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Häusliche Gewalt: Aargauer Polizei rückt so oft aus wie nie zuvor

Seit mehr als zehn Jahren müssen Opfer von häuslicher Gewalt keine Anzeige mehr einreichen, damit die Täter verfolgt werden. Dennoch lag der Anteil der bestraften oder vor Gericht gestellten Täter letztes Jahr im Aargau bei weniger als zehn Prozent.

fabian hägler



Ein Artikel der

So oft wie noch nie musste die Polizei im letzten Jahr wegen häuslicher Gewalt ausrücken. 1589 sogenannte Interventionen von Regional- und Kantonspolizei listet die Statistik für das Jahr 2014 auf. Doch was passiert nach einem solchen Einsatz? 

Bernhard Graser, Sprecher der Kantonspolizei, erklärt: «Wir orientieren sofort telefonisch die Staatsanwaltschaft, wenn Todesdrohungen oder Drohungen mit einer Waffe oder einem gefährlichen Gegenstand im Raum stehen.» 

THEMENBILD ZUR KRIMINALSTATISTIK 2013 --- (Themenbild Gewalt in der Ehe, gestellte Aufnahme 2010)
Schaetzungsweise jede zehnte Frau wird im Laufe ihres Erwachsenenlebens in einer Paarbeziehung Opfer koerperlicher oder sexueller Gewalt. 2007 bestand bei rund 15'500 Beratungen der kantonalen Opferberatungsstellen in der Schweiz eine haeusliche Beziehung zwischen Opfer und Taeter. An den Folgen von Gewalt in Paarbeziehungen starben zwischen 2001 und 2004 pro Jahr im Mittel 22 weibliche und 4 maennliche Opfer. (KEYSTONE/Luis Berg)

Im Kanton Aargau kam es im Vergleich zu den Taten zu wenig Strafverfahren. Bild: KEYSTONE

Dasselbe gilt, wenn der Täter schwere Gewalt angewendet hat oder wenn es um eine Verhaftung geht. Polizeisprecher Graser hält dazu fest: «Alle diese Entscheidungen fällt die Kantonspolizei aufgrund ihrer Lagebeurteilung, es muss nicht zwingend eine formelle Anzeige des Opfers vorliegen.» 

1589 Fälle, 369 Strafverfahren

Fiona Strebel, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, erklärt: «Häusliche Gewalt, bei der einfache Körperverletzungen, wiederholte Tätlichkeiten, Drohungen und Nötigungen im Spiel sind, ist seit 2004 ein Offizialdelikt.»

In solchen Fällen braucht es keinen Strafantrag des Opfers. Dennoch hat die Staatsanwaltschaft 2014 nur 369 Strafverfahren wegen häuslicher Gewalt eröffnet. 

«118 Beschuldigte wurden per Strafbefehl verurteilt, 13 Fälle ans Gericht überwiesen, nachdem die Beschuldigten Einsprache gegen den Strafbefehl erhoben hatten, und in weiteren 13 Fällen wurde Anklage erhoben», zählt Strebel auf. 

Es kommt selten zu einem Prozess

Zu einem Prozess oder einer Strafe kommt es bei häuslicher Gewalt also selten. Strebel erklärt: «Opfer von häuslicher Gewalt können die Strafverfolgung stoppen, was relativ oft passiert.» 

Nach einem solchen Antrag sistiert die Staatsanwaltschaft zuerst das Strafverfahren. «Widerruft das Opfer seine Zustimmung zur Einstellung innert sechs Monaten, wird das Verfahren wieder aufgenommen, wenn nicht, wird es definitiv eingestellt.» 

Dies kam im vergangenen Jahr öfter vor als ein Strafbefehl oder eine Verurteilung. 2014 wurden 127 Strafverfahren wegen häuslicher Gewalt sistiert und 143 definitiv eingestellt. 

Nicht möglich ist die Einstellung des Verfahrens laut Strebel bei schwerer Körperverletzung, sexueller Nötigung und Vergewaltigung.  

Ausserdem prüft die Staatsanwaltschaft, ob das Opfer vom Täter unter Druck gesetzt wurde. Wenn sie zum Schluss kommt, dass der Antrag des Opfers auf Verfahrenseinstellung nicht seinem freien Willen entspricht, kann die Staatsanwaltschaft das Strafverfahren dennoch weiterführen.

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