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Die berühmteste Richterin Spaniens ist öffentlichkeitsscheu. Es gibt kaum brauchbare Fotos von ihr. Bild: Illustration Marco Tancredi, «Schweiz am Wochenende»

Diese Frau brachte schon 8 katalanische Minister hinter Gitter – jetzt jagt sie Puigdemont

Carmen Lamela hat einen Europäischen Haftbefehl gegen Carles Puigdemont, den abgesetzten Präsidenten Kataloniens, ausgestellt. Wer ist diese Frau?

04.11.17, 14:34 04.11.17, 14:56

pascal ritter / schweiz am wochenende

Ein Artikel von

Am Freitagabend machte sie ernst: Strafrichterin Carmen Lamela erliess einen Europäischen Haftbefehl gegen Carles Puigdemont. Der Beschluss gilt auch für die vier Ex-Minister, die sich zusammen mit dem ehemaligen katalanischen Regionalpräsidenten nach Belgien abgesetzt hatten. Die spanische Justiz wirft Puigdemont Rebellion, Aufruhr und die Veruntreuung öffentlicher Mittel vor. Bereits in Haft sitzen acht ehemalige Minister der abtrünnigen Region Spaniens – darunter auch der katalanische Vizepräsident Oriol Junqueras. Verhaftet von Carmen Lamela.

Die Strafrichterin der Audiencia Nacional bestimmt zurzeit die Schlagzeilen in Spanien. Bildredaktoren treibt sie aber in den Wahnsinn; hochaufgelöste Aufnahmen von ihr gibt es kaum. Im Gerichtssaal ist fotografieren verboten. Den öffentlichen Auftritt meidet Carmen Lamela. Der Katalonienkonflikt macht sie nun trotzdem weltberühmt.

Wie politisch ist die Richterin?

Wie tickt Carmen Lamela? Die katalanischen Nationalisten machen es sich einfach. Sie sehen in ihr den verlängerten Arm des Ministerpräsidenten Mariano Rajoy. Was er mit dem Vorschlaghammer nicht hinkriegt, erledige sie mit dem Holzhämmerchen. Sucht man in ihrer Biografie nach Politik, führt die Spur jedoch weg von der konservativen Regierungspartei Partido Popular und hin zur sozialdemokratischen PSOE. Als deren Genosse José Luis Rodríguez Zapatero noch die Geschicke des Landes lenkte, arbeitete Lamela als Beraterin im Justizministerium.

Am 2. November treten katalanische Minister zur Anhörung bei Carmen Lamela an.  Bild: EPA/EFE

Personen aus ihrem Umfeld beschrieben sie gegenüber einer spanischen Zeitung als progressiv. Sie selbst sagt, es habe sich um einen technischen Posten ohne politische Implikationen gehandelt. Mit dem Regierungswechsel Ende 2011 war auch Carmen Lamelas Zeit als Beraterin zu Ende. Sie arbeitete wieder als Richterin wie schon Ende der 80er-Jahre. Aus dieser Zeit kennt sie die abtrünnige Region Katalonien gut. Sie war Provinzrichterin in Barcelona und zuvor Bezirksrichterin in Badalona, einer Vorstadt der Katalanenmetropole.

Die 56-Jährige wird in einer Fachzeitschrift als unermüdlich und arbeitsam beschrieben. Das juristische Handwerk hat sie in Madrid gelernt. Sie schloss 1984 an der Universität Pontificia de Comillas mit Bestnoten ab. In die Hauptstadt kehrte sie nach dem Abstecher nach Katalonien zurück und amtete auch dort als Provinzrichterin. Zur Audiencia Nacional kam sie im Jahr 2014. Das Gericht ist am ehesten mit dem schweizerischen Bundesstrafgericht zu vergleichen. Es befasst sich mit besonderen Straftaten, welche durch nationale Gesetze verboten sind. Dazu gehören auch Delikte, die nun den Ministern vorgeworfen werden: Rebellion und Auflehnung gegen die Staatsgewalt.

Der abgesetzte katalanische Präsident Carles Puigdemont wäre nicht der erste Prominente, den Lamela hinter Gitter brächte. Erst im Mai dieses Jahres ordnete sie für Sandro Rosell, den ehemaligen Präsidenten des Fussballclubs Barcelona, Untersuchungshaft an. Ihm wird vorgeworfen, Schwarzgeld in der Höhe von 15 Millionen Euro gewaschen zu haben. Es geht um mutmassliche Schmiergeldzahlungen. Rosell wartet in Soto del Real im gleichen Gefängnis wie die beiden Jordis und der katalanische Vizepräsident Junqueras auf seinen Prozess.

Medaillen von der Guardia Civil

Bei spanischen Polizisten ist Richterin Lamela beliebt. Im September dieses Jahres erhielt sie eine Medaille für polizeiliche Verdienste vom Innenministerium. Sie trägt zudem das silberne Verdienstkreuz der Guardia Civil. Diese Polizeieinheit des Militärs wird an Demonstrationen der katalanischen Separatisten gerne als Besatzungsmacht beschimpft. Dass sich die Richterin von diesen Polizisten auszeichnen liess, erhöht ihre Glaubwürdigkeit in der Region auch nicht gerade.

