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Schweiz

«Ganz viele Leute kaufen kein E-Auto, weil der Vermieter nicht mitspielt»

Grünliberale (GLP) Parteipräsident und Berner Nationalrat Jürg Grossen in seiner Unternehmung elektroplan Buchs & Grossen AG in Frutigen, im Berner Oberland, anlässlich des watson Wahljahr-Intervi ...
Will mehr E-Auto-Ladestationen für Mieter und Stockwerkeigentümer: GLP-Präsident Jürg Grossen.Bild: watson
Interview

E-Autos laden: «Widerstand gibt es von der Hauseigentümerseite, es könnte knapp werden»

Der E-Auto-Boom in der Schweiz stottert. Mieter zögern beim Umstieg aufs E-Auto, da sie zu Hause oft nicht laden können. Jürg Grossen, Präsident der Grünliberalen, will dies ändern.
12.06.2024, 11:3612.06.2024, 13:39
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In der Schweiz können Vermieter und Stockwerkgemeinschaften Heimladestation für E-Autos einfach verbieten. GLP-Präsident Jürg Grossen will der Blockade-Taktik einen Riegel vorschieben, da Laden zu Hause kein Privileg von Hausbesitzern bleiben soll.

Seine Motion «Laden von Elektroautos im Mietverhältnis und Stockwerkeigentum» kommt am Donnerstag ins Parlament. Widerstand kommt von der Hauseigentümerseite. «Es könnte also knapp werden», meint Grossen im Gespräch mit watson.

Herr Grossen, ich vermute, Sie haben ein Elektroauto?
Jürg Grossen:
Ich fahre seit 2010 elektrisch.

Können Sie ihr Elektroauto zu Hause laden? Ja.

Hätten Sie auch eins, wenn Sie nicht zu Hause laden könnten? (Überlegt.) Ich denke eher nein, weil man die allermeisten Ladevorgänge dort macht, wo man wohnt oder arbeitet. Zumindest an einem dieser Orte sollte man laden können.

Hauseigentümer können bequem zu Hause laden. Was machen Mieter, die oft nicht dieses Privileg haben?
Die haben ein Problem. Vier von fünf Personen in der Schweiz können nicht selbst bestimmen, ob ihr Parkplatz eine private Ladestation erhält, weil sie zur Miete oder im Stockwerkeigentum wohnen. Sie sind vom Goodwill des Vermieters oder der Miteigentümer abhängig, die leider oft nicht mitspielen. Ganz viele Leute kaufen deswegen kein Elektroauto.

Zur Person
Jürg Grossen (54) ist seit 2017 Präsident der Grünliberalen Schweiz, seit 2011 ist er für den Kanton Bern im Nationalrat. Grossen ist Unternehmer und Mitinhaber einer Elektroplanungsfirma. Er ist Präsident des Fachverbands für Solarenergie, Swissolar, sowie von Swiss eMobility, dem Interessenverband für Elektromobilität. Grossen ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und wohnt in Frutigen.

Weil man sich nicht mit dem Vermieter oder der Ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft herumschlagen will, kauft man dann doch wieder ein Verbrenner-Auto?
Aus den Gesprächen, die ich führe, ist es eindeutig so, dass viele wechseln möchten, dies aber nicht können.

Weil sich der Vermieter querlegt?
Ja, in vielen Fällen, aber auch Stockwerkeigentümer haben das Problem, dass sie ohne Mehrheit keine Heimladestation einbauen können. Im Verband Swiss eMobility erreichen uns deswegen viele Anfragen und selbst im Parlament höre ich immer wieder die Klage, dass Heimladestationen in Mehrfamilienhäusern blockiert oder verzögert werden.

Wenn man jetzt ein neues Auto benötigt, die Verwaltung aber keine oder erst in drei Jahren Ladestationen plant, greift man eben wieder zum Verbrenner-Auto.

«Mieterinnen und Stockwerkeigentümer sollen eine Ladestation installieren lassen können, wenn sie es wünschen.»
Jürg Grossen

In der Schweiz gibt es keinen gesetzlichen Anspruch auf eine Heimladestation. Die E-Auto-Wende gerät vermutlich auch deswegen ins Stottern. Was muss nun passieren?
Wir müssen eine gesetzliche Lösung finden, damit Mieterinnen und Stockwerkeigentümern eine Ladestation nicht verboten werden kann, so wie das beim Internetanschluss im Fernmeldegesetz auch der Fall ist. Wichtig ist, dass sie eine Ladestation installieren lassen können, wenn sie es wünschen.

Ihre Motion fordert keinen Zwang zur Installation von Ladesystemen. Vermieter dürften einen gewünschten Einbau aber auch nicht mehr verhindern?
Es geht darum, dass der Einbau nicht verboten werden kann. Ein Gebäudebesitzer kann schliesslich auch nicht verbieten, dass ich einen Glasfaseranschluss in meine Wohnung erhalte und dabei die Kabelerschliessung durch die allgemeinen Gebäudezonen führt.

