Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
le mans 1955

Der Unfall von Le Mans. Screenshot: Youtube/37gajdosi

84 Tote bei Unfall

Unvergessen

11.06.1955: Die grösste Katastrophe des Motorsportes beendet auch die goldene Ära der Auto- und Töffrennen in der Schweiz

11. Juni 1955: 18 Uhr und 28 Minuten. Die dritte Stunde des 24-Stunden-Rennens von Le Mans ist angebrochen. Der Kampf an der Spitze ist hitzig. Die besten Piloten fahren die ersten zwei Stunden mit dem Tempo eines Grand Prix.  

Mike Hawthorn auf einem Jaguar und Formel-1-Weltmeister Juan-Manuel Fangio auf Mercedes ringen um die Spitze. 400'000 Zuschauer verfolgen dieses Duell der weltbesten Piloten. Nun wird für Hawthorn der erste Boxenhalt fällig. Auftanken. Es ist die 32. Runde. In hohem Tempo fährt der Brite gegen die lange Boxenreihe, die baulich noch nicht von der übrigen Rennpiste getrennt ist. Vor ihm fährt noch der überrundete Wagen mit der Nummer 26, der Austin-Healey des Briten Lance Macklin.

Mike Hawthorn riskiert in der Eile noch ein Überholmanöver und schwenkt dann brüsk nach rechts vor seine Box ein. Lance Macklin, irritiert durch dieses Manöver, tritt auf die Bremse und schert links aus. Dahinter brausen drei Mercedes-Piloten an, angeführt vom bereits überrundeten 50-jährigen Franzosen Pierre Levegh. Er donnert mit 280 Stundenkilometern heran, als vor ihm Lance Macklin die gerade Linie verlässt und nach links ausschert. Der Franzose hebt noch die Hand, um den nachfolgenden Fangio zu warnen. Dann kracht es. 

abspielen

So verlief der Unfall von Le Mans. Video: Youtube/Ben Smith

Leveghs Körper fängt Feuer, verletzte und tote Zuschauer

Leveghs Mercedes fährt links auf den niedrigeren Austin von Macklin auf und wird geschleudert. Dahinter, nur wenige Meter von der Rennpiste entfernt, stehen Mauern und ahnungslose Menschen. Pierre Levegh wird herausgeschleudert, während sein Auto förmlich zerrissen wird. Räder, Motor, Karosserieteile und Achsen fliegen wie Geschosse in die Zuschauer und schlagen blutige Breschen. Über 80 Menschen liegen tot oder verstümmelt hinter dem Wall. Pierre Leveghs Körper fängt Feuer. Der Gentleman Driver, auch ein begabter Eiskunstläufer, Eishockeyspieler und Tenniscrack, stirbt. 

Der geborstene Benzintank hat die Flammen entfacht. Der steuerlose Wagen von Macklin rast über die Strecke, prallt gegen die Abschrankung, tötet einen Polizisten und einen Streckenposten, schiesst auf die andere Seite hinüber und bleibt dort liegen. Fangio hat dieses Inferno aus Trümmern, Rauch und Flammen passiert und bleibt wie durch ein Wunder unversehrt. 

Spectators flee the searing flames of a smashed Mercedes racing car after an accident at Le Mans, France, endurance race which killed more than 80 persons, June 11, 1955. Behind these fleeing spectators is the scene where many were killed when hit by flying pieces of the racer which exploded after crashing into a retaining wall.  In the background are the pit stalls for the racers.  This is another in the series made by US soldier Jimmy Prickett of Electra, Texas. (KEYSTONE/AP Photo/Jimmy Prickett)

Panik bricht unter den Zuschauern aus. Bild: AP

Das Rennen geht weiter

Während die ersten Hilfsaktionen beginnen, Sanitäter, Ärzte und Priester sich um die Opfer kümmern, geht das Rennen weiter. Die Nacht sinkt herab, von Motorenlärm erfüllt. Der greise Rennleiter Charles Faroux bleibt unerbittlich. Für ihn ist diese furchtbare Tragödie einfach ein Rennunfall. Mercedes hingegen zieht um 2 Uhr die beiden im Rennen verbliebenen Autos zurück. Der sich abzeichnende Sieg – Juan-Manuel Fangio und Sterling Moss liegen zur Zeit des Rückzuges mit Rundenvorsprung an der Spitze – wäre sinnlos geworden. 

Nach dem Rennen gibt es eine heftige Debatte um die Schuldfrage. Mike Hawthorn, der sich am Ende als Sieger feiern lässt, wird zum Sündenbock. Er hat durch sein Manöver die Katastrophe ausgelöst. Allerdings gibt es auch eine andere Ansicht: Sein Manöver sei nicht ungewöhnlich gewesen. Lance Macklin habe falsch oder doch ungeschickt reagiert. 

