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Zürcher Polizei: Mit Jackett und «Wienerli» im Steinhagel



Die gewaltsamen Demonstrationen im Sommer 1968 haben die Zürcher Stadtpolizei auf dem falschen Fuss erwischt. Gleich im Anschluss hat sie die Ausrüstung der Beamten verbessert: Als erstes wurden Tränengaswerfer und Schutzschilde eingeführt.

Vor dem Globusprovisorium in der Nähe des Hauptbahnhofs standen die Zürcher Stadtpolizisten während der Unruhen 1968 im Steinhagel. Den Attacken der revoltierenden Jugendlichen waren sie ungeschützt ausgeliefert: ein Stadtpolizist trug 1968 Halbschuhe, eine Anzughose, ein Hemd mit Krawatte, ein Jackett und einen Uniformhut.

«Und sie hatten das Wienerli dabei», sagt Fritz Hürzeler, Kurator des Polizeimuseums der Zürcher Stadtpolizei. Er war lange Jahre Ausbildungsleiter an der Polizeischule, ist heute im Ruhestand und betreibt mit einigen anderen Polizeiveteranen das Museum, das die Entwicklung der Zürcher Stadtpolizei anhand vieler Exponate nachzeichnet.

Das «Wienerli», das Hürzeler erwähnt, ist ein Gummiknüppel, der amtlich nicht einmal als Waffe galt. Damit konnte sich ein Stadtpolizist Respekt verschaffen, aber im Gegensatz zum heutigen Schlagstock musste ein Einsatz des Wienerlis nicht rapportiert werden.

Von der Gewalt überrascht

«Demonstrationen hat es in Zürich immer gegeben», sagt Hürzeler. Es sei häufig demonstriert worden in dieser politisch aktiven Stadt mit einem hohen Anteil an Arbeitern. «Aber es war immer friedlich», sagt er, «bis zu den Unruhen 1968.» Natürlich hätten die Verantwortlichen bei Stadt und Polizei auf die Unruhen in Paris oder Berlin geschaut. «Das hat man schon wahrgenommen, aber man dachte, bei uns in der Schweiz werde es schon keinen Rabatz geben», sagt Hürzeler.

Doch bald hatten die Studentenunruhen auch Zürich im Griff und es gab mehr als nur Rabatz. Die Polizisten mit ihren Hemden und Gummiknüppeln kamen kaum dagegen an. «Die Polizei ist überrumpelt worden. Es gab viele verletzte Polizisten damals», sagt Hürzeler. Als sich die Unruhen gelegt hatten, ging die Stadtpolizei über die Bücher.

Um für künftige gewalttätige Demonstrationen gewappnet zu sein, richtete sie die Bereitschaftspolizei ein. Stadtpolizisten hatten in ihrem Rahmen Einsätze bei Demonstrationen zu leisten. «Aber gern hat das niemand gemacht», erinnert sich Hürzeler, der 1969 als junger Polizist in den Dienst eintrat und die ganze Entwicklung der Truppe mitgemacht hat.

Eishockey-Panzer für die Polizisten

Die erste Ausrüstung der Bereitschaftspolizei ist im Museum ausgestellt: Ein blauer Baumwoll-Overall, ein Helm, Militärstiefel. Und was man nicht sieht, enthüllt Hürzeler: Unter dem Einteiler schützten sich die Polizisten mit einer Eishockey-Ausrüstung gegen Wurfgeschosse – Brustpanzer, Armschütze, Schienbeinschoner und ein Tiefschutz.

Ausserdem erhielt das Korps die ersten Tränengaswerfer. «Das waren umgebaute Flammenwerfer der Armee», erinnert sich Hürzeler, «mit denen man nun Reizstoff versprüht hat.» Wer einen Tränengaswerfer trug, sei der ärmste Kerl an der ganzen Demo gewesen, erzählt Hürzeler.

Denn die Männer trugen die Tanks mit Reizstoff auf dem Rücken. Ein Schlauch verband den Tank mit dem Rohr, welches die Flüssigkeit versprühte. «Das war halt nie dicht», sagt der pensionierte Polizist. Wer das Tränengas trug, weinte trotz Gasmaske während des ganzen Einsatzes.

So improvisiert sich der Tränengaswerfer präsentiert, so durchdacht war der erste Schutzschild. In der Regensdorfer Strafanstalt Pöschwies wurde er geflochten. Anschliessend wurden bei einem Teil davon kleine Fotokameras montiert, um Demonstranten fotografieren zu können.

Über die Jahre wurde diese erste Ausrüstung verbessert: Der Tränengaswerfer wurde durch Gewehre ersetzt, die Tränengaspetarden verschiessen konnten, die Schutzschilde wurden grösser und durchsichtig, die Rüstung der Polizisten sicherer. Nach den Krawallen 1980 nahm die Stadtpolizei Gummischrot ins Arsenal auf.

«Autonome Republik Bunker»

Doch nicht nur auf die Ausrüstung hatten die Krawalle eine Auswirkung. Nach den Unruhen machten zwei Beamte eine psychologische Ausbildung und wurden zu den beiden ersten Polizeipsychologen der Schweiz. Und die Stadt suchte mit den Studenten den Dialog. «Man bot ihnen einen Raum an als Jugendtreff», sagt Hürzeler.

Dabei handelte es sich just um den Luftschutzbunker neben der Hauptwache Urania, in dem sich heute das Polizeimuseum befindet. Der vierstöckige Bunker stammt aus dem Jahr 1941. Die Jugendlichen bezogen ihn Ende Oktober 1970 und machten ihn erstens zum damals grössten Jugendtreff Europas und zweitens zur «Autonomen Republik Bunker».

Ein Wandbild im Aufenthaltsraum zeugt noch von dieser Zeit. Es zeigt langhaarige Jugendliche mit bunten Kleidern, die von grauen Polizisten kontrolliert werden. «Ich habe hier drin auch ein paar Mal zum Rechten geschaut», erinnert sich Hürzeler. Manche Jugendliche hätten den Bunker nie verlassen und: «Wir haben gerochen, dass gehascht wurde.»

Die Autonome Republik Bunker existierte 68 Tage lang. «Es war gewissermassen ein rechtsfreier Raum», sagt Hürzeler. Verhandlungen über Sozialarbeiter im Bunker scheiterten. Nach einer Razzia besetzten Jugendliche den Bunker, die Polizei umstellte ihn und schliesslich wurde die Autonome Republik Bunker aufgelöst. (sda)

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