Aktuelle Themen:

Zwei «Freundinnen» nehmen 1930 allein reisende Kinder in Empfang. Bild: Schweizerisches Sozialarchiv, F5134-Gb-010

Endstation Bordell?! So wurden junge Schweizerinnen vor dem Fall bewahrt

Die Geschichte des Vereins Freundinnen junger Mädchen ist ein Spagat zwischen Emanzipation und Gottesfürchtigkeit. Gelernt haben die engagierten Damen dabei nicht nur aus der Bibel, sondern auch von den Gangstern, die sie bekämpften.

Publiziert: 09.05.21, 14:11 Aktualisiert: 10.05.21, 11:59

Die jüngste Schwester meiner Grossmutter hatte Glück. Sie musste nicht in die Fabrik, sondern wurde Dienstmädchen. Bei einer reichen Familie in Basel. Die jedoch so lieblos war, dass sie dem Mädchen, das höchstens sechzehn oder siebzehn Jahre alt gewesen sein dürfte, ein kaltes, feuchtes Zimmer gab und sich auch nicht um ihre Angestellte kümmerte, als diese schwer krank wurde. Die jüngste Schwester meiner Grossmutter, die mit soviel Hoffnung vom Land in die Stadt aufgebrochen war, starb, bevor sie auch nur den Hauch einer eigenen Zukunft hatte verwirklichen können.

Hätte sie mehr Selbstbewusstsein besessen, so hätte sie sich Hilfe geholt: Denn damals, es dürfte um 1940 herum gewesen sein, gab es auch in Basel die internationale und in der Schweiz besonders florierende Organisation Freundinnen junger Mädchen (FJM), die sich um Schicksale wie ihres kümmerte. Sie bot eine Stellenvermittlung, prüfte Arbeitsverträge und bot jungen Frauen Unterschlupf in einer frühen Fassung von Frauenhäusern, wenn etwas schief ging. Geführt wurde der FJM ehrenamtlich von bürgerlichen Protestantinnen.

Vor dem Marthahaus im Zürcher Niederdorf, ca. 1925. Bild: Schweizerisches Sozialarchiv F 5134-Gc-031

Das «junge Mädchen», also die sehr junge, unverheiratete Frau in der «Fremde» galt als besonders gefährdetes Gut. Die «Fremde» konnte dabei Zürich, Basel, die Romandie, London, Spanien oder Griechenland heissen. Und in die Fremde fuhren Mädchen aus zwei Gründen: Da war die Abenteuerlust allein reisender Touristinnen, vor allem aber die Notwendigkeit von ärmeren Töchtern, die Geld verdienen mussten, um zuhause eine grössere Familie zu unterstützen.

Beiden lag die Welt offen: Eisenbahnnetze überzogen Europa, der Transfer vom Land in die Stadt und vom In- ins Ausland war einfacher geworden.

Dienstmädchen in Privathäusern und Hotels oder Kellnerinnen waren überall gefragt, viele machten sich ohne Kontakte in grössere Städte auf, um erst dort nach einer Stelle zu suchen. Reise wie Ankunft, so propagierten dies die Damen des 1877 in Genf gegründeten FJM und ähnlicher Vereine, waren höchste Gefahrenzonen, denn jedes Mädchen konnte unversehens in einem Bordell landen.

Die Medien liebten es, über die wohltätigen «Grossstadt-Piloten» zu berichten. Hier in einem Artikel aus dem Jahr 1949, die Publikation ist leider unbekannt. Bild: Gosteli-Stiftung, AGoF 128-159

«Mitten in unsern Städten wohnen, durch unsere Dörfer schleichen, auf unseren Heerstrassen auteln, in unseren Bahnzügen fahren diese Vampyre der Unschuld, diese Schlächter jugendlicher Opfer, diese meist schnell reich gewordenen gefühllosesten Ausbeuter menschlicher Schwächen: die Mädchenhändler und -händlerinnen», warnten 1911 die «Blätter für religiöse Arbeit». Und legten mit Begriffen aus dem antisemitischen Vokabular wie «schleichen», «Vampyre» und «Schlächter» auch gleich nahe, dass es sich bei den Mädchenhändlern vornehmlich um Juden handeln könnte.

