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Wird er bald Premierminister? Labour-Chef Jeremy Corbyn. Bild: AP

Warum britische Banker ihre Liebe zu einem Sozialisten entdecken

Das Ende der unendlichen Geschichte zwischen Grossbritannien und der EU zeichnet sich ab. Es lautet: Brexit oder Corbyn. Die City of London hat sich für den Labour-Chef entschieden.

Publiziert: 08.10.19, 16:18 Aktualisiert: 08.10.19, 16:18

Die «Financial Times» meldet, dass Premierminister Boris Johnson nun zugibt, dass es keine Hoffnung mehr auf einen Deal mit Brüssel gibt. Was das für Folgen hat, ist unklar: Neuwahlen oder eine Koalitionsregierung unter Labour-Chef Jeremy Corbyn sind möglich. Denkbar ist auch ein zweites Referendum.

Derzeit werdend deshalb jede Menge plausible und weniger plausible Szenarien durchgespielt. Realistisch sind letztlich nur zwei Optionen. Nüchtern umschreibt sie Robert Shrimsley in der «Financial Times» wie folgt:

«Es ist entweder Brexit oder Corbyn. Vergesst alle Was-wäre-wenn-Paradigmen. Während das Vereinigte Königreich und die EU dem letzten Akt im Brexit-Spiel entgegenrollen, müssen alle diesen fundamentalen Ausgang zur Kenntnis nehmen. Wir spielen nicht Roulette, wo es verschiedene Möglichkeiten gibt. Wir werfen eine Münze. Bei Kopf gewinnt ihr. Bei Zahl verlieren wir.»

Diese grimmige Wahl hat sich auch in der City of London herumgesprochen, dem nach wie vor führenden Finanzzentrum Europas. David Willetts, ein ehemaliger Mitstreiter von Margaret Thatcher und ehemaliger konservativer Minister, stellt zynisch die Frage:

«Welche Art der Exekution hätten Sie denn gerne? Normalerweise wäre Corbyn ein untragbares Risiko. Doch der Brexit ist der bedeutendste wirtschaftliche und politische Wandel in den letzten 40 Jahren. Deshalb ist der Brexit ein noch unberechenbareres Risiko.»

Könnte mit Corbyn leben: Ken Clarke, ehemaliger Finanzminister der Konservativen. Bild: EPA

Ähnlich tönt es beim ehemaligen Finanzminister Ken Clarke, einem der angesehensten Tory-Politiker überhaupt. «Beide Aussichten sind schrecklich», sagt er. «Aber ich denke, dass ein No-Deal-Brexit noch grösseren wirtschaftlichen Schaden anrichten würde als Corbyn.»

Eine erstaunliche Aussage. Jeremy Corbyn ist kein Salon-Sozialist, wie es einst Tony Blair war. Er ist ein in der Wolle gewaschener Marxist, der nach einer jahrzehntelangen Karriere als unbedeutender Hinterbänkler aus einer Laune des Zufalls heraus Chef der Labour-Partei wurde.

Corbyn plädiert nicht für einen sanften dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus, was immer das auch sein mag. Er will beispielsweise die Eisenbahnen wieder verstaatlichen. Ein staatlicher Pharmakonzern, das Abschaffen der Privatschulen und die Beteiligung der Arbeiter am Aktienkapital der Unternehmen stehen ebenfalls auf seiner Wunschliste. Selbstverständlich plädiert er auch für höhere Steuern für die Finanzindustrie.

All dies schreckt die Banker in der City of London weniger als ein No-Deal-Brexit. So erklärt Christian Schulz, Analyst bei der Citigroup, gegenüber der «New York Times»:

«Wenn wir die Wahl haben zwischen einer Corbyn-Regierung, die uns die Chance eine zweiten Referendums liefert, und einer konservativen Regierung, die zwar wirtschaftsfreundlich ist, aber uns einen nicht wiedergutzumachenden Schaden beschert, dann entscheiden wir uns für das Erste, selbst wenn wir mit Corbyns Wirtschaftspolitik überhaupt nicht einverstanden sind.»

