Blogs

Frau Freitag ist ein bekennendes Adidas-Groupie. Moralisch vorbildlich? Nein. Aber dennoch: Leider geil! Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

Liebe Frau Freitag. Darf man wirklich diese Nike-Schuhe tragen, die jetzt alle haben? 

12.12.14, 10:46 19.12.14, 16:48

Die Schuhe sind ja unverwechselbar mit dem Nike-Logo versehen. Somit macht man durch das Tragen dieser Schuhe unvermeidbar Werbung für Nike. Jeder weiss ja aber, wo und vor allem WIE diese Schuhe produziert werden. Ich finde es ethisch nicht vertretbar, solche Schuhe zu tragen und habe schon so manche Freundin verärgert mit meiner Feindseligkeit gegenüber Nike. (Und ich habe sehr tolle Freundinnen, denen faire Produktionsweisen sehr am Herzen liegen). Mein Punkt ist der, dass bei diesen Schuhen das Logo gross mit drauf steht. Durch das Tragen sendet man also die Message an alle, dass es ok ist. Bei «normalen» Kleidern sieht ja niemand, woher sie kommen oder von welcher Marke sie stammen. Das ist für mich ein fundamentaler Unterschied. Bin ich also ein Tüpflischisser oder hab ich ein bisschen recht, wenn ich sage, dass dieser Modetrend absolut ignorant und verachtend gegenüber Mensch und Umwelt ist, und deshalb nicht guten Gewissens mitgemacht werden kann? Nora, 24

Liebe Nora 

Nike gehört verboten. Turnschuhe sowieso. Und alle Kleider, die unter erbärmlichen Bedingungen produziert werden, auch. Freue mich schon auf all die Nudistensiedlungen, die aus dieser Konsequenz heraus entstehen werden! 

Obiges Sportlabel würde sich vermutlich schwer bei Ihnen bedanken für diese Werbetrommel, die Sie mit dieser Frage kräftig gerührt haben. Sie haben die Marke ganze vier Mal erwähnt, ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass Sie demnächst eine Gratislieferung Sneakers vor der Haustür stehen haben.

Mir schon klar, dass Sie jetzt gerne hören würden, wie unmoralisch es ist, diese (ich nenn den Namen nicht nochmals, ich glaube es ist inzwischen jedem klar, dass wir nicht über Adidas reden, obwohl die mit ganz grosser Sicherheit keinen Deut besser sind) Turnschuhe zu tragen. Und ja, jeder weiss, unter welchen Bedingungen sie produziert werden.

Aber ich muss Ihnen trotzdem etwas sagen: Wenn Sie meine Freundin wären, Sie würden mir furchtbar auf die Nerven gehen. Sie führen sich als Moralapostel auf und sind dann aber noch nicht mal wirklich konsequent. Vermutlich tragen Sie, während Sie oben herab mit dem Zeigefinger vor den Nasen Ihrer Freundinnen herumfuchteln, eine schnittige Zara-Hose und ein lässiges Blazerli von H&M. Und das macht das Ganze noch schwieriger.

Denn nur weil der Brand nicht gross aufgedruckt ist, heisst es noch lange nicht, dass man mit dem Kauf dieser Ware keine schlechten Arbeitsbedingungen unterstützt. Das tut man nämlich beinahe immer, jedenfalls dann, wenn man Klamotten oder Schuhe kauft, die in China, Bangladesch oder Indien gefertigt worden sind. Und selbst ein «Made in Europe» garantiert noch lange keine guten Arbeitsbedingungen und faire Entlohnung, was Sie dieser Analyse der Erklärung von Bern entnehmen können.

Jeder Erwachsene muss selber dafür Verantwortung übernehmen dürfen, wie er leben will. Wenn er es vorzieht, sauteuere unter miesen Bedingungen produzierte Nike-Schuhe zu tragen, statt saubillige unter ebenfalls miesen Bedingungen produzierte vom Kik-Diskont, dann soll er das dürfen. Und wenn er für sich entschieden hat, ein Stück tiefer in seine Tasche zu greifen um sich von Kopf bis Fuss in Hessnatur zu kleiden, ist das auch ok.

Mir persönlich hängt dieser heute sehr verbreitete Opportunismus, der getränkt ist mit einer moralinsauren Bleiche, extrem zum Halse raus. Fashionblogs schreiben heute über die unsäglichen Arbeitsbedingungen eines Herstellers und zeigen übermorgen dessen neuste Kollektion. Natürlich kann man jetzt sagen, dass es doch besser ist, zu informieren, als zu ignorieren. Aber dieses Doppelmoral-Wässerli, das da für andere gepredigt wird, während man zu Hause Wein säuft, ist wirklich ätzend.