British driver Mike Hawthorn reaches from the cockpit of his Jaguar D-Type to get a kiss from a local woman after winning the 24 Hours of Le Mans, June 12, 1955. At right is his co-driver, Ivor Bueb, also of Great Britain. The race was overshadowed by the deaths of at least 80 spectators and driver Pierre Levegh, when his Mercedes-Benz crashed into the crowd. (KEYSTONE/AP Photo/Str)

Mike Hawthron lässt sich als Sieger feiern, wird aber zum Sündenbock. Bild: AP

Bern sagt den GP ab

84 Menschen haben ihr Leben verloren. Diese furchtbare Tragödie hat internationale Auswirkungen. In der Schweiz wird ein Verbot für Rundstreckenrennen gefordert. Am 20. Juni 1955 wird der GP von Bern abgesagt. Der Verein «Grosser Preis für Automobile und Motorräder Bern» teilt mit: «Wir haben beschlossen, den diesjährigen Grossen Preis vom 21. August 1955 nicht durchzuführen. Die Organisatoren des Rundstreckenrennens, welche der Sicherheit der Zuschauer seit jeher grösste Aufmerksamkeit geschenkt haben, wollen zuerst die Untersuchungsergebnisse über die Ursachen des bedauerlichen Unglücks von Le Mans abwarten. Sie verzichten aus Pietät für dieses Jahr auf das Rennen.» 

Der GP von Bern 1954 wird dadurch das letzte Rundstreckenrennen auf Schweizer Boden. Der letzte Sieger am 22. August 1954 heisst Juan-Manuel Fangio auf Mercedes-Benz W 196 mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 159,650 km/h. Vor José Froilan Gonzales auf Ferrari 625 und Hans Hermann auf Mercedes-Benz W 196.  

abspielen

Die Zusammenfassung von Le Mans 1955. Video: Youtube/Gaston Parrilla

Schweiz wird zum einzigen Land mit Rundstrecken-Rennverbot

Die Motorsportgegner haben sich organisiert und lassen nicht mehr locker. Im Herbst 1955 lanciert der «Bund evangelischer Jugend der Schweiz» eine Petition, deren Ziel es ist, die Landesregierung zu einem allgemeinen Rundstreckenverbot zu bewegen. Mitte Dezember 1955 werden 106'718 Unterschriften deponiert. Am 3. Februar 1956 verweigert der Regierungsrat des Kantons Bern die Bewilligung für den GP von Bern 1956. Dabei spielt die Unfallstatistik des legendären Rennens auch eine Rolle. Zwischen 1947 und 1954, der letzten Austragung, hat es bei den Rennen in Bern 9 Tote und 44 Verletzte gegeben. 

Am 19. März 1957 beschliesst der Nationalrat im Rahmen der Ausarbeitung des neuen Strassenverkehrsgesetzes ein allgemeines Rundstreckenverbot. Der Ständerat moniert allerdings eine Verletzung der Kantonshoheit. Schliesslich lässt die Endfassung den Kantonen noch gewisse Freiheiten. Kleinere Rundstrecken wie Lignières ob Neuenburg dürfen Rennen durchführen. Aber die Schweiz ist nun weltweit das einzige Land mit einem Rundstrecken-Rennverbot und ist es bis heute geblieben. 

Nasse Fahrbahn bei den bei stroemendem Regen stattfindenden Motorradrennen des Grand Prix der Schweiz in Bern, aufgenommen im August 1954. (KEYSTONE/Ilse Guenther)

Der letzte GP von Bern fand 1954 im Regen statt. Bild: KEYSTONE

Motorsport war extrem populär

Es hat mehrere vergebliche Anläufe zur Aufhebung dieses Verbotes gegeben. Am 5. Juni 2007 hebt der Nationalrat das Verbot auf, aber der Ständerat geht auf das Geschäft nicht ein. Am 5. März 2009 das gleiche Szenario: Der Nationalrat stimmt einer Aufhebung des Verbotes zu, der Ständerat tritt nicht auf das Geschäft ein. Im März 2011 scheitert der bisher letzte Versuch erneut im Ständerat. 

Die Schweiz hat zwischen 1923 (Meyrin) und 1954 (Bern) eine grossartige Epoche von hochkarätigen Motorsportveranstaltungen erlebt. Der Grosse Preis von Bern auf der Bremgarten-Rundstrecke war ein Klassiker auf Augenhöhe mit Monza, Nürburgring, Monaco und Silverstone. Daneben wurden in den 1940er Jahren in Genf und Lausanne einige Formel-1-Rennen organisiert. Die alten «Motorenschlachten» auf normalen und damit oft auch holprigen Strassen strahlen eine besondere Faszination aus. Zum GP von Bern kamen jeweils an den zwei Tagen zu Trainings und Rennen insgesamt mehr als 100'000 Zuschauer. 

