Vielleicht war er auch ein Arschloch-Wal
Timmy ist tot.
Er treibt vor der Küste Dänemarks. Ein dunkelgrauer Berg aus Fleisch und gescheiterter Hoffnung. Und ich weine nicht.
Ich hätte vielleicht weinen sollen. Gelegenheit dazu gab es genug. Dank Livetickern, Pushbenachrichtigungen, KI-Liedern, Experten, die sich widersprachen, selbsternannten Rettern, die aus einem sterbenden Tier ein Spektakel machten.
Und am Ende: Menschen am Strand, die Selfies mit seinem Kadaver schiessen. Als wollten sie einem Filmstar das letzte Autogramm abknöpfen.
Timmy wurde in diese Hauptrolle gedrängt. Seit März erschienen allein in der Schweiz über 1500 Beiträge über ihn. Eine Träne pro Artikel schulde ich Timmy, könnte man meinen. Aber ich zahle nicht.
Vielleicht ein Arschloch-Wal
Jeden Tag erscheinen Nachrichten aus Kriegen, Zeltstädten, Ruinen, die einmal ein Zuhause waren. Geschichten, schwer wie Beton, die kaum noch jemanden erreichen. Aus Gaza etwa, wo Vertriebene in Zelten nach all dem Leid noch mit einer Rattenplage kämpfen. Oder aus dem Sudan, wo zwei geflüchtete Jungen einander durch das Elend tragen.
Und dann kommt ein Buckelwal in Not.
Ein Millionenpublikum schaut hin. Die kollektive Seele ist in Aufruhr. Plötzlich ist da ein Leid, das einfach nachzufühlen ist. Ein Körper im falschen Gewässer. Ein Tier, das Hilfe braucht. Eine Geschichte mit Anfang, Mitte und absehbarem Ende.
Der Grund für diese Aufmerksamkeit ist so einfach, dass er wehtut.
Timmy war sauber.
Es gab von ihm keine alten Facebook-Posts, kein fragwürdiges Statement zum Nahost-Konflikt, keinen schlecht gealterten Podcast-Auftritt, kein gefälschtes Covid-Zertifikat. Man konnte um ihn trauern, ohne vorher herausfinden zu müssen, ob man dabei auf der richtigen Seite steht.
Timmy bot, was zur knappsten Ressource unserer Zeit geworden ist: moralische Straffreiheit.
Wobei: Wissen wir das überhaupt?
Vielleicht war Timmy ein guter Wal. Beliebt in seiner Gruppe, lustig, zuverlässig, sanft. Der Typ, der bei jedem Ausflug schaut, dass niemand den Anschluss verpasst.
Vielleicht war er aber auch ein Arschloch-Wal. Einer, der ständig falsch abbog, zu laut sang und bei jeder Route behauptete, er kenne eine Abkürzung. Vielleicht ist er auf der Sandbank gestrandet, weil er in seiner Herde längst Hausverbot hatte.
Wir wissen es nicht.
Und genau deshalb eignete er sich so gut für unsere Gefühle.
Mit Timmy durfte man mitfühlen. Einfach so. Sonst sind wir viel strenger.
The beach is closed
Zur selben Zeit, als Timmy zur europäischen Eilmeldung wurde, weinte Georgina Fleur in ihre Frontkamera.
Die deutsche Influencerin sass in Dubai in einem Luxusresort. Das Problem: Der Strand vor ihrem Hotel war wegen Renovationen gesperrt. «Schatz, the beach is closed», sagte sie mit Tränen in den Augen.
Das Internet lachte.
Wenn die Welt brennt und jemand am gesperrten Luxusstrand zerbricht, kommt der Überlegenheitsreflex schneller als das Mitgefühl. Ich verstehe diesen Reflex. Ich hatte ihn auch.
Wir sind alle Experten darin geworden, Gefühle zu sortieren. Dieses Leid lassen wir zu. Jenes lassen wir vorbeirauschen. Diese Trauer wirkt würdig. Jene nur privilegiert. Dieser Schmerz bekommt Mitgefühl. Jener einen Shitstorm.
Dabei wacht niemand morgens auf und verteilt seine Trauer gerecht über die Weltlage. Ich auch nicht. Ich hatte schon Tränen in den Augen wegen Videos von Kühen, die aus Schlachthöfen ausbrechen. Wegen Elefanten, die um ein totes Jungtier stehen. Wegen «Bambi» sowieso. Und trotzdem esse ich später einen Burger, ohne am Tisch eine Schweigeminute abzuhalten.
Genau dann wird es unangenehm.
Vielleicht geht es weniger darum, ob Georgina Fleur falsch fühlte oder viele bei Timmy richtig. Vielleicht geht es darum, wie schnell wir fremde Gefühle bewerten, während unsere eigenen immer berechtigt sind und einen guten Grund haben.
Bei Timmy haben wir uns das Urteil leicht gemacht. Man durfte fühlen. Vielleicht musste man sogar.
Und dann pilgerten Menschen an den Strand, um seinen Kadaver zu fotografieren.
Goodbye, Timmy.
The beach is closed.
