Unvergessen
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Das Skandal-Trio von Athen: Trainer Christos Tzekos (l.), Konstantinos Kenteris und Ekaterini Thanou. Bild: AP NEWSPORT

Einer der grössten Olympia-Skandale: Kenteris und Thanou und der mysteriöse Töff-Unfall

12. August 2004: Sie sind die grossen griechischen Hoffnungsträger für die Olympischen (Heim-)Spiele in Athen. Doch statt für Edelmetall sorgen die Sprinter Konstantinos Kenteris und Ekaterina Thanou am Tag vor der Eröffnungsfeier für einen der spektakulärsten Skandale der Olympia-Geschichte.

12.08.17, 00:05

Sommer 2004: Ganz Griechenland freut sich auf die Rückkehr der Olympischen Spiele nach Athen. Kein Wunder: Schliesslich hat der Gastgeber auch ein paar heisse Medaillenanwärter in den eigenen Reihen. Unter anderem die beiden Sprinter Konstantinos Kenteris, Olympiasieger über 200 Meter in Sydney 2000, und Ekatarina Thanou, die in Sydney über 100 Meter Silber gewonnen hatte.

Natürlich wollen die beiden Trainingspartner erneut aufs Podest. Der Hype um die Hoffnungsträger, die in Griechenland Superstar-Status haben, ist riesig. Kenteris hätte gemäss Gerüchten gar der letzte Fackelläufer sein sollen – im letzten Moment wurde er ersetzt – und das Olympiastadion ist für den 200-m-Final der Männer als erster Wettkampf überhaupt bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Sydney 2000: Konstantinos Kenteris holt Gold über 200 Meter. Bild: AP

Doch dann kommt die Nacht vor der Eröffnungsfeier. Thanou und Kenteris sind gerade auf dem Weg zurück ins olympische Dorf, als sie der griechische Sportfunktionär Manolis Kolybadis abfängt und vor einer unangekündigten Dopingkontrolle warnt. Kenteris und Thanou drehen auf dem Absatz um und flüchten: Das Drama nimmt seinen Lauf.

Der Unfall, den es nie gab

Zur Dopingkontrolle tauchen sie nicht auf, weil sie auf dem Nachhauseweg seien. Sie hätten «persönliche Sachen» abholen müssen, lautet die offizielle Begründung. Kein Problem: Der Test könne in zwei Stunden nachgeholt werden. Doch auch da erscheinen die beiden Sprinter nicht. Die Ausrede diesmal: ein Motorradunfall.

Kenteris und Thanou werden ins Spital eingeliefert – mit Schleudertrauma und Beinverletzungen, wie das Krankenhaus mitteilt. Aber bald werden Ungereimtheiten bekannt: Der Kioskbetreiber in unmittelbarer Nähe der angeblichen Unfallstelle hat nichts mitbekommen, bei der Polizei geht keine Unfallmeldung ein und das Spital, in das Kenteris und Thanou eingeliefert werden, liegt weit weg von der Unfallstelle am anderen Ende der Stadt.

Journalisten warten in Athen auf neue Informationen im Fall Thanou/Kenteris. Bild: Reuters

Ziemlich schnell wird klar: Die beiden Schützlinge von Trainer Trainer Christos Tzekos wollten die Dopingkontrolle unbedingt umgehen. Ähnliches hatte Kenteris übrigens schon im Training vor den Spielen in Chicago gemacht. Doch als dort eine Kontrolle angekündigt wird, meldet sich der Grieche ab. Er befinde sich bereits auf dem Heimweg, so die Begründung. Andere Quellen sagen, der Olympiasieger von 2000 sei gar nie in den USA gewesen.

«Wie aufgescheuchte Tauben»

Das griechische olympische Komitee suspendiert seine beiden Superstars am 14. August vorläufig bis zu deren Anhörung zwei Tage später. In der Zwischenzeit plaudert Funktionär Kolybadis. Die beiden seien nach seiner Warnung in Panik geraten und wie «aufgescheuchte Tauben» geflüchtet. Die Einvernahme wird auf den 18. August verschoben, was Kenteris einen Tag zuvor nutzte um anzukündigen, dass er vor der IOC-Kommission alle Vorwürfe widerlegen könne und zu seinem Wettkampf starten werde.

Kenteris und Thanou bei der Entlassung aus dem Spital. Video: YouTube/AP Archive

Doch daraus wird nichts. Einen Tag später sagt er: «Aus Verantwortungsbewusstsein» wolle er auf einen Start verzichten. Auch Thanou gibt ihre Akkreditierung für die Spiele am selben Tag zurück. Wenig später werden beide für zwei Jahre gesperrt. Sieben Monate nach dem Skandal sprach ein fünfköpfigen Schiedsgericht des griechischen Leichtathletik-Verbands Kenteris und Thanou dann aber völlig überraschend frei.

Stattdessen wird Trainer Tzekos für vier Jahre gesperrt. Bei einer Razzia in seinen Geschäftsräumen werden rund 1500 Ampullen mit verbotenen Substanzen gefunden. Er sei ausserdem über die Dopingkontrollen unterrichtet gewesen und hätte es versäumt, dafür zu sorgen, dass seine Schützlinge dort auch erscheinen. Der Motorradunfall des Duos am betreffenden Abend bleibt in der Erklärung des Schiedsgerichts seltsamerweise unkommentiert.

Boxen verbotener Substanzen in den Geschäfsräumen von Trainer Tzekos.  Bild: AP

Der Skandal ist damit allerdings längst nicht ausgestanden. Im Gegenteil: Der Weltverband IAAF akzeptiert die Urteilsbegründung nicht und geht beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Berufung. Kenteris und Katerina Thanou räumen im Juni 2006 schliesslich ein, drei Dopingkontrollen im Zeitraum vom 27. Juni bis 12. August 2004, versäumt zu haben. Damit wird die zweijährige Sperre bis Dezember 2006 doch noch bestätigt

Am Ende doch noch freigesprochen

Doch die Schlammschlacht dauert an: Thanou gibt nach zweijähriger Wettkampfsperre ihr Comeback und qualifiziert sich für Peking 2008. Kurz vor den Spielen in China verweigert das IOC der Griechin aber die Akkreditierung, weil sie mit ihrem Verhalten «die olympische Bewegung in Misskredit» gebracht habe. Kenteris tritt bereits früher zurück.

Ekatarina Thanou kann beim Prozess im Jahr 2011 noch lachen. Bild: © John Kolesidis / Reuters/REUTERS

Im Mai 2011 findet schliesslich doch noch der finale Prozess statt. Kenteris und Thanou werden dabei vor einem griechischen Gericht wegen Meineides zu 31 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Trainer Tzekos bekommt sogar 33 Monate. Sechs Ärzte, die die beiden Topsprinter nach ihrem angeblichen Motorradunfall behandelt haben wollen, kassieren Bewährungsstrafen von sechs bis acht Monaten.

Vier Monate später werden jedoch beide wieder freigesprochen. Ein Athener Berufungsgericht sieht es nicht als erwiesen an, dass die beiden Sprinter einen Meineid geleistet haben.

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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    Alle Leser-Kommentare
  • The Host 12.08.2017 11:57
    Highlight Solche Augen, wie die Zwei auf dem Titelfoto haben, sieht man sonst nur an der Streetparade ;-)
    25 0 Melden

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