Formel-1-Rennen in der Schweiz eh nicht mehr möglich

Aber während der hohen Zeit des Motorsportes wurde es versäumt, in unserem Land geschlossene Rennstrecken zu bauen. Der internationale Motorsport verlagerte sich mehr und mehr auf die geschlossenen Rennstrecken. Allerdings hat das Verbot für Rundstreckenrennen heute keine Bedeutung mehr: Die Bewilligung und Finanzierung einer Rennstrecke für Formel-1-Rennen oder Motorrad-GP wäre heute in der Schweiz sowieso nicht mehr machbar. 

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei. 



Das könnte dich auch interessieren:

So viel verdient dein Lehrer – der grosse Schweizer Lohnreport 2019

Link zum Artikel

Prügelt Trump die amerikanische Wirtschaft in eine Rezession?

Link zum Artikel

Schweizer Firmen wollen keine Raucher einstellen – weil sie (angeblich) stinken

Link zum Artikel

Liam und Emma sind die beliebtesten Namen der Schweiz – wie sieht es in deinem Kanton aus?

Link zum Artikel

AfD-Politikerin Alice Weidel ist heimlich wieder in die Schweiz gezogen

Link zum Artikel

Mein Horror-Erlebnis im Militär – und was ich daraus lernte

Link zum Artikel

2 mal 3 macht 4! – Das wurde aus den Darstellern von «Pippi Langstrumpf»

Link zum Artikel

Greta Thunberg wollte Panik säen, erntet nun aber Wut

Link zum Artikel

Pasta mit Tomatensauce? OK, wir müssen kurz reden.

Link zum Artikel

«Es war die Hölle» – dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei

Link zum Artikel

Oppos Reno 5G ist ein spektakuläres Smartphone – das seiner Zeit voraus ist

Link zum Artikel

MEI, Minarett und Güsel: Das musst du zum Polit-Röstigraben wissen

Link zum Artikel

Ich hab die 3 neuen Huawei-Handys 2 Monate im Alltag getestet – es gab einen klaren Sieger

Link zum Artikel

Keine Hoffnung auf Überlebende nach Unwetter im Wallis ++ Gesperrte Pässe in Graubünden

Link zum Artikel

Immer wieder Djokovic – oder Federers Kampf gegen die Dämonen der Vergangenheit

Link zum Artikel

QDH: Huber ist in den Ferien. Wir haben ihn vorher noch ein bisschen gequält

Link zum Artikel

YB-Fan lehnt sich im Extrazug aus dem Fenster – und wird von Schild getroffen

Link zum Artikel

10 Tweets, die zeigen, dass in Grönland gerade etwas komplett schief läuft

Link zum Artikel

Wahlvorschau: Die Zentralschweiz ist diesmal nicht nur für Rot-Grün ein hartes Pflaster

Link zum Artikel

Sogar Taschenrechner verwirrt: Dieses Mathe-Rätsel macht gerade alle verrückt

Link zum Artikel

Die bizarre Geschichte der Skinwalker-Ranch, Teil 4: Die Zweifel des Insiders

Link zum Artikel

Uli, der Unsportliche – warum GC-Trainer Forte in Aarau unten durch ist

Link zum Artikel

Die Bloggerin, die 22 Holocaust-Opfer erfand, ist tot, ihre Fantasie war grenzenlos

Link zum Artikel

Google enthüllt sechs Sicherheitslücken in iOS – das solltest du wissen

Link zum Artikel

Der neue Tarantino? Ist Mist. Aber vielleicht seht ihr das ganz anders

Link zum Artikel

Wohin ist denn eigentlich die Hitzewelle verschwunden? Nun, die Antwort ist beunruhigend

Link zum Artikel

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich

Link zum Artikel

Ab heute lebt die Welt auf Ökopump – und diese Länder sind die grössten Umweltsünder

Link zum Artikel

ARD-Moderatorin lästert über «Fortnite»-Spieler und erntet Shitstorm – nun wehrt sie sich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Philippe Furrer schiesst das kurioseste Eigentor der Schweizer Hockey-Geschichte

14. Mai 2008: Eigentore sind im Eishockey so selten, dass manchmal jahrelang darüber gesprochen wird. Vor allem dann, wenn einer bei einer WM ins eigene Tor trifft. Und so wie Philippe Furrer im WM-Viertelfinal 2008 gegen Russland.

Es ist das kurioseste Tor, das je ein Schweizer bei einer WM erzielt hat. WM-Viertelfinal 2008 in Quebec: Die Schweiz spielt gegen Russland. Nach sechs Minuten und 23 Sekunden steht es bereits 0:2. Das 0:1 erzielt Philippe Furrer mit einem Eigentor und dann schlägt der damalige SCB-Verteidiger wieder zu.

Mit einem Slapshot aus spitzem Winkel bezwingt er seinen eigenen Torhüter Martin Gerber und Russland führt 3:0. Als Torschütze wird Danis Saripow in der Statistik geführt. Er …

Artikel lesen
Link zum Artikel