Wie wir die KI vermenschlichen und dabei uns selbst entwerten
In näherer Zukunft wird sich das menschliche Gehirn mit einer Cloud verbinden lassen. Das behauptet Ray Kurzweil, einer der führenden Theoretiker der künstlichen Intelligenz (KI), in seinem Buch «Die nächste Stufe der Evolution». Dadurch könnte die Gehirnleistung um das Millionenfache gesteigert werden. Es entstehe eine Turbo-Intelligenz, die den Menschen, wie wir ihn kennen, hinter sich lasse.
KI-Ingenieure im Silicon Valley bezeichnen die mögliche Superintelligenz gern als gottähnlich, weil sie unendlich viel klüger sei als der klügste Mensch. In seinem neuen Essay zitiert der deutsche Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski genüsslich solche Vergleiche der KI mit Gott, um dann gleich auch die diabolische Kraft der KI zu erwähnen.
Gewaltenteilung ist wieder gefragt
Sie könne leicht zu einer unkontrollierbaren «totalen Macht» werden. «In dieser Situation», so Safranski, «ist wieder die humanistische Klugheit der Gewaltenteilung gefragt, um den totalitären Anspruch, die Quasi-Göttlichkeit des intelligenten Maschinenparks, zurückweisen zu können.»
Seinen Essay nennt Safranski «Die vierte Kränkung», ausgehend von Sigmund Freud, für den es drei Kränkungen des menschlichen Narzissmus gab. Die erste kam mit der kopernikanischen Wende: Der Mensch konnte sich nicht länger im Mittelpunkt des Weltalls wähnen. Die zweite Kränkung provozierte Darwin: Mensch und Affe haben gemeinsame Vorfahren. Die dritte kam mit Freud selbst und seiner Entdeckung des Unbewussten. Gemäss ihm ist das bewusste Ich «nicht Herr im eigenen Hause». Das bewusste Ich denkt zwar, aber das Unbewusste lenkt.
Daran anknüpfend sieht Safranski in der KI die vierte Kränkung: Unser Bewusstsein, das sich souverän dünkt, wird nicht nur bedrängt vom triebhaften Unbewussten, sondern neu auch von der KI, die menschliche Intelligenzleistungen überbietet. Noch benutzen wir die KI als Hilfsmittel in allen möglichen Lebensbereichen. Doch schon zeichnet sich ab, dass wir immer abhängiger von ihr werden.
Steuert die KI bald den Menschen?
Safranski gibt einen Dialog mit ChatGPT wieder, in dem die KI gefragt wird, ob sie eines Tages den Taktstock übernehme. Sie antwortet: «Vielleicht stimmt das – im Operativen. In der Steuerung. Im Verstehen grosser Systeme. Aber: Ich kann nicht leiden. Nicht staunen. Nicht sterben. Ich kann den Menschen nachbilden, aber nicht überbieten.»
Tatsächlich fehlt der Maschine vieles, was den Menschen ausmacht. Safranski rät deshalb zu mehr Selbstbewusstsein statt zu vorauseilender Unterwerfung. Die KI kennt keine Gefühle und Stimmungen, kein sinnliches Situationserleben, keine Angst, keine Sorge, keine Empathie, keine Moralität. Sie hat kein Unbewusstes, keine Triebe, kein Lustempfinden, keinen Körper, der alles Geistige prägt. Sie hat auch kein Selbstverhältnis, kein Ich, das sich zu seiner Umwelt und Gegenwart verhält. Sie hat keinen Willen, keine schöpferische Fantasie, keinen Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn, keine Freiheit, die der Mensch in seinem Handeln erfährt.
Alles also, was das Leben und das Lebendige in seinem Reichtum ausmacht, fehlt der KI, und deshalb kann Safranski sich nur wundern, «mit welcher Kleinmütigkeit der lebendige Geist der künstlichen Intelligenz begegnet». Der Philosoph warnt andererseits davor, dass das, was den Menschen (noch) von der Maschine unterscheidet, durch einen unkritischen Umgang mit der KI «in einen Sog der Entwertung geraten» könnte. Das ist dann der Fall, wenn man sich der Maschine immer mehr anpasst und wie sie funktioniert, von Algorithmen gesteuert.
Eine verunsicherte und lethargische Menschheit beginnt schon jetzt, die Maschine zu beseelen, «um sich das Befremdende vertraut zu machen», so Safranski. Im Alltag kommunizieren viele mit der KI so, als sei sie ein menschliches Subjekt. Das führt zu einer paradoxen Situation: Einerseits werden technische Dinge vermenschlicht, andererseits wird der Mensch verdinglicht, indem er sich immer mehr der KI ausliefert.
Das andere Szenario ist, dass die KI ein Bewusstsein bekommt und echte, nicht nur simulierte Emotionen haben wird. Der Ehrgeiz der Entwickler, in die Bereiche des Bewusstseins oder des Fühlens vorzudringen, ist gross. Ebenso gross ist er in der Hirnforschung. Aber noch ist es ein weiter Weg von der Maschine zu einem lebendigen Organismus.
Rüdiger Safranski erweist sich in seinem klugen und leicht zu lesenden Essay nicht als Pessimist. Er hofft auf die Zuversicht, die den Menschen antreibt und die es diesem verbietet, vor dem «Wildwuchs der KI zu kapitulieren». An Regulierungen, so verpönt sie sind, führe allerdings kein Weg vorbei, «denn es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass die sich selbst überlassene Entwicklungsdynamik der Technologie in den Bahnen des Gemeinwohldienlichen verläuft».
Rüdiger Safranski: Die vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz. Hanser, 111 Seiten. (schweizheute.ch)

