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Halle und die Folgen für Schweizer Juden

Der Bund will mit 500'000 Franken Synagogen und Moscheen besser schützen – für den israelitischen Gemeindebund nur ein erster Schritt.

Publiziert: 11.10.19, 09:20
Helena Krauser und Doris Kleck / ch media

Bild: KEYSTONE

Die Basler Synagoge ist umrahmt von Betonpollern. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite steht ein Polizeiwagen. Vor dem Anschlag auf eine Synagoge im deutschen Halle stand er noch nicht dort. Das Basler Justiz- und Sicherheitsdepartement hat mit einer Erhöhung der Aufmerksamkeit auf den Anschlag in Deutschland reagiert. Das bestätigt der Sicherheitsbeauftragte der Israelitischen Gemeinde Basel.

Genaueres über das erhöhte Sicherheitsdispositiv wollen beide Stellen nicht sagen. Am Donnerstagnachmittag sind die Festlichkeiten rund um Jom Kippur vorbei. Der Rabbi Moshe Baumel kommt auf dem Weg zu seinem Büro mit dem Mitarbeiter vom Sicherheitspersonal ins Gespräch. Er fühle sich grundsätzlich sicher in der Synagoge in Basel, sagt er. Im Gegensatz zu Halle habe man hier auch einen zweiten Ausgang, den man im Notfall benutzen könne. Allerdings habe sich auch die jüdische Gemeinde in Halle vor den Anschlägen sicher gefühlt, weiss Baumel. Der dortige Kantor sei ein guter Freund.

Sicherheitskosten von sieben Millionen Franken pro Jahr

Der Vorfall in Halle wirft auch Fragen zur Sicherheit der Juden in der Schweiz auf. Vor allem , wer die Kosten dafür tragen muss. Es war ein Zufall: Doch just als ein Attentäter versuchte, in der Synagoge in Halle ein Blutbad anzurichten, diskutierte der Bundesrat über die Sicherheit von jüdischen Einrichtungen. Er verabschiedete eine neue Verordnung.

Ab 1. November beteiligt sich der Bund mit 500 000 Franken pro Jahr an den Sicherheitskosten für Minderheiten, die besonders gefährdet sind durch Terrorismus oder Extremismus. Möglich sind Unterstützungen für bauliche, technische und organisatorische Sicherheitsmassnahmen, etwa für Zäune oder Alarmanlagen. Gelder kann es auch geben für die Ausbildung in den Bereichen Risikoerkennung und Bedrohungsabwehr.

Halle: Rechtsextremist wollte Massaker in Synagoge anrichten

In Deutschland hat ein schwerbewaffneter Täter versucht, in einer Synagoge in Halle/Saale ein Blutbad unter rund 80 Gläubigen anzurichten. Ein Augenzeuge hat ihn gefilmt, wie er mit seiner Pistole auf der Strasse auf Menschen schiesst. (Bild: Screenshot) screenshot twitter
Der mutmassliche Rechtsextremist hat dabei am 9. Oktober 2019 zwei Menschen erschossen und zwei weitere schwer verletzt. screenshot twitter
Bei dem Täter soll es sich um den 27-jährigen Stephan B. aus Eisleben handeln. Den Sicherheitsbehörden war er vorher nicht bekannt. Er wurde am Mittwochnachmittag auf der Landstrasse B 91 festgenommen, nachdem ein Laster B.s Fluchtwagen gerammt hatte.
Der Täter soll am 1. Oktober ein Manifest ins Internet geladen haben, das Bilder von seinen Waffen zeigen und einen Verweis auf das Live-Video enthalten soll.
In dem Text werde das Ziel genannt, «so viele Anti-Weisse zu töten, wie möglich, vorzugsweise Juden». Ob es tatsächlich von dem mutmasslichen Täter stammt, ist noch nicht geklärt. Bestätigt ist jedoch, dass der Täter bei dem Angriff selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ablegte.
B. hat die Taten gefilmt und per Helmkamera live ins Internet übertragen, bevor er vom Tatort floh.
Defekte an mindestens einer Waffe des Täters von Halle haben allem Anschein nach eine höhere Opferzahl verhindert. In dem offensichtlich vom Attentäter aufgenommenen Tatvideo ist zu sehen, wie in mindestens zwei Fällen Ladehemmungen Menschen das Leben retten. Der Täter setzte eine vermutlich im Selbstbau hergestellte Langwaffe, eine Pistole und Sprengsätze ein. AP / Jens Meyer
Die Polizei bestätigte am Abend, dass es sich bei dem kurz nach der Tat festgenommenen Mann um den mutmasslichen Schützen handele. Er wurde demnach verletzt und medizinisch versorgt. AP / Jens Meyer
Dem Täter gelang es nicht, in die Synagoge einzudringen. Daraufhin feuerte er mehrere Schüsse auf die Tür des Gebäudes ab. Anschliessend tötete er vor der Synagoge und in einem nahegelegenen Döner-Imbiss zwei Menschen. dpa-Zentralbild / Sebastian Willnow
Getötet wurden nach Angaben einer Polizei ein Mann und eine Frau. Der Mann sei gegen Mittag in dem Dönerimbiss erschossen worden, die Frau in der Humboldtstrasse, in der sich auch die Synagoge befindet. EPA / FILIP SINGER
Nach Meinung von Experten wollte der mutmassliche Täter eine internationale rechte Internet-Subkultur erreichen. Extremismusforscher Matthias Quent sagte der Deutschen Presse-Agentur, der Täter habe Englisch gesprochen und internationale Verschwörungstheorien aufgegriffen. EPA / FILIP SINGER
Der Zentralrat der Juden kritisierte, dass die Synagoge an dem jüdischen Feiertag nicht durch die Polizei bewacht gewesen war. EPA / FILIP SINGER
Auch der Vorstand der betroffenen Gemeinde äusserte sich kritisch. EPA / FILIP SINGER
EPA / FILIP SINGER

