Schweiz

Die Jungen sind politisch engagierter und reden über dieselben Themen wie die Erwachsenen.
Bild: KEYSTONE

«Der Schweizer Jugend geht es gut, und so verhält sie sich auch» – darum nimmt die Kriminalität ab

Die Jugendkriminalität nimmt ab, die Jungen sind zufriedener und fühlen sich aufgehoben. Einen Grund dafür sieht der Leiter des Kinder- und Jugenddienstes Basel-Stadt darin, dass sich Erwachsene und Junge näher gekommen sind.

24.12.15, 08:31 25.12.15, 17:52

Die Jugendkriminalität hat gegenüber dem Jahr 2009 um 40 Prozent abgenommen, wie eine Publikation des Bundesamtes für Statistik zeigt. «Klar, die schauen ja alle nur noch auf ihr Smartphone!», meinen die Kulturpessimisten. Wir sind optimistischer. Stefan Blülle ist Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) und versucht zu erklären.

bild: jfs.bs.ch

Stefan Blülle ist Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen EKKJ. Er leitet den Kinder- und Jugenddienst im Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt.

Sind die Jugendlichen heute einfach zivilisierter als früher?
Stefan Blülle: Zivilisierter ist nicht der richtige Ausdruck, denke ich. Es geht vielmehr darum, dass die kulturellen Strömungen nicht mehr so viel Konfliktpotential bieten wie noch in den 80ern. Die Welten der Jungen und der Alten haben immer mehr Überschneidungen und die Generationen kommen sich näher. Die Jugend ist zufriedener und will Teil haben an der Gesellschaft.

Aber sollte sie nicht radikal und aufrührerisch sein?
Radikalität ist keine Frage des Alters, wie verschiedene Beispiele aus dem heutigen Leben zeigen. Diese Zuschreibung an die Jugend​ basiert auf entsprechenden Phasen in den 70er und den 80er Jahren. Damals stimmte das. Nun glaubt jeder, dass das die Jugend sei. Dass sie vorher aber nur selten diese Attribute erfüllte, ging vergessen. Manche haben die Vorstellung, dass eine aufrührerische Jugend normal sei, dass stimmt aber nicht.

Viele sind der Meinung, dass Smartphones die Jungen zu passiven Zombies machen.
Ich sehe das nicht so. Die Jungen nehmen am öffentlichen Leben teil, sie beschäftigen sich mit den gleichen Themen wie die Erwachsenen: Flüchtlingskrise, Klimawandel und so weiter. ​Der Grenzverlauf ist hier nicht mehr so stark auf Jung und Alt fokussiert, sondern liegt woanders. Es kann natürlich sein, dass in Zukunft Themen in den Fokus rücken, in denen sich die Generationen wieder mehr gegenüberstehen.

Also hat das Smartphone in dieser Hinsicht keinen Einfluss?
Smartphones und Social Media sind mittlerweile allgegenwärtig. Es wäre blauäugig, ihnen jeglichen Einfluss abzusprechen. Sie haben die Begegnungsformen durchaus verändert. Worauf das alles hinausläuft, wird sich zeigen.

Glauben Sie, die vermehrte Kontrolle von Jugendlichen durch die Polizei hat diese eingeschüchtert?
So sehr wurde die Polizeipräsenz nun auch nicht erweitert. Nach meiner Einschätzung ist es nicht zusätzliche Repression, die zum Rückgang der Jugendkriminalität geführt hat.

Was war es dann?
Die Jungen sind einfach zufriedener und haben ihren Platz in der Gesellschaft mehrheitlich gefunden. Es gibt immer noch Einzelfälle, die intensivere Hilfe benötigen, aber allgemein geht es der Schweizer Jugend gut, und so verhält sie sich auch.

Also haben wir heute die beste Jugend, die es je gegeben hat?
Das ist zu überspitzt formuliert. Es ist schwer, solche Veränderungen zu werten. Schlussendlich ist jede Generation ihren Weg gegangen. Diesen für die jetzige vorauszusagen, ist unmöglich.

