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Ein Mann watet durch die gefluteten Strassen in Queens, New York. Bild: keystone

Biden: «Die Klimakrise ist bereits da» – Tote, Notstand und Chaos in New York

Publiziert: 02.09.21, 21:10
Benno Schwinghammer, Jörg Vogelsänger / dpa

Wie viele Opfer gab es?

Ein Rekordunwetter nach Hurrikan «Ida» hat in der Millionenmetropole New York Überschwemmungen von nicht gekannten Ausmassen und Chaos ausgelöst. In den Bundesstaaten New York, New Jersey und Pennsylvania im Nordosten der USA starben Medienangaben zufolge mehr als 20 Menschen, als Keller und Autos vollliefen und Strassen zu reissenden Flüssen wurden.

Bürgermeister Bill de Blasio rief am späten Mittwochabend (Ortszeit) den Notstand aus. Der Nationale Wetterdienst (NWS) hatte Schwierigkeiten, die Dimensionen des Niederschlags farblich auf seinen Karten darzustellen. Er erklärte angesichts der lebensbedrohlichen Lage erstmals einen Sturzflut-Notfall für New York und die Umgebung.

Bis in den Donnerstag hinein standen weite Teile des zwischenzeitlich komplett eingestellten U-Bahn-Verkehrs still. Auf Videos war zu sehen, wie die Wassermassen Stationen überflutetet hatten, viele Menschen sassen derweil in Zügen fest.

Während in New York auch das Tennis-Turnier der US-Open pausieren musste, sorgten in New Jersey ebenfalls Überflutungen und ein Tornado für Chaos. Auf TV-Videos waren abgedeckte Dächer, zerstörte Fassaden und herumfliegende Trümmerteile zu sehen. Zwei Menschen wurden dort Medienangaben zufolge leicht verletzt. Auch in New Jersey galt der Notstand.

Einfluss des Klimawandels?

Klimaforscher Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung führt die Ereignisse an der US-Ostküste auf die Erderwärmung zurück. Steigende Temperaturen brächten überall auf dem Planeten das Wetter durcheinander. So auch bei Wirbelstürmen: «Hurrikans und Taifune ziehen ihre Energie aus der Oberflächentemperatur des Ozeans. Durch die globale Erwärmung erhöhen wir diese Oberflächentemperatur und stellen damit den Hurrikans mehr Energie zur Verfügung. Das bedeutet, dass Hurrikans stärker werden – und dass die starken Hurrikans zunehmen.»

Auch US-Präsident Biden sieht in den verheerenden Stürmen, Unwettern und Waldbränden in den USA Belege für die Klimakrisen. Die Infrastruktur des Landes müsse der Bedrohungslage angepasst werden. Biden fand klare Worte:

«Der Hurrikan Ida, die Waldbrände im Westen und die beispiellosen Überschwemmungen in New York und New Jersey in den letzten Tagen haben uns erneut vor Augen geführt, dass diese extremen Stürme und die Klimakrise bereits da sind.»

«Wir müssen handeln», sagte Biden. «Meine Botschaft an alle Betroffenen lautet: Wir stehen das zusammen durch. Die Nation ist hier, um zu helfen.»

US-Präsident Joe Biden am Donnerstag. Bild: keystone

Im New Yorker Central Park waren am Mittwochabend Regenmassen in nicht gekanntem Ausmass gefallen. 80 Millimeter registrierte der Nationale Wetterdienst binnen nur einer Stunde. Der erst Ende August aufgestellte Rekord für New York hatte bei 49 Millimetern gelegen. Insgesamt fielen in einigen Teilen der Region deutlich über 200 Millimeter - das ist etwa doppelt so viel wie der Durchschnittswert für Deutschland im gesamten Juli.

Bürgermeister de Blasio schrieb:

«Wir erleben heute Abend ein historisches Wetterereignis mit Rekordregen in der ganzen Stadt, brutalen Überschwemmungen und gefährlichen Bedingungen auf unseren Strassen.»

Die Menschen sollten in Häusern Schutz suchen und nicht auf die Strasse gehen, um den Rettungskräften die Arbeit zu ermöglichen. «Wir wussten nicht, dass zwischen 20.50 und 21.50 Uhr letzte Nacht der Himmel sich buchstäblich öffnen und das Wasser der Niagarafälle auf die Strassen von New York bringen würde», sagte Gouverneurin Kathy Hochul.

Das sind die 7 wichtigsten Punkte aus dem Klimabericht

Video: watson/Aya Baalbaki

Wie ist die Lage in New York?

Strassen und Wohnungen in New York standen teilweise etwa einen Meter unter Wasser. Angesichts der Lage verhängte die Metropole eine zwischenzeitliche Reisesperre: «Alle Nicht-Notfallfahrzeuge müssen sich ausserhalb der Strassen und Autobahnen von NYC befinden», teilte die Stadt auf Twitter mit. Streifenwagen mit Blaulicht sperrten in New York Highways, auf denen Hunderte verlassene Wagen teilweise mitten auf der Fahrbahn standen.

