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In 10 Bildern: Flüchtlinge zeigen, was sie an der Schweiz so schätzen

Was Flüchtlinge staunen lässt, ist für uns Einheimische zumeist alltäglich und selbstverständlich. Zehn Schüler eines Deutschkurses haben mit der Handy-Kamera festgehalten, was für sie so speziell in der Schweiz ist. Die entstandenen Bilder sind höchst überraschend.

Publiziert: 12.05.17, 10:47
jörg meier / aargauer zeitung

Wenn über Asylsuchende berichtet wird, kommen die Asylsuchenden höchst selten zu Wort. Sie müssen sich meist damit begnügen, Anlass und Gegenstand der medialen Aufmerksamkeit zu sein.

Entsprechend wird auch meistens aus der Perspektive von uns Einheimischen erzählt und argumentiert. Für einmal wird hier die Sicht auf das scheinbar Gewöhnliche verändert.

Was gefällt Asylsuchenden am Alltag in der Schweiz? Was macht ihnen Eindruck? Was freut sie? Mit diesen Fragen im Gepäck besuchten wir die Konversationsklasse Deutsch für Asylsuchende vom Netzwerk Aargau in Nussbaumen.

Deutsch verbindet

Gegen 30 Asylsuchende besuchen jeweils am Mittwochnachmittag den Unterricht bei Isabella Günthardt. Der Deutschkurs ist freiwillig. Deutschlehrerin Isabella Günthardt arbeitet ehrenamtlich.

Asylsuchende zeigen, was sie an der Schweiz besonders schätzen

Ein Leben ohne Gewalt: «Ich geniesse in der Schweiz die Freiheit, etwas, was ich nie gekannt habe in meinem Heimatland Irak. Die Frauen dürfen, ohne Angst zu haben, ihre Meinung sagen. Zusätzlich gefällt mir die wunderschöne Natur. Aber das Wichtigste ist, ein Leben ohne Gewalt leben zu dürfen. Das bedeutet für mich Glück.» (Saadi, Irak)
Lernen ist gratis: «Ich bin froh, dass es viele Gratisangebote gibt, um Deutsch zu lernen. Es ist wichtig, die Sprache zu beherrschen, um sich gut in der Schweiz integrieren zu können. Die Schule ist etwas sehr Positives, da man etwas lernen kann und beschäftigt ist. Es freut mich, dass viele Menschen freundlich und sehr nett zu uns sind.» (Yeibiyo, Eritrea)
Freiheit: «Mich fasziniert die kulturelle und soziale Vielfalt der Schweiz. Alle Menschen können hier frei in ihrer religiösen und kulturellen Überzeugung leben.» (Hoger, Syrien)
Der erste Schnee: «Als ich in die Schweiz gekommen bin, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Schnee gesehen. Das hat mich sehr überrascht. Da ich Schnee liebe, freut es mich, dass es im Winter so viel davon gibt.» (Hiwet, Eritrea)
Natur und Berge: «Die Natur und die schönen Berge beeindrucken mich sehr. Auch das Wetter gefällt mir. Ich habe neue Freunde gefunden. Wir unternehmen viel zusammen, machen Picknick und spielen oft Fussball. Das macht grossen Spass.» (Saleh, Iran)
Swwissminiatur Melide: «Wir besuchten einmal im Tessin, Melide, die Swissminiatur. Es war wunderbar und atemberaubend. Innerhalb eines Tages kann man dort die ganze Schweiz sehen. Man erfährt, was die einzelnen Kantone für Sehenswürdigkeiten zu bieten haben. Es gibt viele Museen, Kirchen, Denkmäler, Skigebiete, Seen, Brücken, historische Stätten und den Zoo. Jeder kann hier für sich selber etwas Wunderbares finden.» (Natalia und Elena, Ukraine)
Glücklich in der Luft: «In meinem Heimatland Iran war ich Paragliding-Pilot. Ich fliege seit 13 Jahren. Meine beste Zeit ist, wenn ich mit meinem Gleitschirm in der Luft bin, dann fühle ich mich frei und all meine Sorgen kann ich zurücklassen. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich in der Schweiz von einem Freund unterstützt werde, sodass ich weiterhin fliegen darf. Es ist wunderbar, über dieses friedliche und wunderschöne Land zu gleiten.» (Sorosh, Iran)
Niemand muss hier betteln: «Als ich in die Schweiz gekommen bin, sind mir die verschiedenen Kantonswappen und die unterschiedlichen Sprachen und Dialekte aufgefallen. So spricht man z. B. im Kanton Basel einen komplett anderen Dialekt als im Kanton Wallis. Ich finde es lustig, dass kaum ein Schweizer den Walliser Dialekt versteht. Es ist auch interessant, dass jeder Kanton eigene Gesetze hat und dass die Schweiz sieben Bundesräte hat. Was ich auch noch sehr interessant finde, ist, dass in der Schweiz niemand wirklich betteln muss. Das ist ein grosser Pluspunkt für dieses Land.» (Mehdi, Afghanistan)
Pünktlich und sauber: «Die Pünktlichkeit und die Sauberkeit in der Schweiz gefallen mir besonders. Es gibt viele Länder auf der Welt und jedes hat seine eigenen Vorzüge. Aber die Pünktlichkeit und die Sauberkeit in der Schweiz sind einmalig. Mir gefällt auch, dass hier die Natur so grün ist.» (Fareed, Afghanistan)
Mein Velo: «Das Velofahren in der Schweiz macht mir riesig Spass. Ich habe vor drei Wochen ein Velo bekommen und ich freue mich sehr darüber. Die Strassen in der Schweiz sind gut, man muss aber trotzdem gut aufpassen und die Verkehrsregeln kennen. Man sollte einen Velofahrkurs machen können. Baden ist eine schöne Stadt und in meiner Freizeit fahre ich gerne dorthin. Meistens fahre ich alleine, da meine Kollegen nicht viel Zeit haben, um mich zu begleiten. Das macht mir aber nichts aus. »(Laila, Syrien)