Aber braver war die Jugend noch nie, oder?
Die Welten der Generationen existieren nicht mehr klar abgetrennt voneinander. Manche teilen den selben Musikgeschmack und die politischen Ansichten, andere nicht. Das hat aber immer weniger mit dem Alter, sondern mit anderen Umständen zu tun. Das heisst nicht nur, dass die Jungen «erwachsener» geworden sind, sondern auch, dass viele Erwachsene sich für Themen interessieren, die vorher für die Jugend reserviert waren.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • teufelchen7 25.12.2015 15:35
    Highlight ich finde, wir sollten die jugendlichen in ruhe lassen. ich würde mit ihnen nicht tauschen wollen! heutzutage zählen nur noch die leistungen. sie sollen vernünftig sein und gute schüler werden und karriere machen und einmal gute ahv-zahler werden und... keine zeit, um ungezogen zu sein! schon gar um nicht spass zu haben.
    3 1 Melden
  • Einstein56 25.12.2015 09:17
    Highlight Gesellschaft verändern soll kein Privileg der Jugend sein? Aber hallo! In der Geschichte geschlafen oder Fensterplatz? Russische, französische, kubanische..... Revolution? Alles von Jungen lanciert! Das andere ist wohl ein Traum der Alt-68-er. Immer ein bisschen den Revoluzzer spielen. Tipp: werdet doch erwachsen!
    3 7 Melden
  • kettcar #mo4weindoch 24.12.2015 11:38
    Highlight Die Jungen haben leider zwischen Ausbildung, Arbeit, Weiterbildung, Transferarbeiten, Kompetenznachweisen, Modulprüfungen, Bachelorarbeiten und so gar keine Zeit mehr um die Welt zu verändern.
    61 7 Melden
    • revilo 24.12.2015 14:27
      Highlight Genau diesen Gedanken habe ich auch. Ständiger Leistungsdruck zerstört vielen das Leben!
      Tanzt dann mal einer aus der Reihe, erstaunt das.
      22 3 Melden
  • Ichholeuchalle 24.12.2015 11:27
    Highlight na toll, die Hoffnungen unserer Zukunft sind nur noch selbstgefällige, biedere Schubladenmuuser von denen weder Ambition, Inspiration und sonstigen Aufbruchsgeist ausgehen wird. Uniformiert, kleingeistig und mutlos...kein Wunder dass sich die Generationen in der CH noch nie so nah wahren.
    16 47 Melden
    • Señor Ding Dong 24.12.2015 11:41
      Highlight Ich sehe auch eine Generation, die ausser dem Wirtschafts-/Konsumparadigma nichts mehr beigebracht bekommt.

      Sie wollen "Erfolg" haben und "Teil der Gesellschaft sein". Sie werden also schon assimiliert, bevor sie selbständig Denken können.
      35 5 Melden
    • koks 24.12.2015 12:44
      Highlight die jugendlichen sind doch keine nützlichen idioten, die für euch die kohlen aus dem feuer holen müssen. wenn ihr was ändern wollt, machts selbst. und im übrigen wurde die jugend ja von ihrer elterngeneration erzogen, also alles bestens.
      ps. ihr seid wahrscheinlich auch die, die rummotzen, wenn die jugendlichen auf der strasse randale machen, weil protest erlaubt ihr ja bloss, wenns euren partikulären interessen dient.
      15 8 Melden
  • Schweizermacher 24.12.2015 10:19
    Highlight Wäre es nicht sinnvoll, wenn man ein ähnliches Interview mit diversen Jugendlichen führen würde, und die Antworten vergleicht? Immer diese Experten mit ihren Meinungen über andere, fragt doch die anderen gleich selbst.
    62 4 Melden
    • schoso 25.12.2015 14:59
      Highlight Nein wäre es nicht. Ein Experte stützt sich auf wissenschaftliches Wissen. Also auf Daten aus verschiedenen evt. auch internationalen Studien. Wenn watson 5 Jugendliche interviewt, repräsentiert dass in keinster Weise die "gesamte" Jugend. Um wirklich ein Vergleich machen zu können, müsstest du eine recht hohe Zahl an Jugendlichen interviewen, der Bevölkerung entsprechend nach Wohnort, Bildungsgrad, Herkunft etc.
      9 0 Melden
  • Humbolt 24.12.2015 10:15
    Highlight Es besteht jedoch die Gefahr, dass sie gemütlich werden könnten. Wem es gut geht, vergisst schnell, dass es nicht immer so bleiben muss. In Anbetracht dessen wohin die Welt sich entwickelt, wäre ein wenig Hinterfragen der Jugend gar nicht schlecht.
    20 15 Melden
  • E7#9 24.12.2015 09:59
    Highlight Kürzlich habe ich scherzhaft einem Lehrerkollegen während der Pausenaufsicht gesagt, die Jugend sei langweilig, es gäbe ja gar keine Schlägereien mehr. Merci Herr Blülle für die Belehrung. Sie ist nicht langweilig sondern ausgeglichener (trotz grossem gesellschaftlichen Druck). Die Einschätzung leuchtet ein, dass die Welten der Generationen nicht mehr so klar abgetrennt sind. Die Jugend und die Erwachsenen sind gegenseitig aufgeschlossener. Weiterentwicklungen setzen sich nicht mehr zwingend mit einer kämpferischen Jugend-Revolution durch.
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