Lamelas Aufgabe ist heikel. Sie muss im bisher wichtigsten politischen Prozess der noch jungen spanischen Demokratie Recht sprechen. Im Grunde gilt die Gewaltenteilung und sie muss nur Verfassung und Gesetze durchsetzen. Doch ihre Richtersprüche haben politische Konsequenzen. Ihre Entscheidung, gewählte Vertreter einer Regionalregierung in Untersuchungshaft zu setzen, stösst international auf Kritik. Sie sei ein Fehler und sollte von allen Demokraten verurteilt werden, twitterte etwa Nicola Sturgeon, die Premierministerin Schottlands.

Dabei kann niemand in Zweifel ziehen, dass die Verhafteten sich über Entscheide von spanischen Gerichten hinweggesetzt hatten, als sie Katalonien für unabhängig erklärten. Und dass keine Fluchtgefahr bestehe, kann nach der wundersamen Reise des Carles Puigdemont nach Brüssel auch niemand mehr behaupten.

Dass es einer Reform der spanischen Verfassung aus dem Jahre 1978 bedarf, sehen mittlerweile auch Teile der konservativen Regierungspartei Partido Popular ein. Doch noch gilt die alte. Und diese setzt Carmen Lamela um, wie sie von Juristenkollegen in der Fachzeitschrift beschrieben wurde: arbeitsam, gewissenhaft und mit der Strenge einer Buchhalterin.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • seventhinkingsteps 05.11.2017 03:30
    Highlight "Sucht man in ihrer Biografie nach Politik, führt die Spur jedoch weg von der konservativen Regierungspartei Partido Popular und hin zur sozialdemokratischen PSOE."

    Wer hat uns verraten?
    0 0 Melden
  • Spooky 05.11.2017 00:44
    Highlight Ich bin ein Mann.

    Früher war ich ein Linker.

    Bis ich verraten wurde.

    Früher habe ich immer gesagt: Frauen an die Macht!

    Heute muss ich zusehen, dass die Frauen an der Macht alles in den Schatten stellen, was die Männer je an Dummheiten und Grausamkeiten je zustande gebracht haben.

    Ich streue Asche auf mein Haupt.
    1 1 Melden
  • Silent Speaker サイレントスピーカー 04.11.2017 20:37
    Highlight Es gibt Leute, die sagen, Frauen wären die besseren Menschen. Zum Glück hat Charakter kein Geschlecht. Aber leider haben auch beide Geschlechter zu wenig Charakter.
    11 3 Melden
  • Openyourmind 04.11.2017 15:47
    Highlight Wenn Kosovo unabhängig werden darf (wobei nicht wirklich unabhägig von der USA Drogen Mafia 🤣), warum nicht auch Katalonien? Schweiz hat Kosovo annerkant, daher sollte auch Katalonien annerkant werden. Ansonsten verstehe ich nicht die unterschiedlichen Massstäbe! Entweder alle annerkennen oder keine annerkennen. Spanien scheint da konsequent zu sein (und nich wie unsere Schweiz „mal so und mal so“)...
    12 23 Melden
    • Juliet Bravo 04.11.2017 18:28
      Highlight In Kosovo herrschte zuvor ein Krieg bei dem es zu Vertreibungen kam. In Katalonien nicht.
      6 2 Melden
    • äti 04.11.2017 19:10
      Highlight ... was ist mit unserem Thurgau? Wir wollen und werden auch unabhängig werden. Viel besser als jetzt wirds garantiert. Denke, spätestens im Januar 2018 rufe ich die Unabhängigkeit aus.
      3 3 Melden
    • Silent Speaker サイレントスピーカー 04.11.2017 20:41
      Highlight Es muss zuerst Krieg geben. Dann viele Tote. Dann noch ein paar Massaker. Dann schaut man lange zu. Dann sagen die Amis, wir, die Weltpolizei, müssen wieder mal jemanden befreien. Dann gibt's Blauhelme, die für Ruhe sorgen dürfen. Dann vielleicht.

      Wahrscheinlich geht's darum, dass die Waffenindustrie daran verdienen kann. Das bisschen Rebellion ist noch nicht ausreichend.

      Da geht's *glaub* um höhere Interessen.
      5 4 Melden
  • dommen 04.11.2017 15:22
    Highlight ...
    7 7 Melden
  • olmabrotwurschtmitbürli 04.11.2017 14:51
    Highlight Es wird ja immerzu kolportiert, dass die Flucht von Puigdemont Beweis für die Fluchtgefahr der anderen sei. Ich sehe das anders, immerhin sind die Minister vor Gericht freiwillig erschienen, obwohl sie die Möglichkeit hatten sich nach Brüssel abzusetzen.
    10 6 Melden

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