Ihre Schülerinnen und Schüler kommen aus rund einem Dutzend verschiedener Länder, alle mit ihren eigenen Geschichten in ihren eigenen Sprachen. Wenn sie sich verständigen wollen, ist es am einfachsten, wenn sie dies in ihrer neuen Sprache tun, die sie hier am Lernen sind: auf Deutsch.

Kurs für Asylsuchende in Brugg. Bild: KEYSTONE

Die Kenntnisse sind höchst unterschiedlich; einige könne sich schon recht gewandt ausdrücken, für andere scheint die deutsche Sprache noch für einige Zeit ein Mysterium zu bleiben. Die unterschiedlichen Niveaus sind aber kein Hinderungsgrund für einen attraktiven Unterricht; Es wird geschrieben und diskutiert und gelacht – und wenn das richtige Wort sich partout nicht finden lässt, wird das Handy zur Übersetzungshilfe.

Zehn Asylsuchende aus der Klasse haben sich schliesslich bereit erklärt, am kleinen Schreibprojekt mitzumachen. Sie erhielten den Auftrag, eine Besonderheit, die ihnen in der Schweiz aufgefallen ist und die ihnen Eindruck macht, kurz zu beschreiben und mit einem Handyfoto zu illustrieren. Mit grossem Einsatz gingen die Teilnehmenden ans Werk und sie brachten völlig individuelle Antworten zurück.

Die Ergebnisse findest du in der obigen Bildergalerie, die Texte wurden moderat redigiert. Die Fotos sind von unterschiedlicher Qualität, aber höchst überraschend.

Fotos ohne Menschen

Überraschend war auch, wie von den Asylsuchenden vieles, was für uns selbstverständlich und alltäglich ist, als aussergewöhnlich wahrgenommen wird. Dass man sich hier frei bewegen kann, dass die Züge pünktlich abfahren, dass man keine Bettler sieht.

Mag sein, dass die Berichte der Asylsuchenden uns auch wieder etwas bewusster machen, dass unser gesicherter Alltag keine Selbstverständlichkeit ist.

Nur wenige der teilnehmenden Flüchtlinge waren bereit, sich fotografieren zu lassen. Zu sehr schwingt noch die Furcht mit, dass das Bild in die ursprüngliche Heimat gelangen könnte und deshalb die zurückgelassenen Familienangehörigen Repressionen ausgesetzt würden. Man einigte sich auch darauf, aus Sicherheitsgründen nur den Vornamen und das Herkunftsland zu nennen.

(aargauerzeitung.ch)

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