Die Karibik soll schön sein, habe ich gehört. Meiner Freundin Lea (rechts) und mir zeigt sie sich aber von ihrer allerhässlichsten Seite.
bild: thomas schlittler
Der Fluch der Karibik – oder eigentlich bin ich ja der Letzte, der sich beklagen darf
Die karibische See macht mit unserem kleinen Motorboot, was sie will: Mal rauf, mal runter, mal links, mal rechts – und mit jeder Welle landet eine gesalzene Ladung Meerwasser in meinem Gesicht. Ich habe Tränen in meinen zu Schlitzen verengten Augen. Und wenn ich das Gemisch aus Meerwasser, Schweiss, Sonnencrème und Tränen mit meinem T-Shirt wegwische, wird es nicht besser. Denn auch das T-Shirt ist patschnass.
Als wir Benzin nachfüllen müssen, wage ich es, meine Kamera für einen kurzen Moment hervorzuholen, um unseren Kampf mit der Karibik festzuhalten.
bild: thomas schlittler
So geht das eineinhalb Tage lang. Und da ich weder Buch, Smartphone noch sonst etwas Unterhaltsames aus meinem wasserdichten Sack hervorholen kann, habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Oder besser gesagt zum innerlich Fluchen.
Platsch, Karibik im Gesicht – und ich verfluche die Regierungen Panamas und Kolumbiens, Umweltschützer, Ureinwohner, Guerillas sowie Drogenkartelle. Denn sie alle sind mitverantwortlich dafür, dass es zwischen Panama und Kolumbien bis heute keine Strassenverbindung gibt. Das Grenzgebiet, der Darién-Dschungel, gilt als eine der gefährlichsten Regionen der Welt.
Wer wie ich ohne Flugzeug von Nord- nach Südamerika reisen will – und nicht auf illegale Dschungel-Grenzüberquerungen steht – muss deshalb mit dem Schiff von Panama nach Kolumbien übersetzen.
Teil 2: ... übers Meer ...
bild: google maps
Platsch, Karibik im Gesicht – und ich verfluche die Anbieter von Segeltörns, die für den Trip nach Kolumbien pro Person rund 600 Dollar verlangen. Das hätte ich für fünf Tage Segeln, Schnorcheln und Saufen im Inselparadies sogar noch bezahlt. Die Anbieter wollten aber nicht akzeptieren, dass ich mit dem Daumen von Panama-Stadt zum Hafen von Carti reise und nicht mit ihrem überteuerten Shuttle-Bus. Busse sind mit meinem Per-Autostopp-um-die-Welt-Traum nämlich nicht vereinbar. Das bequeme und überdachte Segelschiff fiel als Option deshalb ebenfalls weg.
Platsch, Karibik im Gesicht – und ich verfluche den Typen am Hafen von Carti, der uns das kleine Motorboot vermittelt hat. Erstens, weil er uns zumindest hätte warnen können, dass die Karibik nicht immer so schön und ruhig ist, wie sie in den Hochglanz-Reisebroschüren dargestellt wird. Und zweitens, weil er uns sagt, dass die Fahrt an die kolumbianische Grenze mit dem Transportschiffchen rund acht Stunden dauert.
Für die unplanmässige Übernachtung stellt uns eine nette Kuna-Familie in einer Holzhütte Hängematten zur Verfügung. Geld akzeptieren sie für die gute Tat nicht.
bild: thomas schlittler
Nach sieben Stunden Wellentanz ist Kolumbien aber noch immer so weit weg, dass wir unplanmässig auf Unterschlupf angewiesen sind in einem Dorf der Kunas, einem indigenen Volk, das hier auf Inseln in Holzhütten lebt.