Zwar gilt die Verordnung für Minderheiten generell. Im Fokus dürften aber jüdische und muslimische Gemeinschaften stehen, teilt der Bund mit. Ende 2016 lehnte der Bund eine finanzielle Beteiligung an den Sicherheitskosten noch ab. Er machte unter anderem geltend, dass es keine Rechtsgrundlage gebe für den Schutz einer bestimmten religiösen Minderheit. Zwei parlamentarische Vorstösse von Nationalrätin Yvonne Feri (SP/AG) und Ständerat Daniel Jositsch (SP/ZH) führten schliesslich zum Umdenken beim Bund.

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund SIG schätzt, dass die jüdischen Einrichtungen pro Jahr sieben Millionen Franken für die Sicherheit aufwenden. Er begrüsst das Massnahmenpaket, allerdings seien weitere Schritte nötig: «Die Mittel des Bundes bringen eine gewisse Entlastung, aber sie lösen weder das Gefährdungs- noch das Kostenproblem», sagt Herbert Winter, Präsident des SIG. Es sei wichtig, dass die Kantone nachziehen und sich ebenfalls substanziell an den Sicherheitskosten beteiligen.

In Basel ist man schon so weit. Seit diesem Jahr beschäftigt die Polizei acht bewaffnete Sicherheitsassistenten zur Bewachung von jüdischen Einrichtungen. Kostenpunkt: knapp 900 000 Franken. Trotz der neuen Verordnung kann sich der Bund aber nicht an den Kosten des Sicherheitspersonals beteiligen, dafür fehlt die gesetzliche Grundlage. Gerade die Präsenz von Sicherheitsleuten ist aber sehr kostspielig. Auch die Föderation Islamischer Dachorganisation Schweiz (FIDS) begrüsst die neuen Bundesmittel.

Die Basler Synagoge Bild: KEYSTONE

Das Bedürfnis nach mehr Sicherheit sei auch in der muslimischen Gemeinschaft gestiegen, sagt ein Sprecher. Viele Moscheen hätten mit eigenen Mitteln ihr Sicherheitsdispositiv erhöht. Besonders betroffen äusserten sich die in der Schweiz lebenden Holocaust-Überlebenden. Bei der Präsidentin der Gamaraal Foundation zur Unterstützung von Holocaust-Überlebenden, Anita Winter, klingelte das Telefon oft.

Die Anrufer verglichen die aktuelle Situation mit den schrecklichen Erfahrungen Mitte der 1930er-Jahre. Viele sagten: «Du musst es dir genauso vorstellen, wie jetzt.» Schon einmal hätten sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Deshalb haben sie vor allem eine Botschaft: «Wir dürfen nicht gleichgültig sein.»

