Eskalation am Kanti-Abschlussfest in Wettingen: Das ist bisher bekannt
Was ist passiert?
Vergangene Woche fand an der Kantonsschule Wettingen die «Uselütete» statt – ein mehrtägiges Abschlussfest der Maturklassen. Eine Gruppe von rund 40 Personen tauchte am Mittwoch plötzlich auf dem Gelände auf. Dabei kam es zu massiven Ausschreitungen: Menschen wurden mit Mehl, Essig, Eiern oder anderen Gegenständen beworfen, zudem wurden Feuerwerk und Böller gezündet und Sprayereien angebracht, berichtet die Aargauer Zeitung. Eine Schülerin, neben deren Kopf ein Böller explodierte, hatte danach eine Gehörschädigung, erklärte der Wettinger Rektor Paul Zübli. Ein anderes Mädchen habe eine Ohrfeige erhalten.
Weiter wurden vulgäre Parolen gerufen, einige Beteiligte waren vermummt. Lehrpersonen wiesen die Gruppe schliesslich weg.
Wer war beteiligt?
Die Ermittlungen dazu laufen noch, die Polizei steht im Austausch mit den Schulen. Daniel Franz, Rektor der Kantonsschule Baden, sagte ein paar Tage danach zur Zeitung: «Das Gros der Gruppe stammt ganz klar von unserer Schule.»
Einige seien für grenzüberschreitendes Verhalten bekannt, zudem gebe es Hinweise, dass einige Beteiligte auch der Südkurve des FC Zürich angehören. «Sie tragen dieses ‹Gedankengut› in sich und nutzen möglicherweise solche Gelegenheiten, sich zu inszenieren.»
Die Ausschreitungen hätten ihn denn auch an Hooligans oder den sogenannten Schwarzen Block erinnert. Franz glaubt, dass es sich um eine – zumindest teilweise – geplante Aktion gehandelt hat. Die Eier, die geworfen worden waren, seien ja auch von jemandem mitgebracht worden. Lehrpersonen hätten im Vorfeld ausserdem Gerüchte von einer Aktion mitbekommen, bei der sich auch spontan Schüler angeschlossen hätten.
So reagieren die Schulen
«Wir sind entsetzt über das, was geschehen ist. Es überschreitet jede Grenze und hat an unserer Schule keinen Platz», sagt Daniel Franz von der Kanti Baden. Per Mail habe er sich bei der Kanti Wettingen entschuldigt. Er betont: «Ich will nie wieder solche Bilder sehen.»
Deshalb soll der Fall nun sauber aufgearbeitet werden. Anschliessend sollen auch Rahmenbedingungen für künftige Anlässe geprüft werden. Die Schule müsse ihre Aufgabe wahrnehmen: «Wir haben es mit Jugendlichen zu tun, die teilweise grosse Mühe haben, sich an Regeln zu halten und wenig Bewusstsein dafür haben, welche Grenzen sie nicht überschreiten sollten. Wir sind nicht die einzige Schule mit solchen Problemen», sagt Franz zur Aargauer Zeitung.
Das sagen die Schülerinnen und Schüler
Wettinger Maturandinnen und Maturanden sprechen von einem Schockmoment. «Ich empfand Wut und Angst, vor allem da Feuerwerkskörper und Eier geworfen wurden. Etwa 50 Männer kamen auf uns zu und haben laut ‹Scheiss Wettige› geschrien», erzählt eine Schülerin gegenüber der Aargauer Zeitung.
Die Schüler glauben, dass es sich um eine geplante Aktion handelt: «Laut unseren Informationen kamen die Personen bereits am Morgen schwarz gekleidet in die Kanti Baden, weshalb wir denken, dass eine Ausschreitung im Vorfeld geplant war.» Es kursierten jedoch auch viele Gerüchte.
Zwischen den Schülerschaften der Kanti Baden und Wettingen gibt es schon lange eine gewisse Rivalität – jedoch keine Feindschaft. «Natürlich gibt es hie und da Neckereien und Sticheleien, diese sind aber meist nicht ernst gemeint. Die beiden Kantis machen sich immer wieder über die gegenseitigen Stereotypen lustig», sagt ein Wettinger Schüler. Die Aktion von vergangener Woche müsse jedoch polizeilich und juristisch aufgearbeitet werden.
Ein Schüler von der Kanti Baden hingegen erzählt gegenüber 20 Minuten, wie es offenbar zum Überfall kam: Eine geplante Wasserschlacht auf dem Gelände der Kanti Baden sei kurzerhand nach Wettingen verlegt worden, als entdeckt worden sei, dass in der Nacht ein Plakat aufgehängt worden war, auf dem «Kanti Baden» durchgestrichen war.
Weil eine solche Wasserschlacht eigentlich nicht auf dem Gelände erlaubt war, hätten einige Masken mitgenommen. Er betont: «Die Intention der meisten war nie, irgendjemandem zu schaden.» Er schäme sich nun auch, Teil der Gruppe gewesen zu sein. Die Eier und das Feuerwerk seien nicht vereinbart gewesen.
Der 19-Jährige findet es gut, wenn die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Dennoch fürchtet auch er Konsequenzen, obwohl er nach eigenen Angaben keine Grenzen überschritten hat. «Wir haben nun Angst, dass wir als Nebenakteure auch strafrechtliche Konsequenzen tragen müssen.»
So reagiert der Kanton
«Wir sind erstaunt und erschüttert, mit welcher Hemmungslosigkeit die betreffende Gruppe von Jugendlichen vorgegangen ist», teilt das Departement Bildung, Kultur und Sport des Kantons Aargau gegenüber der Aargauer Zeitung mit. Derzeit würden Abklärungen laufen. Konkretere Auskünfte will das Departement deshalb nicht geben.
Diese Konsequenzen drohen den Beteiligten
Noch ist nicht ganz klar, womit die Beteiligten rechnen müssen. Die Schulen sammeln Bild- und Videomaterial, die Identifizierung läuft noch. Einerseits müssen sie mit strafrechtlichen Folgen rechnen. Auch ein Schulausschluss werde geprüft. Das könnte gleichzeitig bedeuten, dass Betroffene den Abschluss verpassen. Franz betont jedoch: «Erst wenn wir alle Fakten haben, können wir allfällige disziplinarische Massnahmen bestimmen.» (vro)