Die Londoner Finanzindustrie setzt zudem darauf, dass eine Corbyn-Regierung ihr Wirtschaftsprogramm nur bedingt durchsetzen kann. Der Labour-Chef hat schlechte Umfragewerte. Neuwahlen wären auch eine Chance für die bisher bedeutungslosen Lib-Dems und die Grünen.

In Schottland würde derweil die Scottish National Party abräumen, die einen weit gemässigteren Kurs fährt als Labour. Sollte es dazu kommen, so die Spekulation, wäre Corbyn danach für eine Mehrheit auf eine Koalition angewiesen, die ihn mässigen würde.

Selbst in der Labour-Partei scheint nicht alle Hoffnung verloren. John McDonnell, der Schatten-Finanzminister und enger Berater Corbyns, ist zwar ebenfalls ein überzeugter Linker. Er ist jedoch weit umgänglicher als sein Boss. «Mit ihm kann man reden», sagt Lord Kerslake, ein ehemaliger hoher Beamter, der als Go-between zwischen Labour und Wirtschaftsvertretern agiert.

Allerdings hätte eine Corbyn-Regierung für die Banker einen Kulturschock zur Folge. Mit Vertretern der Blair-Regierung pflegten sie jeweils bei Crevetten-Cocktails und Champagner zu verhandeln. McDonnell akzeptiert bloss Tee und Biskuits – und besteht darauf, selbst zu bezahlen.

Das Brexit-Chaos seit Johnsons Amtsübernahme

Im Sommer 2019 hat Boris Johnson das Amt von Theresa May übernommen.
Johnson sah sich am Ziel seiner politischen Träume: Er hatte es in die Downing Street Nummer 10 geschafft.
Bereits zu seinem Amtseintritt befürchteten Kritiker, dass der Vorsteher der Tories den Bus vollends an die Wand fahren würde.
Oder würde die politische Ausnahmeerscheinung auf magische Art und Weise einen Ausweg aus der scheinbar verzwickten Situation finden?
Einige kauften ihm dies ab und sahen im 55-Jährigen genau «den richtigen Mann für den Job».
Als Johnson kurz nach Amtsantritt nach Schottland reiste, wurde offensichtlich, dass er lediglich einen No-Deal-Brexit im Angebot hatte.
Johnson hat an altbekannten Problemen zu nagen. Etwa mit dem Backstop, welcher eine harte Grenze zwischen Irland und Nordirland im Falle eines Brexits verhindern soll.
Auch Johnson beisst sich an Irland die Zähne aus.
Wieder ist die «Operation Yellowhammer» in aller Munde. Unter diesem Codenamen trifft unter anderem die britische Schatzkammer Vorbereitungen für einen harten Brexit.
Trotz aller Vorkehrungen könnten die Auswirkungen eines No-Deal-Brexits verheerend sein.
Boris Johnson versicherte derweil, dass er den Brexit nicht nochmals verschieben werde.
Doch die Alternativen sind dem Premierminister ausgegangen. Den Austritt verschieben will er nicht ...
... einen No-Deal-Brexit hat das Parlament abgelehnt ...
... und Neuwahlen will das Unterhaus ebenfalls nicht.
Johnson, der sich ganz auf den Plan seines Chefstrategen Dominic Cummings verlassen hatte, befindet sich in einer Sackgasse.
Johnson hat das Parlament in eine fünfwöchige Zwangspause geschickt. Die Gerichte sahen darin einen Verfassungsbruch.
Das Parlament kehrte zurück und alles fragte sich: Hat Boris Johnson die Queen angelogen?
Die ganze Sache wird immer komplizierter.
Nach der Brexit-Krise ist vor der Brexit-Krise.
Kommt es bis zum 31. Oktober tatsächlich zum Austritt? Oder wird er nochmals verschoben? So oder so, das Brexit-Theater wird vorerst kein Ende finden.

Niederlage für Boris Johnson

Video: SRF / Roberto Krone

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