Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
trump

Provoziert erfolgreich: «Mr. Haarmatratze» Donald Trump.
Bild: andrew cline/shutterstock

Der «Titelblatter» – oder die Frage nach der Plattform 

«Gebt dem doch nicht auch noch eine Plattform!» Soll man provokatives Verhalten thematisieren oder ignorieren?

19.12.15, 16:55 19.12.15, 17:26

Vorgestern publizierte meine geschätzte Freundin Michèle Binswanger im «Tages-Anzeiger» einen Artikel über Propaganda in Form von Provokation. Sie bezog sich damit auf das jüngst veröffentlichte «Weltwoche»-Cover, das Sepp Blatter zum Schweizer des Jahres erhebt und seinen doch eher unrühmlichen Niedergang als «dornenvollen Kampf für eine bessere Welt» bezeichnet.  

An und für sich müsste jeder klar denkende Mensch darob einen Lachkrampf bekommen. Als ich das Bild das erste Mal sah, dachte ich «Hat der «Postillon» eine gedruckte Weihnachtsausgabe? Wie passend!»  

Nein. Das war tatsächlich die Dezemberausgabe der «Weltwoche» und das einzige Ziel war, zu provozieren. Zu diesem Schluss kommt auch Binswanger.  

Nun ist es natürlich tatsächlich so, dass so ein Titelbild im Anschluss durch die Presse geht, sich alle darüber den Mund zerreissen und auch alle Medien darüber berichten – so auch ich. Hier. Und damit bin ich bei Thema, über das ich eigentlich schreiben will: Die Plattform-Frage.  



Sie sind Ihnen bestimmt auch schon begegnet: Artikel über ebensolche Aktionen wie die der «Weltwoche». Oder über Menschen wie Donald Trump. Oder Paris Hilton. Inhalte, die in sich grotesk oder anstössig sind und bei denen es nur um «Fame» geht. Hauptsache, man redet drüber. Auch in der Politik ist das immer wieder Thema. Sobald über die SVP oder die Juso geschrieben wird, folgt irgendwann unweigerlich der Satz: «Gebt denen doch nicht auch noch eine Plattform!» Gemeint ist damit, dass man dem Provokateur mit Berichten über sein Verhalten in gewisser Weise hilft.

Aber stimmt das? Ist das Berichten über dessen negative Seiten trotzdem gute Werbung für das Ursprungsprodukt? Oder, wie man auf Neudeutsch so schön sagt: Is all publicity good publicity?  

Fakt ist zum Beispiel: Es gibt ein psychologisches Phänomen, das sich «Mere Exposure» nennt, der «Effekt des reinen Kontakts». Er bedeutet, dass durch blosse Darbietung von Personen oder Dingen die Einstellung des Menschen zu ebendiesen Personen oder Dingen positiv beeinflusst wird. So zeigt die Forschung unter anderem, dass man durch reine Vertrautheit mit einem Menschen diesen für attraktiver und sympathischer hält. ABER: Voraussetzung ist, dass die Bewertung bei der erste Darbietung nicht negativ war. Dann wird die Abneigung bei weiteren Begegnungen immer grösser. 

Das würde also im Fall einer «Weltwoche» bedeuten, dass diejenigen, die ihr sowieso schon positiv gesinnt waren, sie nach einer solchen Aktion noch toller finden, sie allen andern jedoch umso mehr zum Hals raushängt. Ist das im Sinne der Lesergewinnung? Und ist das überhaupt das Ziel?

Die Plattform-Diskussion, also die Frage, ob man Leuten, die absichtlich provozieren, verletzen oder anecken, eine Plattform bieten soll, finde ich eine überaus spannende.  

Einerseits will man dem Provokateur die von ihm so sehr gesuchte Aufmerksamkeit nicht geben, andererseits muss man über solche Entgleisungen halt doch berichten (können).  

Bestes Beispiel ist einmal mehr «Mr. Haarmatratze» Donald Trump. Der Mann gibt Dinge von sich, dass sich jedem mit nur einem Funken Herz und Verstand die Zehennägel zusammenrollen. Seine Aussagen sind so widerwärtig, dass man sie, wie Michèle Binswanger richtig feststellt, teilt, um sicherzustellen, dass man in seiner Ungläubigkeit ob so viel Unmenschlichkeit nicht allein ist. Und so verbreiten sie sich. Es stimmt, Trump ist gegenwärtig überall.

Nun würde man rein intuitiv ableiten, dass die Verbreitung solcher Statements zu einem negativen Bild Trumps führen müsste. Und in meinem Umfeld ist das auch so. Wie könnten Lügen und Verhetzungen auch dem Ruf nützen?  

Der Mann hat aber nach wie vor phänomenale Poll-Ergebnisse. Klar, die USA sind anders als wir hier, aber nicht so anders. Bekommen die US-Amerikaner diese Geschichten gar nicht zu Gesicht oder sind sie tatsachenresistent? Und sind das auch die Leser der «Weltwoche»?

