Aktuelle Themen:

Edin Terzic (mit Pokal) und sein Team feiern den Erfolg im DFB-Pokalfinale gegen Leipzig. Bild: keystone

Borussia Dortmund steht nach dem Pokalerfolg vor dem Trainer-Dilemma und der Sancho-Frage

Überraschend dominant trat Borussia Dortmund vor allem in der ersten Halbzeit des Pokalfinals auf. Der BVB konnte souverän den ersten Titelgewinn seit 2017 feiern. Doch zu lange darf man sich beim Pokalsieger nicht freuen – denn die Saison ist noch nicht vorbei und auch der Sommer wird in Dortmund keine Ruhe bringen.

Publiziert: 14.05.21, 13:49 Aktualisiert: 15.05.21, 12:13

Es war eine grosse Last, die von den Schultern der Borussen und vor allem auch Trainer Edin Terzic fiel, als der Schlusspfiff ertönte. Dortmund hatte Leipzig im DFB-Pokalfinale gerade 4:1 geschlagen und die Freude sowie die Erleichterung waren sichtlich riesig. Es schien der Höhepunkt einer turbulenten Saison mit vielen Hochs und Tiefs zu sein – das Happy End.

Der Job ist noch nicht erledigt

Doch anders als in anderen Saisons ist die Saison mit dem Pokalsieg noch nicht vorbei, denn es sind noch zwei Spieltage in der Bundesliga zu spielen. Und dort entscheidet sich das eigentliche Schicksal des BVB. Scheitert die Mannschaft doch noch an der Qualifikation zur Champions League, ist die Saison trotz des Titels für den Verein eine Enttäuschung. Denn so schön der Gewinn des Pokals auch sein mag, so ist dieser längst nicht mehr so viel wert wie ein vierter Platz in der Bundesliga, der die direkte Teilnahme an der Königsklasse sichert. So sagte auch Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, dass «die grösste Leistung» noch bevorstehe.

«Die Mannschaft war im Dezember halbtot. Terzic hat sie wieder zum Leben erweckt.»

Hans-Joachim Watzke quelle: sport.de

Deshalb gilt in Dortmund auch nach dem gefühlten Höhepunkt, die Spannung noch für zwei Spiele hochzuhalten und den knappen Vorsprung auf Platz 5 nicht zu verspielen. Sollten sie das nämlich tun, bekämen alle Kritiker recht, die dem BVB vor einigen Wochen nach der Niederlage gegen Frankfurt den Zerfall prognostiziert haben. Um dieses Szenario zu verhindern, braucht es nun diese neue Mentalität, die Edin Terzic der Mannschaft eingeflösst hat. Jene Mentalität, die unter Lucien Favre noch ein Tabuthema war, als das Team das Spiel trotz Führungen noch zu häufig aus der Hand gab.

Und damit wären wir bei einem der Hauptverantwortlichen für diesen überzeugenden Erfolg. Auch Terzic hatte Anfangsschwierigkeiten und brauchte Zeit, um der Mannschaft seine Philosophie zu vermitteln, doch aktuell schwimmen die Borussen auf einer Erfolgswelle: fünf Bundesligasiege in Folge, der vierte Platz wurde zurückerobert und nun der erste Titel seit 2017.

Die Highlights des DFB-Pokalfinales zwischen BVB und RB. Video: YouTube/DFB

Die neue Stärke der Borussia

Sogar das M-Wort ist zu einer Stärke Dortmunds geworden. Wäre man früher nach dem 1:3-Treffer Leipzigs ins Schwimmen gekommen und zusammengebrochen, hat die Mannschaft gestern mentale Stärke bewiesen und sich auch vom Schockmoment nach Sanchos zu kurz geratenem Rückpass nicht aus der Ruhe bringen lassen. Im Gegenteil, der Ballspielverein legte sogar noch nach und entschied das Spiel in der 87. Minute durch Erling Haaland definitiv. Dieselbe 87. Minute, in der Jadon Sancho fünf Tage zuvor in Abwesenheit des norwegischen Sturmjuwels das 3:2 gegen ebendiese Leipziger schoss. Die Schlussphase ist zur Stärke der Schwarz-Gelben geworden.

