darüber gesprochen. Ich dachte, es bleibt genügend Zeit, zu klären, was wir sind und was es bedeutet hat. Die Zeit war leider beschränkt und er hat sich einen Monat später das Leben genommen. Die Fragen, die nicht geklärt sind, quälen mich dermassen. Ich hätte ihm noch so viel sagen wollen. Ich frage mich, wie lange es so weh tut. Leila, 31

Liebe Leila

Es tut mir so furchtbar leid, zu lesen, dass Sie auf diese Art und Weise einen Menschen verloren haben. Mein Beileid von Herzen, liebe Leila.

Jedes unausgesprochene Wort schmerzt einen, sobald man einen Menschen zu früh verliert. Es wird einem jegliche Chance genommen, Notwendiges klarzustellen und diese Unwiederbringbarkeit ist sehr schwer zu ertragen. In Ihrem Fall hatten Sie keinerlei Chance, Sie konnten nicht damit rechnen, dass der Freund sich das Leben nimmt. Das macht Suizid auch so ungerecht für all die Menschen, die zurückbleiben und die man der Möglichkeit eines Auseinandersetzens beraubt. Diese Tatsache kann Sie ohnmächtig und sogar bisweilen wütend machen. Es ist wichtig, dass Sie auch solche Gefühle zulassen.

Wir Menschen sehen den Tod als etwas sehr Endgültiges und berauben uns damit jeglicher Möglichkeit, im Dialog mit dem betreffenden Menschen zu bleiben. So habe ich bis vor Kurzem auch gedacht. Nach der Lektüre der Bücher von Elisabeth Kübler Ross, der vermutlich bekanntesten, 2004 verstorbenen Sterbebegleiterin, denke ich allerdings etwas anders darüber. Elisabeth hat Hunderte von Menschen in deren Tod begleitet und ihre Erfahrungen zeigen, dass es nach dem Sterben nicht einfach fertig ist. Von Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben und danach ins Leben zurückgeholt wurden, weiss man, dass Beziehungen bestehen bleiben, auch wenn jemand diese Welt verlässt. Die Seelen der Verstorbenen besuchen die Hinterbliebenen und ich bin der festen Überzeugung, dass man Dinge, die man vor dem Tod nicht gesagt hat, auch danach noch sagen kann.

Leider kann ich nicht sagen, wie lange Sie noch trauern werden. Das ist ein sehr persönlicher Prozess, für den es keine Zeitangaben gibt. Aber ich denke, dass es Ihnen helfen könnte, wenn Sie den Dialog wieder aufnehmen, indem Sie alles das sagen, was Sie noch gerne hätten sagen wollen. Vertrauen Sie darauf, dass Sie gehört werden. Das Inkontakttreten mit Verstorbenen ist in vielen Kulturen fest verankert und hat nichts mit Voodoo oder Hokuspokus zu tun. Es gibt uns die Möglichkeit, mit dem verschiedenen Menschen ins Reine zu kommen und ihn danach leichter loszulassen.

Und vielleicht hilft es Ihnen, künftig achtsam im Bezug auf die Dinge zu sein, die Sie anderen eigentlich sagen möchten. Auch ich musste erst eine entsprechende Erfahrung machen, um zu lernen, dass sich gewisse Gespräche nicht aufschieben lassen. Heute bin ich in dieser Beziehung sehr tiefgreifend; ich formuliere meine Gefühle ohne Angst, etwas von mir zu verlieren, indem ich mich preisgebe. Aber auch ich musste dies erst schmerzhaft lernen und ich würde Ihnen wünschen, dass dies auch Ihnen künftig leichter fallen wird.

Mit einer herzlichen Umarmung. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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Bild: Kafi Freitag

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