Es ist aber klar, dass Mieter und Stockwerkeigentümerinnen Heimladesysteme mitbezahlen müssen.

Das heisst also nicht, dass der Vermieter mir eine Ladestation bezahlen muss?
Genau. Ich muss etwas ausholen: In einem Mehrfamilienhaus mit vielen Parkplätzen muss die Ladeinfrastruktur regelbar sein, um eine Überlastung des Stromnetzes zu verhindern. Es kann nicht jeder individuell eine Ladestation kaufen und installieren. Das kommt nicht gut. Deshalb muss der Vermieter eine Investition in die Grundinfrastruktur tätigen. Diese Kosten kann er aber an die Mieterschaft abwälzen. Sobald ein Mieter eine Ladestation benötigt, kann der Vermieter diese in Rechnung stellen. Es gibt einen detaillierten Leitfaden dazu.

Viele Mieter sind vermutlich nicht bereit 2000 oder 3000 Franken für eine Ladestation zu bezahlen, wenn sie womöglich bald wieder ausziehen?
Eine einfache Lösung ist, dass der Mieter die Ladestation mietet. Wenn man auszieht, bleibt sie dort und kann vom Nachmieter genutzt werden. Alternativ ist es mit der heutigen Infrastruktur auch einfach möglich, Ladestationen an einen anderen Parkplatz zu verlegen.

Warum gibt es trotzdem Vermieter, die sich gegen Ladestationen sträuben, wenn sie doch die Kosten überwälzen können?
Da Vermieter meist problemlos neue Mieter finden, haben sie wenig Anreize rasch neue Ladestationen zu installieren. In dieser Situation ist es für sie bequem, einfach nichts zu tun.

Was sollen Mieter tun, wenn der Vermieter den Einbau eines Ladesystems blockiert?
Ich würde dem Vermieter den «Leitfaden für Ladeinfrastruktur in Mietobjekten» schicken, der in Abstimmung mit dem Hauseigentümer- und Mieterverband entstanden ist, und sagen, das sind die Empfehlungen der Branche. Wichtig ist, dass ein intelligentes Heimladesystem installiert wird und nicht eine Bastellösung.

Und wenn der Vermieter glaubt, dass sich die Elektromobilität nicht durchsetzt?
Da würde ich erklären, dass viele Autohersteller den Ausstieg aus dem Verbrenner bereits beschlossen haben und die Elektromobilität auf jeden Fall kommen wird. In absehbarer Zeit wird man ohnehin in das Ladesystem investieren müssen und die Kosten können auf die Mieter überwälzt werden.

In den umliegenden Ländern gibt es das sogenannte «Recht auf Laden» teils seit Jahren …
… obwohl es dort viel mehr Eigenheimbesitzer gibt, die Situation also weit weniger dramatisch ist. Es ist natürlich schlecht, wenn die Schweiz nicht eine vergleichbare politische Lösung zustande bringt.

«Widerstand gibt es von der Hauseigentümerseite, es könnte also knapp werden.»

Hat Ihre Motion am Donnerstag eine Chance im Nationalrat?
Die Chancen sind intakt, da sich die Problematik der fehlenden Heimlademöglichkeiten verschärft hat. Widerstand gibt es von der Hauseigentümerseite, es könnte also knapp werden.

Bundesrat und Hauseigentümerverband (HEV) sind gegen ihre Motion und sagen, künftig sei ein Parkplatz ohne Lademöglichkeit quasi wertlos. Löst sich das Problem demnach von allein?
Die machen es sich schon etwas einfach. In 20 Jahren kann es sein, dass es fast nur noch E-Autos gibt, weil es der Markt gerichtet hat. Aber es ist eben so, dass man den technologischen Wandel mit Gesetzen bremsen oder beschleunigen kann. Mein Wunsch wäre, dass wir ihn beschleunigen. Bundesrat und HEV hingegen stehen mit beiden Füssen auf der Bremse.

Der Hauseigentümerverband will Heimladestationen nur auf freiwilliger Basis. Es sei Sache des Vermieters, welche Investitionen getätigt werden. Das im Mietgesetz zu regeln, dürfte also schwierig werden.
Das ist möglicherweise so. Die Umsetzung der Motion könnte deshalb auch im Stromversorgungsgesetz erfolgen, weil es darum geht, Autos mit Strom zu versorgen. Das wäre gleich wie beim Glasfaseranschluss, der auch nicht im Mietgesetz, sondern im Fernmeldegesetz geregelt ist.