Der 20-jährige Norweger feiert den entscheidenden Treffer. Bild: keystone

Der 38-jährige Deutsch-Kroate hat sein Team auf Vordermann gebracht und zum Erfolg gecoacht. Unter ihm fanden auch kriselnde Spieler wie Marco Reus zurück zu alter Form. Oder wie Watzke es sagt: «Er hat die Mannschaft wieder zum Leben erweckt.» Nun soll er wieder zum Co-Trainer degradiert werden und dem neuen starken Mann aus Gladbach assistieren. Ab Sommer übernimmt Marco Rose das Amt des Cheftrainers. Das bringt die Borussia vor ein Dilemma.

«Ich bin aktuell sehr glücklich in Dortmund.»

Jadon Sancho

Rose hat eine schwache Rückrunde hinter sich. Zwischenzeitlich gelang in sechs Spielen am Stück nur ein Punkt und man scheiterte im DFB-Pokal an Borussia Dortmund. Zuletzt gab es eine 0:6-Klatsche gegen Bayern. Auch in seiner ersten Saison fielen die Gladbacher in der Rückrunde von Platz zwei auf Platz vier. Der 44-Jährige hat noch keinen Beweis geliefert, dass er ein Team während einer ganzen Saison auf Kurs halten kann. Terzic hatte dazu noch nicht die Chance und nun wird dem zuletzt so erfolgreichen Trainer ein Coach vor die Nase gesetzt, der in letzter Zeit wenig zu feiern hatte.

Wie wird das Verhältnis zwischen dem Degradierten und seinem Nachfolger? Fügt sich Terzic trotz Interesses aus Wolfsburg und Leverkusen hinter dem neuen Chef ein oder folgt er doch dem Ruf von einem anderen Bundesligisten? Wäre es nicht auch für Rose ein Problem, einen Co-Trainer zu haben, unter dem die Mannschaft besser war, sollte der Neue nicht gleich in der ersten Saison Erfolg haben? All diese Fragen müssen sich «Aki» Watzke und Sportdirektor Michael Zorc jetzt stellen.

Die entscheidenden Personalien

Denn das nötige Spielermaterial haben sie. Die Dortmunder haben eine schlagkräftige Truppe gebildet, die mit einigen wenigen Verstärkungen im Sommer definitiv das Zeug dazu hat, nächste Saison mindestens um den Meistertitel mitspielen zu können. Vorausgesetzt man hält Erling Haaland UND Jadon Sancho. Letzterer ist unter Terzic nach einer schwächeren Hinrunde wieder in Topform und zu einem noch besseren Spieler gereift. Logischerweise kommt da auch das Interesse aus dem Ausland – Manchester United soll kurz davor sein, eine Einigung zu erzielen.

Dennoch könnte ein Moment wie am Donnerstag den 21-Jährigen vielleicht doch noch überzeugen, ein Jahr in Dortmund dranzuhängen. Mit Erling Haaland versteht er sich hervorragend und auch sonst scheint die Stimmung im Team gut zu sein. In einem Interview mit ESPN sagte Sancho: «Ich bin aktuell sehr glücklich hier in Dortmund. Ich liebe den Verein, die Fans und die Mannschaft.» Dennoch wisse er nicht, wie seine Zukunft aussieht.

Jadon Sancho (r.) und Erling Haaland waren hauptverantwortlich für den Pokalsieg des BVB. Bild: keystone

Sollte sich Sancho entgegen der aktuellen Berichte doch dazu entscheiden, beim BVB zu bleiben, werden die Hoffnungen für die nächste Saison bei Fans und Verantwortlichen riesig sein. Die Mannschaft, die im Pokalfinale auf dem Platz stand, könnte so zusammenbleiben. Einzig Klublegende Lukasz Piszczek tritt nach der Saison zurück. Und wenn Dortmund so spielt wie gegen Leipzig, müssen sich die Borussen vor niemandem verstecken. Daran wird sich der neue Trainer Marco Rose messen lassen müssen – keine einfache Bürde.

Die «rosige» Zukunft?

Doch Rose übernimmt eine funktionierende Mannschaft, die hinter dem neuen Co-Trainer steht. Wenn er das akzeptieren kann und Terzics Ideen genügend Raum gibt, könnte es eine erfolgreiche Zusammenarbeit werden, die auch langfristigen Erfolg verspricht. Dadurch könnte man einige der jungen Talente auch länger an sich binden. Denn in Dortmund zählt nie nur die nächste Saison. Mit Giovanni Reyna (18), Jude Bellingham (17) und Youssoufa Moukoko (16) steht die nächste Generation schon bereit. Dort muss Rose ansetzen und das Vertrauen der Spieler gewinnen.

Haaland und Sancho werden bald nicht mehr zu halten sein, die beiden sind jetzt schon Weltstars. Doch sollte es dem bisherigen Gladbach-Trainer gelingen, die Jungen mitzunehmen und an sich zu binden, dann wird er Erfolg haben. Dann könnte der Zweikampf zwischen Bayern und Dortmund aus den frühen 2010er-Jahren wieder aufleben, der in den letzten Saisons zu einem Fernkampf verkommen ist. Das würde nicht nur dem Ballspielverein, sondern auch der Bundesliga guttun.

Marco Rose ist seit 2019 Trainer bei Mönchengladbach – ab Sommer steht er im Westfalenstadion an der Seitenlinie. Bild: keystone

Wenn ihm das aber nicht gelingt, steht sein Ersatz schon bereit. Edin Terzic hat in den letzten Wochen und Monaten gezeigt, dass er ein Bundesligateam leiten kann und hat das Vertrauen der Spieler und der Vereinsführung gewonnen. Nicht umsonst wollen die Verantwortlichen ihn unbedingt im Verein behalten und würden ihn nur ungern gehen lassen. Der Ruf nach dem Altbewährten könnte schon beim ersten Anzeichen einer Krise laut werden.

Damit müssen die Klubverantwortlichen, aber auch Marco Rose umgehen und diesem offensiv begegnen. Schafft das neue Trainergespann diesen Spagat jedoch und raffen sie sich zusammen, so können sie mit dieser Mannschaft gemeinsam grosse Erfolge feiern.

