Vom Papierflieger zur Papierpistole: Wie der Nationalrat die P320 durchdrückte
Die Debatte über die Armeebotschaft 2026 im Nationalrat war am Dienstag von einer grundsätzlichen Übereinstimmung geprägt: Die Schweizer Armee muss sich schnell auf die realen und wahrscheinlichsten Bedrohungen des 21. Jahrhunderts ausrichten. Dazu zählen Kamikaze-Drohnen, Lenkwaffen, Cyberangriffe und elektronische Kriegsführung, wie uns Russland und der Ukraine-Krieg gelehrt haben.
Bei der konkreten Verteilung der Steuergelder zeigte sich jedoch ein vertrautes Muster der Schweizer Rüstungspolitik: Traditionelle Denkmuster und Standortinteressen setzten sich gegen konsequente Modernisierung durch.
Und mittendrin, die neue Armeepistole.
Das Beschaffungsrisiko der «Pistole 26»
Im Zentrum der nationalrätlichen Debatte um die persönliche Bewaffnung der Schweizer Soldaten stand die geplante Ablösung der 50-jährigen Dienstpistole durch die SIG Sauer P320. Sie wird armeeseitig als «Pistole 26» bezeichnet.
SP-Nationalrat Benoît Gaillard brachte die Bedenken der Ratslinken auf den Punkt: Die Armee brauche eine neue Dienstpistole, doch das Auswahlverfahren von Armasuisse sei von Anfang an mit Mängeln behaftet gewesen.
Um dennoch an der Wahl der P320 festzuhalten – «entgegen jeder Logik bei einer derartigen Bewertung» –, verlasse man sich auf Zusicherungen von SIG Sauer, dass die Mängel vor der Serienproduktion behoben werden.
Diese Vorgehensweise sei nicht seriös. Sie untergrabe einmal mehr das Vertrauen in die Fähigkeiten von Armasuisse und des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), Beschaffungsprojekte durchzuführen.
Der Waadtländer SP-Politiker verwies auch auf die neuesten Erkenntnisse, die watson am Dienstag publik machte.
Vom Papierflieger zur «Papierpistole»
Statt der bislang nur auf dem Papier existierenden eingeschweizerten Armee-P320 gäbe es eine Alternative, die sich bereit bei der Schweizer Armee bewährt hat: Der österreichische Hersteller Glock ging mit seinem Modell Glock 45 auch als eigentlicher und klarer technischer Sieger aus dem Evaluationsverfahren von Armasuisse hervor.
Der globale Marktführer bei Behörden- und Armeepistolen könnte die benötigten 50'000 Stück innert weniger Monate produzieren und ausliefern. Dennoch wird die P320-Beschaffung für 50 Millionen Franken vorangetrieben.
Hier drängen sich unweigerlich historische Parallelen auf, die in der Debatte mitschwangen:
- Das Gripen-Syndrom: 2014 scheiterte der Saab Gripen E in der Volksabstimmung am Argument des «Papierfliegers» – eines noch unfertigen Systems. Die Schweizer Konfiguration der P320 wird erst Mitte 2027 getestet, der Verpflichtungskredit jedoch heute schon gesprochen.
- Der F-35-Schatten: In einem ebenfalls am Dienstag debattierten GPK-Bericht attestiert die parlamentarische Aufsichtsbehörde dem VBS schwere Mängel bei Vertragsprüfung und Risikomanagement. Die Bereitschaft, sich bei der P320 erneut auf Herstellergarantien zu verlassen, schürt das Misstrauen in die Lernfähigkeit der Beschaffungsbehörden zusätzlich.
Linke scheitert mit Rochade zur Drohnenabwehr
Die linke Ratsminderheit verfolgte am Dienstag eine pragmatische Taktik: Statt pauschaler Streichungen beantragte sie eine gezielte Umschichtung der für die P320 vorgesehenen Gelder. Die 50 Millionen Franken aus dem Pistolen-Kredit sollten in die Abwehr von Kamikazedrohnen oder weltraumgestützte Aufklärungskapazitäten fliessen.
