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Da schreiben sie fleissig in ihre Blöckli, die Chronisten. Und zuvor stellten sie fiese Fragen zu Kanada. 
Da schreiben sie fleissig in ihre Blöckli, die Chronisten. Und zuvor stellten sie fiese Fragen zu Kanada. 
Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Warum beim Gedanken an Kanada aus Eismeister Zaugg Bruder Klaus wird

Die Schweizer haben eine ideale Ausgangslage für den Rest der WM. Sie sind Aussenseiter mit viel Potenzial. Patrick Fischer darf mit einer milden Beurteilung rechnen.
12.05.2017, 07:0712.05.2017, 08:45

Ach, das waren noch Zeiten, als bei einer WM von den Schweizern auch gegen die Grossen Siege erhofft, ja gefordert wurden. Als unter Ralph Krueger und später Sean Simpson die ganze WM-Delegation inklusive Chronisten auf einer Mission war. Auf dass der Traum von einer Medaille irgendwann Wirklichkeit werde. Die Viertelfinals waren nie gut genug. Und vor einem Spiel gegen Kanada war die Frage: Packen wir sie? Welche Chancen haben wir? Was müssen wir tun?

So schnell ändern die Zeiten. Ortstermin Paris. Im Mai 2017. Nationaltrainer Patrick Fischer (41) empfängt am Donnerstagnachmittag in einem Sitzungsraum des Mannschaftshotels zum grossen Mediengespräch. Und als Erstes wird er gefragt, ob man das Spiel vom Samstag gegen Kanada nicht einfach fahren lassen und sich ganz auf die nachfolgende Partie am Sonntag gegen Finnland konzentrieren sollte.

Kanada übermächtig? Wir werden es morgen sehen.
Kanada übermächtig? Wir werden es morgen sehen.
Bild: Petr David Josek/AP/KEYSTONE

Eine solche Frage wäre zu den guten, alten Zeiten gar niemandem in den Sinn gekommen. Wahrlich, da wird die Bescheidenheit gefordert, die uns einst der grosse Bergbauer, Soldat, Mystiker, Einsiedler und Asket Niklaus von Flüe gelehrt hat. «Machet den Zaun nicht zu weit», soll er gesagt und die Eidgenossen vor hochfliegenden Plänen gewarnt haben.

Aus Eismeister Zaugg wird Bruder Klaus

Um mit Bruder Klaus zu reden: «Machet den Zaun in Paris nicht zu weit und lasst das Spiel gegen Kanada fahren.» Ja, so schnell ändern die Zeiten. So eine Fragestellung war noch vor kurzem völlig undenkbar. 2013 besiegten wir auf dem Weg ins Finale die Kanadier im Penaltyschiessen. 2006 triumphierten wir mit einer Mannschaft, die weniger Talent hatte als das aktuelle WM-Team beim olympischen Turnier von Turin über die besten kanadischen NHL-Titanen 2:0. Vier Jahre später mussten die kanadischen NHL-Superstars gegen uns bis ins Penaltyschiessen. Auch bei der WM 2010 besiegten wir Kanada.

Die Franzosen machten es vor: Kanada ist nicht übermächtig.
Die Franzosen machten es vor: Kanada ist nicht übermächtig.
Bild: Petr David Josek/AP/KEYSTONE

Und nun wird vier Jahre nach dem WM-Finale von Stockholm bereits die vorauseilende Kapitulation gegen Kanada propagiert. Gegen ein Kanada, das am gleichen Abend gegen Frankreich in Rückstand geraten und nur 3:2 gewinnen wird. Und niemand im Raum ist sich der Absurdität dieser Frage bewusst. Ja, die Frage wird sogar zweimal gestellt.

Fischer ahnt, dass seine Stunde kommen kann

Nationaltrainer Patrick Fischer ist ein charismatischer Kommunikator. Dieses kleinliche Denken ist glücklicherweise nicht seine Sache. Er macht klar: «Das wäre die falsche Einstellung. Jetzt geht es nur um das Spiel gegen die Kanadier.»

Patrick Fischer war Assistent von Sean Simpson (r.). Von daher weiss er: Alles ist möglich.
Patrick Fischer war Assistent von Sean Simpson (r.). Von daher weiss er: Alles ist möglich.
Bild: KEYSTONE

Er war bei der Silber-WM 2013 als Assistent von Sean Simpson dabei. Er weiss, was möglich ist, und er ahnt, dass nun seine grosse Stunde kommen könnte. Wenn er die Ausgangslage als Aussenseiter nützt und mit Punktgewinnen gegen die Titanen Kanada, Finnland und Tschechien doch noch die Viertelfinals schafft, dann kehrt er als Held nach Hause zurück. Alle noch so berechtigte Kritik würde verstummen.

