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Als er illegal in die USA einreiste, erwischten sie ihn – «Ich werde es erneut versuchen»

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Meine Freundin Lea hat Tränen in den Augen, als wir im Süden El Salvadors bei David aus dem Auto steigen. Wir waren zwar nur eine halbe Stunde lang mit dem 24-Jährigen unterwegs, aber die kurze Zeit hatte es in sich: «Am Anfang bringt er kaum ein Wort heraus, weil er so scheu ist, und am Ende singt er emotionsgeladen Lieder für uns. Unglaublich!», fasst Lea die magische Autostopp-Begegnung zusammen.

Ich habe kaum etwas verstanden von dem, was David uns vorgesungen hat. Auch um Davids selbst komponierte Songs zu verstehen, die er auf seinem Smartphone abspielt, reichen meine Spanischkenntnisse nicht aus. Aber trotzdem klingt für mich jedes einzelne Wort, das aus ihm heraussprudelt, nach innerer Zerrissenheit, grossen Träumen und der Sehnsucht auf ein besseres Leben.

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Video: thomas schlittler

Meine Interpretation ist gewagt, ich weiss. Vielleicht handeln Davids Lieder auch von Frauen, Sex und fetten Schlitten. Aber meine Mutmassungen kommen nicht von ungefähr. Denn ein paar Minuten vor seiner Gesangseinlage hat uns der schüchterne Salvadorianer eine heftige Episode aus seinem noch jungen Leben geschildert – seinen missglückten Fluchtversuch in die USA:

«Man hat mir gesagt, dass ich in der Grenzregion drei Tage lang zu Fuss durch die Wüste wandern müsse, um es in den USA auf sicheres Territorium zu schaffen. Soweit kam es aber gar nicht. Meine Gruppe hatte mit einem Boot soeben den Grenzfluss Rio Grande überquert, als wir von amerikanischen Grenzbeamten entdeckt wurden. Die Mitglieder meiner Gruppe sind in alle Richtungen davongerannt. Mich hat ein Polizist geschnappt und zu Boden gedrückt. Ich habe einen Ellbogen abgekriegt, das tat ziemlich weh. Dann musste ich für ein paar Wochen in ein Camp für illegale Einwanderer und wurde danach abgeschoben.»

David

David mit dem Gesicht im Dreck und über ihm ein amerikanischer Grenzpolizist – ich kann mir dieses Bild kaum vorstellen, wenn er jetzt so vor mir sitzt mit seinen Pausbäckchen und dem grün-weiss-rot-karierten Hemd. Zudem erzählt er das Erlebte so staubtrocken und mit leiser Stimme, als sei es die normalste Sache der Welt.

Bild

David möchte in die USA und hofft dort auf einen guten Job und bessere Perspektiven. bild: thomas schlittler

Wir sind in den letzten Autostopp-Wochen in Mittelamerika auch schon mit Leuten in Kontakt gekommen, die ihre Reise ins «gelobte Land» gerade erst begonnen haben. Als wir zum Beispiel nahe der mexikanisch-guatemaltekischen Grenze auf eine Mitfahrgelegenheit warten, spricht uns einer an: «Hey guys, how are you doing?» Der junge Mann mit dem perfekten amerikanischen Slang hat die letzten Jahre illegal in den USA gelebt, wurde vor ein paar Monaten aber in sein Heimatland El Salvador abgeschoben – jetzt ist er wieder auf dem Weg zurück in die Staaten. «Was soll ich sonst tun?», fragt er uns,  «in El Salvador habe ich doch keine Perspektive.»

Die Route der Woche 92

Wir bohren nicht weiter. Und auch bei David sparen wir uns die Frage nach dem Warum. Die Armut und wirtschaftlichen Probleme El Salvadors sind unübersehbar, besonders auf dem Land. Hinzu kommt die hohe Kriminalitätsrate: Gemäss dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung gibt es in El Salvador 64,2 Tötungsdelikte pro 100'000 Einwohner. Damit steht das 6,4-Millionen-Einwohner-Land weltweit auf Platz 2 – nur im nördlichen Nachbarstaat Honduras (84,6) ist die Mordrate noch höher. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt die Quote bei 0,5.

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist 3144 Kilometer lang, das entspricht in etwa der Strecke von Rom nach Moskau. David glaubt daran, dass er da ein Schlupfloch finden wird, er hat seinen Traum vom Leben in den USA noch nicht aufgegeben: «Ich werde es erneut versuchen.»

Die ganze Woche, zusammengefasst in diesen Bildern:

David hat einem «Kojoten», wie die Schmuggler genannt werden, 7000 Dollar bezahlt. «Dafür habe ich drei Versuche, um es in die USA zu schaffen.» Falls die Grenzüberquerung beim nächsten Mal gelingt, weiss David, wer seine erste Anlaufstelle ist: seine Schwester, die es bereits in die USA geschafft hat. «Ihr Mann hat einen guten Job gefunden. Er kann mir vielleicht helfen, ebenfalls eine Arbeit zu finden.»

Grosse Ansprüche an seine zukünftige Arbeitsstelle in den USA hat David nicht. Wie so viele träumt er zwar von einer Karriere als Musiker, wenn das aber nicht klappt, ist er auch bereit, jeden anderen Job zu machen. Das beweist er bereits in El Salvador: Im Moment benutzt er das Mikrofon nämlich nicht, um seine Songs zum Besten zu geben, sondern um in Städten und Dörfern die Aktionspreise einer Supermarktkette zu verkünden.

Bild

Über die Grenze nach Honduras gehen wir zu Fuss. bild: thomas schlittler

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pasionaria 07.03.2017 20:03
    Highlight Highlight Th. Schlittler
    wiederum ein interessanter, einfuehlsamer Bericht, danke.
    Was fuer ein riesiges Problem, die 'illegalenl' Aus- resp. Einwanderer.
    Diesen bedauernswerten Salvadorenios oder Ecuadorianern u.a.m. bleiben ausser Aussichtslosigkeit kaum eine andere Moeglichkeit, als 'es' zu wagen.... So ist die Reaktion von David leider sehr verstaendlich. Als Mexikaner teilweise weniger plausibel, gibt es in Mexico viel eher Moeglichkeiten, zu Arbeit zu kommen.
  • Alnothur 06.03.2017 07:51
    Highlight Highlight Mit den 7000 hätte er besseres anstellen können, als sie einem Kriminellen in den Arsch zu stopfen...
  • smoe 05.03.2017 16:14
    Highlight Highlight Das tragische an der Region ist, dass für Leute mit wenig Bildung (auf dem Papier) der gefährliche Weg in USA häufig die einzige Möglichkeit für eine potenziell rosigere Zukunft ist oder zumindest um ihre Familien finanziell zu unterstützen.
    Anderen nahen Ländern mag es zwar wirtschaftlich besser gehen und sind politisch stabilier, aber sie haben (noch) nicht wie westliche Länder einer riesigen Bedarf an billigen ausländischen Arbeitskräften, die die "Drecksarbeit" für sie erledigen. Zurzeit fliehen Menschen von Honduras nach Mexiko, um der Ganggewalt zu entkommen. Aber abgesehen davon wird es ihnen kaum besser gehen.
  • censored 05.03.2017 10:34
    Highlight Highlight Danke für den guten Bericht.

    Gehe bald für eine längere Zeit nach Südamerika. Im internet steht, dass man bei der Einreise z. B. nach Ecuador bereits das Flug-/Busticket für die Ausreise benötigt. Ist das Korrekt und wie macht man das wenn man per Anhalter reist?
    • smoe 05.03.2017 15:39
      Highlight Highlight War bereits mehrfach in Lateinamerika und lebe mittlerweile in Kolumbien.

      Das Problem, mit dem Rück-/Weiterreise Ticket besteht eigentlich nur, wenn du per Flugzeug einreist. Nicht unbedingt, weil die lokalen Behörden strikt darauf bestehen würden, sondern offenbar, weil die Fluggesellschaften verpflichtet sind, dich im Falle einer Abweisung deswegen auf ihre Kosten zurückzufliegen. Es kann also sein, dass du bereits in Europa stehen gelassen wirst. Ist glaube ich selten, aber kommt vor.

      Wenn du aber einen Rückflug z.B. 9 Monate später von Argentinien aus hast, reicht das vollkommen aus.

      Auf dem Landweg ist es nie ein Problem. Mit oder ohne Ticket.

      Wenn die Reise weniger als ein Jahr dauert, würde ich einen Rückflug buchen, bei dem die Möglichkeit besteht. Ort und Datum später zu ändern. Das ist oft immer noch billiger, als zwei Einzelflüge mit dem zusätzlichen Risiko abgewiesen zu werden.
    • censored 05.03.2017 19:20
      Highlight Highlight Super. Besten Dank für die ausführliche Antwort.
      Auf Watson-User ist verlass :-)
    • Thomas Schlittler 06.03.2017 17:00
      Highlight Highlight Vielen Dank fürs Antworten, lieber smoe. *daumenhoch*
  • lilie 04.03.2017 19:40
    Highlight Highlight Sehr eindrücklicher Bericht.

    Es macht einen schon hilflos mitanzuschauen, wie junge Männer wie David zu solch desperaten Mitteln greifen müssen, um eine Zukunft zu sehen.

    Mein persönlicher Beitrag solchen Menschen zu helfen ist Microfinancing. Man vergibt in Crowdfunding-Manier Kleinkredite an Einzelpersonen, welche damit ein Kleinunternehmen auf- oder ausbauen, ihre Ausbildung finanzieren etc. Den Kredit erhält man am Ende vollständig zurück.

    Ich finde das einen schönen Weg, weil er auf Empowerment beruht.

    Falls es jemand interessieren sollte, ich nutze folgende Plattform: www.kiva.org

    • Pasionaria 07.03.2017 21:48
      Highlight Highlight Sehr sinnvolle Art, zu helfen. Auch ich wirke auf diesem Wege mit.

      Kann mir ein gesundes Hirn erklaeren, wieso bei Ihrem Beitrag Blitze erscheinen. Einfach nur traurig.
  • Ströbu 04.03.2017 13:46
    Highlight Highlight Das Lied, das David im Video singt ist "Reggaetón Lento" von der Band CNCO und daher höchstwahrscheinlich nicht selber komponiert :) zudem geht es darum, dass die Jungs der Band mit Frauen langsamen Reggaeton tanzen wollen..

    Trotzdem eine berührende Geschichte!
    • Thomas Schlittler 06.03.2017 17:06
      Highlight Highlight Lieber Ströbu
      Vielen Dank für die Übersetzung sowie die Infos zum Song. Dass David den Song, den er auf dem Video vorsingt, nicht selbst komponiert hat, war uns klar. Das hat er uns gesagt. Da hat er einfach den Gesang beigesteuert. Zuvor hat er uns aber auf seinem Smartphone selbst komponierte Lieder vorgespielt - allerdings nicht vorgesungen. Davon habe ich aber kein Video gemacht. Sorry für die Verwirrung. Ziemlich kompliziert das Ganze ... ;-) Liebe Grüsse aus Zentralamerika

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