Aufstand gegen Trump: Wende in Washington zugunsten der Ukraine
Noch vor wenigen Monaten schien die Linie der zweiten Trump-Regierung eindeutig: Druck auf Kiew, Streicheleinheiten gegenüber Putin und Waffenlieferungen an die Ukraine nur gegen Cash durch europäische Verbündete. Trumps Fokus liegt auf einem Deal mit Moskau.
Doch in den vergangenen Tagen mehren sich in Washington die Anzeichen für einen bemerkenswerten Stimmungsumschwung – nicht unbedingt im Weissen Haus selbst, wohl aber im Pentagon, im sicherheitspolitischen Establishment und vor allem im Kongress.
Den deutlichsten Hinweis darauf liefert ausgerechnet Aussenminister Marco Rubio. Während eines Interviews mit Fox News sprach Rubio in ungewöhnlich emphatischen Worten über die ukrainischen Streitkräfte.
Contradicting every Trump talking point, US Secretary of State Marco Rubio says that Ukraine now has the strongest military in all Europe and that Russia is losing 5 times more soldiers than Kyiv. pic.twitter.com/FNX5mQmUEo
— Jay in Kyiv (@JayinKyiv) May 15, 2026
«Die Ukrainer haben neue Taktiken, Techniken, Ausrüstung und Technologien entwickelt, die eine Art hybriden asymmetrischen Krieg führen. Das ist beeindruckend», lobte Rubio. Noch bemerkenswerter war seine strategische Einordnung: Die Ukraine habe heute «die stärksten und mächtigsten Streitkräfte in ganz Europa».
Solche Aussagen wären noch vor wenigen Monaten aus dem Umfeld der Trump-Regierung kaum vorstellbar gewesen. Die Ukraine wird nicht mehr nur als gieriger und undankbarer Bettler von Rüstungsgütern dargestellt, sondern zunehmend als militärischer Innovator. Sie ist nicht mehr der Verlierer am Pokertisch «ohne Karten», sondern eine militärische Macht, von der selbst die USA lernen müssen.
Genau dieses Narrativ zieht sich inzwischen durch zahlreiche öffentliche Aussagen hochrangiger amerikanischer Militärs.
Revolutionäres Delta-System aus der Ukraine
Admiral Brad Cooper, der Chef des US-Zentralkommandos, sagte in einer Kongressanhörung, seine Streitkräfte hätten eine grosse Anzahl von «Taktiken, Techniken und Vorgehensweisen übernommen, welche die Ukraine an die USA weitergaben». Diese würden helfen, «Amerikaner zu verteidigen». Spezifischer wurde der amerikanische Heeresminister Dan Driscoll nach seiner Rückkehr aus Kiew.
CENTCOM Commander Admiral Cooper: We’ve adopted large number of tactics, techniques, and procedures that Ukrainians passed to us, which helped us defend Americans.
— Kate from Kharkiv (@BohuslavskaKate) May 15, 2026
All of our partners working with Ukrainians in some way, shape, or form. Are they more effective as a result? Yes. pic.twitter.com/gUPbV04T3v
Vor einem Ausschuss lobte Driscoll das ukrainische Gefechtsführungssystem Delta als technologisch überlegen gegenüber amerikanischen Lösungen. Das System integriere Drohnen, Sensoren und Feuerplattformen in Echtzeit in ein gemeinsames Netzwerk. «Wir haben nichts Vergleichbares», gab Driscoll zu. Amerikanische Truppen würden die ukrainischen Erfahrungen inzwischen systematisch studieren.
Diese Aussagen sind weit mehr als diplomatische Höflichkeiten. Im Fall von Driscoll stammen sie zudem von einem engen Vertrauten des «Ukraine-Hassers» JD Vance. Das zeigt, wie stark sich die Wahrnehmung der ukrainischen Armee innerhalb des amerikanischen Sicherheitsapparats verändert.
Parallel dazu wächst im US-Kongress die Ungeduld. Der republikanische Abgeordnete Don Bacon verurteilte die plötzliche Nichtentsendung von Truppen nach Polen medienwirksam als «törichte, schreckliche Nachricht» und «eine Blamage» für die USA. Federführend ist der ehemalige General aber auch bei einem parlamentarischen Vorgang, der als legislativer Aufstand im US-Kongress bezeichnet werden darf.
Mit einer sogenannten «Discharge Petition» erreichten Unterstützer des Ukraine Support Act vergangene Woche die Marke von 218 Unterschriften – genug, um eine Abstimmung über das Gesetz gegen den Willen der republikanischen Führung zu erzwingen.
Der Ukraine Support Act umfasst unter anderem 9,3 Milliarden Dollar an direkter Militärhilfe sowie Kredite für Waffenbeschaffungen. Damit könnten Luftabwehrsysteme, Drohnen und weitreichende Raketen wieder freigegeben werden.
Discharge Petition #8 will force a vote on the Ukraine Support Act. As Ukraine's forces continue liberating stolen territory, Liberty hangs in the balance. Our effort, 218 strong, shows bipartisan Congressional support for Ukraine's defense of Liberty. pic.twitter.com/JYIdJ0gU3K
— Rep. Marcy Kaptur (@RepMarcyKaptur) May 14, 2026
Die Demokratin Marcy Kaptur würdigte die parteiübergreifende Allianz in einer emotionalen Rede im Repräsentantenhaus: «Die Freiheit der Ukraine und für die Nato steht auf dem Spiel.» Gleichzeitig zeigte sich Kaptur überzeugt, «dass dieses Gesetz in diesem Haus verabschiedet wird».
Selenski ändert seine Taktik gegenüber den USA
Genau darin liegt womöglich die strategisch wichtigste Entwicklung der letzten Tage. Denn Präsident Wolodimir Selenski scheint zunehmend erkannt zu haben, dass sein wichtigster Ansprechpartner in Washington nicht mehr das Weisse Haus ist, sondern der Kongress sowie die traditionellen sicherheitspolitischen Netzwerke der Republikaner.
Bezeichnend dafür war Selenskis Treffen mit Vertretern des konservativen Hudson Institute über Auffahrt in Kiew. In seiner anschliessenden Mitteilung betonte Selenski die gute Zusammenarbeit mit der US-Legislative. Die Amerikaner twitterten ihrerseits: «Das Hudson steht auf der Seite der Ukraine.»
Hudson stands with Ukraine 🇺🇸🇺🇦 https://t.co/r2YQlSbq4q
— Hudson Institute (@HudsonInstitute) May 14, 2026
Kiews Strategie ist offensichtlich: Während Trump öffentlich weiter auf geopolitische Grossdeals setzt, versucht die ukrainische Führung abseits des Scheinwerferlichts, im Washington eine zukunftsfähige, parteiübergreifende Koalition aufzubauen.
Andererseits wird die Ukraine nicht mehr als Belastung amerikanischer Macht betrachtet, sondern als militärischer Multiplikator im strategischen Wettbewerb mit Russland und China – was angesichts des amerikanischen Feststeckens im Iran-Krieg von doppelter Bedeutung ist.
Ob aufgrund dieses Drucks von unten tatsächlich eine grundlegende Kursänderung der Trump-Regierung entsteht, bleibt offen. Doch die letzten Tage haben gezeigt, dass die Kräfteverhältnisse in Washington komplexer geworden sind, als es die öffentliche Rhetorik des Präsidenten und seine berüchtigten Putin-Telefonate vermuten lassen. Offenbar trachten immer mehr Republikaner danach, angesichts der sich abzeichnenden Midterms-Schlappe wenigstens auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. (aargauerzeitung.ch)

