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Bild: watson/shutterstock/keystone

Wie Donald Trump zum Polit-Dinosaurier wurde

Rally-Debakel, sinkende Beliebtheitswerte: Der US-Präsident hat den Draht zu den Amerikanern verloren.

Publiziert: 22.06.20, 14:02 Aktualisiert: 23.06.20, 09:57

Gegen 20 Minuten lang sprach Donald Trump an seiner Rally in Tulsa vom vergangenen Samstag über einen Vorfall in der Militärakademie West Point. Nach seiner Ansprache an die 700 angehenden Offiziere war er wie ein Greis eine flache Rampe heruntergetrippelt. Im Internet ging das Video dieses Vorfalls viral. Deshalb nahm sich Trump die Mühe, sich nun im Detail zu rechtfertigen.

Das West-Point-Video zeigt den 74-Jährigen als alten Mann, als den leicht senilen Grossvater, der nicht mehr so richtig checkt, was rund um ihn abgeht. Die Tulsa-Rally war das bisher wohl grösste Debakel seiner Amtszeit. Im Vorfeld der Veranstaltung hatte das Trump-Wahlkampfteam geprahlt, mehr als eine Million Menschen hätten sich angemeldet. Schliesslich fanden gerade Mal rund 6000 Trump-Fans den Weg ins Stadion.

Die Aussenstationen, welche den Event hätten live auf Videoleinwände übertragen sollen, blieben gähnend leer. Selbst der Drudge Report, ein äusserst einflussreicher Blog der rechten Szene, spottete, das sei «Maga less Mega». Will heissen: Trumps Spruch «Make America Great Again» sei verblasst.

So fertig hast du Trump noch nie gesehen

Präsident Donald Trump bevor er nach Tulsa flog. keystone / Evan Vucci
Da zeigte er noch einen Daumen hoch. keystone / Evan Vucci
Einen Tag später sieht das ganz anders aus. keystone / Patrick Semansky
Hier zeigt sich Trump vor einer völlig anderen Seite. keystone / Patrick Semansky
Abgekämpft winkt er in die Kamera. keystone / Patrick Semansky

Bisher waren die Rallys die stärkste Waffe in Trumps Polit-Arsenal. Tulsa war daher als Auftakt eines Wahlkampfs gedacht, der den Präsidenten als entschlossenen und energischen Führer der Nation darstellen soll, der sich deutlich vom schwachen Herausforderer Joe Biden abhebt. Die Voraussetzungen schienen ideal. Tulsa liegt in Oklahoma, einem der konservativsten Bundesstaaten der USA.

Stattdessen steht Trump nun als ein vom Aussterben bedrohter Polit-Dinosaurer da. Die Umfragen sprechen eine deutliche Sprache. Rund 10 Prozentpunkte liegt Trump im Durchschnitt verschiedener Umfragen hinter Biden. Besonders schmerzlich ist eine Fox-News-Umfrage, die ihn gar um 12 Prozentpunkte im Hintertreffen sieht. Auch in wichtigen Swing States wie Michigan, Arizona und Florida hat Biden die Nase vorn.

Trump ist sich selbst der grösste Feind geworden. Deshalb kann Biden locker aus der Defensive punkten. Der demokratische Herausforderer muss nichts riskieren. Folgerichtig verhält er sich wie eine Fussballmannschaft, die mit 3 zu 0 in die zweite Halbzeit geht und den Ball in den eigenen Reihen hält.

Reibt Salz in Trumps Wunden: John Bolton. Bild: sda

Der Präsident hatte derweil eine miserable Woche, nicht nur, weil ein Richter verfügt hat, dass das Buch von John Bolton erscheinen darf. Darin zeigt der ehemalige Sicherheitsberater auf, was inzwischen längst klar geworden ist: Trump ist unfähig und sein einziges Interesse gilt seiner Wiederwahl.

Obwohl er zwei der neun Sitze im Obersten Gerichtshof mit konservativen Richtern besetzen konnte, haben eben diese Richter Trump eine kräftige Ohrfeige verpasst. Zuerst haben sie festgehalten, dass Schwule, Lesben und Transgender-Menschen nicht wegen ihrer sexuellen Neigung entlassen werden dürfen.

