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Precobs Prognose-Software für Einbrüche

Precobs unterteilt das Stadtgebiet in Planquadrate und schlägt bei drohenden Einbrüchen Alarm. bild: ifmpt.de

«Precobs»

Verbrechen erkennen, bevor sie passieren – so funktioniert die Software der Schweizer Polizeien

Ein Computer-Programm ist der Albtraum der Profi-Einbrecher. Die Precobs-Software sagt mit erstaunlicher Genauigkeit voraus, wo und wann die nächsten Straftaten passieren.



Die Stadtzürcher Polizisten haben einen mächtigen und gleichzeitig unscheinbaren Helfer, der lediglich aus Bits und Bytes besteht. Es handelt sich um die Software «Precobs». Sie ist vom Institut für musterbasierte Prognosetechnik (IfmPt) im deutschen Oberhausen entwickelt worden.

So schwerfällig der Name der kleinen Firma klingen mag, so einfach und praktisch ist die Bedienung ihrer Software. Per E-Mail schlägt das Windows-Programm automatisch Alarm, wenn irgendwo in der Stadt neue Einbrüche drohen.

Das habe nichts mit Hellseherei zu tun, sondern sei knallharte Mathematik, sagt der Erfinder, Dr. Thomas Schweer im Interview. Der Precobs-Algorithmus berechnet praktisch in Echtzeit die Wahrscheinlichkeit, mit der an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Uhrzeit eingebrochen wird.

Bei hoher Wahrscheinlichkeit wird das betroffene Gebiet auf der digitalen Stadtkarte rot eingefärbt. In der Regel handelt es sich um sehr kleine Flächen, um eines oder mehrere Planquadrate von 250 mal 250 Metern. Wenn die Wahrscheinlichkeit etwas tiefer ist, werden die Farben Orange und Grün verwendet.

Eindrückliche Zahlen

Precobs Prognose-Software für Einbrüche

Rot bedeutet, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit demnächst wieder eingebrochen wird. Bild: ifmpt.de

Ab Herbst 2013 hat die Stadtpolizei Zürich Precobs getestet. Das Kürzel steht für «Pre Crime Observation System» und ist der Beginn einer Revolution in Sachen Polizeiarbeit. Durch die Auswertung grosser Datenmengen sagt das Programm voraus, wo und wann in Zukunft Straftaten begangen werden. Die Prognosen müssen sich nicht immer bewahrheiten, doch in der Praxis liegt das System oft richtig.

Durch den Einsatz von Precobs soll die Gesamtzahl der Wohnungseinbrüche in Zürich im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent gesunken sein. Nach fünf von sechs Prognosen sollen tatsächlich Straftaten an den jeweiligen Orten passiert sein. In den vom Computer-System überwachten Gebieten – den dicht bevölkerten Zürcher Stadtteilen – sank die Zahl der Einbrüche angeblich sogar um rund 30 Prozent. Gleichzeitig sei die Verhaftungsquote während der regulären Streifendienste verdoppelt worden, hiess es.

Datenpool der Polizei angezapft

Die Software-Entwickler betonen, dass keine personenbezogenen Daten verarbeitet werden. Weder die Standorte von Mobilfunknutzern noch Social Media oder andere Quellen. Vielmehr greift das Programm, das auf Polizei-Computern installiert ist, auf eine Datenbank mit anonymisierten Angaben zu vergangenen Straftaten zu.

Dazu wird der Datenpool der Polizei angezapft. Ausgewertet wird jeder Einbruch, der in den letzten fünf Jahren in einem bestimmten Gebiet verübt wurde, inklusive des Ortes und der genauen Tatzeit sowie dem Modus Operandi, also der Vorgehensweise der Täter. 

Aufgabe der Polizisten ist es, die Ergebnisse richtig zu bewerten.

Wenn ein Polizeibeamter einen neuen Einbruch in das Polizei-interne System eingibt, wird der Vorgang sofort ausgewertet. Der Precobs-Algorithmus prüft, ob die neue Tat einem Muster vergangener Taten entspricht und schlägt gegebenenfalls Alarm.

Wie die Süddeutsche Zeitung zutreffend festhält, sucht die Software nicht nach der Wahrheit, sondern nach Korrelationen: «Wenn auf A und B oft genug C gefolgt ist, geht sie davon aus, dass wahrscheinlich auch beim nächsten mal C folgen wird, wenn A und B zusammen auftreten. Dann schlägt sie Alarm.» Und weiter: «Die Software findet Zusammenhänge zwischen Daten, die dem Menschen verborgen bleiben. Aufgabe der Polizisten ist es, die Ergebnisse richtig zu bewerten.»

Precobs Prognose-Software für Einbrüche

Die Verbrechens-Prognosen sollen auch auf dem Smartphone verfügbar sein. Bild: ifmpt.de

Auch Einbrecher sind «Gewohnheitstiere» 

Die Precobs-Software basiert auf der wissenschaftlichen Theorie der Near Repeats. In Studien hat sich gezeigt, dass auf begangene Straftaten weitere Straftaten am gleichen Ort folgen. Es mag für den Laien erstaunlich klingen: Einbrecher kehren häufig innert weniger Tage in ein Gebäude oder ein Quartier zurück. Offenbar brechen Täter gerne eine Woche später zur gleichen Zeit erneut ein. Solche Erkenntnisse gelten zwar nicht für impulsiv verübte Beziehungsdelikte, sie machen aber professionelle Einbrüche berechenbar.

Precobs funktioniert anscheinend so gut, dass sich die Stadtpolizei Zürich dieses Jahr für den Kauf, respektive die Lizenzierung, der Software entschieden hat. Die Kosten wollte die Stadtpolizei auf Anfrage von watson nicht verraten. Wenn man von Medienberichten über das Precobs-Pilotprojekt der bayerischen Polizei ausgeht, könnten es rund 120'000 Franken (pro Jahr) sein.

Unter Spardruck

Seit Juni nutzen speziell geschulte Beamte der Stadtpolizei das Programm standardmässig, um Streifenwagen und verdeckte Ermittler noch gezielter auf Patrouillen zu schicken. Gemäss der Precobs-Logik bedeutet dies allerdings auch, dass Gebiete, in denen es keine Einbrüche gab, vernachlässigt werden. Dafür konzentrieren sich die Sicherheitskräfte auf eigentliche Hotspots, wo viel passiert ist.

Natürlich hat sich die Polizei schon vor Precobs damit beschäftigt, wie die zur Verfügung stehenden Beamten möglichst effizient und effektiv eingesetzt werden können. Der von der Politik ausgeübte Spardruck ist gross – gleichzeitig wird nach noch mehr Sicherheit für die Bürgerinnen und Bürger gerufen. Predictive Policing – vorhersagende Polizeiarbeit – ist einer gewissen Logik folgend nicht mehr aufzuhalten. Eine durch Budget-Vorgaben eingeschränkte Polizei wird verstärkt auf Algorithmen setzen, wenn dadurch die Kriminalität sinkt.

Lesen Sie im 3. Teil das Interview mit Thomas Schweer, dem Vater der Precobs-Software.

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