Psychiater zur Bluttat von Würenlingen: «Der Täter verfiel in einen regelrechten Tötungsmodus»
Thomas Knecht ist forensischer Psychiater und arbeitet unter anderem auch im Gefängnis mit verurteilten Straftätern. Er stellt erste Hypothesen zur Gewalttat in Würenlingen auf und erklärt, warum es so oft die Schwiegereltern trifft.
In dieser Quartierstrasse am Langackerweg in Würenlingen lebten die Schwiegereltern des Familienvaters. KEYSTONE / WALTER BIERI
Der Täter war einschlägig bei der Polizei bekannt. Letzten Mai fand eine Hausdurchsuchung statt. KEYSTONE / WALTER BIERI
Der Täter lebte getrennt von seiner Frau und den drei Kindern. Die ganze Familie befand sich in einer fürsorgerischen Massnahme. EPA/KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Die Idylle trügt. KEYSTONE / WALTER BIERI
Die Polizei sprach von einem «sehr blutigen Tatort». EPA/KEYSTONE / WALTER BIERI
Am Sonntagnachmittag informieren Polizeikommandant Michael Leupold und der stellvertretende leitende Oberstaatsanwalt Daniel von Daeniken an einer Medienkonferenz über das Tötungsdelikt in Würenlingen. KEYSTONE / GEORGIOS KEFALAS
Polizeikommandant Michael Leupold bestätigt: Fünf Personen kamen in der blutigen Nacht auf Sonntag ums Leben. KEYSTONE / GEORGIOS KEFALAS
Stellvertretender leitender Oberstaatsanwalt Daniel von Daeniken: «Die Staatsanwaltschaft hat noch vor Ort eine Strafuntersuchung eröffnet.» KEYSTONE / GEORGIOS KEFALAS
Die Opfer des 36-jährigen Täters waren seine Schwiegereltern und deren Sohn sowie ein unbeteiligter Nachbar. KEYSTONE / WALTER BIERI
Am Samstagabend hätten Anwohner kurz nach 23 Uhr Schüsse gehört und die Polizei alarmiert. Die Polizei entdeckte daraufhin im Freien sowie in einem Wohnhaus mehrere leblose Menschen. KEYSTONE / WALTER BIERI
Das Medieninteresse war sehr gross. Polizeikommandant Michael Leupold sprach von einer «überdurchschnittlich schweren Straftat». KEYSTONE / GEORGIOS KEFALAS
Der mutmassliche Täter war ein dreifacher Familienvater mit Wohnsitz in Schwyz. KEYSTONE / WALTER BIERI
Herr Knecht, mit was für einem Tötungsdelikt haben wir es in Würenlingen zu tun?
Thomas Knecht: Der Tatablauf der Bluttat in Würenlingen lässt auf einen Mord-Selbstmord schliessen. Dieser unterscheidet sich vom klassischen erweiterten Suizid dadurch, dass der Täter zu den Opfern nicht in einem eigentlich positiven Verhältnis steht, wie er das etwa bei seinen Kindern oder seiner Ehefrau tut. Im erweiterten Suizid liegt das Tatmotiv in erster Linie im Selbstmord, deren Konsequenzen die Angehörigen nicht mehr erleben sollen. Bei einem Selbstmord nach einer Tat, wie sie jetzt in Würenlingen verübt worden ist, will sich der Täter eher den Konsequenzen seiner Tat entziehen. Primäres Motiv war aber die Auslöschung der Schwiegerfamilie.
Der Täter von Würenlingen hat aber nicht nur seine Schwiegerfamilie ausgelöscht, sondern auch einen unbeteiligten Nachbarn erschossen. Wie ist das einzuordnen?
Eine Möglichkeit ist, dass der Täter nach den drei Morden an seinen Schwiegereltern und seinem Schwager in einen regelrechten Tötungsmodus verfiel. Dann kann es natürlich jeden noch so Unbeteiligten treffen, die Auswahl der Opfer ist dann völlig willkürlich und es muss auch keine Provokation oder dergleichen erfolgen. Der Nachbar war vermutlich leider einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Vorausgesetzt natürlich, es gingen keine Konflikte zwischen den beiden Personen aus der Vergangenheit voraus. Aber nach allem, was wir bis jetzt wissen, war das nicht der Fall.
Warum sind oft die Schwiegereltern Ziel von Gewalt?
Wir alle kennen das: Bei der Beziehung zu den Schwiegereltern ist das Problem oft, dass die gleichen zum Teil scharfen Konflikte auftreten können wie mit den eigenen Eltern: Diese stellen hohe Erwartungen an den Partner ihrer Kinder oder üben Druck aus, damit dieser den Erwartungen gerecht werde. Aus der engen Beziehung zum Partner und oft auch aus einer grossen ökonomischen Potenz der Schwiegereltern entstehen nicht selten ungleiche Machtverteilungen und pekuniäre Abhängigkeiten. Der Unterschied ist eigentlich nur, dass keine Blutsverwandtschaft besteht. Diese entschärft solche Konflikte und wirkt in hohem Masse gewaltpräventiv.
Also ist die Bereitschaft, einen Konflikt mit den Schwiegereltern durch Gewalt zu lösen, grösser als bei Blutsverwandten?
Ja. Das ist auch statistisch erwiesen. Die Gründe, die im Einzelfall dazu führen oder es verhindern, dass man Verwandte, seien sie blutsverwandt oder nicht, körperlich angeht, verletzt oder sogar tötet, sind mannigfaltig. Aber wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass die Tatsache der Blutsverwandtschaft eine natürliche Hemmschwelle zu bilden scheint.
Die Gewalttat von Würenlingen schockiert die Schweiz.
newspicture.ch
Die Kantonspolizei Aargau berichtete, dass der Täter seine Opfer mit «relativ vielen» Schüssen gezielt getötet hatte, wie bei einer Hinrichtung. Solche Berichte sind wir uns aus dem Drogenkrieg in Mexiko gewöhnt, nicht aber aus der Schweiz.
Ein Vergleich mit Mexiko oder anderen Krisenländern mit einer generell höheren Mord- und Gewaltrate lässt sich natürlich nur schwer ziehen. In solchen Gebieten spielen vor allem wirtschaftliche Gründe in die hohe Gewaltbereitschaft hinein, während persönliche Motive vermutlich gleich oft tatauslösend sind wie hierzulande. Wobei es in Würenlingen wohl eine verhängnisvolle Vermischung aus wirtschaftlichen und persönlichen Motiven für den Mehrfachmord gab. Es ist ja auch von einem vorenthaltenen Erbe die Rede.
Der Täter war polizeilich bekannt und im April fand bei ihm zu Hause eine Durchsuchung nach Waffen statt. Weiter war er in einer «fürsorglichen Einrichtung», wie die Kapo Aargau berichtet. Hätte sich die Tat verhindern lassen?
Im Nachhinein sind solche Warnhinweise natürlich immer einfach zu deuten. Ein Täter kann aber nicht für etwas eingesperrt werden, das er noch nicht getan hat. Die Freiheitsrechte sind in der Schweiz sehr stark ausgeprägt. Anders sieht das aus bei Personen, die sich in einer sogenannt kleinen Verwahrung im Strafvollzug, also einer stationären Massnahme oder der ordentlichen Verwahrung befinden. Dort können regelmässige Risikoanalysen über das Gewaltpotential oder die Rückfallgefahr von Tätern Aufschluss geben. Aber auch dort gilt: Absolute Sicherheit gibt es nicht.
Sind solche Taten also der Preis für unsere Freiheit?
Ich denke, so pauschal darf man es nicht formulieren. Wäre unser System restriktiver, so würden sich die Fehlbaren wohl umso mehr Mühe geben, ihre Vorbereitungshandlungen noch diskreter durchzuführen. In totalitären Systemen sind derartige Handlungen meines Wissens nicht seltener. Dies zeigt sich auch in diesem Fall: Der Täter war sich wahrscheinlich bewusst, dass er unter Beobachtung durch die Behörden stand. Trotz einer vorangegangen Hausdurchsuchung konnte keine Waffe gefunden und die Tat verhindert werden.
Der Täter hatte eine unregistrierte Waffe. Was denken Sie, wie einfach kann man an eine solche gelangen?