Die Logik würde uns diktieren, dass negative News auch negative Gedanken provozieren sollten. Es wäre also für niemanden förderlich, mit grotesken Aktionen wie dem Blatter-Cover, dem «Titelblatter», aufzufahren, weil es schlicht nicht glaubwürdig und meiner bescheidenen Meinung nach auch einfach etwas doof ist. Wenn «bad News» auch einfach «bad News» wären, müsste das Magazin nun Leser verlieren. Aber tut es das?  

Sind Provokateure trötzelnde Kinder, die man einfach trötzeln lassen soll? Oder darf die ursprüngliche Motivation des Senders uns nicht davon abhalten, unmenschliches, dummes oder auch gefährliches Verhalten zu thematisieren und anzuprangern, in der Hoffnung, dass der Ruf halt doch etwas leidet? 

Ist das Risiko, dass man mit Berichten über «Böses» unweigerlich Leute für die «böse Seite» mitrekrutiert? Oder darf, oder muss man das Böse als Böses (was dann wieder von der Perspektive abhängt) entlarven?

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

Abonniere unseren Daily Newsletter

Themen
16
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Dewar 21.12.2015 12:26
    Highlight Für mich ist klar, dass man hetzerische, rassistische und grössenwahnsinnige Parolen eines derart einflussreichen Moguls wie Trump thematisieren muss. Eine Plattform erhält er sowieso, er kann sie sich kaufen und seine Anhänger helfen via social media kräftig mit. Wenn darauf dann nicht reflektierter eingegangen wird, überlässt man das Feld seinen Befürwortern.
    Das Dilemma ist für mich aber: Wie kann man dem bodenlosen Niveau eines solchen Rüpels in einer differenzierten Diskussion überhaupt gerecht werden? Wie kann man darauf eingehen, ohne die eigenen Prinzipien zu verletzen?
    11 1 Melden
    • Yonni Meyer 21.12.2015 18:33
      Highlight Das sehe ich genauso. Man möchte in gleicher Münze zurückzahlen, würde dann aber die eigenen Ansprüche an Niveau verletzen.
      6 1 Melden
    • FrancoL 23.12.2015 22:20
      Highlight Vergessen Sie nicht alle aber einen Teil Ihrer Prinzipien bei der VERBALEN Auseinandersetzung, dh ja nicht dass Sie diese Prinzipien über Bord werfen müssen, es geht darum auf dem Niveau Ihres Gegners sprachlich derb die Kausa zu verteidigen. Machen Sie dies nicht dann können Sie mit Ihren Prinzipien ruhig schlafen währenddessen die Gesellschaft rund um Sie herum baden geht. Es ist eine Pflicht bei Auseinandersetzungen auch die Sprache des Anderen zu nutzen und damit meine ich wirklich nur die Sprache und nicht gewalttätige Eskapaden. Man sollte sich nicht in seinem Niveau sonnen.
      2 2 Melden
  • Anam.Cara 20.12.2015 09:16
    Highlight Das Thema ist nicht neu. Ich erinnere mich, dass schon bei "Derrick" gefragt wurde, wie sinnvoll es ist, den Kriminellen zu zeigen "wie man's macht".
    Ja, ich denke, dass man über Leute wie Trump informieren sollte. Und es ist klar, dass niemand wirklich "neutral" informieren kann, denn das eigene Wertsystem schreibt immer mit.
    Und: News haben in unserer Zeit eine kommerzielle Seite. Daher werden Themen intensiv behandelt, die in der gedruckten Welt von früher nur wenig Platz gefunden hätten.

    Ich finde es wichtig, "Böses" zu erklären. Im richtigen Verhältnis zum Guten in der Welt...
    12 1 Melden
    • Yonni Meyer 20.12.2015 13:19
      Highlight Sehr guter Input! Danke!
      4 1 Melden
    • FrancoL 23.12.2015 22:31
      Highlight Ich bin immer wieder überrascht von der intensiven Behandlung eines Themas. Leider stelle ich fest dass das Intensiv sich auf die Quantität und nicht auf die Qualität bezieht. Gerade in letzter Zeit wurden Themen rund um das Unbehagen des Rechtsrutsches alle möglichen Artikel geschrieben, aber ich vermisse bei den meisten Artikeln einen ersten Grundfaden, eine Darstellung der Grundsituation als Grundauslage. Einfache Fakten ohne gleich zu werten, Fakten die eine Basis bilden für einen Diskurs. Meistens kommen die Artikel so schnell dass kaum eine hilfreiche Auslage vorgelegt werden kann.
      4 0 Melden
  • wozOn 19.12.2015 23:01
    Highlight Frage an die Autorin: was hat den der Ponyhof für eine Haltung dazu? Ist ja wirklich ein aktuelles Thema und in der heutigen Zeit echt relevant!
    Den Artikel mit einer Frage zu beenden ist etwas gar schwach, sorry, darum beginne ich diese mit Einer!
    8 7 Melden
    • Yonni Meyer 20.12.2015 00:29
      Highlight Ich beende gerne Artikel mit Fragen, weil mich die Meinung der LeserInnen interessiert. Meine Antwort verteilt sich hier über den ganzen Text. Ich glaube, es gibt nicht nur a oder b. Gerade bei Hetze jedoch finde ich Ignorieren gefährlich. Da bin ich für ein deutliches Nein.
      7 3 Melden
    • wozOn 20.12.2015 01:44
      Highlight Naja, nur bei Hetze!
      Übrigens hier wäre das ja welche. Ein Natioinalrat einer hetzenden Partei ( das ist noch lieb ausgedrückt) furzt für einen Korrupten (komm, davon ist aus zu gehen) krieg von dir nur analytisches ohne eine Haltung.
      Wieso so oportunistisch?
      Wieso nützt du nicht deine schreibende Macht aus?
      Wieso so eine biedere Schulstunde?

      Und hier auch noch etwas Weiterbildung:
      http://www.nzz.ch/feuilleton/medien/der-chefredaktor-schrumpft-zum-filialleiter-1.18661840

      Und :
      Köppel dürfte Heute ja selber noch im Tagi Platz haben - ein Skandal! Aber wohl Strategie: Empörung = Geld! Oder?
      6 9 Melden
  • Lionqueen 19.12.2015 22:06
    Highlight Die Frage ist schwierig zu beantworten. Einerseits sollte man solche Leute ignorieren, denn dann wir die Propaganda uninteressant. Das ist ähnlich wie bei Kinder. Kinder weinen, wenn sie etwas haben möchten und dies nicht bekommen. Sie hören auf zu weinen, wenn man ihnen keine Beachtung schenkt, weil sie merken, dass sie so nicht zum Ziel kommen.
    Andrerseits kann man auch nicht alles auf sich sitzen lassen. Wenn sich keiner wehrt kommt man bald zum Schluss, dass es okay ist.
    Es muss abgewogen werden, wie gross der Widerstand sein soll und wie gross die Platform daraus wird.
    3 1 Melden
  • Matthiah Süppi 19.12.2015 17:47
    Highlight Die JUSO mit der SVP zu vergleichen finde ich eine heftige Beleidigung für die juso.
    16 34 Melden
    • Yonni Meyer 19.12.2015 17:51
      Highlight Ich nenne lediglich diese beiden Parteien, weil meiner Erfahrung gemäss bei Berichten über sie oft der Plattform-Spruch kommt. Ich vergleiche sie nicht.
      22 2 Melden
    • Matthiah Süppi 19.12.2015 18:01
      Highlight Okey da haben Sie recht.
      13 0 Melden
  • Jol Bear 19.12.2015 17:40
    Highlight Es ging der Weltwoche unter Köppel stets darum, Gegenpositionen zum "Mainstream" oder Common Sense einzunehmen. Ob das für Sie rentabel ist, sei mal dahingestellt und nicht relevant. Für den Leser allerdings und für die Meinungsbildung ist es aber dennoch interessant. Wenn FIFA-Blatter in der Mehrheit der Medien negativ dargestellt wird, besteht die Gefahr, dass das Hinterfragen zu kurz kommt. So gesehen sind die Weltwoche-Inputs bei der autonomen Meinungsbildung doch nicht per es zu verachten. Und sollte Blatter tatsächlich nichts schwerwiegendes nachgewiesen werden, na ja, no risk no fun.
    22 5 Melden
    • Yonni Meyer 19.12.2015 17:48
      Highlight Danke für diesen Input. Vor allem den Punkt mit dem mangelnden Hinterfragen halte ich für wichtig!
      18 1 Melden
  • Zitronensaft aufbewahren 19.12.2015 17:20
    Highlight Jaja schönes Blabla. Aber:
    Über Provokateure berichten? Ja sicher, das sind News. Tuen das die Medien bzw. tut das Watson? NEIN, es wird nicht darüber berichtet, es wird breitgeschlagen, möglichst viele Artikel für möglichst viel Traffic. Beispiele gefällig?
    Donald Trump ist auf den eher liberalen Medien zurzeit allgegenwärtig, gibt halt Klicks, News ist das meiste nicht.
    10 Schüler tragen Edelweishemden? Darüber muss man natürlich 10 Artikel machen, solange es Klicks gibt, dazu noch Kommentare der Redaktion und Leserinput-Beiträge.
    Zusammengefasst: Es geht eher um Berufsethik vs. Traffic.
    18 3 Melden

Kann man, muss man nicht: Unser Modal-Problem

Ja, Sie haben schon richtig gelesen, da ist kein Tippfehler im Titel. Modal, mit d. Ich erspare Ihnen nun die Google-Suche oder das Ausgraben Ihrer Deutsch-Ordner von früher, wo Sie dann Ihre alten Aufsätze finden, in denen Sie sehr realistisch eingeschätzt haben, dass Sie mit 30 ein Haus, vier Kinder, einen Labrador namens «Columbo» und eine Traumkarriere haben werden und alles, was Sie nun mit 36 tatsächlich Ihr eigen nennen, ist ein Fahrrad und sogar das wurde Ihnen schon zweimal …

Artikel lesen