Und Ihre Attitude ist es auch. Entweder wischen Sie vor der eigenen Haustür, kaufen Ihre Klamotten konsequent beim Fairtrade-Händler (und verzichten damit auch darauf, jedem Modetrend hinterherzurennen), oder Sie halten Ihre Klappe. Aber selber Dreck am Stecken haben und den von anderen bemängeln, geht für mich beim besten Willen nicht.

Mit bestem Gruss. Ihre Kafi.

Fragen an Frau Freitag? ​ 

Hier stellen!

Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

Haben Sie Artikel von FRAG FRAU FREITAG verpasst?
Sälber tschuld! 

Bild: Kafi Freitag

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
15
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Stratosurfer 18.01.2015 15:44
    Highlight Erstklassige Kolumne! Meine Rede - Hab mich beinahe schief gelacht.
    0 0 Melden
  • Migu Schweiz 15.12.2014 14:58
    Highlight Viel schlimmer finde ich diese permanente Apple Schleichwerbung in den Medien und Gesellschaft.Apple ist die letzte Firma die auch nur einen Franken für Sponsoring in der Schweiz ausgeben würde.
    5 2 Melden
    • Skydiver 19.12.2014 18:18
      Highlight Miau Schweiz, könnte damit zusammenhängen, dass Apple ganz tolle Computer baut. Das macht froh – und dann reden eben alle darüber. :-)
      1 0 Melden
  • Zeit_Genosse 14.12.2014 16:32
    Highlight Ein bischen Nike (-werbung) und dann noch Kafi-Addidas-Canon (Bilderwerbung), dann noch H&M und Zara. Da fehlt noch Mc Donnalds und Apple, um das US-Bashing der moralisch bedenklichen Marken noch etwas anzutreiben.
    Ich staune, wie gut Leute über die schlechten Produktions-/Arbeitsbedingungen informiert sind, damit sie sich moralisch vor anderen aufbauen können. Ich wette, dass diese Leute es nicht wissen, wo und wie diese Produkte wirklich entstehen und wie viele Arbeitsplätze sie offshore geschaffen haben. Man plappert einfach mal alles nach oder verschickt alles viral weiter, ohne zu prüfen
    4 7 Melden
  • Bonifatius 14.12.2014 12:16
    Highlight Als modebewusster Mensch ist es sicherlich schwierig sozial und ökologisch verträgliche Kleidung einzukaufen. Das hängt erstens mit der globalen Marktlage (Outsourcing/Wettbewerb), als auch mit dem mittlerweile unübersichtlichen Labelchaos und der allgemeinen schlechten Information/Transparenz der Unternehmen zusammen. Dennoch ist der Vorwurf des Opportunismus etwas gar gewagt, denn wo man Infos hat und finanziell es sich leisten kann ist der Entscheid zur besseren (nicht guten) Wahl sicherlich lobenswert. Also bisschen Ball flachhalten Kafi (nichts für ungut).
    11 1 Melden
  • Bruno Wüthrich 14.12.2014 11:56
    Highlight Frau Freitag irrt sich. Es geht sehr wohl, selber ein «Sünder» zu sein und dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es geht ebenfalls sehr wohl, auf die eine Weise zu handeln und auf die andere Weise zu predigen (ob man dabei seine Freunde nerven will, muss jede/r selbst wissen). Ein Ärgernis ist es aber, dass viele meinen, nur weil jemand etwas «falsch» macht, dürfe er diese oder jene Meinung nicht mehr vertreten (bzw. man dürfe kein Wasser predigen und dabei Wein trinken). Ich denke: Doch, das darf man! Das soll man sogar! Denn irgendwann überzeugen wir uns sogar selbst mit unserer Meinung.
    10 2 Melden
  • olga 13.12.2014 09:43
    Highlight Das Kafi hier so gar extrem reagiert überrascht nicht. Schliesslich bekennt sie sich ja offen zu ihrer Adidasliebe. Und damit gehört sie zu den Menschen, die hier angegriffen werden mit dazu, und weiss das auch. An anderer Stelle schreibt sie auch, dass sie sich schon längst eine Pelzjacke gekauft hätte, wäre die nicht so gar verpönt im fancy Kreis 4, in dem sie wohnt...

