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270 Tage nach Frauenstreik: In sechs Kantonen regieren nur Männer

Bereits in sechs Kantonen regiert keine einzige Frau mit. 270 Tage nach dem Frauenstreik befürchten Politikerinnen weitere Rückschläge.

Publiziert: 10.03.20, 06:47
Christoph Bernet / ch media

Ausgerechnet am Weltfrauentag vom letzten Sonntag ist im Kanton Uri eine reine Männer-Regierung gewählt worden: Für die zurücktretenden Regierungsrätinnen Barbara Bär (FDP) und Heidi Z’graggen (CVP) zogen zwei Männer in den siebenköpfigen Regierungsrat ein. Kandidatinnen gab es keine. Uri ist keine Ausnahme.

Der neue Urner Gesamtregierungsrat (von links): Christian Arnold (SVP), Dimitri Moretti (SP), Urs Janett (FDP), Urban Camenzind (CVP), Roger Nager (FDP), Beat Jörg (CVP) und Daniel Furrer (CVP). Bild: KEYSTONE

Auch in den folgenden Kantonen sind die Frauen nicht in der Regierung vertreten:

Aargau

Jean-Pierre Gallati, Alex Hürzeler, Markus Dieth, Urs Hofmann und Staatsschreiberin Vincenza Trivigno. Es fehlt Stephan Attiger (von links). bild: sandra ardizzone

Luzern

Paul Winiker, Reto Wyss, Guido Graf, Fabian Peter und Marcel Schwerzmann (von links). bild: dominik wunderli

Appenzell Ausserrhoden

Ratschreiber Roger Nobs, Regierungsrat Yves Noël Balmer, Regierungsrat Paul Signer, Landammann Alfred Stricker, Regierungsrat Dölf Biasotto, Regierungsrat Hansueli Reutegger (von links). bild: pressedienst

Graubünden

Peter Peyer, Mario Cavigelli, Christian Rathgeb,Macus Caduff, Jon Domenic Parolini und Daniel Spadin (von links).

Tessin

Paolo Beltraminelli (PPD), Manuele Bertoli (PS), Norman Gobbi (LEGA), Claudio Zali (LEGA) und Christian Vitta (PLRT) bild: samuel golay

Schweizweit beträgt der Frauenanteil in den kantonalen Exekutiven lediglich 24 Prozent. Noch vor einem halben Jahr wähnten sich die Frauen in einem Hoch. Die Schweizerinnen und Schweizer sorgten bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober 2019 für einen rekordhohen Frauenanteil im Nationalrat (42 Prozent) und im Ständerat (26 Prozent).

bild: ch media

Dazu beigetragen hatte auch eine gemeinsam von verschiedenen Organisationen koordinierte Kampagne: Unter dem Schlagwort «Helvetia ruft!» lobbyierte man bei den Kantonalparteien für möglichst viele Frauenkandidaturen auf möglichst aussichtsreichen Listenplätzen – mit Erfolg. Jetzt leben 1.5 Millionen Menschen in Kantonen mit reinen Männer-Regierungen. Ende 2014 regierten noch in jedem Kanton Frauen mit.

Mobilisierung in den Kantonen verläuft harzig

GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy zeigt sich besorgt: «Trotz des grossen Erfolgs im Herbst droht den Frauen ein Backlash», so die Co-Präsidentin von Alliance F, dem Dachverband der Frauenorganisationen. Der dank eines «aussergewöhnlichen und überparteilichen Efforts» zu Stande gekommene Erfolg der Frauen im Wahljahr könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass «der Zustand unserer Demokratie und ihrer Repräsentativität nicht gut ist». Frauen und Männer müssten zu gleichen Teilen politische Entscheidungen treffen: «Das ist der Anspruch der Demokratie.»

Yvonne Schärli teilt Bertschys Sorgen. Die heutige Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen (EKF) sass bis 2015 für die SP in der Luzerner Regierung – als bislang letzte Frau. «Die Mobilisierung für mehr Frauen in der Politik ist in den Kantonen schwieriger als auf nationaler Ebene.» Das Interesse von Bevölkerung und Medien sei kleiner.

Gerade für Exekutivämter, die in Majorzwahlen bestimmt werden, müssten Frauen gezielt und individuell unterstützt werden, auch innerhalb der Partei: «Frauen haben oft nicht die Netzwerke, wie sie Männer haben, die zur Wahl in eine Exekutive notwendig sind.» Hier stünden die Kantonalparteien in der Verantwortung: «Sie müssen nach innen und aussen glasklar kommunizieren, dass die bessere Vertretung von Frauen in der Politik oberste Priorität hat.»