Als Grünliberaler müssten Sie ebenfalls freiwillige Massnahmen präferieren?
Absolut. Wir haben es versucht mit finanziellen Fördermassnahmen im CO2-Gesetz, das von den gleichen Kreisen abgelehnt wurde, die nun auch mit meiner Motion ein Problem haben.

Ich halte es für liberal, wenn man sagt, die Leute sollen die Möglichkeit für einen Ladezugang haben. Beim Zugang zum Glasfaseranschluss im Fernmeldegesetz hat auch niemand gesagt, das sei nicht liberal.

«Es ist eine völlige Illusion, dass alle E-Autos ausschliesslich öffentliche Schnellladestationen nutzen.»

Einverstanden. Aber ist das Heimladen noch wichtig, wenn es immer mehr öffentliche Schnellladestationen gibt und E-Autos immer schneller laden können?
Wenn künftig möglichst alle Autos elektrisch fahren sollen, ist es eine völlige Illusion, dass alle ausschliesslich öffentliche Schnellladestationen nutzen.

Warum?
Erstens ist es nicht mehr günstiger als ein Verbrenner-Auto, wenn man immer am teuren Schnelllader lädt. Zweitens belasten Schnellladungen in grossen Mengen das Stromnetz und beeinträchtigen die Lebensdauer der Batterie.

«E-Autos mit bidirektionalem Laden sind ein Teil der Lösung für das Stromsystem der Zukunft.»

Und drittens?
Der wichtigste Punkt: Elektroautos mit bidirektionalem Laden sind ein Teil der Lösung für das Stromsystem der Zukunft, da ihre Batterien als gigantischer, dezentraler Speicher für Solarstrom dienen können. Idealerweise sind bidirektionale E-Autos dann mit dem Stromnetz verbunden, wenn sie über längere Zeit stehen, also an der Heimladestation oder am Arbeitsplatz. So kann mit tiefen Leistungen günstiger Strom geladen werden, was gleichzeitig den Netzausbau minimiert.

Viele werden fürchten, dass bidirektionales Laden den Akku schädigt.
Ich nutze selbst seit vier Jahren ein bidirektionales E-Auto. Die Batterien sind heutzutage so gut, dass sie die Lebensdauer des Autos übersteigen. Das müssen die Leute natürlich zuerst erleben, aber dann wird auch diese Angst überwunden.

Heimladen in Ehren, aber wo sollen alle laden, die ihr Auto nachts auf der Strasse abstellen müssen?
Das Problem der Laternenparkierer muss man auch lösen. Es gibt Städte, die das bereits gut machen und es gibt andere, die Autos am liebsten aus dem Stadtgebiet verbannen würden und deshalb aus ideologischen Gründen so gut wie keine Ladeinfrastruktur bauen.

Auch unter diesem E-Auto-Artikel wird vermutlich der folgende Kommentar auftauchen: «Wo soll der Strom für all die E-Autos herkommen?» Was antworten Sie?
Nun, wir haben am Sonntag zusätzliche 45 Terawattstunden Strom pro Jahr bis 2050 beschlossen aus einheimischer, erneuerbarer Energie – neben der Wasserkraft. Der Grossteil davon wird Solarenergie sein. Wenn der gesamte Strassenverkehr elektrifiziert wird, braucht das rund 15 TWh Strom. Mit dem Mix aus Wasser-, Solar-, Windkraft und Biomasse werden wird die Schweiz zuverlässig mit erneuerbarem Strom versorgen können.

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384 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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ay77
12.06.2024 12:53registriert Dezember 2018
Der HEV ist ein unsäglicher Verein geworden, auch als Hausbesitzer bin ich da natürlich nicht Mitglied.
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Markus Maag
12.06.2024 12:19registriert Mai 2024
Die Leute bleiben lieber abhängig von skrupellosen Ölmultis die den Preis je nach dünken erhöhen können statt einmal zu investieren um kostenlose Energie von der Sonne zu erhalten! Aber dann jammern wenn der Benzinpreis wieder unverschämt ansteigt. Ich verstehs nicht, so werden wir garantiert nicht gut in die Zukunft starten wenn man neue Inovationen nur bekämpft statt zu fördern!
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mMn
12.06.2024 11:49registriert September 2020
"Da Vermieter meist problemlos neue Mieter finden, haben sie wenig Anreize rasch neue Ladestationen zu installieren. In dieser Situation ist es für sie bequem, einfach nichts zu tun."

Das gilt für neue Heizungen, effiziente Haushaltsgeräte, die fest installiert sind etc. Haufenweise Sparpotential geht flöten, weil der Vermieter alles dem Mieter überwälzen kann und einfach neue Mieter findet.

Hier besteht also ein Marktversagen und muss per Gesetz gelöst werden. Eigentlich sollte dieses Recht bei sämtlichen Geräten inkl. Heizung und Isolation bestehen. Ansonsten bleiben wir ewiggestrig.
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