Ein israelischer Soldat geht in Deckung während das Raketenabwehrsystem Iron Dome eine Abfangrakete abschiesst.
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Erste zivile Opfer auf israelischer Seite +++ Netanjahu kündigt Verschärfung an
Der Konflikt in Jerusalem zwischen Israel und den Palästinensern droht zu eskalieren. Bis Dienstagmittag flogen hunderte Raketen aus Gaza nach Jerusalem und vice versa.
Die neusten Entwicklungen
- Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat eine Verschärfung der Angriffe im Gazastreifen angekündigt. Die militante Palästinenserorganisation Hamas, die den Küstenstreifen am Mittelmeer beherrscht, werde «Schläge bekommen, die sie bislang nicht erwartet», sagte Netanjahu am Dienstag nach Angaben seines Büros nach einer Lagebesprechung mit Militärs. «Wir sind mitten im Kampf.»
- Bei massiven Raketenangriffen militanter Palästinenser im Gazastreifen auf die israelische Küstenstadt Aschkelon sind am Dienstag zwei Frauen getötet worden. Die Rettungsorganisation Zaka teilte mit, die Frauen seien in zwei verschiedenen Wohnhäusern durch Treffer von Raketen ums Leben gekommen.
- Militante Palästinenser im Gazastreifen haben ihre Raketenangriffe auf Israel nach Norden ausgeweitet. Nach Angaben der Armee ertönten am Dienstagmittag auch in der Hafenstadt Aschdod Warnsirenen. Die Stadt liegt nördlich von Aschkelon an der Mittelmeerküste, das zuvor massiv beschossen wurde. Nach Angaben der Polizei gab es sechs Einschläge in Aschkelon und zwei in Aschdod. In Aschkelon wurde Medienberichten zufolge eine Schule getroffen, in der aber kein Unterricht stattfand. Die Al-Kassam-Brigaden, der militärische Flügel der im Gazastreifen herrschenden, islamistischen Hamas, bekannten sich zu den Angriffen.
- Die EU und die USA haben die jüngsten Raketenangriffe auf Israel verurteilt und ein sofortiges Ende der Gewalt im besetzten Westjordanland und im Gazastreifen gefordert. Der Abschuss von Raketen aus dem Gazastreifen auf die Zivilbevölkerung in Israel sei völlig inakzeptabel und fache die Eskalationsdynamik weiter an, kritisierte ein Sprecher des EU-Aussenbeauftragten Josep Borrell am späten Montagabend. Alle Verantwortlichen hätten nun die Verantwortung, gegen Extremisten vorzugehen. Die Vermeidung weiterer ziviler Opfer müsse Priorität haben.
- Nach massiven Raketenangriffen aus dem Gazastreifen auf Israel bombardierte die israelische Luftwaffe Ziele in dem Küstenstreifen. Militante Palästinenser im Gazastreifen haben nach Angaben der israelischen Armee am Montag insgesamt rund 150 Raketen auf Israel abgefeuert. Die Raketenangriffe von beiden Seiten dauerten auch in der Nacht auf Dienstag an.
- Trotz einer coronabedingten Ausgangssperre haben in Istanbul mehrere tausend Menschen an einer Demonstration gegen Israel teilgenommen. Sie versammelten sich am späten Montagabend vor dem israelischen Konsulat, schwenkten unter anderem palästinensische und türkische Flaggen, skandierten religiöse und anti-israelische Parolen und zündeten Pyrotechnik. Auf Schildern waren Sätze zu lesen wie «Al-Kuds gehört den Muslimen». Al-Kuds ist der arabische Name für Jerusalem.
- Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat den militanten Palästinenserorganisationen eine harte Reaktion angedroht. «Die Terrororganisationen in Gaza haben am Abend des Jerusalem-Tags eine rote Linie überschritten und uns in den Vororten Jerusalems mit Raketen angegriffen», sagte Netanjahu bei einer Ansprache in Jerusalem.«Israel wird mit grosser Macht reagieren».
Die Ereignisse im Detail:
Wie kam es zu den Raketenbeschüssen?
Auf dem Tempelberg war es am Montag erneut zu Auseinandersetzungen gekommen. Vor der Al-Aksa-Moschee setzten Polizisten Blendgranaten, Tränengas und Gummigeschosse gegen Steine werfende Palästinenser ein. Palästinensische Rettungskräfte sprachen von mehr als 300 Verletzten. Nach Polizei-Angaben wurden fast zwei Dutzend Beamte verletzt.
Nach den Zusammenstössen hatte die Hamas per Ultimatum den Abzug aller Polizisten und Siedler vom Tempelberg (Al-Haram al-Scharif/Das edle Heiligtum) sowie aus dem Viertel Scheich Dscharrah in Ost-Jerusalem gefordert.
Als Israel dem nicht nachkam, begann kurz nach 18 Uhr Ortszeit der Beschuss. Ein Hamas-Sprecher sagte, die Raketen seien eine «Botschaft» an den Feind Israel. Es handele sich um eine «Reaktion auf seine Verbrechen und Aggression gegen die heilige Stadt» sowie auf Israels Vorgehen auf dem Tempelberg und in Scheich Dscharrah. Zu den Angriffen bekannte sich auch die Gruppe Islamischer Dschihad. Militante Palästinenser im Gazastreifen haben nach Angaben der israelischen Armee am Montag insgesamt rund 150 Raketen auf Israel abgefeuert.
Das Militär veröffentlichte bei Twitter ein Video des Vorfalls im Norden des Küstengebiets.
Wie reagierte das israelische Militär?