Die besten Bilder der Eishockey-WM

Fischer gibt sich cool

Der Nationaltrainer erläutert auf nicht mehr so absurde Fragen sein Konzept für die restlichen drei Partien. Das Timing beim Forechecking (bei der Störarbeit in der gegnerischen Zone) müsse besser werden. Das Powerplay auch. Anerkennendes Nicken in der Runde.

Er wird nach seiner Meinung zum bisherigen Turnierverlauf gefragt. Zusammenfassend lässt sich sagen: Mit den Resultaten ist er zwar nicht ganz zufrieden, mit der Leistungsbereitschaft der Mannschaft hingegen schon. Patrick Fischer gibt zu bedenken, dass Fehler zu einem Spiel wie Eishockey gehören und deshalb eine Niederlage wie gegen Frankreich passieren könne. Mit Kritik habe er leben gelernt. «Ich war als Spieler schon dabei. Selbst wenn wir die Viertelfinals geschafft haben, sind wir auseinandergeschraubt und als zu weich und weiss ich was bezeichnet worden. Das gehört dazu.»

Niemand machte Fortschritte wie die Schweiz

Die Schweiz sei die Nummer 7 in der Weltrangliste. Der Rückstand auf die Grossen sei sicher nach wie vor grösser als der Vorsprung auf die übrigen Nationen. «Denn wir haben keine Hockeykultur, die mit den Grossen vergleichbar ist.» Aber niemand habe in den letzten Jahren so grosse Fortschritte gemacht wie die Schweiz. «Im Vergleich mit den anderen haben wir das Rennen der letzten Jahre gewonnen.»

Die Schweiz machte in den letzten Jahren Fortschritte.
Die Schweiz machte in den letzten Jahren Fortschritte.
Bild: KEYSTONE

Natürlich wird auch die Torhüterfrage gestellt. Drei der vier ersten Partien hat ja SCB-Meistergoalie Leonardo Genoni bestritten. Ob es Jonas Hiller akzeptieren könne, nicht die Nummer 1 zu sein? Ober er ihm nun besonders gut zureden müsse? «Natürlich möchte er jede Partie spielen. Aber wir haben ihm vor der WM gesagt, dass es möglich sei, dass Leo mehr Partien bestreiten wird. Er hat das akzeptiert.»

Patrick Fischer hat die Runde im Griff. Er ist ein Grossmeister der Kommunikation. Fast so gut wie einst Ralph Krueger und besser als seine Vorgänger Sean Simpson und Glen Hanlon. Ernsthaft, freundlich, professionell, optimistisch. Einerseits selbstbewusst und andererseits lässt er klug durchblicken, dass man eben doch nur Aussenseiter sei.

Patrick Fischer beim Mediengespräch: Ernsthaft, freundlich, professionell, optimistisch.
Patrick Fischer beim Mediengespräch: Ernsthaft, freundlich, professionell, optimistisch.
Bild: KEYSTONE

Raphael Diaz wieder fit

Rettet er sich nun aus einer scheinbar aussichtslosen Situation wie beispielsweise Ralph Krueger 2000 in St.Petersburg (mit Patrick Fischer als Spieler)? Ein so grosses Wunder wie das damalige 3:2 gegen Russland wäre es bei weitem nicht, wenn die Schweizer das Viertelfinale doch noch erreichen. Das Potenzial der Mannschaft ist ungleich grösser als damals. Aber eine schöne Überraschung wäre es allemal.

Raphael Diaz (Mitte) ist wieder bereit.
Raphael Diaz (Mitte) ist wieder bereit.
Bild: KEYSTONE

Patrick Fischer befindet sich nach den Punktverlusten gegen Slowenien und Frankreich in der bestmöglichen Ausgangslage: Der Erfolgs- und Erwartungsdruck ist weg. Nun gibt es nichts mehr zu verlieren. Aber alles zu gewinnen. Und die Mannschaft ist nominell viel besser, als es die bisherigen Resultate vermuten liessen. Die Spieler sind fit. Inzwischen gibt Patrick Fischer auch bei Raphael Diaz beinahe Entwarnung. Zugs Verteidigungsminister war in der Schlussphase der Partie gegen Weissrussland in einen Check gelaufen. «Er hat trotzdem gut geschlafen. Wir müssen nun sehen, wie es ihm geht. Aber ich rechne gegen Kanada mit ihm.»

Wie weit kommt die Schweiz an der Eishockey-WM?

Den Captain wird Patrick Fischer brauchen, wenn er die Überraschung schaffen und doch noch ein WM-Held werden will. Und mit einer milden Beurteilung darf er so oder so rechnen. Jetzt, da man ihm sogar die vorzeitige Kapitulation gegen Kanada empfohlen hat.

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