Danach haben die obersten Richter der Trump-Regierung untersagt, die sogenannten Dreamers auszuweisen. Dabei handelt es sich um Ausländer, die als Kinder illegal von ihren Eltern in die USA gebracht wurden und dort aufgewachsen sind. Sie dürfen bis auf weiteres bleiben.

Die beiden Niederlagen haben Trump zugesetzt. «Habt Ihr auch das Gefühl, dass der Oberste Gerichtshof mich nicht liebt?», tweetete er sichtlich entnervt. Dabei übersieht der Präsident, dass die Richter ganz im Sinne der Amerikaner entschieden haben. Eine überwältigende Mehrheit will weder die LBGTQ-Gemeinde diskriminieren, noch die Dreamers ausweisen.

Auch in anderen Fragen steht Trump neben den Schuhen. «New-York-Times»-Kolumnist Frank Bruni zählt sie auf:

«Die Amerikaner beginnen, sich auf Obamacare (Krankenkassen-Gesetz) zu verlassen, Trump will es killen. Die Amerikaner sind empfänglich für schärfere Waffengesetze geworden, Trump unterwirft sich der NRA (der Waffenlobby). Die Amerikaner fokussieren sich auf die Klimaerwärmung, Trump setzt sich für Ölbohrungen im Meer ein. Er bildet sich ein, es zeige ihn als mutigen Mann, wenn er konträre Positionen einnimmt. Sie zeigen jedoch bloss, wie verbohrt er ist. Er ist ein Anachronismus ohne Ideen geworden.»

Anders als Europa haben die USA die Coronakrise noch keineswegs im Griff. Die Zahl der Covid-19-Fälle ist nicht abgesackt, sie stagniert auf hohem Niveau. Einzelne Bundesstaaten melden gar neue Höchststände. Trump hat immer noch keine Strategie gegen das Virus. Er verleugnet es schlicht, trägt demonstrativ keine Maske und will gar das Testen einschränken. «Wenn wir in diesem Ausmass testen, dann finden wir immer mehr Fälle», klagte er in Tulsa. «Deshalb habe ich meinen Leuten gesagt, testet doch bitte weniger.» Später erklärte das Weisse Haus, diese Aussage sei als Witz gemeint gewesen.

Gähnende Leere auf den Rängen: Trumps Rally in Tulsa war ein Flop. Bild: sda

Trumps grösster Irrtum ist seine Einschätzung der Black-Lives-Matter-Bewegung. In Tulsa hat er den Namen von George Floyd nicht ein einziges Mal erwähnt. Der in Minneapolis von einem weissen Polizisten getötete Afro-Amerikaner ist inzwischen zum Symbol des nach wie vor grassierenden Rassismus geworden. Stattdessen lobte Trump die Polizei über den Klee.

Dabei sind rund 70 Prozent der Amerikaner derzeit der Meinung, dass es tatsächlich eine Diskriminierung der Schwarzen gibt. So schreibt die «Washington Post»:

«Angesichts einer entstehenden Bewegung gegen Rassismus und Polizeigewalt ist die Rhetorik des Präsidenten zunehmend fehl am Platz. Umfragen zeigen, dass die Idee der Diskriminierung von Rassen stark an Zustimmung gewonnen hat, auch bei weissen Wählern.»

Verzweifelt versucht Trump, an 2016 anzuknüpfen. Doch diesmal will der Funken offenbar nicht mehr überspringen. Selbst seine Anhänger beginnen, sich zu langweilen. So vermeldet der «New Yorker»:

«Noch bevor Trump am Samstag seine Rede beendet hatte, wurden in den sozialen Medien Video-Clips ausgetauscht, die Fans in Maga-Kleidung im Stadion zeigen, die gähnten, während der Präsident weiterquasselte.»

