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Curdin Orlik am Eidgenössischen 2019 in Zug.
Curdin Orlik am Eidgenössischen 2019 in Zug.Bild: KEYSTONE

Curdin Orlik und sein Coming-out – na und?

Homosexualität in Zwilchhosen – geht nicht? Geht doch. Kein Problem. Ein Blick in die Kultur der «Bösen» erklärt, warum die Aufregung um das Coming-out von Curdin Orlik trotzdem so gross ist.
07.03.2020, 08:1408.03.2020, 12:37

Sagen wir es zur Einleitung salopp (was man mir verzeihen möge): Schwingen und schwul geht nicht. Oder doch?

Wenn sich die Sägemehlwolke der Aufregung erst einmal gelegt hat, wird das aufsehenerregende Coming-out von Curdin Orlik im Magazin des «Tages Anzeiger» niemanden mehr aufregen. Ja, sein Coming-out ist ein Segen für die starken Männer in den Zwilchhosen. Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurfte, dass Schwingen in der Welt von heute angekommen ist, dass Schwingen rein gar nichts mit rückständiger Gesinnung oder Intoleranz zu tun hat – dann ist er jetzt erbracht.

Die Aufregung ist verständlich. Das Volk der Schwinger hat halt schon immer den Strömungen der Zeit ein bisschen länger getrotzt. Die Kultur der Schwinger wirkt nach wie vor ein wenig wie das «Gallische Dorf» aus Asterix und Obelix im Weltreich der Römer. Als eine Insel in der Zeit.

Ein Blick zurück hilft uns zu verstehen, warum jetzt Erstaunen, Aufregung und das Rauschen im Medienwald so gross sind.

Schwingen und Spitzensport? Sicher nicht. Schwinger üben im Schwingkeller. Das reicht. Schwingen ist Brauchtum und sicher nicht Sport. Satan des ungesunden sportlichen Ehrgeizes weiche von uns!

Das gilt noch bis tief in die 1970er Jahre hinein. Bis Ernst Schläpfer kommt, keck erklärt, er wolle König werden, Trainingsmethoden- und Lehren aus anderen Sportarten übernimmt – und 1983 und 1986 König wird.

Und was haben wir heute? Schwinger sind längst Spitzensportler. Soeben ist Christian Stucki Sportler des Jahres geworden. Der Nonkonformist Ernst Schläpfer hat übrigens für die SP politisiert, hat doktoriert und ist als erster und einziger König auch Obmann des Verbandes geworden. Die Schwinger können also sehr wohl mit Rebellen und anderen Meinungen und Einstellungen umgehen.

Bis in die 1990er Jahre heisst es: Werbung und Schwingen? Satan des Geldverdienens und der Hoffart und der Eitelkeit weiche aus dem Sägemehl! Verderbe uns nicht den Charakter! Geht gar nicht!

Unvergessen ist der epische Machtkampf zwischen Ernst Marti, dem erzkonservativen Obmann des Verbandes und Rudolf Hunsperger, dem nach Christian Stucki wohl populärsten Schwinger der Geschichte. Nur weil es «Rüedu» wagt, Werbung für Anzüge zu machen, im Zirkus mit einem Bären zu ringen, Interview zu geben und populär zu sein wie andere Spitzensportler seiner Zeit trifft ihn der Bannstrahl der Gralshüter der Schwinger.

Schwingen, längst ein Sport für die breite Masse.
Schwingen, längst ein Sport für die breite Masse.Bild: KEYSTONE

Und was haben wir heute? Schwinger dürfen Werbung machen und der Verband profitiert gar davon. Die Werbeindustrie hat letztes Jahr knapp 2,5 Millionen in die «Bösen» investiert. Zehn Prozent der persönlichen Werbeeinnahmen muss jeder als «Reichtumssteuer» an den Verband abführen. Fast eine Viertelmillion fliesst in die Verbandskasse.

Schwingen und Doping? Geht gar nicht! Ist völlig unmöglich! Noch in den 1990er Jahren gilt: Schwinger sind zwar Sportler und stählen ihre Muskeln nach modernen Trainingsmethoden im Kraftraum. Aber sie stärken sich mit «Chäs u Brot» und einem Stück Fleisch. Aber sicher nicht mit Chemie!

Inzwischen haben wir längst auch im Schwingen Doping-Fälle und die sorgen nicht für eine grössere öffentliche Aufregung als unerlaubte Leistungshilfen in anderen Sportarten.

Spitzensport, Werbegelder, Dopingfälle – eigentlich ist Schwingen längst ein Sport wie jeder andere auch. Aber die Aussenwahrnehmung ist eben noch immer eine patriotisch-romantische. Schwingen als heile Welt.

Gerade das letzte «Eidgenössische» in Zug war viel mehr als ein Sportanlass. Es war auch politisch aufgeladen. Als machtvolle Demonstration unseres Brauchtums und unserer Unabhängigkeit.

Wenn denn Homosexualität in einer Sportkultur ein Tabu war – dann wohl doch im Schwingen mit seiner «Macho-Kultur». Die Helden sind männlich, hart, mutig, unerschrocken und entsprechen dem jahrhundertelangen Bild des Mannes wie die «Bösen». Die Titanen des Sägemehls knien nach dem Wettkampf vor ausgewählten, jungen «Ehrendamen» (so ist die offizielle Bezeichnung) nieder um sich bekränzen zu lassen. Um noch einmal ein wenig salopp zu sein: Wer anregen würde, die Kränze von «Ehrenjungen» auf die Häupter der Bösen legen zu lassen, könnte nicht mit Beifall rechnen.

Christian Stucki, amtierender Schwingerkönig.
Christian Stucki, amtierender Schwingerkönig.Bild: KEYSTONE

Mit dem Coming-out von Curdin Orlik ist das Schwingen nun definitiv und für alle sichtbar in der Welt, in der Gesellschaft von heute, in der Kultur des 21. Jahrhunderts angelangt. Und dieses Bekenntnis wird ihm nicht schaden. Er wird keine dummen Sprüche zu hören bekommen. Ganz im Gegenteil. Seine Offenheit wird ihm Respekt von allen Seiten einbringen. Die Toleranz und Weltoffenheit der Schwinger wird nach wie vor unterschätzt.

Und da ist noch etwas: Warum ist eigentlich ein Coming-out eines Schwingers ein Medienereignis? Was ist die tiefere Ursache der Aufregung? Der Diskussionen? Ja, warum? Weil wir nach wie vor nicht so tolerant mit anderen Lebenseinstellungen und Minderheiten umgehen, wie es eigentlich im 21. Jahrhundert in einer modernen Gesellschaft selbstverständlich sein sollte.

Diese Toleranz ist erst erreicht, wenn ein Coming-out in Zwilchhosen bloss ein «na und?» auslöst.

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