1958 drehte Kurt Früh einen Imagefilm für den FJM, in dem die unschuldige Monika noch in ihrer ersten Nacht in der Grossstadt Zürich erst abgefüllt und dann nur knapp nicht zu einem gefallenen Mädchen gemacht wird.

Und 1996 schrieb die «Weltwoche»: «Die Geschichte des FJM führt zurück ins schmutzige London Anno 1860: Junge Mädchen wurden damals in Freudenhäusern zu Höchstpreisen gehandelt, und es galt als einträgliches Geschäft, die Deflorierung unter Mithilfe von Blutegeln oder Glasscherben glaubwürdig zu imitieren.»

Ja was wohl? Bild: Gosteli-Stiftung AGoF 128-341

Die FJM-Frauen lernten von den organisierten Verbrechern der Mädchenhändlerringe, dass man Netzwerke anlegen und pflegen muss.

Sie wollten «den Feind aushungern», indem sie «ihm die Zufuhr abschneiden». Sie gehörten zu den Frühstnutzerinnen von Telefonapparaten und verwendeten viel Zeit darauf, internationale Listen mit Kontakt-«Agentinnen» zu führen. Den «schlimmen Hotels, schlechten Häusern» und «staatlich konzessionierten Prostitutionshäusern in allen Ländern der Welt» setzten sie spiegelverkehrt ihre «heimelig» eingerichteten Mädchenhäuser entgegen.

In den 50er-Jahren leitete der FJM auch in Kairo, Alexandria, Riga und Athen Anlaufstellen, und der «Orient» war ein Thema: 1952 gab der FJM beim Bund eine Broschüre mit dem Titel «Dein Volk sei mein Volk» für «die sich nach dem Orient verheiratenden jungen Mädchen» in Auftrag, und 1970 gründete er die «Auskunftstelle Ehen mit Orientalen in Basel» und erteilte «kostenlose Informationen über Lebensbedingungen und rechtliche Stellung der Frau in entfernteren Ländern und Arbeitsmöglichkeiten des Mannes in der Schweiz».

Wer beim FJM nicht bloss zahlendes Mitglied sein, sondern etwa die äusserst wichtige und gefragte «Bahnhofsarbeit» leisten wollte, musste mindestens zwei Fremdsprachen beherrschen. Die vom FJM betriebenen Bahnhofs-«Stübli» wandelten sich je nach Bedarf von Auffangstationen allein reisender Mädchen zu Empfangsstuben von Flüchtlingen im Zweiten Weltkrieg, Wickelstuben, einem Rollstuhlverleih für Gehbehinderte oder Erholungsräumen für Sexarbeiterinnen.

Quasi eine Christiane F. vom HB Zürich: ein unvergessliches Plakat aus den 70ern. Bild: Schweizerisches Sozialarchiv, F5134-Od-004

Doch die penetrante propagandistische Schwarzmalerei, das Rollenverständnis des FJM, das jungen Frauen zwar eine sichere und selbständige Erwerbsarbeit ermöglichen wollte, aber nur innerhalb der traditionell weiblichen Tätigkeitsfelder Hausarbeit und Fürsorge, machten den FJM im Lauf der Jahre bei jungen Frauen nicht beliebter. Ebenso wenig das ewige Bibellesen in den Freizeit-Clubs für Schweizerinnen im Ausland, die heilsarmeehafte Verstaubtheit und die Betonung von Tugendhaftigkeit und Keuschheit.

Das Interesse an Hausarbeit sank, 1953 etwa meldeten sich auf 2000 ausgeschriebene Stellen in der Schweiz nur 865 Bewerberinnen, von denen schliesslich 470 vermittelt werden konnten. Die Schweizerinnen im Ausland – etwa die 6000, die jedes Jahr in England eine Stelle suchten – wurden immer fordernder, was Freizeit, Entlöhnung und Reiseentschädigung betraf.

Es gab gar dreiste «Romantikerinnen, die hofften, in ein Schloss am Meer zu kommen, wo sie z.B. auch reiten» konnten, wie die NZZ 1950 schrieb.

In der Schweiz waren es umgekehrt deutsche Frauen im Welschlandjahr, die auf «möglichst viel Freizeit zum Besuch von Sprachkursen» (NZZ von 1962) bestanden. Und was früher eine Haushaltshilfe gewesen war, wurde nun zum Au-pair. Zur jungen Verkäuferin, Lehrerin oder Krankenschwester, die sich ihren Sprachaufenthalt irgendwie finanzieren musste und für die nicht mehr die Hausarbeit im Vordergrund stand.