Wenn man den Motor unseres «Transportschiffes» betrachtet, wird klar, wieso wir für die Fahrt nicht 8, sondern 13 Stunden benötigen.
bild: thomas schlittler
Platsch, Karibik im Gesicht – und ich verfluche die drei Kunas, die mit meiner Freundin Lea und mir im gleichen Boot sitzen. Vor allem ein alter Mann macht mich fertig. Er hat geschätzte 70 Jahre auf dem Buckel, steht aber fast während der gesamten Fahrt kerzengerade auf seinen dünnen Beinen und lässt die übellaunige karibische See über sich ergehen, als ob nichts wäre. Dabei wäre geteiltes Leid doch halbes Leid.
Nach insgesamt 12 Stunden auf dem Boot hat die verfluchte Karibik eine weitere Überraschung für uns parat: Regen. In Strömen. Die letzte Stunde auf dem Schiff können wir deshalb nicht einmal mehr sagen, ob wir von unten oder von oben nass werden. Irgendwann kann ich nicht mehr, es bricht aus mir heraus: Ich muss lachen. Und zwar so laut wie ein Verrückter. Ich schaue nach hinten zu Lea. Als sie mich sieht, muss sie ebenfalls lachen. Sie streckt mir dabei aber ihren Mittelfinger entgegen.
Die ganze Woche, zusammengefasst in Bildern:
Von Puerto Jimenez nach Golfito: Vor zwei Wochen in Costa Rica hatten wir es auf der Fähre (CHF 6.-) noch komfortabel. Thomas Schlittler
Von Golfito nach Paso Canoas: Jeanette überzeugt ihren Onkel Eduardo, uns an die Grenze zu Panama zu fahren – obwohl sie nicht dahin müssen. Thomas Schlittler
Von Paso Canoas nach Santiago: Die Frohnatur Siles (rechts) ist in Plauderlaune und fährt uns ebenfalls viel weiter als er selber müsste. Thomas Schlittler
Er spendiert uns und seinen Ladys auf dem Weg eine Wassermelone. Thomas Schlittler
Und anschliessend gibt es ein Gruppenfoto mit der ganzen Familie. Thomas Schlittler
Die Schönheit Panamas sehen wir nur aus der Ferne. Wir wollen in Südamerika etwas mehr Zeit haben und rasen in Panama nur durch. Sorry! Thomas Schlittler
Von Santiago nach Panama-Stadt: Mit Cesar, unserem zweiten Fahrer in Panama, erreichen wir bereits die Hauptstadt. Thomas Schlittler
Solch eine Skyline haben wir seit Mexico City nicht mehr gesehen. Thomas Schlittler
Beim Panamakanal (Miraflores) studieren wir das ausgeklügelte Schleusen-System. Thomas Schlittler
Die Schiffe müssen insgesamt eine Höhendifferenz von 26 Metern überwinden. Thomas Schlittler
Von Panama-Stadt nach Abzweigung Carti: Lehrer Andres erzählt uns spannende Dinge über Land und Leute. Thomas Schlittler
Von Abzweigung Carti nach Hafen Carti: Alex, der normalerweise Touristen transportiert, macht für uns eine Ausnahme und chauffiert uns gratis. Thomas Schlittler
Unser erster Eindruck der Karibik: Entspanntes Paradies! Zwei Tage später wird alles ein bisschen anders aussehen (siehe Kolumne). Thomas Schlittler
Von Hafen Carti nach Inselsiedlung Carti: Unsere erste kurze Bootsfahrt in der Karibik (CHF 5.-) ist angenehm und wir sind noch sehr relaxed. Thomas Schlittler
Die San-Blas-Inselgruppe gehört zu einem autonomen Gebiet innerhalb von Panama. Thomas Schlittler
Es wird von den Kuna Yalas besiedelt, einem Ureinwohner-Stamm. Die Kunas wissen sich äusserst elegant übers zu Wasser bewegen. Thomas Schlittler
Zudem leben die Kunas sehr einfach und auf wenig Platz. Thomas Schlittler