Gemäss der Politologin Cloé Jans vom GFS Bern unterstreichen Studien die zentrale Rolle, die den Parteien zukomme. Frauen neigten im Gegensatz zu Männern eher dazu, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen. Auch weil sie härter angegangen werden, exponierten sie sich weniger gern öffentlich: «Das hält einige Frauen von der Teilnahme an den kompetitiveren Majorzwahlen ab.»

Umso wichtiger sei die tatkräftige Unterstützung durch die Parteien und durch überparteiliche Frauennetzwerke. Dort wo Frauen antreten, das zeigten Untersuchungen, würden sie auch gewählt.

Druck von unten in den Kantonen

Für mehr Frauen in den Kantonsregierungen braucht es gemäss Jans aber tiefer greifende Veränderungen: «Die politische Kultur in den Parteien und die Wertehaltung in der Gesellschaft muss sich ändern. Das ist eine zähe Arbeit.» Das Wahljahr 2019 mit dem Frauenstreik habe gezeigt, dass der Wandel aus der Bevölkerung angestossen wird: «Diesen Druck braucht es auch in den Kantonen, damit sich die Teilnahme der Frauen an der Politik verbessert.»

Dazu will auch Babette Sigg beitragen. «Überrascht» zeigt sich die Präsidentin der CVP Frauen Schweiz über die Urner Regierungsratswahlen, bei denen keine einzige Frau kandidierte: «Es gibt nicht nur in der CVP so viele hervorragende Frauen. Es ist unverständlich, wenn Parteien im Jahr 2020 nur mit Männern antreten.»

In fünf der sechs ausschliesslich von Männern regierten Kantonen stellt die CVP Exekutivmitglieder. Sigg will nun dafür weibeln, dass ihre Partei bei den nächsten Vakanzen mit Frauenkandidaturen antritt. (aargauerzeitung.ch)

Gruppenbild ohne Dame – so männlich sind Kantonsregierungen

Frauen haben es bis heute schwer, in der Schweiz in politische Ämter gewählt zu werden. Insgesamt stellen sie in den Kantonen bloss 25 Prozent aller Regierungsmitglieder. Sechs Kantone werden derzeit vollständig von Männern regiert. So ist etwa der Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden seit dem Rücktritt von Marianne Koller (FDP) im März 2017 frauenfreie Zone. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Seit dem 8. März 2020 ist auch Uri wieder rein männlich. Ausgerechnet am internationalen Tag der Frau wird ein rein männlicher Regierungsrat gewählt. Der neue Urner Gesamtregierungsrat (von links): Christian Arnold (SVP), Dimitri Moretti (SP), Urs Janett (FDP), Urban Camenzind (CVP), Roger Nager (FDP), Beat Jörg (CVP) und Daniel Furrer (CVP). KEYSTONE / URS FLUEELER
Der (rein bürgerlichen) Luzerner Regierung gehört sogar seit 2015 keine Frau mehr angehört. Bei den Gesamterneuerungswahlen im Frühjahr 2019 änderten die Wählerinnen und Wähler sich an diesem Umstand nichts. Kanton Luzern / Emanuel Ammon
Nessuna donna: Der Kanton Tessin wird seit dem Rücktritt von Laura Sadis (FDP) 2015 ausschliesslich von Männern regiert. Daran änderte sich auch nach den Gesamterneuerungswahlen im März 2019 nichts.
Und auch im Kanton Graubünden ist die weibliche Bevölkerungshälfte seit dem Rücktritt der BDP-Finanzdirektorin Barbara Janom Steiner nicht mehr in der Regierung vertreten. Der amtierende Regierungsrat besteht nur aus Männern. staatskanzlei obwalden / Sibylle Kathriner
Der Normalfall in Schweizer Kantonen ist bloss eine Frau in der Regierung. Das ist in 12 Kantonen der Fall. So etwa im Kanton Zug, wo mit Silvia Thalmann-Gut (CVP, 2.v.r.) eine einzige Frau in der Regierung sitzt. Kanton Zug / Michael Würtenberg
Auch im Kanton Freiburg sitzt mit Gesundheitsdirektorin Anne-Claude Demierre (SP, 3.v.r.) nur eine Frau in der Regierung. Staatskanzlerin Danielle Gagnaux (ganz links) ist nicht Mitglied der Exekutive. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott) KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Der Kanton Neuenburg hat ebenfalls nur ein einziges weibliches Regierungsmitglied und zwar Monika Maire-Heft (SP, 3.vl.l.) Immerhin leistet ihr Staarsschreiberin Séverine Despland (ganz links) Gesellschaft.
Gleiches Bild im Wallis: Esther Waeber-Kalbermatten (SP) ist die einzige Frau im Staatsrat. Immerhin lassen die Männer sie im offiziellen Regierungsfoto sitzen, wie es sich für echte Gentlemen gehört. PHOTO-GENIC.CH / OLIVIER MAIRE
Nathalie Barthoulot (SP, 3.v.r.) ist die einzige Frau in der Regierung des Kantons Jura. Immerhin auf dem offiziellen Foto erhält sie weiblichen Support – von Staatskanzlerin Gladys Winkler Docourt (ganz rechts). Kanton Jura / Géraud Siegenthaler
In Obwalden muss sich Maya Buechi-Kaiser (FDP, 3.v.r.) mit vier männlichen Regierungskollegen herumschlagen. Weiblichen Support gibt es von Landschreiberin Nicole Frunz Wallimann (ganz rechts) und Landweibelin Hanna Mäder (ganz links). (KEYSTONE/Alexandra Wey) Kanton Obwalden / SIBYLLE KATHRINER
Nicht nur in der Porträtgalerie aller ehemaligen Regierungsräte des Kantons Schwyz dominieren die Männer. Im siebenköpfigen Gremium ist Petra Steimen-Rickenbacher (FDP, 3.v.l.) die einzige Frau. Mit Mathias Brun (ganz rechts) ist auch der Staatsschreiber ein Mann. Kanton Schwyz
Franziska Roth (SVP, ganz rechts) war die einzige Frau im Aargauer Regierungsrat. Sie hat aber ihren Rücktritt bekannt gegeben und ist seit dem Sommer 2019 krankgeschrieben. Am 20. Oktober wird Roths Nachfolge gewählt. Dieser wird unterstützt von Staatsschreiberin Vincenza Trivigno (ganz links). Kanton Aargau
Cornelia Stamm Hutter (SVP) vertritt als einzige Frau die weibliche Hälfte der Bevölkerung im fünfköpfigen Regierungsrat des Kantons Schaffhausen. Kanton Schaffhausen / Michael Kessler
In Appenzell Innerrhoden ist die Regierung als Standeskommission bekannt. Antonia Fässler (CVP) ist die einzige Frau. Ob sie deshalb keinen Säbel fürs offizielle Regierungsfoto bekommen hat? Kanton Appenzell Innerrhoden
Auch in St.Gallen ist Heidi Hanselmann (SP, 3.v.l.) als Frau alleine auf weiter Flur. Der siebenköpfige Regierungsrat wird von Staatssekretär Canisius Braun (3.v.r.) unterstützt. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller) KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Auch in Glarus sitzt mit Marianne Lienhard (SVP, 2.v.r.) bloss eine Frau in der fünfköpfigen Regierung. Auch aufs Gruppenfoto durfte Ratsschreiber Hansjoerg Dürst (ganz rechts). (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller) kanton glaurs
Aus Frauensicht gibt es zum Glück einige wenige Lichtblicke. Im fünfköpfigen Thurgauer Regierungsrat gibt es seit den letzten Wahlen im Februar 2016 erstmals in der Geschichte eine Frauenmehrheit. Sie besteht aus Cornelia Komposch (SP, ganz links), Monika Knill (SVP, 2.v.l.) und Carmen Haag (CVP, 2.v.r.). (KEYSTONE/Walter Bieri) KEYSTONE / WALTER BIERI
Auch der Kanton Zürich wird seit den letzten Wahlen im März 2019 weiblich regiert: Nebst Staatsschreiberin Kathrin Arioli posieren v.l.n.r. die Regierungsrätinnen Natalie Rickli (SVP), Silvia Steiner (CVP), Carmen Walker Späh (FDP) und Jacqueline Fehr (SP) fürs regierungsrätliche Foto. Staatskanzlei Kanton Zürich / André Springer
Auch im Kanton Waadt sind die Frauen in der Mehrheit: Fürs Siegerfoto nach den Wahlen im Mai 2017 posieren von links nach rechts Nuria Gorrite (SP), Béatrice Métraux (Grüne), Jacqueline de Quattro (FDP) sowie Cesla Amarelle (SP, ganz rechts). In insgesamt 8 Kantonen sitzen zwei oder drei Frauen in der Regierung, ohne damit in der Mehrheit zu sein. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott) KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Eine noch deutlichere Frauenmehrheit gibt es in der Regierung des Kantons Waadt: Mit Cesla Amarelle (SP), Béatrice Métraux (Grüne), Jacqueline de Quattro, Nuria Gortte (SP) und Rebecca Ruiz (SP) besetzen die Frauen seit Ruiz' Wahl im März 2019 fünf der sieben Sitze im Staatsrat. In insgesamt 8 Kantonen sitzen zwei oder drei Frauen in der Regierung, ohne damit in der Mehrheit zu sein. (SP) Canton de Vaud / Jean-Bernard Sieber

12 sexistische «Perlen» aus dem SRF-Archiv

Video: watson / Lya Saxer

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