Sport

Der 41-jährige Martin Gerber erlebt mit den Kloten Flyers einen Fehlstart in die Meisterschaft.
Bild: EQ Images

Die Parallelen von Martin Gerber zu Ernest Hemingways «Der alte Mann und das Meer»

Das Schicksal der Kloten Flyers ist eng mit Sean Simpson und Martin Gerber verknüpft. Eine Geschichte mit einer ganz besonderen Dramatik – nach dem Fehlstart erst recht.

14.09.15, 11:05 14.09.15, 11:32

Es ist fast so, als habe das Hockey-Glück Sean Simpson in der Nacht vom 18. auf den 19. Mai 2013 verlassen. Seit dieser Nacht läuft in seiner grandiosen Hockey-Karriere alles schief. Er entscheidet sich als Nationaltrainer für den falschen Torhüter (Martin Gerber statt Reto Berra) und verliert auch deshalb am 19. Mai 2013 das WM-Finale gegen Schweden 1:5. Beim Olympischen Turnier und bei der WM 2014 erreicht er das Viertelfinale mit viel Pech nicht. Anschliessend wird er beim KHL-Klub Jaroslawl gefeuert, wechselt während der Saison zu Kloten, verpasst die Playoffs und verliert den Cupfinal gegen den SC Bern.

Ein ratloser Sean Simpson. Seit rund zweieinhalb Jahren läuft beim Ex-Nati-Trainer alles schief.
Bild: KEYSTONE

Das Glück will einfach nicht zurückkehren. Soeben hat er mit den Kloten Flyers die ersten zwei Spiele verloren. 3:7 gegen Biel und 3:6 in Fribourg. Und so wie damals, als sein Unglück mit dem WM-Finale begonnen hat, so spielt auch jetzt wieder Martin Gerber eine Rolle. Wir sind beim Thema: Der alte Goalie und sein Coach.

Der Stanley-Cup-Sieger in der Krise

Martin Gerber ist am 3. September 41 Jahre alt geworden. So wie Sean Simpsons in unserem Hockey einer der grössten Coaches aller Zeiten, so ist er einer der grössten Goalies aller Zeiten. Aufstieg mit Langnau, Meister in Schweden, Stanley Cup-Sieger, WM-Finalist. Aber so wie bei Sean Simpson läuft auch bei ihm seit 2013 fast alles schief. Abstieg 2013 mit Rögle aus der höchsten Schwedischen Liga. Mit Kloten verliert er 2014 das Playoff-Finale, 2015 verpasst er gar die Playoffs und verliert den Cupfinal. Und jetzt der Fehlstart.

Hiesse Klotens Torhüter Klaus Wegmüller und nicht Martin Gerber, so wäre längst eine heftige Polemik im Gange. Die Statistik ist miserabel. Gegen Biel erreicht Gerber eine Fangquote von 79,41 Prozent und gegen Fribourg sind es 83,33 Prozent. Ein guter Torhüter hält mindestens 92 Prozent der Schüsse.

Julien Sprunger bezwingt Martin Gerber – der Kloten-Goalie musste in zwei Spielen 13 Mal hinter sich greifen.
Bild: EQ Images

Martin Gerber als Symbolfigur 

Ist Martin Gerber an allem schuld? Nein, natürlich nicht. Und doch symbolisiert er möglicherweise die Kloten Flyers mehr als alle ahnen. Dieses Hockeyunternehmen hat in den letzten vier Jahren mehr durchgemacht als alle anderen Nationalliga-Organisationen. Der wirtschaftliche Existenzkampf hat auch die Spieler stark beansprucht. Geht es weiter? Geht es nicht weiter? Was mache ich, wenn es nicht weiter geht? Übernimmt ein anderer Klub meinen Vertrag?

Konsternierte Blicke bei den Kloten Flyers nach dem miserablen Saisonstart.
Bild: KEYSTONE

Es ist eine Mannschaft mit einem bewundernswerten Zusammenhalt. Aber auch eine Mannschaft, die inzwischen sehr viele Kilometer auf dem Tacho hat und auf dünnem Eis steht. Wichtige Spieler wie René Back, Patrick von Gunten, Philippe Schelling, Peter Guggisberg, Michael Liniger, Romano Lemm, Tommi Santala und Victor Stancescu sind 30 Jahre oder älter. Martin Gerer ist sogar 41. Die Kloten Flyers wie Martin Gerber: Viel Talent, viel Klasse, viel Erfahrung und eine ruhmreiche Vergangenheit. Aber zerbrechlich in der Gegenwart.