Das grosse «Adressbuch» des FJM. Bild: Gosteli-Stiftung, AGoF 128-341

Seit 1999 heissen die Freundinnen junger Mädchen Compagna, Begleiterin. Sie betreiben unter anderem in Basel die Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen (allein in Basel gibt es 2800) Aliena und die preisgekrönte Beratungsstelle für Binationale Paare und Familien, in Zürich das Frauenhotel Lady's First, in Graubünden eine Leihgrosseltern-Vermittlung oder die gesamtschweizerische Reisebegleitung für Menschen mit einer Beeinträchtigung. Sie regeln die Übergabe von Kindern zwischen geschiedenen Elternteilen auf Bahnhöfen. Sie tun noch immer viel. Im Namen der Barmherzigkeit, der Mitmenschlichkeit. Und gehören damit zu den Hunderten, ohne die allzu viel Hilfe nicht geleistet würde. Hilfe, die ohne ein gewisses Mass an Missionsbewusstsein wohl einfach nicht auszuhalten wäre.

Dieser Artikel entstand aufgrund der soeben erschienenen, umfangreichen Vereinsgeschichte «Das Fräulein vom Bahnhof» von Esther Hürlimann, Ursina Largiadèr und Luzia Schoeck aus dem Hier-und-Jetzt-Verlag. Sowie aufgrund vieler Artikel aus NZZ, «Weltwoche» und «Basler Zeitung».

History Porn Teil LXVI: Geschichte in 27 Wahnsinns-Bildern

Kalifornien, 1926: das Michelin-Männchen neben einem Werbefahrzeug.
New York, 1940: Bei Minusgraden ist der Feind der Feuerwehrleute nicht nur die Hitze, sondern ebenso die Kälte. ICP / Weegee(Arthur Fellig)/Internatio
New York, 1940: Das Löschwasser gefriert zu Eis.
Montreal, 1889. Hulton Archive / Sean Sexton
Vietnam, 1962: Eine südvietnamesische T-28 Trojan wirft Napalmbomben auf eine Vietcong-Stellung ab. Die US-Streitkräfte setzten während des Krieges nahezu 400'000 Tonnen dieser zerstörerischen Brandwaffe ein.
1963: Der luxemburgisch-amerikanische Erfinder Hugo Gernsback mit seiner eigenwilligen Fernsehbrille – ein handliches, tragbares Fernsehgerät im Taschenformat. The LIFE Picture Collection / Alfred Eisenstaedt
Auch der «Isolator» war seine Erfindung; er sollte den Träger von allen äusseren Ablenkungen und Geräuschen komplett isolieren, so dass er sich auf seine Arbeit konzentrieren kann. Mit diesem hölzernen Ding auf dem Kopf hört man nichts und sieht gerade noch so knapp auf das Blatt, das vor einem liegt. Die Sauerstoffflasche bewahrt den Träger vor einem unerfreulichen Erstickungstod.
Bekanntheit erlangte Gernsback jedoch vor allem als Verleger des ersten Science-Fiction-Magazins «Amazing Stories», das ab 1926 erschien.
Allerdings waren seine harschen Geschäftspraktiken ebenso bekannt, er bezahlte, wenn überhaupt, seine Autoren ausnehmend schlecht.
1959: Entworfen wurden die Gesichter von der New Yorkerin Betty Darling – sie wollte damit ihre Kinder zum Lachen bringen. The LIFE Picture Collection / Ralph Crane
April 1945: Dessau, Deutschland.
Wales, 1950: Drei Bergarbeiter nach einem Arbeitstag in der Kohlemine. The LIFE Picture Collection / W. Eugene Smith
New York Ice Show, 1945: Die Bewegungen der Eiskunstläuferin Carol Lynne werden durch Blitzlichter aufgezeichnet, die in ihre Schlittschuhe eingelassen worden waren. The LIFE Picture Collection / Gjon Mili
The LIFE Picture Collection / Gjon Mili
Moskau, November 1991, nach dem gescheiterten Putschversuch einiger Funktionäre der kommunistischen Partei gegen den sowjetischen Präsidenten Gorbatschow: Eine demontierte und mit Graffiti verunstaltete Stalin-Statue wird im Park entsorgt. Einen Monat später zerfällt die Sowjetunion endgültig. The LIFE Images Collection / Arnold H. Drapkin
Grossbritannien, 1940: Feuerlöschanzüge aus Asbest für den Fleet Air Arm der britischen Royal Navy. Damals wusste man noch nichts von der krebserzeugenden Wirkung des Stoffes, sie wurde als einfach zu verwebende, hitze- und säurebeständige «Wunderfaser» gefeiert und fand nicht nur als Schutzkleidung Verwendung, sondern wurde u.a. auch für die Herstellung von Postsäcken, Zahnpasta und Bomben-Fallschirmen verwendet.
New Orleans, 1930: Jungs vertilgen Wassermelonen.
Ca. 1915, Alpen: Italienische Soldaten hieven eine Kiste, einen Hund und ein Artilleriegeschütz auf einen Berg. Hier oben stellte nicht nur der feindliche Beschuss eine Gefahr dar: An manchen Frontabschnitten kamen sogar mehr Soldaten durch Lawinen, Felsstürze und Unfälle ums Leben.
Buckingham Palace, London, 2. Juni 1953: Queen Elizabeth II. mit ihren sechs Ehrenjungfern. Diese ersetzten die Pagen, die gemeinhin die Schleppe der Königin während der Krönungszeremonie trugen. Damit folgte sie dem Präzedenzfall von Königin Victoria. Hulton Archive / Print Collector
Peking, 1908: Damals gab es in China etwa 13 Millionen Opiumsüchtige und ihre Zahl stieg 1945 auf 40 Millionen. Erst nach der 1949 erfolgten Machtübernahme durch Mao Zedong sank die Zahl der Opiumraucher im Land rapide und stetig.
England, 1920: Die Dick Kerr's Ladies, die Werkmannschaft der gleichnamigen Firma, die Munition für den Krieg herstellte. Die Frauen gewannen gegen die Auswahl der männlichen Belegschaft, worauf sie unzählige Benefiz-Spiele bestritten, um Geld für verletzte Soldaten zu sammeln. Die Spiele zogen Zehntausende Zuschauer an, die Dick Kerr's Ladies brachten insgesamt 70'000 britische Pfund zusammen, was heute ca. 10 Millionen Pfund entspricht. Dem Spiel im Goodison Park zu Liverpool wohnten 53'000 Menschen bei, über 10'000 mussten nach Hause geschickt werden. Popperfoto / Popperfoto
1922 verbot die Football Association die Austragung von Frauenfussballspielen auf den Plätzen ihrer Mitglieder. Angeblicher Grund: Frauen seien physisch nicht für den Fussballsport geeignet und ihre Fruchtbarkeit würde dadurch gefährdet. Eigentlicher Grund: Die Furcht vor einer ernsthaften Konkurrenz für den professionellen Männerfussball.<br> Hulton Archive / William Vanderson
Der 21-Jährige Otto Richter, deutscher Staatsangehöriger, versucht mittels einer Petition seiner Deportation zu entgehen – erfolglos. Das amerikanische Arbeitsministerium lehnte seinen Antrag, nach Kanada zu gehen, um eine legale Wiedereinreise in die Vereinigten Staaten zu erhalten, ab und ordnete an, dass er sich am 23. Juni 1936 auf Ellis Island zur Abschiebung melden muss.
Kindertagesstätte in Stawropol, UdSSR: Väterchen Staat gibt Acht auf seine kleinen Mädchen, während ihre Eltern arbeiten. Corbis Historical / Wally McNamee
Deutschland, Erster Weltkrieg: Ein alliiertes Flugzeug bombardiert ein deutsches Schiff. Archive Photos / FPG
Argentinien, 1960: Das Versteck des Kriegsverbrechers Adolf Eichmann – ein Bungalow in einem Vorort von Buenos Aires. Hier lebte er für zehn Jahre unbehelligt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, bis er 1960 vom israelischen Geheimdienst Mossad entführt und nach einem Prozess 1962 in Israel hingerichtet wurde. Er organisierte die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden und war mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen.
2. Oktober 1990, Berlin: Während den Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland am Brandenburger Tor. ullstein bild / ullstein bild

Wer verliert, putzt! – Marco & Nico duellieren sich auf der Rennbahn in Mettmenstetten

Video: watson

Das könnte dich auch interessieren:

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität