Drei Spiele, null Tore – das ist sich Robert Lewandowski im Nationaltrikot nicht gewohnt.
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Sorgenkind Lewandowski – warum Polen für den Achtelfinal gegen die Schweiz dennoch zuversichtlich ist
Die Polen haben zwar sieben Punkte geholt, sind aber in Reichweite der Schweizer. Vor allem weil die polnische Offensivfraktion um Robert Lewandowski und Arkadiusz Milik noch überhaupt nicht Fahrt gekommen ist.
Das Warten ist seit gestern Abend vorbei. Um 19.45 Uhr stand fest, mit wem es die Schweizer Fussballer im Achtelfinal vom Samstag (15 Uhr) in St.Etienne zu tun bekommen: Polen. Die Osteuropäer besiegten zwar in Marseille die bereits ausgeschiedene Ukraine durch ein Tor von Jakub Błaszczykowski 1:0, doch brachte ihr der Sieg nicht den angestrebten Gruppensieg, weil auch Deutschland seine Pflichtaufgabe gegen Nordirland mit einem 1:0 löste.
Aber so reizvoll eine Partie gegen den Nachbarn auch hätte sein können, so gut ist es, spielen die Schweizer nicht gegen den Weltmeister, sondern eben gegen die Polen. Die Aussichten auf ein Weiterkommen sind dadurch ungleich grösser.
Błaszczykowskis Siegtreffer gegen die Ukraine.
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Nachdem die Polen beim 0:0 im zweiten Gruppenspiel gegen Deutschland hervorragende Kritiken erhalten hatten, war ihre Vorstellung gegen die Ukraine keine Augenweide. Sie liessen zwar auch in der dritten Partie keinen Gegentreffer zu, doch war dies weniger ihrer Klasse im Defensivbereich zu verdanken, als dem Unvermögen des Gegners, hochkarätigste Chancen zu nützen. Zudem hätte der Schiedsrichter den Ukrainern einen glasklaren Penalty zugestehen müssen. Spielen die Polen in drei Tagen nicht besser, hat die Schweiz eine grosse Chance, erstmals in die EM-Viertelfinals einzuziehen.
Doch aufgepasst: Im Vélodrome von Marseille ist gestern gewiss nicht das wahre Gesicht Polens zu sehen gewesen. Mit Krzysztof Maczynski, Lukasz Piszczek, und Kamil Grosicki hatte Trainer Adam Nawalka gleich drei seiner mit einer gelben Karte belasteten Titulare auf der Bank gelassen und auch Blaszczykowski eine Halbzeit lang eine Pause gegönnt. Es ist davon auszugehen, dass sein Team am Samstag mit einer anderen Leistung aufwartet.
Polens Trainer Adam Nawalka ist bekannt für seine impulsive Art.
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Die beiden Mannschaften werden sich dabei zum ersten Mal bei einem grossen Turnier über den Weg laufen. Überhaupt sind sich die Schweiz und Polen mit zehn Partien bisher noch nicht besonders oft begegnet. Achtmal in Freundschaftsspielen, zuletzt im November 2014 unter Vladimir Petkovic bei einem 2:2 in Breslau, zwei Mal im Rahmen der EM-Qualifikation 1980, als die Schweiz beide Partien 0:2 verlor.
«Jetzt sind wir erst einmal glücklich, denn wir haben Geschichte geschrieben und sind als erste polnische Mannschaft bei einer EM eine Runde weiter gekommen», sagte Goalie Lukasz Fabianski, der den seit dem ersten Spiel gegen Nordirland verletzten Wojciech Szczesny ersetzt. «Nun wollen wir gegen die Schweiz unseren Weg weitergehen.»
Lewandowski nocht nicht in Topform
Was bei den Polen auffällt: Die Torfabrik um Robert Lewandowski (Bayern) und Arkadiusz Milik (Ajax), die während der EM-Qualifikation mit 33 Treffern den Bestwert aller Teams schaffte, hat Produktionsschwierigkeiten. Immerhin war Milik beim 1:0 gegen Nordirland noch der Siegtorschütze. Doch Superstar Lewandowski ist ausser Form geraten. Gegen die Ukraine vergab er in der Startphase eine Möglichkeit, die so gar nicht typisch für den eiskalten Skorer ist.
Blieb auch gegen die Ukraine unauffällig: Polens Superstar Robert Lewandowski.
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«Robert ist für uns auch von grosser Wichtigkeit, wenn er nicht trifft», wollte Trainer Nawalka gar nicht erst Diskussionen über seinen Torjäger aufkommen lassen. Der 59-Jährige, der die Polen 2013 übernommen hatte, strich auch gestern wieder die enormen Fortschritte heraus, die seine Mannschaft gemacht habe. «Vor allem im organisatorischen Bereich gefällt mir, was wir leisten», sagte Nawalka.
Selbstvertrauen getankt
Die Polen hatten sich als Gruppenzweite hinter Deutschland und dank einem 2:1-Heimsieg im letzten Spiel gegen Irland für die EM qualifiziert. Verbandspräsident Zbigniew Boniek ist überzeugt vom Team und schraubt die Erwartungen in die Höhe. «Diese Mannschaft ist so gut wie jene von 1982», sagte Boniek.
Was für das aktuelle Team einem kleinen Ritterschlag gleich kommt, denn in den 70er- und 80er-Jahren zählten die Polen mit Namen wie Deyna, Lato, Smolarek und Boniek zur Weltspitze. Bei der WM 1974 und 1982 wurden sie jeweils Dritte.
Doch seither brachten die Polen nichts mehr auf die Reihe. Das Heimturnier 2012 wurde für sie zur Enttäuschung wie jenes 2008 für die Schweiz. Der frühere Nationalspieler Tomasz Hajto, in Frankreich als TV-Experte dabei, sagt: «Es ist etwas zusammengewachsen. Der Sieg gegen Deutschland in der Qualifikation hat Selbstvertrauen gegeben.»
Trainer Nawalka glaubt nicht, dass die zwei Schweizer Ruhetage mehr für Polen zum Nachteil werden. «Wir sind physisch sehr fit und werden nun am Mittwoch das Spiel gegen die Schweizer vorbereiten. Wir kennen sie gut, sie spielen auf einem hohen Niveau und gehören hier zu den interessantesten Mannschaften», sagte Nawalka. «Aber ich bin guter Dinge, dass wir sie schlagen.»
Die Noten der Schweizer nach der Gruppenphase der EM 2016
Granit Xhaka: Note 6 – Je grösser die Bühne, desto wohler fühlt er sich. Seine Auftritte an dieser EM verdienen das Prädikat Weltklasse. Scheint tatsächlich angekommen als Chef dieser Mannschaft. Er übernimmt Verantwortung. Die allermeisten seiner Pässe sitzen – und das, obwohl er sich nicht scheut, Risiko einzugehen. Nach dem Transfer zu Arsenal wurde Xhaka von einem Engländer gefragt, ob er nicht fürchte, das Preisschild von 50 Mio. könne nun an der EM zu viel Last sein. Seine Antwort gab er auf dem Platz. Sie ist eindrücklich: Nein!
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Yann Sommer: Note 5,5 – Wie er die Schweiz in seinem ersten Spiel auf der ganz grossen Bühne gegen Albanien rettete, war Weltklasse. Gegen Rumänien fast ohne Beschäftigung. Dann gegen Frankreich mit der ersten und einzigen Unsicherheit gegen Pogba, steigert sich aber sofort wieder. Ist erst vom Penaltypunkt aus bezwungen. Kann bester Torhüter des Turniers werden und die Schweiz zum nächsten Schritt führen.
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Stephan Lichtsteiner: Note 4 – Der neue Captain wirkt mit der Binde irgendwie gehemmt. Seine Leistungen schwanken zwischen rätselhaft und solid – mehr nicht. Manchmal wirkt er wie ausgetauscht, sobald er nicht das Juve-, sondern das Nati-Trikot übergezogen hat. Das Spiel gegen Frankreich ist sein bestes bisher, vielleicht wächst auch er mit den Anforderungen. Die Schweiz braucht im Achtelfinal den echten Lichtsteiner, um weiterzukommen.
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Fabian Schär: Note 5,5 – Wäre dieser eine Fehler am Schluss des Albanien-Spiels nicht – man dürfte von einer bislang perfekten EM sprechen. Schär überzeugt mit herausragenden Zweikämpfen und gutem Stellungsspiel. Er ist stark in der Luft und genauso am Ball. Dazu strahlt er viel Ruhe aus. Das ist von Vorteil, wenn der Abwehrpartner Johan Djourou heisst. Kurz: Es ist eine überzeugende Reaktion des 24-Jährigen auf eine schwierige Saison mit Hoffenheim in der Bundesliga. EPA/KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Johan Djourou: Note 5 – In jungen Jahren weckte er Hoffnungen, einmal ein neuer Frank Rijkaard zu werden. An guten Tagen ist er auch heute noch Spitzenklasse. Nur sind diese längst Ausnahme geworden. Wirkt immer ein bisschen zu locker lässig. Die Angst, der nächste Fehler steht kurz bevor, ist noch nicht gewichen. Aber: Er hat sich mit jedem Spiel gesteigert. Die Leistung gegen Frankreich muss er jetzt bestätigen.
