Wirtschaft
Schweiz

Schweizer Pensionskassen finanzieren US-Konzerne

Bild

Darum leihen sich Amazon, Google und Co. gerade sehr viel Geld bei uns

Amazon und Alphabet borgen sechs Milliarden Franken in der Schweiz. Und das ist nur ein kleiner Teil eines gigantischen Finanzierungsprogramms, das erst gerade richtig angefangen hat.
16.05.2026, 13:2816.05.2026, 13:28
Daniel Zulauf
Daniel Zulauf

Jetzt holen sich die grossen amerikanischen Rechencenter-Betreiber Milliarden am Schweizer Kapitalmarkt und machen die hiesigen Pensionskassen froh. Nachdem bereits im Februar Alphabet, die Muttergesellschaft von Google, mit einer 3-Milliarden-Franken-Emission für die zweitgrösste Transaktion aller Zeiten im Frankenmarkt für Unternehmens-Anleihen gesorgt hatte, stösst nun Amazon mit einer Emission in gleicher Höhe nach.

Ähnlich wie Alphabet beschafft sich auch Amazon das Geld für sechs verschiedene Laufzeiten zwischen 3 und 25 Jahren. Die Mega-Emissionen sind so strukturiert, dass für jede Pensionskasse, für jede Versicherung, für die Schweizerische Nationalbank und für alle anderen Grossinvestoren etwas dabei ist. Diese sogenannten «institutionellen» Investoren sind immer auf der Suche nach Neuanlagen, wenn bestehende Obligationen am Ende ihrer Laufzeit durch neue Anlagen ersetzt werden müssen.

Das Volumen ausstehender Frankenanleihen von Auslandschuldnern bewegt sich aktuell etwa bei 150 Milliarden Franken und verteilt sich auf etwa 420 verschiedene Obligationen, die an der Schweizer Börse gehandelt werden. Das Durchschnittsvolumen einer Frankenobligation von knapp 360 Millionen Franken gibt einen Eindruck von der Grössenordnung dieser aktuellen Jumbo-Anleihen der US-Techkonzerne.

725 Milliarden Dollar Investitionen

In den Jahren nach der Finanzkrise hatte das Volumen ausländischer Frankenschuldner noch mehr als 300 Milliarden Franken betragen. Damals suchten hierzulande insbesondere ausländische Grossbanken und Finanzinstitutionen nach günstigem Geld, erinnert sich Adrian Knoblauch, Leiter der Bonds-Analyse bei der Zürcher Kantonalbank. Durch Änderungen in der globalen Bankenregulierung sei diese Nachfrage stark zurückgegangen.

Das unvermittelte Comeback des Auslandsegmentes am Frankenmarkt geschieht vor dem Hintergrund, dass Firmen wie Amazon und Alphabet gerade gewaltige Summen investieren, um ihre Rechenzentren auszubauen und die Verbreitung von KI-gestützten Dienstleistungen bei Internet-Suchdiensten oder in Handy-Apps zu unterstützen. Amazon, Meta (vormals Facebook), Microsoft und Alphabet rechnen gemäss Agenturberichten mit Investitionen von 725 Milliarden Dollar allein im laufenden Jahr.

«Wer so viel Geld braucht, tut gut daran, seine Gläubigerbasis zu diversifizieren», erklärt der langjährige ZKB-Bondhändler Benjamin Heck, warum die amerikanischen Hyperscaler – ein Gattungsbegriff für die Betreiber grosser Rechenzentren – gerade den hiesigen Kapitalmarkt und die helvetische Valuta entdecken. «Würden die US-Emittenten mit ihrem immensen Finanzierungsbedarf nur den heimischen Kapitalmarkt anzapfen, müssten sie vermutlich irgendwann sogar dort etwas höhere Zinsen zahlen, obschon der amerikanische Kapitalmarkt riesige Dimensionen aufweist», vermutet der ZKB-Trader.

Die 3-Milliarden-Emission von Amazon in der Schweiz ist tatsächlich nur ein kleiner Teil der insgesamt 54 Milliarden Dollar, die der Konzern seit März weltweit einsammelt. Die Nachfrage nach solchen Schuldpapieren ist global offensichtlich so gross, dass Alphabet bei der eigenen Sammelaktion im Februar in Grossbritannien sogar eine Pfundanleihe mit 100-jähriger Laufzeit lancieren konnte. Unternehmen, die mit kurzlebigen Technologien geschäften, schaffen ein solches Kunststück normalerweise nicht. Die letzte Tech-Firma, der das gelang, war 1997 der Handy-Hersteller Motorola.

Der Schweizer Kapitalmarkt ist grösser als sein Ruf und daher interessant für Mega-Emittenten aus dem Ausland. Allein die Pensionskassen verwalten über 1200 Milliarden Franken – etwa ein Fünftel davon in Frankenobligationen. Hinzu kommen verschiedene grosse Versicherungskonzerne mit Kapitalanlagen in ähnlichen Dimensionen.

Die Schweizer Gläubiger sind froh über das Emissionsangebot von Amazon & Co. Amazon bietet 0,8275 Prozent pro Jahr für 3 Jahre, 1,19 Prozent für 6 Jahre, 1,4375 Prozent für 9 Jahre, 1,6675 Prozent für 12 Jahre und 2,05 Prozent für 24 Jahre. Die Höhe der Zinscoupons klingt attraktiv, mindestens aus heutiger Sicht. Eine 10-jährige Bundesobligation rentiert aktuell 0,46 Prozent und kurzfristige Anlagen werfen 0 Prozent ab.

Es droht keine Frankenaufwertung

Selbstredend wissen die Amerikaner, dass sie ein erhebliches Wechselkursrisiko eingehen, wenn sie sich in Franken verschulden, aber Dollars benötigen. Die Rendite 10-jähriger US-Schatzanleihen beträgt 4,4 Prozent, was fast alles über die Inflationsdifferenz zwischen den beiden ungleichen Währungsräumen sagt.

Aber Wechselkursabsicherungen kosten derzeit so wenig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Eine Frage gäbe es noch: Sorgt die starke Auslandnachfrage nach Franken nun für eine zusätzliche Aufwertung der Schweizer Währung? «Nein», sagt Adrian Knoblauch. «Die hiesigen Grossinvestoren halten ohnehin schon so viele Frankenpapiere, dass sie diese einfach umschichten können.» (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Von der dummen Siri zur mächtigen Apple-KI
1 / 15
Von der dummen Siri zur mächtigen Apple-KI

Als Siri im Herbst 2011 mit dem iPhone 4S das Licht der Welt erblickte, war die Begeisterung gross. Es war das erste Mal, dass Millionen von Menschen eine digitale Sprachassistentin in die Hand bekamen. Doch die Euphorie verflog schnell...

quelle: getty images north america / justin sullivan
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Warum brauchen wir Stablecoins und was ist das überhaupt?
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
41 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Firefly
16.05.2026 13:43registriert April 2016
Soso jetzt investieren die Kassen also in hoch spekulative Blasenprodukte wie KI. Und wenn sich dann Amazon, Meta und co. verrechnet haben und nicht mehr zurück-zahlen können gucken wir alle mit in die Röhre!?

Und der Zucki und der Bezos melden Konkurs an und eröffnen eine andere Gesellschaft.
767
Melden
Zum Kommentar
avatar
Händlmair
16.05.2026 13:58registriert Oktober 2017
Und wenn die KI Blase implodiert haben die Pensionäre gar keine Freude mehr.
466
Melden
Zum Kommentar
avatar
s'Paddiesli
16.05.2026 14:13registriert Mai 2017
2026 wollen die Techgiganten 800'000 Milliarden in KI investieren. Ich frage mich, wie sich das amortisieren soll.
Irre, diese Summen.
4610
Melden
Zum Kommentar
41
KI-Nutzung in der Schweiz wächst, bleibt aber ungleich verteilt
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ist bei Schweizer Unternehmen bereits weit verbreitet. Allerdings wird die Technologie meist selektiv und nicht systematisch genutzt. Zu diesem Schluss kommt die Grossbank UBS nach einer Umfrage unter rund 2500 Unternehmen in der Schweiz.
Das Gesamtbild deute auf eine pragmatische Nutzung hin, schreiben die Autoren der am Dienstag veröffentlichten Studie. Rund 60 Prozent der Schweizer Unternehmen setzen demnach bereits KI ein, wobei sich deutliche Unterschiede je nach Unternehmensgrösse und Branche zeigen.
Zur Story