Die grössten Sensationen im DFB-Pokal

Saison 2020/21: Viertligist Rot-Weiss Essen düpiert im Achtelfinal Bayer Leverkusen. Der ehemalige Bundesligist schlägt den haushohen Favoriten mit 2:1 nach Verlängerung. keystone / Martin Meissner
Saison 2020/21: Zweitligist Holstein Kiel wirft den amtierenden Triple-Sieger Bayern München in der 2. Runde raus. Der Ausgleich zum 2:2 fällt in der 95. Spielminute, am Ende gewinnt Kiel nach 12 geschossenen Penaltys im Elfmeterschiessen. keystone / Christian Charisius
Saison 2019/20: Regionalligist Saarbrücken wirft den 1. FC Köln in der 2. Runde mit 3:2 aus dem Wettbewerb, obwohl man eine 2:0-Führung verspielt. Im Viertelfinal werfen die Saarländer Fortuna Düsseldorf raus und ziehen als erster Viertligist in der Geschichte des DFB-Pokals in die Halbfinals ein. Dort ist gegen Leverkusen Schluss.
Saison 2018/19: Der viertklassige SSV Ulm 1846 wirft mit Eintracht Frankfurt niemand geringeres als den Titelverteidiger aus dem Bewerb. Die Ulmer siegen 2:1. EPA/EPA / DANIEL MAURER
Saison 2016/17: Bayer Leverkusen blamiert sich in der 2. Runde gegen die Sportfreunde Lotte. Trotz zweimaliger Führung und 52 Minuten in Überzahl verliert der Champions-League-Teilnehmer im Elfmeterschiessen. Die Sportfreunde sorgen bereits in der 1. Runde für eine Sensation – gegen Werder Bremen gewinnen sie 2:1. EPA/dpa / Guido Kirchner
Saison 2014/15: Drittligist Arminia Bielefeld schaltet nacheinander die Bundesligisten Hertha BSC (4:2 im Elfmeterschiessen), Werder Bremen (3:1) und Borussia Mönchengladbach (5:4 im Elfmeterschiessen) aus und zieht in den Halbfinal ein. X00970 / INA FASSBENDER
Saison 2012/13: Der Viertligist Berliner AK düpiert den Europacup-Anwärter 1899 Hoffenheim in der 1. Runde 4:0. Torhüter Tim Wiese und Trainer Markus Babbel sind bedient.
Saison 2011/2012: RB Leipzig ist damals noch Viertligist und wirft in der 1. Runde den VfL Wolfsburg raus. AP dapd / NORMAN REMBARZ
Saison 2009/10: Als Bundesliga-Spitzenreiter reist der Hamburger SV zu Drittligist VfL Osnabrück und scheitert im Elfmeterschiessen. Im Achtelfinal geht das Märchen der Lila-Weissen weiter: Mit 3:2 wird auch Borussia Dortmund eliminiert. AP / Axel Heimken
Saison 2006/07: Regionalligist FK Pirmasens bodigt in der 1. Runde den amtierenden Vizemeister Werder Bremen mit 4:2 im Elfmeterschiessen.
Saison 2001/02: Der 1. FC Nürnberg unterliegt dem SSV Ulm in der 1. Runde mit 1:2 – bis heute die einzige Niederlage eines Erst- bei einem Fünftligisten.
Saison 2000/01: Die letzte Niederlage von Bayern München gegen einen Unterklassigen: In der 2. Runde scheitert der spätere Champions-League-Sieger am Viertligisten 1. FC Magdeburg. AP / ROBERTO PFEIL
Saison 2000/2001: Die Amateure des VfB Stuttgart (3. Liga) schlagen Eintracht Frankfurt in der 1. Runde gleich mit 6:1. In der 2. Runde treffen sie auf das eigene Profiteam und verlieren 0:3. Danach wird das Regelwerk angepasst, so dass interne Klub-Duelle nicht mehr möglich sind.
Saison 1997/98: Drittligist Eintracht Trier schafft das scheinbar Unmögliche und wirft in der 2. Runde UEFA-Cup-Sieger Schalke raus. Im Achtelfinal muss mit Borussia Dortmund der Champions-League-Sieger daran glauben. AXEL SEIDEMANN
Saison 1995/96: Rolf Fringer und sein VfB Stuttgart mit dem magischen Dreieck Krassimir Balakow, Fredi Bobic und Giovane Elber verliert gegen Regionalligist SV Sandhausen das längste Elfmeterschiessen der DFB-Pokal-Geschichte mit 12:13.
Saison 1994/95: Das Waterloo von Bayern München! In der 1. Runde verlieren die Superstars von Trainer Giovanni Trapattoni gegen Regionalligist Vestenbergsgreuth mit 0:1.
Saison 1992/93: Die Amateur-Mannschaft von Hertha BSC sorgt für Furore. Erst im Final verlieren die «Hertha-Bubis» gegen Bayer Leverkusen 0:1. Zuvor müssen Leipzig, Hannover, Nürnberg und der Chemnitzer FC dran glauben. Hertha BSC
Saison 1991/92: Als bisher einziger Zweitligist gewinnt Hannover 96 den DFB-Pokal. Im Final gewinnt man gegen Bundesligist Borussia Mönchengladbach mit 4:3 nach Elfmeterschiessen.
Saison 1990/91: Die erste Cup-Blamage der Bayern – 0:1 verlieren die von den Weltmeistern Jürgen Kohler und Klaus Augenthaler angeführten Münchner gegen den Drittligsiten FV 09 Weinheim.
Saison 1984/85: Den Hamburger SV erwischt es in der 1. Runde gegen den Drittligisten SC Geislingen. Es ist die erste Pokal-Sensation seit 10 Jahren.
Saison 1974/75: Die Mutter aller Pokalsensationen: Drittligist VfB Eppingen schlägt den damals noch grossen Hamburger SV in der 2. Runde sensationell mit 2:1.

Der Ex-Tennisstar sucht acht seiner Pokale

Video: SRF / Roberto Krone

Das könnte dich auch interessieren:

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss