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Der einzige Überlebende des Gemetzels an der Bahnhofstrasse.  Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Manchmal kommt mir die Welt so kalt und unfreundlich vor (also die Menschen natürlich) und ich bin dann nicht sicher, ob es an mir liegt. 

Bin ich zu sensibel? Wenn ich mit Freunden darüber rede, scheint niemand dieses Problem zu kennen. Was ist deine Meinung dazu? Mike, 23



Lieber Mike 

Als Antwort auf diese Frage will ich Ihnen von einem Erlebnis, das ich am Montag hatte, erzählen. Eine liebe Freundin hatte mich zu ihrem Geburtstag eingeladen und auf die Einladung geschrieben, dass sie keine Geschenke möchte, aber dass man unbedingt einen Ballon mitbringen muss. Ansonsten würde man weder etwas zu Essen noch zu trinken bekommen. Wer mich kennt, weiss, dass ich Essen und Trinken sehr ernst nehme. Darum bin ich in der Mittagspause zwischen zwei Sitzungen zum Franz Carl Weber gerannt und habe dort zwei Ballone, die an Stängel geknotet waren, gestibitzt. (Da ich danach an eine Sitzung nach Oerlikon und wieder retour musste, waren mir die heliumgefüllten am Schnüerli zu heikel ...) Mit diesen beiden Ballons am Stiel bin ich also die Bahnhofstrasse hochgetigert, als sich plötzlich einer der beiden davonmachte. Und ich ihm wie eine Ballerina auf Koks hinterher. Ein wunderbares Bild, wie Sie sich sicher vorstellen können. (Und falls nicht, können Sie hier sehen, wie anmutig und graziös ich den sterbenden Schwan mache.) Auf jeden Fall habe ich ihn kurz vor dem HB eingeholt, weil ein Mann ihm mit seinen Beinen die Flucht versperrte. Er hatte beobachtet, wie ich mit zwei Taschen beladen und mit einem zweiten Ballon in der Hand kreuz und quer durch die Passanten gehüpft war und ich war überglücklich, dass das traurige Schauspiel endlich ein Ende hatte.

Normalerweise hätte nun dieser Mann den Ballon für mich aufgehoben und ihn mir in die Hand gedrückt. Aber das tat er nicht. Er wartete, bis ich direkt vor ihm stand und als ich ihn aufheben wollte, zerplatzte er ihn demonstrativ mit seinem Fuss.

Ich stand da, als hätte er mir das Herz aus der Brust gerissen und es mit Füssen getreten. Ein paar Minuten war ich zu keinem weiteren Schritt mehr imstande. Um ein Haar wäre ich in Tränen ausgebrochen. Es hat mich so krass getroffen.

Und auch jetzt, wenn ich das schreibe, spüre ich den Schmerz wieder in mir. Mag sein, dass viele Menschen das nicht nachvollziehen können. Aber diese Aktion hat mich so unglaublich traurig gemacht. Ein Ballon ist für mich in leuchtenden Kautschuk verpackte Hoffnung und Freude. Ballons nimmt man mit, wenn man ein krankes Kind im Spital besucht, oder wenn jemand heiratet oder eben Geburtstag feiert. Wie kann jemand auf den Gedanken kommen, mit böser Absicht einen Ballon zu zertreten, der jemand anderem offensichtlich so wichtig ist, dass er unermüdlich zwischen eilige Passanten herumtänzelt, um ihn wieder einzufangen? Wo bleibt bei diesem Plan die Herzlichkeit? Wo die Menschlichkeit?

Wo bleibt die Menschlichkeit, wenn einem eine Autofahrerin in der Begegnungszone beinahe in die Beine fährt und einem dann noch den Mittelfinger zeigt? Wo bleibt die Menschlichkeit, wenn man einen Rollstuhlfahrer vor der Türe stehen lässt, weil er Hilfe bei der Treppe bräuchte? Wo bleibt die Menschlichkeit, wenn Autofahrer ein Kind am Fussgängerstreifen stehen lassen und es erst dann die Strasse passieren kann, wenn noch ein Erwachsener danebensteht? Wo bleibt die Menschlichkeit, wenn ein Betrunkener im Bus stürzt und sich keiner um ihn kümmert, weil er stinkt? Wo bleibt die Menschlichkeit, wenn eine junge Frau weinend im Park sitzt und alle achtlos an ihr vorübergehen? Wo bleibt die Menschlichkeit, wenn eine Mutter mit drei Kindern in der Migros kurz vor der Verzweiflung steht, weil eins der Kinder eine Terrornummer abzieht und sie von den anderen Kunden aufs Übelste als miese Mutter beschimpft wird?

Jeden Tag nehmen sich vier Menschen in der Schweiz das Leben. Das sind ungefähr 1350 Menschen im Jahr. 1350 Menschen, denen das Leben nicht mehr lebenswert erschien. Mag sein, dass man mit Absperrgittern und Fallnetzen ein paar wenige vom Sprung abhalten kann.

Wie viele wir wohl retten könnten mit einem engen Netz von Herz- und Menschlichkeit?

Danke für Ihre Frage Mike. Sie war dringend nötig.

Ihre Kafi.

Kafi Freitag 

Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines neunjährigen Sohnes.

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Sälber tschuld

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Bild: Kafi Freitag

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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • RuediMaeder 14.05.2014 19:13
    Highlight Highlight Der ballonzertretende Wicht ist ein zu kurz geratener Frust-Niemand, der seine Kicks aus dem Quälen anderer bezieht, um dann wieder in die Niederungen seiner hässlichen, unwichtigen, kleinen, dummen Welt abzutauchen. Dort begegnet er der grössten Strafe, die ihn noch boshafter werden lässt: sich selbst!

    Ärgerlich, aber nicht mehr, weil: Die Welt hat mehr bunte Ballons zu bieten, als der blöde Wichtelmann zertreten könnte.

    PS: Der sterbende Schwan ist klasse! Der allein produziert schon ein paar tausend neue bunte Ballons.
  • Ceci 09.05.2014 07:55
    Highlight Highlight Nein! Das kann nicht wahr sein! Ihre Geschichte ist unglaublich. Wieviel Frust und Hass muss in diesem Menschen stecken, der Ihnen die pure Freude an einem farbigen Ballon mit einem Tritt zunichte macht. Armer Mensch (armes Schwein möchte man sagen). Wahrscheinlich ist es eben diese Tatsache, die uns zusätzlich traurig stimmt. Bääk.

FragFrauFreitag

Liebe Kafi. Schön, dass es Ihren Blog gibt! Ihre Antworten bringen mich regelmässig zum Schmunzeln und Nachdenken. 

Nun habe ich selber eine Frage: Wie geht man am besten mit verpassten Gelegenheiten um, ohne sich tagelang zu ärgern? Herzliche Grüsse. Mia, 29

Liebe Mia

Danke für Ihre lieben Worte, die mich schampar freuen!

Es ist schon ein paar Jährchen her, seit ich in New York in der U-Bahn sass. Neben einem attraktiven jungen Mann (ich war damals ebenfalls attraktiv und jung. Also praktisch so wie heute, nur noch jünger), der mich in ein Gespräch verwickelte. Er erzählte mir, dass er Schauspieler sei und am Abend eine Premierenfeier seiner ersten TV-Serie habe, in welcher er der Hauptdarsteller sei.

Er war wirklich sehr charmant und auch …

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