Das WC ist definitiv nie verstopft. Thomas Schlittler
Wie an so vielen Orten auf der Welt trübt leider auch hier der Müll das Landschaftsbild. Thomas Schlittler
Von Carti nach Puerto Obaldia: Ein Kuna vermittelt uns eine denkwürdige Fahrt auf einem kleinen Transportboot (CHF 110.-) (siehe Kolumne). Thomas Schlittler
In dem kleinen Hafenstädchen Puerto Obaldia erhalten wir den Panama-Exit-Stamp. Auch hier darf das Bier natürlich nie ausgehen. Thomas Schlittler
Von Puerto Obaldia nach Capurgana. Für weitere 20 Franken geht es mit diesem Boot über die Wassergrenze nach Kolumbien. Thomas Schlittler
Klatschnass erreichen wir Kolumbien. Der Regen verschont uns aber auch hier nicht. Thomas Schlittler
Von Capurgana nach Necocli: Am nächsten Tag geht es in 1,5 Stunden ans erschlossene Festland – wettertechnisch geht es im gleichen Stile weiter. Thomas Schlittler
Von Necocli nach Cerete: Rolando, unser erster Fahrer in Kolumbien, nimmt uns nicht nur mit, sondern lädt uns auch zu sich nach Hause ein. Thomas Schlittler
Er wohnt zusammen mit seiner Freundin (d.v.r.), deren Mutter (z.v.r.) und der Haushälterin in einem grosszügigen Haus. Thomas Schlittler
Zum Rundumpaket für uns gehört ein typisches kolumbianisches Frühstück und viele gute Infos über das Land. Thomas Schlittler
Und für Lea gibt es sogar eine neue Frisur. Thomas Schlittler
Von Cerete nach San Pelayo: Simea macht nach der Fahrt noch Werbung für uns und erzählt den Leuten, dass man uns ohne Bedenken mitnehmen kann. Thomas Schlittler
Von San Pelayo nach Lorica: Stefanie (l.) möchte irgendwann auch per Anhalter auf Reisen gehen, deshalb lauscht sie aufmerksam unseren Erzählungen. Thomas Schlittler
Von Lorica nach San Antero: Bei Carlos müssen wir das Auto umräumen, damit wir Platz haben. Das machen wir aber natürlich liebend gerne. Thomas Schlittler
Von San Antero nach Cartagena: Pablo ist Kunsthändler und erzählt uns interessante geschichtliche Hintergründe über die Küstenregion. Thomas Schlittler
In diesem Moment wird mir bewusst, dass ich der Letzte bin, der sich hier beklagen darf. Wenn jemand Grund hat zum Fluchen, dann ist es Lea – und zwar über mich! Sie könnte jetzt gemütlich im Flugzeug sitzen oder mit dem luxuriösen Segelschiff nach Kolumbien reisen. Stattdessen hat sie seit eineinhalb Tagen die Karibik im Gesicht. Und das nur, weil sie mich bei meinem bescheuerten Vorhaben unterstützt, per Autostopp und ohne Flugzeug um die Welt zu reisen. Gracias – und ein dickes Sorry!
Es war aber nicht alles schlecht in den letzten zwei Wochen. In Costa Rica durften wir mit dem Besuch im Corcovado-Nationalpark ein ganz besonderes Highlight erleben.
Die schönsten Bilder aus dem Corcovado-Nationalpark:
Im Corcovado-Nationalpark in Costa Rica machen wir eine zweitägige Wanderung mit einem Guide. Die Wanderung ist nicht ohne. Thomas Schlittler
Zur Belohnung dürfen wir aber ganz viele exotische Tiere in freier Wildbahn beobachten. Thomas Schlittler
Hier meine besten Fotos. Ohne Worte ... Thomas Schlittler
Was Tiere betrifft, war der Ausflug in den Corcovado-Nationalpark wohl das Beste, was ich auf meiner Weltreise bisher gesehen habe. Thomas Schlittler
Einfach nur atemberaubend schön! Thomas Schlittler
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