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Mittlerweile ein gewohnter Anblick: Apples weisse Bluetooth-Ohrstöpsel, die AirPods.
Mittlerweile ein gewohnter Anblick: Apples weisse Bluetooth-Ohrstöpsel, die AirPods.Bild: Apple

«Wie bitte?!» So werden Hörgeräte dank Apple & Co. hip

Sie sehen aus wie Ohrstöpsel von Techkonzernen: Neuartige Produkte sollen Hörgeräte von ihrem Stigma befreien und neue Kundschaft anlocken. Zudem bräuchten viel mehr Schweizerinnen und Schweizer ein «Hearable».
25.10.2021, 12:3226.10.2021, 11:09
Roman Schenkel / ch media

«Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso!»: Den Spruch kann Thomas Gottschalk wohl nicht mehr hören. Doch Gummibärchen waren mal. Heute wirbt der beliebte deutsche TV-Moderator für Hörgeräte des Schweizer Herstellers Sonova. «Das Leben ruft! Hört ihr es?», schreit er den Zuschauern beim Vorbeifliegen mit einem Gleitschirm zu.

Ob der Zuruf laut genug ist? Die Zielgruppe des Werbespots sind nämlich diejenigen, die nicht gut hören können. Denn Hörgerätehersteller interessieren sich vor allem für diejenigen, die noch kein Hörgerät besitzen.

Und das sind nicht wenige. Gut 650'000 Schweizerinnen und Schweizer hören so schlecht, dass sie eigentlich ein Hörgerät bräuchten. Doch nicht einmal die Hälfte hat auch eines.

Die Gründe sind vielfältig. Die wichtigsten seien das Stigma, das Hörgeräte nach wie vor hätten, sowie der Preis, sagt Dominik Ziegler, Geschäftsführer des Hörgeräteherstellers WS Audiology Schweiz.

Die zunehmende Verbreitung von AirPods und ähnlichen Geräten hat es «für jeden akzeptabel gemacht, seltsame Dinge in den Ohren zu tragen».

Schickes Design für die Ohren

Doch neuerdings gibt es Anzeichen für eine Trendwende. Veränderte Gewohnheiten und neue Hightechgeräte begeistern angeblich auch jüngere, eitlere, sturere Nutzer. Verantwortlich dafür sind Techkonzerne wie Apple oder Samsung. Ihre auffälligen weissen kabellosen In-Ear-Kopfhörer sind heute weit verbreitet – sie werden sogar dann getragen, wenn man nicht gerade am Telefonieren oder am Musikhören ist. Und dabei sie sind viel sichtbarer als ein klassisches Hörgerät, das hinter dem Ohr getragen wird.

Die Hörgerätebranche hat dieses Potenzial schnell erkannt. Sie geht davon aus, dass die Akzeptanz von Hörgeräten gerade bei der jüngeren Klientel steigen dürfte. Kunden, die bisher ein klassisches Hörgerät abgelehnt haben, könnten für ein solches Produkt ihre Meinung ändern.

Die sogenannten Hearables (englisches Kunstwort zusammengesetzt aus «wearable» (=tragbar) und «to hear» (=hören)) könnten das vermeintliche Stigma mildern, das manche Menschen hindert, Hörgeräte ausserhalb des Hauses zu tragen, aus Angst, als alt wahrgenommen zu werden.

Die zunehmende Verbreitung von AirPods und ähnlichen Geräten hat es «für jeden akzeptabel gemacht, seltsame Dinge in den Ohren zu tragen», sagt Ziegler. Schickes Design für besseres Hören sozusagen. Es werden bewusst Produkte entwickelt, die sichtbar sind und nicht wie ein Hörgerät, sondern eher wie ein Kopfhörer aussehen.

WS Audiology geht nun in die Offensive. Die dänische Firma ist die Nummer zwei im Markt mit Hörgeräten und seit Jahrzehnten in der Schweiz mit verschiedenen Marken aktiv. Vergangene Woche hat der Konzern ein neuartiges Hörgerät in der Schweiz lanciert. Vibe Air – schon der Name erinnert an Apple und Co. – wird nur online vertrieben. Ziegler vergleicht es mit einer «Fertiglesebrille fürs Ohr».

