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Yonnihof

Von einer, die auszog, das Aushalten zu lernen

Bild: shutterstock

Von der Kraft des «Ich weiss nicht».



Seit einiger Zeit beantworte ich drüben auf Facebook Fragen meiner Leserschaft. Das Spannende daran sind nicht nur die Fragen selbst, sondern dass sich, wenn man in positiver Weise mit Lebens- und Liebesfragen bombardiert wird, gewisse Muster in der Gesellschaft, in der Generation aufzeigen.  

Eins davon ist, was mich schon länger beschäftigt: Die Sucht nach Lösungen. Und zwar nicht nur für die eigenen Sorgen, sondern auch für diejenigen um einen herum. Das Bedürfnis danach verstehe ich – schliesslich versuche ich ja genau das: Meine und die Probleme anderer zu lösen.  

Nur: Oft glaube ich, dass wir nach Antworten auf Fragen suchen, die wir noch gar nicht ausgedeutscht haben. Stellt also jemand die Frage, wie er mit dem Tod des Vaters abschliessen soll oder will eine junge Frau wissen, wie sie ihre Misshandlung in Kindstagen vergessen kann, so bedeutet das, dass man solche Dinge grundsätzlich können kann. Ja, können kann.  

Ich glaube jedoch, es gibt gewisse Dinge, die müssen wir nicht können. Das klingt nun simpel, ist es aber nicht, denn die Alternative zum können Können ist oft noch schwieriger: Aushalten können, nämlich.  

Aushalten ist etwas enorm Schwieriges und ich rede da 1:1 von mir selbst. Auch ich will Lösungen, will für mich und für andere, dass Sorgen und Schmerz möglichst schnell wieder aufhören. Manchmal gelingt das durchaus. Und dann gibt es Situationen, in denen es eine Rückkehr zum Alten, zu dem, wie es vorher war, einfach nicht gibt. Es passiert etwas mit einem, man ist ohnmächtig und ausgeliefert und es bleibt einem nichts anderes übrig, als auszuhalten, bis sich das Alte in etwas Neues verwandelt hat. Und die Tatsache zu akzeptieren, dass es nie wieder «gut» wird, aber anders.  

Aushalten als Lösung ist unbeliebt, weil es langwierig und schmerzhaft ist. Und trotzdem ist es mir eine liebe Strategie, denn sie ist a) ehrlich und zeigt uns b), wozu unsere Seelen fähig sind – denn die nächste Krise kommt bestimmt – und wenn wir einmal gemerkt haben, was für ein zäher Hagel wir sein können, gibt uns das für die Zukunft Selbstvertrauen.  

Und Aushalten als Strategie hat noch weitere Vorteile. So ist es meines Erachtens enorm entwaffnend. Ich habe immer wieder Situationen erlebt, in denen ein «Ich kann das nicht», ein «Ich weiss das nicht» oder ein «Ich komme hier nicht weiter» im Sinne eines ehrlichen Selbst-Assessments enorm hilfreich waren und mir Unterstützung aus Richtungen einbrachten, die ich nie erwartet hätte. Dass Sorgen und Krisen Zeit zum «Versurren» brauchen, ist nämlich eine Tatsache, das bedeutet jedoch nicht, dass wir sie alleine zubringen müssen. Unser Gegenüber kann nicht die Zeit zurück drehen, aber es kann mit uns heulen und lachen und uns in den Schlaf streicheln und blöde Witze machen. Wir werden zwar keine Wunderwaffe finden, die unsere gebrochenen Seelen heilen und uns ohne Aufwand aus dem Sumpf hieven kann – aber wir können uns ein Netz knüpfen, das uns nicht komplett absaufen lässt.  

Wenn mich also jemand fragt, wie er das Pfläschterli auf seinem Herzen verschwinden lassen kann, sagt mein Hirn, dass man das manchmal einfach nicht kann.  

Und mein Herz, dass man das nicht können muss.  

Ich finde das versöhnlich.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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Yonni Meyer online

yonni meyer

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    Alle Leser-Kommentare
  • Janis Joplin 06.08.2018 13:19
    Highlight Highlight "Es ist wahr, was sie sagen:
    Was kommen muss, kommt.
    Geh dem Leid nicht entgegen.
    Und ist es da,
    sieh ihm still ins Gesicht.
    Es ist vergänglich wie Glück."
    (Mascha Kaléko, 1907 -1975 ein Teil davon)
    Alles vergeht einmal. Es ist nicht immer einfach etwas auszusitzen, aber man schafft so vieles.
    Danke Yonni - du tust gut! ♥
  • Zeit_Genosse 04.08.2018 23:37
    Highlight Highlight Guter Text. Nicht alles was man aushalten muss hat vorher weh getan und hinterlässt Narben. Vieles braucht einfach Geduld, die in unserer zunehmend verdichteten Lebensweise kaum mehr Platz findet. Wir haben mit der Zeit gelernt Probleme in immer kürzeren Zeiten zu bewältigen, vergessen, dass diese aus allmählich wachsenden Spannungen entspringen und auch Zeit für das Lösen erfordern. Und wenn wir Barfuss im Herzen von Schmerzen getroffen werden, vergessen wir auch, dass der Schmerz ein Signal ist, das sich biologisch auf- und abbaut. Also etwas normales ist, das man erlebt und nicht aushaltet.
  • Imfall... 04.08.2018 21:30
    Highlight Highlight Zufriedenheit führt nur über Akzeptanz...
  • whoozl 04.08.2018 07:42
    Highlight Highlight Eine vortreffliche Feststellung mit tiefem Wahrheitsgehalt für alle, die das Jammertal durchschreiten mussten, aber auf der anderen Talseite wieder angekommen sind oder es noch werden! Sehr schön geschrieben!
  • Pidemitspinat 04.08.2018 07:24
    Highlight Highlight In der Sucht nach Lösungen ist ein Muster zu erkennen, und es heisst neoliberales Heilsversprechen. Ein Heilsversprechen der ungebochenen Seligkeit, die schleichend in die permanente Selbstausbeutung übergeht. Das Frei-sein-dürfen, wird zum Frei-sein-müssen. Frei von Kummer, Schmerz und Ungereimtheiten, Faulheit, Fett und Zucker, Wut, Zweifel und Skepsis geben wir uns braungebrannt und durchtrainiert der immerwährenden Produktionsschlaufe hin, in der wir keine Störungen mehr zulassen. Wer nicht mehr kann, ist ganz einfach krank.

    Lesetipp: Byung-Chul Han "Die Müdigkeitsgesellschaft"
  • Kich 04.08.2018 07:01
    Highlight Highlight 🌹🌹🌹
  • Siriem 03.08.2018 22:35
    Highlight Highlight Danke für den schönen Artikel. Für mich passt er zu vielen kleinen und grösseren Situationen im Leben.
  • Mova 03.08.2018 21:24
    Highlight Highlight Fühlenmich noch zu jung, um etwas auszuhalten zu MÜSSEN. Wenn man Sklave ist oder nicht mehr für sich selber und auf andere angewiesen ist, könnte ich mir vorstellen, dass man etwas aushalten muss. Jetzt gibt es für jede Lebenslage einen Ausweg. Vermeiden, vermindern, Alternativen. Eine schlechte Erfahrung gibt es immer, man muss sich einfach nicht nochmal in solche Situationen begeben.
    • lilie 04.08.2018 07:08
      Highlight Highlight @Mova: Ich weiss genau, wovon du sprichst! Genau das war immer meine Maxime. Und es ist auch richtig, viel zu viele Menschen verharren im Unglück, anstatt etwas dagegen zu unternehmen.

      Erst als ich älter wurde, kam ich in Situationen, wo ich nicht mehr ausweichen konnte. Und ziemlich hart das Ausharren lernen musste.

      Aber alles zu seiner Zeit! 🙂
  • lilie 03.08.2018 19:30
    Highlight Highlight Ach, wieder so ein schöner Text!

    Früher, als man noch nicht für jedes Leiden eine Pille hatte, noch nicht jeden körperlichen Makel wegoperieren und jeden seelischen Makel wegtherapieren konnte...

    ... als es noch nicht für jedes Unglück eine Versicherung, für jede Versicherung eine Rückversicherung und als letztes auch noch den Staat gab...

    ... als man noch wusste, dass Alter, Krankheit, Tod genauso zum Leben gehören wie Liebe, Freude, Lachen...

    ... da gab es für diese Fähigkeit ein Wort: Duldsamkeit.

    Leider haben wir das Wort vergessen - und damit auch das Bewusstsein für diese Fähigkeit.
    • Triumvir 04.08.2018 08:26
      Highlight Highlight "Früher" war aber nicht alles besser, sondern oft verfügte man einfach nicht über das notwendige Wissen und/oder die Therapiemöglichkeiten der heutigen Zeit.
    • lilie 04.08.2018 08:36
      Highlight Highlight @Triumvir: Das hab ich doch genau geschrieben? 🤔
  • Capodituttiicapi 03.08.2018 19:05
    Highlight Highlight Trifft es ganz gut.
    Play Icon
  • Gummibär 03.08.2018 19:02
    Highlight Highlight Ein indischer Bettler sitzt am Strassenrand und beklagt seine schmerzenden Füsse weil er keine Sandalen besitzt.
    Dann fällt sein Blick auf die andere Strassenseite. Dort sitzt einer ohne Füsse.
  • Ice_11 03.08.2018 18:31
    Highlight Highlight Wie wunderschön ❤ Ja, das ist wirklich sehr versöhnlich
  • Calvin Whatison 03.08.2018 18:23
    Highlight Highlight Frau Meyer, ihre Artikel halte ich immer wieder gerne aus.Mersi viu mou 👍🏻😎
  • Platon 03.08.2018 18:18
    Highlight Highlight Ich will viel eher verstehen...
    • häxxebäse 03.08.2018 18:59
      Highlight Highlight Die meisten dinge sieht man später in einem grösseren zusammenhang - und dann versteht man sie auch ... es bleiben narben, aber es heilt mit der zeit! einige andere bleiben einfach unverstanden... da bleiben offene wunden. Die summe des ganzen macht uns dann als persönlichkeit aus ❤
  • Matti_St 03.08.2018 18:05
    Highlight Highlight Hm, aushalten durch akzeptieren können austauschen. Den die Akzeptanz ist eine positive Eigenschaft während aushalten eher negativ behaftet ist.
    Akzeptiert man die jetzige Situation, fällt es oft leichter eine Lösung zu finden.
    • lilie 04.08.2018 07:11
      Highlight Highlight Um eine Situation akzeptieren zu können, muss man sie zuerst aushalten. Wenn man immer wegläuft, kann man sie nicht akzeptieren. Man muss sich dem Leiden, den Schmerzen, der Ausweglosigkeit stellen - erst dann kann man sie annehmen.
    • Matti_St 04.08.2018 09:22
      Highlight Highlight Ich habe den Artikel nochmals gelesen. Ich bleibe bei akzeptieren. Etwas annehmen, obwohl man damit nicht zufrieden ist. Aushalten ist eine starre Situation. Anders gesagt, ich halte aushalten für ein Selbsterhaltungstrieb. Akzeptieren hingegen ist eine Stufe, oder zwei höher angesiedelt. Diese Position bleibt flexibel.
    • lilie 04.08.2018 11:39
      Highlight Highlight @Matti_St: Glaube mir, ich habe auch einen Widerstand gegen das Wort "aushalten". Es ist keine Lösung, es ist ein Zustand.

      Und genau darum geht es.

      Wenn es dir nämlich gelingt, eine Situation zu akzeptieren, dann lässt das Leiden spürbar nach und für einige Situationen ist es sogar die eigentliche Lösung.

      Was aber, wenn es dir nicht gelingt, eine Situation zu akzeptieren? Aber du auch gleichzeitig nichts daran ändern und auch nicht ausweichen kannst?