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Ricardo Rodriguez: Note 4,5 – Er ist noch nicht der Rodriguez der WM 2014. Damals schritt er voran, als es wirklich zählte. Es ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben vom Versprechen, das er einmal war. Gerade seine Eckbälle und Freistösse sind verbesserungswürdig, wie sein Beitrag zur Offensive überhaupt. Immerhin steht er defensiv gut und lässt wenig über seine Seite zu. Trotzdem: Er muss sich noch steigern.
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Valon Behrami: Note 5,5 – Der Aggressivleader zeigt eine sehr beachtliche EM. Es gibt Dinge, die sind immer drin, wo Behrami drauf steht: viele Balleroberungen, unermüdlicher Kampf, unzählige Läufe. Aber jetzt zeigt Behrami auch Aktionen, die man ihm nicht unbedingt zugetraut hätte. Er leitet Bälle geschickt weiter, es sind nicht grad 20- oder 30-Meter-Pässe, dieses Feld überlässt er Xhaka, aber eben doch so, dass die Offensivabteilung etwas damit anfangen kann. freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Xherdan Shaqiri: Note 4 – Galt einmal als Wunderkind. Als der Spieler, der in den entscheidenden Momenten für die aufregenden Dinge besorgt ist. Als der Spieler, der die wichtigen Tore schiesst. Das alles ist Vergangenheit. Shaqiri blieb bisher an der EM alles schuldig. Er hat seit über einem Jahr kein Tor mehr erzielt für das Nationalteam. Seine rätselhaften Auftritte mehren sich. Immerhin stellt er sich in den Dienst der Mannschaft.
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Blerim Dzemaili: Note 5 – Dzemaili und das Nationalteam, es ist eine belastete Beziehung. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass es spät doch noch eine versöhnliche Wende gibt. Erstmals ist er als Stammspieler dabei. Petkovic vertraut ihm. Und Dzemaili zeigt an dieser EM in jedem Spiel, warum. Noch fehlt die Konstanz über 90 Minuten. Noch könnte er seine guten Ansätze in etwas mehr Zählbares verwandeln. Aber es bieten sich ja noch Gelegenheiten zur Steigerung.
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Admir Mehmedi: Note 5 – Manchmal ist es erstaunlich, was ein einzelnes Tor auslösen kann. Seit dem Wahnsinnstreffer in den Winkel gegen Rumänien spielt er drei Klassen besser, mit mehr Selbstvertrauen und mit noch mehr Verve bei der Arbeit in der eigenen Platzhälfte. Zudem ist er nun der einzige Schweizer der Geschichte, der an einer WM und EM getroffen hat. Mehmedi hat sich zum Spezialisten für wichtige Spiele entwickelt. Das zeigte er schon an der WM in Brasilien.
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Haris Seferovic: Note 4,5 – Um ihn sind während des Turniers die interessantesten Debatten entstanden. Soll man ihn kritisieren, weil er viele Chancen vergibt? Soll man ihn loben, weil er viel kreiert? Der zweite Ansatz scheint angebracht. Seine bisherigen Einsätze waren ansprechend. Die Frage ist nun, ob es ihm gelingt, den Kopf freizubekommen. Falls ja, kann er für die Schweiz plötzlich noch so wichtig werden wie auf dem Weg zum U17-Weltmeistertitel.
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Breel Embolo: Note 4 – Was von ihm bisher in Erinnerung bleibt an dieser EM? Einige leidenschaftlich geführte Duelle mit Frankreichs Superstar Pogba. Und vor allem: Der Song «Oh Embolo», diese Hommage an ihn, der die Fan-Herzen erobert hat. Will er allerdings das Herz von José Mourinho und Manchester United definitiv erobern, muss er sich gewaltig steigern. Er hat noch nicht nachweisen können, ein solch grosses Talent zu sein. EPA/KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
EM 2016: Wichtige Infos zum Fussballturnier in Frankreich
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