Das strategische Argument dahinter: Die Ordonnanzpistole sei im modernen Gefecht nahezu bedeutungslos. Einfach erhältliche Mini-Drohnen stellten die grösste Bedrohung für die Schweiz und ihre Infrastrukturen dar.
Dass dieser Vorstoss deutlich scheiterte, lag an der festen bürgerlichen «Front» in der grossen Parlamentskammer. Die Befürworter brachten zwei Kernargumente ein:
- Die Vollausrüstung sei zu gewährleisten: Jeder Angehörige der Armee (AdA) habe Anspruch auf eine moderne persönliche Verteidigungswaffe.
- Die inländische Wertschöpfung: Mit einer versprochenen Schweizer Wertschöpfung von rund 90 Prozent und einer Lizenzproduktion im Inland wurde die Pistole 26 rüstungs- und wirtschaftspolitisch als unverzichtbar dargestellt.
Gegen das wirtschaftspolitische Argument vermochte der Verweis auf die sofort lieferbaren Glocks ebenso wenig auszurichten wie die Dringlichkeit der Drohnenabwehr.
Falsches Narrativ
In der nationalrätlichen Debatte war erneut das nachweislich falsche Narrativ zu hören, das der Rüstungschef, Armasuisse-Direktor Urs Loher, sowie Armeechef Benedikt Roos seit Ende 2025 wiederholen: Im Evaluationsverfahren hätten alle getesteten Pistolen «nahezu gleich» abgeschnitten.
Widerlegt wurden in der nationalrätlichen Debatte auch die Bedenken, dass es bei einem aktuellen Nein zur P320 zu einer riskanten Verzögerung gekommen wäre.
Benoît Gaillard erklärte:
Wie stimmten die Parteien im Nationalrat ab?
Das Stimmverhalten folgte dem klassischen Links-Rechts-Schema, wobei sich die bürgerliche Mehrheit geschlossen hinter das VBS und den Bundesrat stellte:
Die P320-Befürworter:
- SVP: Die grösste Fraktion stimmte geschlossen für die Beschaffung. Thomas Hurter und Walter Gartmann argumentierten mit dem Grundsatz der Vollausrüstung der Armeeangehörigen und betonten die Schweizer Lizenzproduktion zur Stärkung der Unabhängigkeit.
- FDP: Sie stimmte geschlossen für die Beschaffung. Sprecher Heinz Theiler hob insbesondere die inländische Wertschöpfung von rund 90 Prozent sowie die tiefsten Lebenswegkosten aller evaluierten Modelle hervor. Mängel seien behebbar und beträfen nicht die Sicherheit.
- Die Mitte: Sie folgte geschlossen der Linie ihres Bundesrates Martin Pfister und der Kommissionsmehrheit. Die Erneuerung nach fast 50 Jahren sei unumgänglich, da der Bestand der Pistole 75 in vier Jahren erschöpft sei.
- GLP: Auch die Grünliberalen votierten trotz deutlicher Vorbehalte für den Kredit. Fraktionssprecher Matthias Samuel Jauslin bezeichnete die Waffe und das Fehlen der Truppentauglichkeit als kritikwürdig, man vertraue aber den Zusicherungen von Armasuisse und Bundesrat, dass die Schwachstellen nachgebessert werden.
Die P320-Gegner
- SP: Die sozialdemokratischen Nationalratsmitglieder stimmten geschlossen für die Streichung. Neben Benoît Gaillard kritisierten unter anderem auch Fabian Molina und Andrea Zryd das Vorgehen des Bundes scharf: Es sei unverantwortlich, 50 Millionen Franken für eine Waffe zu sprechen, die im Evaluationsverfahren durchgefallen sei und deren verbesserte Version erst Mitte 2027 getestet werde. Sie forderten erfolglos, das Geld stattdessen in die Minidrohnen-Abwehr umzuleiten.
- Grüne: Auch sie stimmten geschlossen für die Streichung. Sprecher wie Gerhard Andrey argumentierten, dass es sich um eine «Papierpistole» handle und die Dringlichkeit fehle. Der Bund solle das Geld vorzugsweise in die Abwehr moderner Bedrohungen wie Drohnen verschieben.
Quellen
- parlament.ch: Armeebotschaft 2026, Debatte im Nationalrat (15. September 2026)