      Dann musst du es aushalten. Das ist aber eigentlich nichts, was man tut, sondern etwas, das mit einem geschieht. Deshalb ist es so zäh.
  • Luca Brasi 03.08.2018 17:51
    Highlight Highlight Deep. 😯
  • Tabaluga 03.08.2018 17:44
    Highlight Highlight Danke für diese weisen Worte, die mir mitten ins Herz gehen. Ich muss das jeweils genau so machen, damits besser und verarbeitet wird. Meist auch alleine (nicht einsam, aber alleine). Mich zurückziehen und den Schmerz spüren. Und irgendwann wache ich auf und merke, dass es schon länger gar nicht mehr so weh tut. Der Schmerz heilt nicht von heute auf morgen, aber die Erkrenntnis kommt plötzlich. Und es ist ein tolles Gefühl, voller Stärke und Selbstvertrauen. Ein Hoch aufs Aushalten können 🙏❤️
  • salamandre 03.08.2018 17:13
    Highlight Highlight meine Oma musste fünf ihrer acht Kinder zu Grabe tragen. Auf einem kleinen Vers in der Küche stand: Immer wenn du meinst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein kleines Lichtlein her.
    • reamiado 04.08.2018 09:05
      Highlight Highlight "Trenne nie S T, denn es tut beiden weh."
  • Still N.1.D.1. 03.08.2018 16:59
    Highlight Highlight Dem Schmerz kann man nicht davonrennen, man kann ich nicht betäuben, man kann ich nicht ignorieren, man kann ihn nicht runterschlucken. Nur hoffen das es vorbeigeht - ihn aushalten wie Du so treffend geschrieben hast.

    Ein neues Hobby, sei es noch so 180 Grad gegen die eigenen Prinzipien, bringt Ablenkung und Kraft in dieser Zeit. (Ich bin heute ein klasse Tänzer)
    • Maya Eldorado 03.08.2018 23:09
      Highlight Highlight Doch es gibt welche, die den Schmerz betäuben mit Alkohol und/oder anderen Drogen.
      Es gibt auch welche, die den Schmerz mit Psychopharmaka betäuben.
    • Still N.1.D.1. 04.08.2018 09:18
      Highlight Highlight Jeder versucht seinen Schmerz in einem ersten Schritt zu betäuben, denke das ist eine normale Reaktion auf das schwarze Loch das sich vor einem auftut.

      Nur nützt es nichts.
  • N. Y. P. D. 03.08.2018 16:53
    Highlight Highlight Es gibt Paare, die halten sich auch aus. Obwohl es offensichtlich ist, dass nichts mehr geht und passt.
    Er lädt dann jeweils seinen Frust jedes Mal bei seinen Freunden ab und sie lädt ihren Frust über ihn bei ihren Freundinnen ab.

    Im Wochenrhytmus.

    Beide werden von ihren Freunden / Freundinnen aufgebaut und nach ein, zwei Wochen ist man wieder gleich weit. Dasselbe Gelaber von vorne.

    Bei dieser Art von Aushalten helfe ich nicht mit. Stundenlanges Gelaber im Wochentakt. Nein danke. Früher hat man das mitgemacht, heute nicht mehr.
  • Nähmetsmauchlieasy 03.08.2018 16:34
    Highlight Highlight Und zägg triffst du den Nagel auf den Kopf und hilfst mir in meinem aktuellen seelischen Wirrwarr. Danke dafür :)
    • Yonni Moreno Meyer 03.08.2018 18:13
      Highlight Highlight Danke Sara, für deine lieben Worte. Und mach dir bitte nichts aus den Blitzen, die haben viel mehr mit mir zu tun als mit dir.
      Vill Liebi! <3
    • iisebahnerin 03.08.2018 22:02
      Highlight Highlight SaraW: Das Gute am Aushalten? Irgendwann, später stellt frau/man fest: Auch die grösste Sch...situation hat was positives, manchmal musst einfach ein wenig länger warten....
      Mir ists noch jedesmal so ergangen!
      Daraus ziehe ich die Kraft und Gelassenheit, im Wissen, egal wie sehr ich wieder mal auf die Schnauze falle, ich kann und werde mich immer wieder aufrappeln!
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