Die Roger-Köppel-Show an der Uni Zürich
Roger Köppel hat seine eigene Bühne an die Universität Zürich gebracht – samt Produktionsteam.
Nach dem tödlichen Attentat auf den US-Aktivisten Charlie Kirk im vergangenen Jahr hatte Köppel angekündigt, an Schweizer Universitäten debattieren zu wollen. Der Studierendenverein der Universität Zürich griff die Idee auf und machte daraus die neue Reihe «Debate a Politician».
Nun ist Köppel der erste Gast. Doch vor Ort wirkt der Anlass weniger wie ein neutrales Uni-Format als wie seine eigene Show: ein Zelt mit dem Schriftzug «Köppel auf dem Campus», derselbe Schriftzug auf dem Rednertisch, daneben Mikrofon, Kameras, mehrere Helfer und ein schwarzes Absperrband. Ein paar Meter weiter vorne, deutlich schlichter, steht das Mikrofon für die Studierenden.
Es ist kurz vor halb zwölf, als der Verleger der «Weltwoche», ehemalige SVP-Nationalrat und publizistische Dauerredner an den Tisch tritt. Offiziell geht es an diesem Mittwochmittag um Debattenkultur. Einige sind gekommen, um Köppel Fragen zu stellen. Andere wollen vor allem sehen, was passiert. Und für manche der rund 300 anwesenden, meist jungen Menschen, ist schon die Idee einer Debatte mit Köppel ein rotes Tuch.
«Köppel raus, Köppel raus», rufen einige aus dem Publikum. Sie skandieren: «Es gibt kein Recht auf Propaganda.» Ein Transparent wird hochgehalten. Darauf steht: «UZH nazifrei.»
Die Szene irritiert selbst Provokateur Köppel. «Freunde, so geht es nicht», sagt er mehrfach. Ohne Erfolg. Wenn Studierende ans Mikrofon treten, wird es oft ruhiger. Wenn Köppel antwortet, setzen die Sprechchöre wieder ein.
Viel virales Potenzial
Irgendwann tritt ein Student ans Mikrofon und spricht aus, was sich in diesem Setting aufdrängt. Er findet die Debatte «peinlich». Es gehe hier nicht um Austausch, sondern um eine Machtdemonstration. Köppel wolle «Clipfarming» betreiben, wie man es aus den USA kenne – also Konfrontationen erzeugen, aus denen sich kurze, zugespitzte Social-Media-Videos schneiden lassen. Eine «reine Contentproduktion» sei das hier.
Der Vorwurf passt zur Szene. Kameras sind auf Köppel gerichtet. Auch die Studierenden, die ihm Fragen stellen, werden gefilmt, sofern sie ihr Einverständnis geben. Jede Konfrontation kann später als Ausschnitt in den sozialen Medien funktionieren. Jede Empörung, jede Zwischenfrage, jeder Lacher: Rohmaterial mit viralem Potenzial.
Und davon gibt es genug.
Etwa, als eine Frau aus dem Protest ans Mikrofon tritt. Sie sagt, sie wolle gar nicht mit Köppel debattieren. Sie wolle ihm erklären, warum sie nicht mit ihm rede.
Dann zählt sie auf: Köppels frühere Äusserungen zur Ehe für alle. Seine Aussagen zum Islam. Sie sagt, sie sei queer, migrantisch, muslimisch. Sie sehe nicht, dass Köppel Menschen wie ihr Respekt entgegenbringe. Also könne auch sie ihm diesen Respekt nicht entgegenbringen. Ohne seine Antwort abzuwarten, verschwindet sie wieder im Protest.
Für Köppel ist auch das verwertbar.
Die beste Frage des Tages
Vielleicht kommt die präziseste Frage deshalb von einem Studenten, der sich selbst an den Zwischenrufen stört. Er sagt das auch. Der Lärm störe ihn. Dann richtet er sich an Köppel.
Ob Köppel nicht glaube, dass auch er mit seiner Politik und seiner Art zur Polarisierung beitrage – die dann genau solche Situationen hervorbringe? Wer jahrelang polarisiere, könne sich nur schwer als Opfer der Polarisierung darstellen.
Es stimmt: Der Protest macht Köppel das Debattieren an diesem Mittag schwer. Er wird unterbrochen, übertönt und immer wieder gezwungen, neu anzusetzen. Aber er hilft ihm auch.
Denn er bekommt dadurch einmal mehr die Rolle, die er seit Jahren beherrscht: die des Mannes, der reden will, während andere nicht mehr reden wollen. Der sagen kann: Seht her, genau darum braucht es diese Debatten. Köppel, der sich selbst als «Pflichtverteidiger aller Verdammten» bezeichnet.
Nach der Veranstaltung sagt Köppel zu watson, gewisse Gruppen hätten versucht, «das hier zum Entgleisen zu bringen» – aber sie hätten keinen Erfolg gehabt.
Der Protest wollte Köppel die Bühne nehmen. Doch diese Bühne war von Anfang an für den Konflikt gebaut.