New Yorks Bürgermeister de Blasio hatte von mindestens neun Toten in der Metropole gesprochen. Die Opfer seien in Queens und Brooklyn gefunden worden und seien zwischen 2 und 66 Jahren alt, hiess es. Weitere Toten gab es in New Jersey und Maryland. Die Todeszahlen aus der vom Unwetter betroffenen Region gingen am Donnerstag angesichts der unübersichtlichen Lage teils stark auseinander. Da die Todesursache nicht immer gleich klar ist, war anfangs teils auch noch offen, ob der Tod direkt auf die Überschwemmungen zurückzuführen ist.

Der Flughafen Newark stellte seinen Flugverkehr zwischenzeitlich ein, der John-F.-Kennedy-Flughafen meldete Hunderte Verspätungen. Zwischenzeitlich waren über 100 000 Haushalte ohne Strom. Das Extremwetter traf auch die gerade stattfindenden US Open und die deutsche Tennisspielerin Angelique Kerber, deren Spiel verschoben wurde. In das Louis-Armstrong-Stadion, in dem Kerber am Mittwochabend ihr Zweitrundenspiel gegen Anhelina Kalinina aus der Ukraine bestreiten sollte, regnete es trotz eines geschlossenen Dachs seitlich so stark hinein, dass der Spielbetrieb ausgesetzt werden musste.

«Ida» war am Sonntag als gefährlicher Hurrikan der Stärke vier von fünf südwestlich von New Orleans auf die Küste des südlichen Bundesstaates Louisiana getroffen. Danach schwächte sich der Sturm ab und zog weiter nach Nordosten.

Klimawandel und Golfstrom: Fragile Ozeanzirkulation

Wärmebild des Atlantiks (rot = warm, blau = kalt): Europas Fernheizung entspringt im Golf von Mexiko. Dort heizt sich das Meer auf, gelenkt von Winden und der Erddrehung strömt das warme Wasser nach Norden.
Ozeanzirkulation: Der Golfstrom und seine nördlichen Ausläufer bestimmen das europäische Klima. Ohne die Wärmeenergie des Meeres wäre es in Nordeuropa deutlich kälter. (Grafik: Spon)
Strömungen im Atlantik: Auf dem Weg nach Norden kühlt sich das Wasser ab und gewinnt dabei an Dichte. Schliesslich sinkt es irgendwo im Nordmeer oder Nordatlantik in die Tiefe und fliesst zurück nach Süden. Bislang waren sich Forscher weitgehend einig, dass der Golfstrom als stabil einzuschätzen ist. X80001 / HANDOUT
Forscher um Wei Liu vom Scripps-Institut im kalifornischen San Diego warnen nun vor einer «übersehenen» Gefahr für den Golfstrom. Die Grafik zeigt ihre Klimasimulation mit (rechts) und ohne Berücksichtigung (links) des Salzhaushalts im Südatlantik. Die Forscher haben mit einer konstanten CO2-Konzentration von 560 ppm gerechnet. Anfangs gibt es nur minimale Unterschiede zwischen den beiden Szenarien. (Bild: Wei Liu)
Doch schon nach 200 Jahren ist der Golfstrom deutlich schwächer (rote Linie) - und seine Stärke sinkt der Simulation zufolge auch in den Jahrhunderten danach. Auch ohne die neuen Details zum Salzhaushalt im Südatlantik würde sich der Warmwasserstrom abschwächen (blaue Linie) – aber nicht so stark. (Bild: Wei Liu)
Nach einer Simulation eines Zeitraums von 200 Jahren sind die Veränderungen offenkundig: Die Temperaturen in Nordeuropa sinken, erkennbar an der Blaufärbung. (Bild: Wei Liu)
Nach 400 Jahren hat sich die Abkühlung weiter verstärkt. (Bild: Wei Liu)
Zirkulation an der Meeresoberfläche: Die Verhältnisse im Südatlantik machten Europas Fernheizung inhärent instabil, berichten die Forscher. Ein möglicher Zusammenbruch des Golfstroms könnte die Temperaturen in Nordwest-Europa auf Talfahrt schicken. (Bild: IFM-GEOMAR)
Der Thufa-Hügel der Hauptstadt Reykjavik: Die Winter in Island könnten um sieben Grad Celsius kälter werden, ergaben die Simulationen. AP / FRANK AUGSTEIN
Cornwall, England: Auch das Klima auf den britischen Inseln und in Irland könnte sich verändern. In Schottland und Irland drohen um drei Grad Celsius niedrigere Temperaturen. X80003 / POOL
Betroffen wäre auch Norwegen. Hier lautet die Prognose minus fünf Grad. EPA/NTB SCANPIX / JAN MORTEN BJOERNBAKK
Grönland: Sein abschmelzender Eispanzer könnte grosse Mengen Frischwasser in den Nordatlantik schütten und dort das Salzwasser so verdünnen, dass es nicht mehr wie bisher in die Tiefe sinkt. Auch dies könnte den Golfstrom schwächen. EPA/NASA / NASA / HANDOUT

Überschwemmungen in New York

Video: watson / een

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