Das Vibe Air sieht sehr diskret aus.
Das Vibe Air sieht sehr diskret aus.Screenshot: luxs.swiss

Der Gang zum Akustiker fällt weg, der Hörtest findet mit einer Onlinesoftware statt. «Das Hörgerät wird mit einer App auf dem Smartphone oder Computer selbst eingestellt», erklärt er. In einem lauten Restaurant etwa kann kurz die Lautstärke oder der Klangregler eingestellt werden. «Gerade an ­Orten mit einer starken Geräuschkulisse ist es schwierig, sich auf sein Gegenüber zu konzentrieren, wenn das Hörgerät nicht richtig funktioniert», erklärt Ziegler, der selber ein Hörgerät trägt.

Mit technischen Features werden Kunden angelockt

Das Vibe Air wird direkt im Ohr getragen.
Das Vibe Air wird direkt im Ohr getragen.bild: pd

Einzig bei Problemen oder für einen Service sucht der Kunde einen Akustiker auf oder kontaktiert eine spezielle Hotline. «Wir haben über 100 Verkaufspunkte in der Schweiz, die dies übernehmen», sagt Ziegler. Er betont allerdings, dass das Produkt nur für einen milden Hörverlust gedacht sei: «Bei starkem Hörverlust braucht es zwingend eine medizinische Abklärung.»

Auch im Preis ist das Vibe Air niederschwellig: Das Paar ist für knapp 1000 Franken zu haben. Zum Vergleich: Der Preis für ein gängiges Hörgerät für beide Ohren liegt zwischen 1600 und 9000 Franken.

Das Vitro Marvel Black, für das Thomas Gottschalk wirbt, sieht gemäss Sonova aus «wie ein stylisches Hearable und ist deshalb alles andere als stigmatisierend». Um die Earbudnutzer ins Hörgeräte-Lager zu locken, werben die Hersteller auch mit ähnlichen technischen Features. So kann man mit dem Vitro Marvel Black telefonieren und Musikhören. Von Sonova wird in diesem Bereich sowieso einiges erwartet. Der Schweizer Konzern strebt die Übernahme der Consumer Division von Sennheiser an. Das deutsche Traditionsunternehmen ist ein Pionier in Sachen Audiotechnik. Bei Kopfhörern spielt das Unternehmen ganz vorne mit. Die Übernahme, die noch nicht unter Dach und Fach ist, soll rund 200 Millionen Euro kosten.

«Was wir nicht sehen, ist eine Zunahme der Schwerhörigkeiten bei Jugendlichen wegen des Hörens von lauter Musik.»

Wie häufig braucht man ein Neues?

Der Zukauf bietet Sonova neue Perspektiven. Das Segment ist für alle interessant, die etwa kabellos und digital beim Sport Musik hören wollen, andererseits aber auch eine Chance, Hörgeräte diskreter zu gestalten und ihre Akzeptanz zu verbessern. Oder wie es bei Sonova heisst: «Menschen auf ihrem Weg zu gutem Hören schon frühzeitig zu erreichen».

Mit diesem frischen Image wollen die Hersteller einen breiteren Markt an Neukunden erschliessen. Zudem bringt es den Anbietern einen zusätzlichen Wiederbeschaffungszyklus. Alle sechs Jahre legen sich Hörgeräteträger im Schnitt ein neues Gerät zu.

Verhilft also die Handybranche den Hörgeräteherstellern zu neuer Kundschaft? Martin Kompis, Leitender Arzt Audiologie am Inselspital in Bern, ist skeptisch: «Solche Geräte sind aus meiner Sicht kein Ersatz und kein geeigneter Einstieg bei einer Schwerhörigkeit.» Das Hauptproblem sieht er in der Anpassung. «Es ist bekannt, dass Hörhilfen, die nur nach dem eigenen Höreindruck eingestellt werden, weniger Sprachverstehen und einen kleineren Gewinn bringen als korrekt eingestellte Hörgeräte», sagt Kompis. Diese alleine zu meistern, dürfte schwierig sein.

Profitiert die Hörgerätebranche denn von der Dauerbeschallung unserer Ohren? Schwerhörigkeiten kämen in jedem Alter vor, seien aber im höheren Alter sehr viel häufiger, sagt Kompis. Je älter die Menschen werden, desto mehr Schwerhörigkeiten gebe es – vor allem bei Personen im höheren Lebensalter. Doch: «Was wir nicht sehen, ist eine Zunahme der Schwerhörigkeiten bei Jugendlichen wegen des Hörens von lauter Musik», betont der Audiologe.

(aargauerzeitung.ch)

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