Darum leihen sich Amazon, Google und Co. gerade sehr viel Geld bei uns
Jetzt holen sich die grossen amerikanischen Rechencenter-Betreiber Milliarden am Schweizer Kapitalmarkt und machen die hiesigen Pensionskassen froh. Nachdem bereits im Februar Alphabet, die Muttergesellschaft von Google, mit einer 3-Milliarden-Franken-Emission für die zweitgrösste Transaktion aller Zeiten im Frankenmarkt für Unternehmens-Anleihen gesorgt hatte, stösst nun Amazon mit einer Emission in gleicher Höhe nach.
Ähnlich wie Alphabet beschafft sich auch Amazon das Geld für sechs verschiedene Laufzeiten zwischen 3 und 25 Jahren. Die Mega-Emissionen sind so strukturiert, dass für jede Pensionskasse, für jede Versicherung, für die Schweizerische Nationalbank und für alle anderen Grossinvestoren etwas dabei ist. Diese sogenannten «institutionellen» Investoren sind immer auf der Suche nach Neuanlagen, wenn bestehende Obligationen am Ende ihrer Laufzeit durch neue Anlagen ersetzt werden müssen.
Das Volumen ausstehender Frankenanleihen von Auslandschuldnern bewegt sich aktuell etwa bei 150 Milliarden Franken und verteilt sich auf etwa 420 verschiedene Obligationen, die an der Schweizer Börse gehandelt werden. Das Durchschnittsvolumen einer Frankenobligation von knapp 360 Millionen Franken gibt einen Eindruck von der Grössenordnung dieser aktuellen Jumbo-Anleihen der US-Techkonzerne.
725 Milliarden Dollar Investitionen
In den Jahren nach der Finanzkrise hatte das Volumen ausländischer Frankenschuldner noch mehr als 300 Milliarden Franken betragen. Damals suchten hierzulande insbesondere ausländische Grossbanken und Finanzinstitutionen nach günstigem Geld, erinnert sich Adrian Knoblauch, Leiter der Bonds-Analyse bei der Zürcher Kantonalbank. Durch Änderungen in der globalen Bankenregulierung sei diese Nachfrage stark zurückgegangen.
Das unvermittelte Comeback des Auslandsegmentes am Frankenmarkt geschieht vor dem Hintergrund, dass Firmen wie Amazon und Alphabet gerade gewaltige Summen investieren, um ihre Rechenzentren auszubauen und die Verbreitung von KI-gestützten Dienstleistungen bei Internet-Suchdiensten oder in Handy-Apps zu unterstützen. Amazon, Meta (vormals Facebook), Microsoft und Alphabet rechnen gemäss Agenturberichten mit Investitionen von 725 Milliarden Dollar allein im laufenden Jahr.
«Wer so viel Geld braucht, tut gut daran, seine Gläubigerbasis zu diversifizieren», erklärt der langjährige ZKB-Bondhändler Benjamin Heck, warum die amerikanischen Hyperscaler – ein Gattungsbegriff für die Betreiber grosser Rechenzentren – gerade den hiesigen Kapitalmarkt und die helvetische Valuta entdecken. «Würden die US-Emittenten mit ihrem immensen Finanzierungsbedarf nur den heimischen Kapitalmarkt anzapfen, müssten sie vermutlich irgendwann sogar dort etwas höhere Zinsen zahlen, obschon der amerikanische Kapitalmarkt riesige Dimensionen aufweist», vermutet der ZKB-Trader.
Die 3-Milliarden-Emission von Amazon in der Schweiz ist tatsächlich nur ein kleiner Teil der insgesamt 54 Milliarden Dollar, die der Konzern seit März weltweit einsammelt. Die Nachfrage nach solchen Schuldpapieren ist global offensichtlich so gross, dass Alphabet bei der eigenen Sammelaktion im Februar in Grossbritannien sogar eine Pfundanleihe mit 100-jähriger Laufzeit lancieren konnte. Unternehmen, die mit kurzlebigen Technologien geschäften, schaffen ein solches Kunststück normalerweise nicht. Die letzte Tech-Firma, der das gelang, war 1997 der Handy-Hersteller Motorola.
Der Schweizer Kapitalmarkt ist grösser als sein Ruf und daher interessant für Mega-Emittenten aus dem Ausland. Allein die Pensionskassen verwalten über 1200 Milliarden Franken – etwa ein Fünftel davon in Frankenobligationen. Hinzu kommen verschiedene grosse Versicherungskonzerne mit Kapitalanlagen in ähnlichen Dimensionen.
Die Schweizer Gläubiger sind froh über das Emissionsangebot von Amazon & Co. Amazon bietet 0,8275 Prozent pro Jahr für 3 Jahre, 1,19 Prozent für 6 Jahre, 1,4375 Prozent für 9 Jahre, 1,6675 Prozent für 12 Jahre und 2,05 Prozent für 24 Jahre. Die Höhe der Zinscoupons klingt attraktiv, mindestens aus heutiger Sicht. Eine 10-jährige Bundesobligation rentiert aktuell 0,46 Prozent und kurzfristige Anlagen werfen 0 Prozent ab.
Es droht keine Frankenaufwertung
Selbstredend wissen die Amerikaner, dass sie ein erhebliches Wechselkursrisiko eingehen, wenn sie sich in Franken verschulden, aber Dollars benötigen. Die Rendite 10-jähriger US-Schatzanleihen beträgt 4,4 Prozent, was fast alles über die Inflationsdifferenz zwischen den beiden ungleichen Währungsräumen sagt.
Aber Wechselkursabsicherungen kosten derzeit so wenig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Eine Frage gäbe es noch: Sorgt die starke Auslandnachfrage nach Franken nun für eine zusätzliche Aufwertung der Schweizer Währung? «Nein», sagt Adrian Knoblauch. «Die hiesigen Grossinvestoren halten ohnehin schon so viele Frankenpapiere, dass sie diese einfach umschichten können.» (aargauerzeitung.ch)

