Wirtschaft
Schweiz

Darum verliert die Schweiz bei Elektroautos den Anschluss

Vermieter geizen mit Ladestationen – Schweiz droht bei Elektroautos abgehängt zu werden

Es kann der Frömmste nicht elektrisch fahren, wenn es dem Vermieter nicht gefällt: Jetzt hat auch Deutschland die Schweiz in Sachen Elektroautos überholt. Der Bundesrat will vorerst nicht handeln. Welche Rolle wird Albert Rösti spielen?
08.01.2023, 16:0308.01.2023, 22:46
Stefan Ehrbar / ch media
Ob das Elektroauto in der Garage geladen werden kann, hängt in der Schweiz vom Willen der Vermieter ab.
Ob das Elektroauto in der Garage geladen werden kann, hängt in der Schweiz vom Willen der Vermieter ab.Bild: Keystone

Peter B. hätte gerne ein Elektroauto gekauft, doch seine Vermieterin winkte ab: Ladestationen in der über 100 Plätze fassenden Tiefgarage werde sie nicht einbauen. Hinter der Entscheidung steckte nicht etwa eine knausrige Einzelperson, sondern die Credit Suisse, der die grosse Überbauung in der Agglomeration Zürich gehört.

Fälle wie dieser sind der Grund, weshalb die Schweiz in Sachen Elektroautos den Anschluss verliert. Im vergangenen Jahr waren 17.8 Prozent der neu zugelassenen Autos rein elektrisch betrieben (sogenannte BEV), bei weiteren 8.1 Prozent handelte es sich um Plug-In-Hybride (PHEV). Diese verfügen über einen Verbrennermotor und eine Batterie, die über einen Stecker aufgeladen wird.

Bei den BEV wurde ein neuer Rekordwert erreicht, doch im Ausland nahmen die Zulassungen rascher zu. Bei den PHEV ging der Anteil gar um einen Prozentpunkt zurück. Gemäss Berechnungen des Verbands Emobility ist die Schweiz in Europa auf Platz 8 zurückgefallen, wenn BEV und PHEV zusammengezählt werden. Vor der Schweiz rangierten Norwegen, Island, Schweden, Finnland, Dänemark, die Niederlande und neu auch Deutschland.

Die Schweiz fällt zurück

Der Hauptgrund seien die Vermieter, hält Emobility fest. In der Schweiz mieten im europäischen Vergleich überdurchschnittlich viele Menschen ihre Wohnung. Sie können nicht frei über den Einbau einer Ladestation entscheiden, sondern sind auf den Goodwill der Vermieter angewiesen.

Dass das Problem sich akzentuiert, liegt laut Emobility daran, dass Elektroautos zusehends im Massenmarkt ankommen. Noch vor wenigen Jahren waren die wenigen erhältlichen Modelle teuer und wurden vor allem von vermögenderen Menschen gekauft, die meist Wohneigentum besitzen.

Elektroauto

Der Verband Auto Schweiz relativiert die Zahlen. Er sei skeptisch bei der Europa-Rangliste, sagt Sprecher Christoph Wolnik. Einige Länder wie Deutschland hätten ihre finalen Zahlen noch gar nicht veröffentlicht. Doch auch laut Zahlen des International Council on Clean Transportation (ICCT) für die ersten drei Quartale, die CH Media ausgewertet hat, lag Deutschland zuletzt vorne. Nur in Sachen rein elektrisch betriebene Autos stand die Schweiz nach neun Monaten etwas besser da.

Anteil der alternativen Antriebe an Neuwagen

Anteil der alternativen Antriebe an Neuwagen i ausgewählten europäischen Ländern, erste drei Quartale 2022.
In ausgewählten europäischen Ländern, erste drei Quartale 2022.Grafik: EHS / Quelle: ICCT, Auto Schweiz

Das Mieter-Problem sei «durchaus gross», sagt Wolnik. «Viele Vermieter investieren erst, wenn Wohnungen leer bleiben. Eine solche Entwicklung könnte aber noch viele Jahre dauern.» Auto Schweiz empfehle deshalb Investitionsbeiträge und eventuell auch steuerliche Anreize für Vermieter, um die Investitionen zu erhöhen.