Ein Armeesprecher sagte, die meisten Raketen seien in offenem Gelände niedergegangen oder abgefangen worden. Warnsirenen ertönten im Gebiet um den Gazastreifen sowie in den Städten Beit Schemesch, Aschkelon und Sderot. Vom Gazastreifen wurde nach Angaben des Sprechers zudem eine Panzerabwehrwaffe auf zivile Fahrzeuge abgefeuert. Ein Zivilist sei verletzt worden.
Der Sprecher sagte weiter, sechs Raketen seien auch in Richtung Jerusalem abgeschossen worden. Eine habe ein ziviles Haus in einem Vorort getroffen, eine sei abgefangen worden. Die anderen seien in offenem Gelände niedergegangen. Letztmals sei in der Stadt im Sommer 2014 Raketenalarm ausgelöst worden. Ein Marsch in der Stadt anlässlich des Jerusalem-Tages wurde nach Polizeiangaben wegen der Angriffe abgebrochen. Berichten zufolge wurde das Parlament in Jerusalem geräumt.
Die isrealische Armee hat daraufhin angefangen, Ziele im Norden des Gazastreifens anzugreifen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden dabei insgesamt 20 Palästinenser getötet, darunter neun Kinder. Zudem seien 67 Menschen im Gazastreifen verletzt worden. Es war zunächst unklar, unter welchen genauen Umständen die Menschen zu Tode kamen. Es gab auch Berichte aus dem Gazastreifen, nach denen einige Einwohner möglicherweise durch fehlgeleitete Raketen der eigenen Seite getötet wurden.
Weshalb ist die Stimmung so aufgeladen?
Die Lage im Westjordanland und im arabisch geprägten Ostteil Jerusalems ist seit Beginn des Fastenmonats Ramadan angespannt. Viele Palästinenser sind zornig, weil die Polizei Bereiche der Altstadt abgesperrt hatte, um Versammlungen zu verhindern.
Ausserdem drohen einigen palästinensischen Familien im Stadtteil Scheich Dscharrah Wohnungsräumungen durch israelische Behörden. Die Familien bewohnten die Häuser teils seit Jahrzehnten. Der Rechtsstreit darüber dauert bereits Jahre. Gemäss NZZ räumten Siedler ein, dass es ihnen darum gehe, strategische Orte im besetzten Ostjerusalem unter ihre Kontrolle zu bringen. Während Unruhen griffen Siedler am Donnerstag zu den Waffen. Die israelische Polizei nahm die Waffen ab, liess sie aber ansonsten in Ruhe.
Was macht die Lage zusätzlich brenzlig?
Israel feierte am Montag den Jerusalem-Tag. Das Land zelebriert damit die Eroberung des arabischen Ostteils von Jerusalem, einschliesslich der Altstadt während des Sechstagekriegs 1967. Aus Sorge vor Gewalt hat die israelische Polizei Juden am Montag verboten, bei Flaggenmärschen durch die Altstadt auch den Tempelberg zu besuchen. Die Palästinenser sehen Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines künftigen eigenen Staates.
Der Tempelberg ist für Juden und Muslime heilig.
Bild: AP
Der Tempelberg mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee ist für Juden wie Muslime von herausragender Bedeutung. Es ist die drittheiligste Stätte im Islam. Zugleich standen dort früher zwei jüdische Tempel, von denen der letzte im Jahr 70 von den Römern zerstört wurde. Die Klagemauer ist ein Überrest jenes zerstörten Tempels und die heiligste Stätte der Juden. (dfr/jaw/sda/dpa)
Proteste nach US-Botschafts-Eröffnung in Jerusalem
Eine hochrangige US-Delegation hat am Montag in Jerusalem die neue Botschaft eröffnet. AP/AP / Sebastian Scheiner
Finanzminister Steven Mnuchin, Ivanka Trump ... EPA/EPA / ABIR SULTAN
... und Jared Kushner wohnten der Zeremonie bei. EPA/US EMBASSY IN TEL AVIV / David Azagury/U.S. Embassy Tel Aviv / HANDOUT
Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu sprach bei der Eröffnung von einem «historischen Moment». EPA/EPA / ABIR SULTAN
In der Nachbarschaft der US-Botschaft wurde Donald Trump gedankt. EPA/EPA / ABIR SULTAN
Während in der neuen US-Botschaft beste Laune herrschte, eskalierte die Lage im Gaza-Streifen. EPA/EPA / ABIR SULTAN
Bei Protesten kamen mindestens 60 Personen ums Leben. EPA/EFE / LUCA PIERGIOVANNI
Es ist damit der Tag mit den meisten Todesopfern seit dem Gaza-Krieg 2014. AP/AP / Khalil Hamra
Nach Angaben der Armee beteiligten sich zunächst mehr als 35'000 Menschen an zwölf verschiedenen Orten an den Protesten am Grenzzaun. AP/AP / Khalil Hamra
Vielerorts wurden Reifen in Brand gesteckt. AP/AP / Majdi Mohammed
Nach Angaben der israelischen Armee beteiligten sich zunächst mehr als 35'000 Menschen an zwölf verschiedenen Orten an den Protesten am Grenzzaun. AP/AP / Adel Hana
Nach Berichten von Augenzeugen versuchten mehrere Männer, den Grenzzaun zu Israel zu durchschneiden. EPA/EPA / ALAA BADARNEH
Palästinenser hätten Brandbomben und explosive Gegenstände auf Soldaten geworfen, hiess es in einer Stellungnahme der israelischen Armee. EPA/EPA / ALAA BADARNEH
Die Proteste werden voraussichtlich länger andauern. EPA/EPA / ALAA BADARNEH
210508 Schwere Zusammenstösse in Jerusalem mit Dutzenden Verletzten
Video: Twitter / linahalsaafin
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