Wie mir aus meiner gutachterlichen Tätigkeit bekannt ist, ist es zumindest in bestimmten Milieus recht einfach, sich eine unregistrierte Waffe zu beschaffen – natürlich unter Verletzung des geltenden Rechts. Vergleichen lässt sich dies mit den Drogen. Wer Marihuana oder Kokain kaufen will, wird auch jemanden finden, der es ihm verkauft, auch wenn diese Substanzen grundsätzlich verboten sind. Der Schwarzhandel wird sich nie gänzlich eindämmen lassen, also wird es auch immer unregistrierte Waffen geben.
Die Familiendramen in der Schweiz der letzten zehn Jahre
30. März 2005: Ein 47-jähriger Mann erschiesst in Muri AG seine 35-jährige Ehefrau und seine beiden Töchter im Alter von vier und zehn Jahren. Danach richtet er sich selbst.
KEYSTONE / URS FLUEELER
30. Mai 2005: In Islisberg AG tötet ein 37-jähriger Familienvater seine gleichaltrige Frau, die vierjährige Tochter und den siebenjährigen Sohn im Schlaf mit einem Hammer. Anschliessend stürzt er sich von einer Brücke in Baar ZG in den Tod. KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA BELLA
12. September 2005: In La Chaux-de-Fonds NE kommen drei Kinder bei einem Familiendrama um. Offenbar wurden sie vom Vater erwürgt. KEYSTONE / SANDRO CAMPARDO
26. September 2005: In Ermatingen TG erschiesst ein 50-Jähriger vermutlich aus Eifersucht seine 23-jährige Ex-Freundin, die 46-jährige Mutter ihres neuen Freundes sowie sich selbst. KEYSTONE / STEFFEN SCHMIDT
30. April 2006: Die ehemalige Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet und ihr jüngerer Bruder Alain werden in Les Crosets VS erschossen - vermutlich vom getrennt lebenden Ehemann. Dieser begeht tags darauf Selbstmord. KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
10. Juni 2006: Ein 35-jährige Bosnier schiesst in Bern auf seine von ihm getrennte Frau. Anschliessend flüchtet er mit seinen zwei Kindern nach Binn VS, wo er die Kinder erschiesst und dann die Waffe gegen sich selbst richtet. Zwei Tage später stirbt er an den Verletzungen. KANTONSPOLIZEI WALLIS
23. Oktober 2006: In St-Imier BE werden ein Kind und seine Eltern tot aufgefunden. Die Polizei vermutet ein Familiendrama. KEYSTONE / SANDRO CAMPARDO
24. Dezember 2007: In Horgen ZH meldet ein Elternpaar der Polizei den Tod seiner siebenjährigen Zwillinge; die Eltern werden unter dringendem Tatverdacht verhaftet. Die Mutter gesteht später vor Gericht, schon im Sommer 1999 ein Töchterchen getötet zu haben. KEYSTONE / WALTER BIERI
12. April 2008: In Muotathal SZ ersticht ein 15-Jähriger seine Stiefmutter und seinen Stiefbruder. KEYSTONE / URS FLUEELER
6. März 2009: Die Genfer Polizei findet in einer Wohnung in Carouge GE die Leichen von vier Personen - eines Ehepaares sowie von deren 16- und 19-jährigen Kindern. Sie wurden mit Schüssen getötet. Die Polizei geht von einem Familiendrama aus. KEYSTONE / MAGALI GIRARDIN
22. September 2010: In Riehen bei Basel findet die Polizei in einer Wohnung ein Ehepaar und dessen 13-jährige Tochter tot auf. Die Staatsanwaltschaft geht von einem erweiterten Suizid aus. KEYSTONE / CHRISTOPH JUNCK
3. Oktober 2012: Ein 51-jähriger Türke erschiesst in einem Coiffeurgeschäft im aargauischen Wettingen seine 40-jährige Ehefrau und bringt sich dann mit der gleichen Waffe selber um. KEYSTONE / WALTER BIERI
3. November 2014: Im Berner Oberländer Dorf Wilderswil fordert ein Beziehungsdelikt drei Todesopfer. KEYSTONE / URS FLUEELER
9. Mai 2015: Ein 36-jähriger Mann aus dem Kanton Schwyz erschiesst im aargauischen Würenlingen zuerst seine Schwiegereltern und seinen Schwager. Bevor er sich selbst richtet, tötet er einen Nachbarn seiner Schwiegereltern. Markus Heinzer
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