    Das Argument, dass man, wolle man sich ethisch korrekt verhalten, gar nichts mehr tun könne stimmt zwar, halte ich persönlich aber für absoluten Schwachsinn. Damit könnte man sogar Mutter Theresa noch schlecht reden!
    9 2 Melden
    • Juice 15.12.2014 18:40
      Highlight Sie wären überrascht, was für ein schlimmer Finger die Theresa war. Ganz im Ernst jetzt. Sie verachtete die Armen, veruntreute Gelder und verlieh Diktatoren einen Heiligenschein, indem sie jene hofierte. Deckte Christopher Hitchens schon vor Jahrzehnten auf.
      3 0 Melden
  • Original 12.12.2014 20:17
    Highlight Am Ende wird eh alles was Kleider anbelangt praktisch am selben Ort Fabriziert. Aber der Preis ist dreist
    0 0 Melden
  • Skydiver 12.12.2014 18:58
    Highlight Ungebremste Zustimmung für Kafi! – So, wie es chic geworden ist, jeden Müll zu tragen, so chic ist es auch, sich über denselben Müll kollektiv und höchst empört zu mokieren. Jederzeit und überall. Aber immer ohne viel Aufwand und ohne wirkliches Engagement.

    Eine Lichterkette da, im feierlichen Bewusstsein, nun wirklich wahrhaft Grosses geleistet zu haben (das keinem Schwein wirklich etwas nützt). Ein Blogbeitrag dort, wenn nicht genug Zeit, reicht auch ein Like-Klick, und schon ist man ein besserer Mensch.

    Wirkliches Engagement, Machen und Lassen haben andere Dimensionen. Kosten aber Zeit!
    4 3 Melden
  • Plebs 12.12.2014 17:23
    Highlight Tut mir leid aber ich glaube kafi hat die frage nicht verstanden.
    Die Aussage war doch ganz klar, dass man mit dem auffälligen logo werbung für die marke macht und sie in ihrem handeln bestätigt. Wird der markenname nicht auffällig getragen, wird nicht öffentlich herausposaunt wie gut diese marke ist. Ausserdem ist es fast unmöglich konsequent zu sein. Aber immerhin ist dies ein anfang. Lieber ein wenig etwas tun, als einfach nur rumzusitzen!

    11 4 Melden
  • karl_e 12.12.2014 16:47
    Highlight Die Kafi gibt hier eine gar schnippische Antwort. Tragisch ist es, dass man kaum umhin kommt, überteuerte oder nicht überteuerte Billigware zu kaufen, die von ausgebeuteten Billigarbeiterinnen produziert wird, unter den schlimmsten Arbeitsbedingungen.

    Uebrigens: Vor 100 Jahren wurde in der schweiz. Textilindustrie unter ganz ähnlichen Bedingungen geschuftet.
    7 3 Melden
  • Gelöschter Benutzer 12.12.2014 13:15
    Highlight Hätte es nicht besser (zumindest nicht noch sachlicher) schreiben können. Und dass Sie, liebe Kafi, Adidas-Groupie sind, macht Sie noch einmal lesenswürdiger :)
    4 12 Melden
  • gsagt 12.12.2014 11:35
    Highlight Oha, klare Worte: Und doch muss ich der Autorin recht geben. Das selbe Theater höre ich jeweils, wenn man mal wieder Apple kritisiert; aufgrund der Arbeitsbedingungen. Und dass Samsung teils in der genau gleichen Fabrik auch ihren Elektroschrott produziert, interessiert den Moralapostel nicht. Es ist sowieso immer schön, auf einer Marke herumzuhacken.
    Wie du sagst: Selbst besser machen und den ersten Schritt gehen.
    10 8 Melden
  • Genti 12.12.2014 11:04
    Highlight Trägst du Make-up? Dann solltest du dich schleunigst informieren woher die Materialien kommen. Das funkelnde in Nagellack etc = Kinderarbeit
    9 3 Melden

FRAGFRAUFREITAG

Bei uns geht es im Moment drunter und drüber. Mein Mann hat vermutlich eine Affäre, mein älterer Sohn kifft und der jüngere tut sonst schwierig. Ich würde am liebsten alles stehen und liegen lassen und für eine Weile abhauen. Geht das? Larissa, 36

Liebe Larissa  Was Sie mir da schreiben, erlebe und höre ich in und von meinem Bekanntenkreis zuhauf. Und zwar genau jetzt. Und das lässt mich den Verdacht hegen, dass ich recht habe, wenn ich behaupte: Weihnachten ist ein Arschloch. In der Adventszeit gehen viele Beziehungen in die Brüche und Menschen werfen sich dann vermehrt vor Züge. Weihnachten sollte all das Gute und Liebe in uns wecken und zutage fördern. Und dabei tut es genau das Gegenteil. Anstatt um die Liebe, geht es nicht …

Artikel lesen