Immer wieder diskutiert wird auch das «Recht auf Laden» - ein Gesetz, das Mietern den Anspruch auf eine Ladestation zusichern würde. Das wäre zwar «wünschenswert», sagt Wolnik, aber in der Schweiz weder politisch mehrheitsfähig noch durchsetzbar, weil das Baurecht in den Händen der Kantone liege.

Anders sieht das Grünen-Nationalrat Michael Töngi, der auch als Vize-Präsident des Mieterinnen- und Mieterverbands amtet. «Es braucht ein Recht auf Laden», sagt er. Sonst seien Besitzerinnen und Besitzer von Elektroautos nicht sicher, dass sie ihr Fahrzeug auch nach einem Umzug noch laden könnten, und Personen, die umsteigen wollten, hätten keine Gewissheit, dass das Laden klappen werde.

Bundesrat gegen «Recht auf Laden»

Der Präsident der Grünliberalen (GLP) Jürg Grossen hat eine entsprechende Motion im Jahr 2021 im Nationalrat eingereicht. Der Bundesrat lehnt sie ab: Es sei davon auszugehen, dass auch ohne gesetzliche Verpflichtung mehr Ladestationen installiert werden, begründet die Regierung. Zudem stelle das Recht auf Laden einen Eingriff in das Privatrecht und die Eigentumsgarantie dar.

Und: Im totalrevidierten CO2-Gesetz sei ein Klimafonds vorgesehen, aus dem unter anderem Ladeinfrastrukturen in Mehrparteiengebäuden gefördert werden sollen. Gespiesen werden soll dieser von Sanktionszahlungen der Autoimporteure, deren Flotten zu hohe CO2-Werte aufweisen.

Diese Unterstützung greift allerdings frühestens ab 2025. «Die Antwort des Bundesrates ist sehr enttäuschend», sagt Töngi. «Motivieren alleine reicht einfach nicht.» Finanziell gehe es um überschaubare Zahlen: Die Grundinstallation koste 500 bis 1500 Franken, die Ladestation 2000 bis 3500 Franken. Töngi schlägt vor, dass Mietende ab einer Grösse von drei oder fünf Parkplätzen in der Garage das Recht auf einen Parkplatz mit Ladestation haben sollen und in kleineren Gebäuden das Recht, selber eine solche zu installieren.

Auch der Verband Auto Schweiz ist der Meinung, dass die Unterstützung für Ladestationen früher als 2025 greifen sollte, wie Sprecher Christoph Wolnik sagt. Zudem sei es bedauerlich, dass der Bundesrat vor wenigen Wochen die Idee abgeschmettert habe, dass Geschäftsfahrzeuge mit Elektroantrieb tiefer besteuert werden sollen.

Auto Schweiz dürfte in der Landesregierung nun immerhin gehört werden. Denn Neu-Bundesrat Albert Rösti (SVP) war zuvor Präsident des Verbands und hat das zuständige Verkehrs-Departement übernommen. Gegenüber einem Recht auf Laden zeigte sich Rösti in Interviews vor seiner Wahl allerdings skeptisch: Anreize seien ihm lieber als durchsetzbares Recht. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die 20 meistverkauften E-Autos in der Schweiz 2022
1 / 22
Die 20 meistverkauften E-Autos in der Schweiz 2022
Rang 20: Porsche Taycan (611 Verkäufe).
quelle: shutterstock
Auf Facebook teilenAuf X teilen
«Es wird mir schlecht» – Toggi und Baroni im Polestar-Testdrive
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
36 Wochen Elternzeit: Initiative steht und soll für mehr Kinder sorgen
Eine überparteiliche Allianz hat genügend Unterschriften zusammen, um ihre Familienzeit-Initiative einzureichen. Die Initianten sind überzeugt, dass sich die Investition lohnt. Doch Widerstand gibt's auch von links.
Zuletzt sah es so aus, als könnte es knapp werden: Einen Monat vor Schluss fehlte der Familienzeit-Initiative noch eine beträchtliche Zahl von Unterschriften. Nun aber vermeldet das überparteiliche Komitee einen ersten Erfolg. 136'000 Unterschriften sind zusammengekommen – und auch wenn noch nicht alle geprüft seien, stehe fest, dass das Minimum von 100'000 gültigen Unterschriften erreicht worden sei. Am Mittwoch will das Komitee das Begehren einreichen.
Zur Story