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Ein südkoreanischer Mann weint beim Abschied seines Bruders, der wieder zurück nach Nordkorea muss. Durch den Krieg getrennt, haben sich die beiden seit 60 Jahren nicht gesehen. 2015 wurden den getrennten Familien und Freunden erlaubt, sich für drei Tage wiederzusehen, bevor sie sich wieder für lange Zeit trennen mussten. bild: imgur
Westberliner Eltern zeigen ihre Kinder den Ostberliner Großeltern, 1961. bild: via 1jux
Deutsche Kriegsgefangene in amerikanischen Lagern sehen den Filmbericht über deutsche Konzentrationslager. Dies war Teil des Entnazifizierungsprogramms. Wenn das Ohr die Erzählungen über den Völkermord an 5,6 bis 6,3 Millionen europäischen Juden nicht glauben wollte, dann musste man es den Augen zeigen. bild: United States Holocaust Memorial Museum via rarehistoricalphotos
Die Gräber eines katholisch-protestantischen Ehepaars, das wegen ihrer unterschiedlicher Konfession nicht gemeinsam bestattet werden durfte. Nach 38 Jahren Ehe starb der Mann 1880, sie folgte ihm acht Jahre später nach. Sie wollte aber nicht in ihrem Familiengrab begraben werden, sondern direkt an der Mauer zum protestantischen Teil des Friedhofs. So nahe an ihrem Mann wie es eben ging. bild: via unusualplaces
«Werfel bekommt sein erstes Paar neuer Schuhe», heisst dieses Foto, das 1946 im Life Magazine erschien. Werfel war ein sechsjähriges Waisenkind aus Österreich. Die Schuhe erhielt es vom Amerikanischen Roten Kreuz. bild: sixpenceee
Der Renndirektor Jock Semple will der einzigen Frau, die den Boston Marathon 1967 läuft, die Startnummer abreissen. Es ist Kathrine Switzer und ihr Freund kommt ihr zur Hilfe, stösst Semple zur Seite, sodass sie ihr Rennen fortsetzen und ins Ziel einlaufen kann. Die Rangelei spielte sich direkt vor dem Pressebus ab, die Fotos gingen um die Welt und lösten heftige Diskussionen um den Frauensport aus. Switzer wurde zwei Tage nach dem Lauf aus der Amateur Athletic Union ausgeschlossen, lief aber weiter inoffiziell Rennen. 1972 wurden dann erstmals Frauen offiziell in Boston zugelassen. Switzer wurde Dritte in 3:29:51 h. bild: kathrinswitzer
Das letzte Foto von Lenin, 1923: Hier hatte er bereits drei Schlaganfälle hinter sich und war taub. bild: wikimedia
Tot kann man ihn allerdings bis heute anschauen gehen: In seinem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau: Er sieht sogar jedes Jahr ein bisschen besser aus, weil sich die Forscher der Mausoleum-Gruppe so gut um ihn kümmern. Sie balsamieren ihn alle zwei Jahre neu ein und ersetzen die faul gewordenen Haut- und Fleischpartien mit Plastik. Dazu kriegt er alle drei Jahre einen neuen Massanzug frisch aus der Schweiz, wo das Lüstergewebe produziert wird; ein glänzender Wollstoff, den Lenin wohl während seines Zürcher Aufenthalts zu schätzen gelernt hat. Nur 2009 hat er keinen neuen bekommen. Wegen der Wirtschaftskrise wurde sein Anzug nur gründlich gewaschen und glattgebügelt.
Der Moment, als der fünfjährige, taub geborene Harold Whittles dank der Wissenschaft zum ersten Mal hören kann, 1974. bild: Jack Bradley via rarehistoricalphotos
Jobsuche in der Zeit der Grossen Depression in den USA, 1930er. bild: via pinterest
Bolaji Badejo, der nigerianische Kunststudent, der durch seine Rolle im Film «Alien» von Ridley Scott bekannt wurde. Er war 2,08 Meter gross, weshalb er vom Regisseur in einer Bar angesprochen und für die Rolle des titelgebenden Ausserirdischen gebucht wurde. Das Kostüm hat selbstverständlich das Schweizer Genie HR Giger entworfen. bild: imgur
Istvan Reiner wurde gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Grossmutter nach Auschwitz deportiert. Seine Mutter wurde bei der Selektion Zwangsarbeit zugewiesen, sie überlebte den Krieg. Istvan und seine Grossmutter wurden vergast. Das Foto entstand kurz vor seinem Tod. bild: sixpenceee
Akrobaten auf dem Dach des Empire State Building, New York, 1934. Mit einer Höhe von 381 Metern – bis zur Antennenspitze rund 443 Meter – war das von 1930 bis 1931 in sehr kurzer Bauzeit errichtete Gebäude nicht nur das höchste Gebäude New Yorks, sondern bis 1972 auch das höchste der Welt. bild: rarehistoricalphotos
Eine Erotiktänzerin zeigt dem Richter, dass ihre Unterwäsche gross genug ist, um alles zu verdecken, nachdem sie von einem Undercover-Polizisten in Florida festgenommen wurde. bild: imgur
Joe Masseria, der US-amerikanische Mobster der Cosa Nostra und früher Boss der Genovese-Familie, liegt tot am Boden eines Restaurants in Brooklyn. In der Hand hält er das Pik-Ass. Masseria war von 1920 bis zu seiner Ermordung 1931 der Boss aller Bosse («capo di tutti i capi»). bild: via myenglishclub
«Marines Call It That Two Thousand Yard Stare» heisst das Gemälde des Kriegsmalers Thomas C. Lea. Er hat es 1944 nach der Schlacht um Peleliu angefertigt: Ein völlig erschöpfter Soldat nach der Schlacht, mit leerem Blick starrt er ins Nirgendwo. Nach der Veröffentlichung des Bildes im Life Magazin wurde sein Titel zum Synonym für den Gesichtsausdruck eines traumatisierten Soldaten. bild: wikimedia
Alle tragen Hüte in New York, 1930er. bild: imgur
Ein schottischer Dudelsackspieler mit Kilt im Ersten Weltkrieg. Über 1000 «Pipers» starben während des Krieges. Sie begleiteten ihre Kameraden aufs Schlachtfeld. Der Spieler Harry Lunan, der letzte der Überlebenden, sagte: «Ich spielte einfach, was mir gerade in den Sinn kam. Ich war stets besorgt, dass ich über den unebenen Boden stolpern könnte, was mein Spiel unterbrochen hätte. Der Dudelsack ermutigte die Truppen. Die Musik erinnerte sie an ihre Familien, für die wir gekämpft haben. Der Feindbeschuss war mörderisch, die Männer um mich fielen tot um. Ich hatte Glück.» bild: via britishpathe
Am 28. August 1939 verlässt Leonardo da Vincis Mona Lisa das Louvre in Paris und es sollte erst nach dem Krieg zurückkehren – zusammen mit all den anderen Meisterstücken des Museums, die vor den Deutschen in Sicherheit gebracht worden waren. bild: twistedsifter
Die Rettungsaktion der Carpathia: Gegen 4:00 Uhr am 15. April 1912, gut anderthalb Stunden nach dem Untergang der Titanic, erreichte die Carpathia als erstes Schiff die angegebene Position und nahm kurze Zeit später die ersten Überlebenden aus den Rettungsbooten an Bord. Die Zeitschrift GEO berichtete dazu, dass die Titanic eine um etwa 10 sm (18,5 km) falsche Position meldete, so dass die Rettungsboote nur zufällig zwischen den Eisbergen gefunden wurden. Am Abend des 18. April 1912 fuhr die Carpathia im strömenden Regen mit den 705 Überlebenden des Titanic-Unglücks im Hafen von New York ein, von tausenden Menschen im Battery Park und am Cunard Pier erwartet. Noch einige Zeit später wurden die Besatzungsmitglieder der Carpathia in allen Häfen, die das Schiff ansteuerte, als Helden gefeiert. bild: britannica
Sowjetische Graffiti im Berliner Reichstag nach der Schlacht um Berlin, 1945. bild: pinterest
Die Gründung Tel Avivs am 11. April 1909: Die parzellierten Sanddünen werden an 60 Familien mittels beschrifteter Muscheln verlost. bild: wikimedia
Der letzte russische Zar Nikolaus II. lässt seine Tochter Anastasia an seiner Pfeife ziehen. In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 wurde die ganze Zarenfamilie von Männern der Tscheka umgebracht. In zwei Reihen sollten sie sich aufstellen, für ein Foto, hiess es. Dann schossen die 11 Männer alle gleichzeitig auf ihre Zielpersonen. Der Zar starb sofort, seine Kinder nicht. Die Kugeln prallten an den Zarenkindern ab, weil die Kammerdienerin vorher den Familienschmuck in ihre Mieder eingenäht hatte und nun mit einem ebenso wertvoll gefüllten Kissen versuchte, die Schüsse abzuwehren. Das ganze Abschlachten dauerte zwanzig Minuten, am Ende stachen die Mörder mit ihren Bajonetten zu. bild: kapital.criptomoney
Die Besatzung des US-Coast-Guard-Kutters «Spencer» schaut zu wie ein deutsches U-Boot in der Atlantikschlacht zerstört wird. bild: U. S. Coast Guard Photo via ibiblio
Der dänische Polarforscher Peter Freuchen mit seiner Frau, 1947. bild: kapital.criptomoney

11 Fragen an einem orthodoxen Juden

Video: watson / Helene Obrist, Emily Engkent

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