Trump und Bolton - eine Feindschaft in Bildern

Aussenpolitik nach Bauchgefühl, gefährliches Unwissen und ein unbändiger Wunsch nach einer zweiten Amtszeit - so beschreibt der frühere nationale Sicherheitsberater John Bolton den Regierungsstil von US-Präsident Donald Trump. AP/AP / Pablo Martinez Monsivais
Wenn man in den Bilderdatenbanken nach Fotos der beiden Politiker sucht, so fällt eines schnell auf: Man kommt auf den Gedanken, dass Bolton sein kritisches Buch schon lange geplant hat. AP/AP / Evan Vucci
«Es ist wirklich schwierig, irgendeine signifikante Entscheidung Trumps während meiner Zeit im Weissen Haus zu identifizieren, die nicht von Überlegungen zu seiner Wiederwahl getrieben war», schreibt Bolton in einem vorab vom «Wall Street Journal» veröffentlichten Kapitel. AP/AP / Andrew Harnik
Bolton schreibt der Zeitung zufolge, dass ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump nicht nur wegen der Vorwürfe in der Ukraine-Affäre, sondern auch wegen anderer Fälle gerechtfertigt gewesen wäre. Trump habe mehrfach strafrechtliche Ermittlungen zugunsten von «Diktatoren» unterbunden, etwa in Bezug auf China und die Türkei. Dabei sei es unter anderem um Ermittlungen gegen die Unternehmen ZTE und Halkbank gegangen, schreibt Bolton demnach. «Das Verhaltensmuster sah nach Behinderung der Justiz als Alltagsgeschäft aus, was wir nicht akzeptieren konnten», so Bolton. Er habe seine Bedenken damals auch schriftlich an Justizminister William Barr gerichtet. www.imago-images.de / Andrew Harrer
So habe Trump etwa nicht gewusst, dass Grossbritannien eine Atommacht sei und einmal gefragt, ob Finnland zu Russland gehöre, wie Bolton schreibt. Zudem soll Trump einen Nato-Austritt ernsthaft erwogen und eine Invasion Venezuelas als «cool» bezeichnet haben. www.imago-images.de / Oliver Contreras
Während eines Treffens mit dem Nordkoreaner 2018 habe Aussenminister Mike Pompeo Bolton einen Zettel zugesteckt, in dem jener über Trump geschrieben habe: «Der redet so viel Scheisse». AP/AP / Evan Vucci
«Ein Präsident darf die legitime Macht der Regierung nicht missbrauchen, in dem er seine persönlichen Interessen mit den Interessen des Landes gleichsetzt ...», schreibt Bolton über Trump. imago stock&people / ZUMA Press
Zur Frage, ob Trumps Handeln in der Ukraine-Affäre zu einer Amtsenthebung hätte führen sollen, nimmt Bolton nicht eindeutig Stellung. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass er Trumps Vorgehen für politisch motiviert und falsch hielt. «Ich dachte, die ganze Angelegenheit war schlechte Politik, juristisch fragwürdig und für einen Präsidenten inakzeptables Verhalten», zitiert die «Washington Post» aus Boltons Buch. Trump habe sich gegenüber der Ukraine von verschiedenen «Verschwörungstheorien» beeinflussen lassen, so Bolton. AP/AP / Pablo Martinez Monsivais
Bolton beschreibt auch, wie Chinas Xi Trump bei einem G-20-Gipfel gut vorbereitet und ausführlich schmeichelte, was dem US-Präsidenten spontane Zugeständnisse abtrotzte. Trumps Berater hätten sich im Nachhinein bemüht, die Situation wieder geradezurücken. Bei einem weiteren Treffen habe Trump Xi sogar gesagt, dieser sei «die tollste Führungsperson der chinesischen Geschichte». Die Lage der Menschenrechte in China - etwa die Demokratiebewegung in Hongkong oder die unterdrückte muslimische Minderheit der Uiguren - hätten Trump demnach nicht interessiert. Trump soll Xi sogar zur weiteren Unterdrückung und Internierung der muslimischen Minderheit in Umerziehungslagern ermuntert haben. AP/AP / Carolyn Kaster
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Donald Trump,Wilbur Ross,Mike Pompeo,John Bolton,Peter Navarro AP / Susan Walsh
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Trump weist Spekulationen um Gesundheit zurück

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