Mentale Fragilität oder doch alles Zufall?

Der alte Mann und das Meer. Der alte Goalie und sein Coach. Der alte Fischer Santiago fängt nach drei erfolglosen Monaten endlich einen riesigen Schwertfisch. Als er im Hafen ankommt, muss er feststellen, dass die Haie seinen Fang bis auf das Skelett gefressen haben. Der alte Goalie Martin Gerber hat nach drei bescheidenen, meist erfolglosen Jahren in Oklahoma, Växjö und Ängelholm in Kloten endlich wieder einen riesigen Vertrag an Land gezogen. Doch nun muss er feststellen, dass diese Kloten Flyers kein Spitzenteam mehr sind und womöglich keines mehr werden. Trotz einem so ausgewiesenen Erfolgscoach wie Sean Simpson.

Nominell sind die Kloten Flyers nach wie vor bei weitem gut genug für eine sichere Playoff-Qualifikation und eine rasche, nachhaltige Reaktion auf den Fehlstart. Und doch irritiert, wie eine so gute Mannschaft nach verheissungsvollem Spielbeginn auseinander gefallen ist. Alles einfach bloss dumm gelaufen? Oder sind die Klotener nach all den Jahren mental so fragil geworden, dass sie Widerstände nicht mehr überwinden können? Dass sie verloren sind, wenn der Puck nicht ihren Weg gehen will? Ist Martin Gerber nicht mehr dazu in der Lage, Spiele im Alleingang zu gewinnen wie in seinen besten Zeiten?

Der alte Mann und das Meer: Es gibt Parallelen zu Martin Gerber.

Die Geschichte, die unsere WM-Silberhelden Sean Simpson und Martin Gerber in Kloten schreiben, hätte auch Ernest Hemingway inspiriert. Seine Geschichte über den alten Mann und das Meer liefert uns allerdings keinen Hinweis auf die Zukunft Martin Gerbers, Sean Simpsons und der Flyers. Santiago, der alte Fischer, schläft nach der Rückkehr in den Hafen erst einmal tief durch und träumt von einem Löwen in Afrika. Die Vorlage für die Romanfigur Santiago ist der kubanische Fischer Gregorio Fuentes. Er wurde 104 Jahre alt. Das ist schon mal kein schlechtes Omen für den alten Goalie, seinen Coach und die Kloten Flyers.

Diese Spieler schnuppern zum ersten Mal NLA-Luft

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
3
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Amboss 14.09.2015 13:34
    Highlight Ein echtes Versäumnis ist, dass Kloten in den letzten Jahren keinen Nachfolger aufgebaut hat, sondern immer auf den (böse gesagt) Senior Martin Gerber gebaut hat.
    Und der eigentlich gedachte Luca Boltshauser wird in der NLA doch sehr bös ins kalte Wasser geschubst.

    Gerber schafft es doch nicht, 70 Spiele lang durchzustehen (so lange kann es dauern bis der Meister gekürt ist - oder der Absteiger...)
    9 2 Melden
  • Tikkanen 14.09.2015 11:31
    Highlight .....wenn sich der gute Tinu vor zwei Jahren alleine und nicht im Duo mit dem "Chelios des armen Mannes"beim SCL beworben hätte, müsste er nicht mehr im Kasten stehen......
    9 1 Melden
    • Todd E. 15.09.2015 09:51
      Highlight Müssen tut der Tinu sowieso nicht mehr und beweisen muss er auch niemandem mehr etwas, dafür war seine Karriere einfach zu gut. Aber bei einem solchen Team wie es Kloten seit par Jahren ist, kann kein Goalie der Welt etwas reissen !
      Da gibt es einige grössere Baustellen, bis ganz oben......
      4 2 Melden

Martin Plüss beendet seine Karriere: «The best is always yet to come»

Wenige Wochen nach Mark Streit tritt mit Martin Plüss ein weiterer Spieler zurück, der das Schweizer Eishockey in den vergangenen zwei Jahrzehnten geprägt hat. Der 40-jährige Stürmer war bis im Frühling Captain beim SC Bern, mit dem er insgesamt vier Mal Meister wurde, zuletzt 2016 und 2017.

Mit der Nationalmannschaft feierte Plüss seinen grössten Erfolg mit dem Gewinn von WM-Silber 2013 in Stockholm. Bei jenem Exploit war der smarte, nur 1,74 m grosse Center eine der Schlüsselfiguren im Team …

Artikel lesen